Unser Herz ist in Gaza gefangen

Drei Jahre ist es her. “Schon” möchte man fast sagen. Doch dafür fühlt es sich noch zu frisch an. Und aktuell ohnehin.

Der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 07. Oktober 2023 hat weitaus mehr Elend verursacht, als es auf den ersten Blick scheint. Genauer: Er tut es immer noch. Auf dem Papier ist oft von 1200 Todesopfern und 250 Geiseln die Rede. Doch diese analytischen, gerundeten Zahlen ignorieren das tatsächliche Leid aus der Folge des 07. Oktober:

  • Die Überlebenden des Angriffs werden für den Rest ihres Lebens ein Trauma mit sich tragen.
  • Die Angehörigen der Todesopfer und der Überlebenden werden nie mehr in ihr gewohntes Leben zurückkehren.
  • Jüdische Menschen weltweit fühlen sich nicht mehr sicher, weil sie in den letzten drei Jahren erlebt haben, dass kein Staat dieser Welt die von ihnen dringend benötigte Sicherheit leisten kann – weder Israel selbst, noch in der übrigen Welt, wo Antisemitismus seitdem so stark aufkeimt wie seit dem Holocaust nicht mehr.
  • Gleichzeitig erfahren arabische, insbesondere palästinensische, Menschen in den christlich geprägten Regionen der Welt einmal mehr, welche starken rassistischen Ressentiments nach wie vor bestehen

Doch der 07. Oktober hat im Nahen Osten eine Gewaltspirale ausgelöst, die weit über die Grenzen Israels hinausgeht:

  • Allein im Gazastreifen wird zumindest von mehreren Zehntausenden Kriegsopfern ausgegangen.
  • Seit dem Aufflammen des Konflikts, wurden von Siedlern Dutzende gewaltvolle Überfälle auf palästinensische Menschen im Westjordanland verübt – oft mit Todesfolge.
  • Außerdem strahlt der Konflikt in die benachbarten Länder ab, wo er ebenfalls Opfer fordert.

Drei Jahre nach dem 07. Oktober sind die Brandspuren des Nahostkonflikts deutlicher sichtbar denn je: Neuer Schmerz auf allen Seiten. Neue Traumata, die über Generationen hinweg vererbt werden. Neue Feindseligkeiten, die unüberwindbar erscheinen.

Das kommt naturgemäß die Frage auf, wozu wir all dieses Leid eigentlich in Kauf nehmen.

Vor zwei Jahren erwarb ich aus Solidarität mit den Opfern und Geiseln den Anhänger aus dem Titelbild. Vor etwa einem Jahr verschwand er in einer Schublade. Das hatte zwei Gründe:

  1. Alle Geiseln wurden an Israel überreicht. Also gab es keinen Grund mehr, “Bring them home – now!” zu rufen.
  2. Die aufgeladenen Debatten erhitzten sich so stark, dass ich mich sogar als Nicht-Jude oft eingeschüchtert fühlte.

Dabei ist der wichtigste Aspekt dieses Anhängers relevanter denn je.

Protestschilder
Protestschilder auf dem Habima-Platz am 01.08.2026.

Im Sommer war ich aus familiären Gründen in Tel Aviv. Auch wenn die Proteste aus der medialen Berichterstattung verschwunden sind; sie finden weiterhin statt. Vor Ort wird deutlich: Die Bevölkerung hat es satt mit ihrer Regierung. So liest man auf Protestschildern unter anderem:

Im Iran
Im Libanon
In Gaza
KOMPLETTES
VERSAGEN!

[be-Iran
be-Lebanon
be-Aßa
kischalon
muchlat!]

באיראן
בלבנון
בעזה
כישלון
!מוחלט

In persönlicheren Gesprächen dauert es nicht lang, bis man begreift, wie viele Männer in der Bevölkerung Israels bereits in Gaza Reserve verrichten mussten und müssen – und nach wie vor mit ihren Erlebnissen dort zu kämpfen haben. Auch hier stellt sich die Frage: Wofür nimmt man das in Kauf, wenn sich letztlich nichts ändert und im Gazastreifen weiterhin zwei Millionen Geiseln leben? Viele geben Bibi die Schuld am 07. Oktober und dem daraus folgenden Krieg. Sie sind sich einig: Es müssen sich im Land einige Dinge grundlegend ändern. Insofern blicken gerade viele Menschen hoffnungsvoll auf die Wahlen Ende Oktober.

Zumindest auf kommunaler Ebene wurde in den palästinensischen Gebieten im April gewählt – das erste Mal seit 20 Jahren. Mit 23% Wahlbeteiligung ist die Wahl kaum repräsentativ. Im kriegsgeplagten und zerbombten Gazastreifen war es lediglich in einem Ort möglich, überhaupt zu wählen. Wahrscheinlich dürfte den Menschen dort jedoch das nackte Überleben gerade wichtiger sein als Wahlen.

Auf beiden Seiten ist fraglich, ob wirklich Veränderung kommen wird. Beide Seiten werden von Extremisten regiert und instrumentalisiert. Beide Seiten sind seit Generationen vom Nahostkonflikt traumatisiert. Beide Seiten finden keine Ruhe. Für beide Seiten gilt der hebräische Satz des Anhängers mehr denn je.

Denn auf Hebräisch steht auf dem Anhänger etwas ganz anderes als auf Englisch. Etwas, das ich aus Mitgefühl nach wie vor guten Gewissens rufen kann:

Unser Herz ist in Gaza gefangen.

[ha-lev schelanu
schavui be-aßa]

הלב שלנו
שבוי בעזה

Deshalb gilt mein Gedanken an diesem Tag allen Menschen, die wegen des 07. Oktobers Leid erfahren haben und weiterhin erfahren – unabhängig von ihrem Geburtsort.

Gegen das Vergessen

Den Titel dieses Beitrags hast du wohl schon hunderte Male irgendwo gehört, gelesen oder anderweitig aufgeschnappt – sehr wahrscheinlich im Kontext des Holocaust. Letzte Woche ist mir jedoch bei einem entspannten Mittagspausengespräch ein bei Weitem nicht so entspannender Gedanke gekommen: Wir (Menschen) vergessen ständig das Leid anderer – völlig unbeabsichtigt. Doch was lässt sich dagegen tun? Mit bloßer Dokumentation ist es meiner Meinung nach nicht getan.

Weiterlesen

Und plötzlich stand alles still

Es schien ein Morgen zu sein, wie jeder andere auch. Der Wind wehte Wolken in eiligem Tempo über die Stadt hinweg. Die Menschen waren beschäftigt wie eh und je und gingen ihrer Arbeit nach – bis der Teppich aus Alltagsgeräuschen von einem schrillen Klang unterbrochen wurde: Fliegeralarm.

Weiterlesen