Und plötzlich stand alles still

Es schien ein Morgen zu sein, wie jeder andere auch. Der Wind wehte Wolken in eiligem Tempo über die Stadt hinweg. Die Menschen waren beschäftigt wie eh und je und gingen ihrer Arbeit nach – bis der Teppich aus Alltagsgeräuschen von einem schrillen Klang unterbrochen wurde: Fliegeralarm.

Wie auf Befehl kam alles zum Erliegen: Autos hielten an, die Insassen stiegen aus, Menschen unterbrachen, was auch immer sie gerade taten, alles schwieg, niemand bewegte sich. Nur das Heulen der Sirene breitete sich aus. So stand alles still, bis nach wenigen Minuten der Alarm verstummte und alles seinen gewohnten Gang einlegte.

Ich war darauf zum Glück vorbereitet. Sonst hätte ich wohl wesentlich panischer reagiert. Nein, es war keine Übung. Jedes Jahr am Yom HaShoah (hebräisch für „Tag der Katastrophe“) ertönen um 10:00 für zwei Minuten landesweit Israels Sirenen, um den Opfern des Holocausts zu gedenken.

Gedenken ist ein wichtiges Stichwort in der israelischen Kultur. Auch wenn es aus mitteleuropäischer Sicht eine recht befremdliche Art zu sein scheint, war ich in den vergangenen Wochen wesentlich stärker berührt, als das in Deutschland je bei öffentlichen Gedenkveranstaltungen der Fall gewesen wäre.

Israel, das Judentum und der Holocaust

Der Holocaust spielt für Israel als sekular-jüdischen Staat eine wichtige Geschichte. Böse Zungen behaupten, ohne Holocaust gäbe es Israel, wie es heute existiert, gar nicht. Das sei jetzt mal dahingestellt. Für mich wesentlich signifikanter ist der hohe Anteil an Betroffenen.

Jüdisch zu sein, ist für Israelis nicht bloß Religion – im Gegenteil: Von den zwei Dritteln der israelischen Bevölkerung, die sich als jüdisch bezeichnen, ist ein Großteil gar nicht religiös. Natürlich stellt sich nun die Frage, inwiefern man denn jüdisch, aber  gleichzeitig nicht religiös sein kann.

Lange Zeit war man schlichtweg jüdisch, wenn man einer jüdischen Familie entstammte. Das war damals auch noch recht einfach, weil jüdischer Staat und jüdische Abstammung gleichgesetzt waren. Heute sieht das ganz anders aus: Obwohl sich Israel als Staat für Juden sieht, ist man mit der israelischen Staatsbürgerschaft nicht gleich Jude. In orthodoxen Kreisen gilt nur als jüdisch, wer eine jüdische Mutter hat. In reformierten Kreisen reicht auch ein jüdischer Vater aus. Doch was ist mit Konversion?

Je nach Konfession ist sie möglich, setzt allerdings die Bestätigung eines Rabbinats voraus. Aber auch darüber streiten sich die Konfessionen natürlich. In jedem Fall bekommt man diese nur, wenn man nach die Religion lebt. Abgesehen davon steht Männern damit die Beschneidung bevor, sofern noch nicht geschehen.

Hat man dann aber die Bestätigung eines Rabbiners, jüdisch zu sein, erwirbt man damit auch Anrecht auf israelische Staatsbürgerschaft. Neben ganz viel Bürokratie erwartet Männer wie Frauen dann auch noch ein Wehrdienst. Der ist ein weiterer wichtiger Pfeiler der israelischen Kultur, doch dazu später mehr.

Wer jetzt also wie ich einst mit einer zweiten Staatsbürgerschaft geliebäugelt hat, sei gewarnt: Sie hat viele Schattenseiten und man macht sich im Vergleich einer EU-Bürgerschaft viele Feinde damit.

Doch was ist nun mit all den Säkularen? Im Grunde recht simpel, dann doch wieder nicht: Einst jüdisch, kann man nicht mehr nicht-jüdisch werden. Das war für mich zunächst befremdlich, schließlich suche ich mir meine Religion doch immer noch selbst raus. Letztlich ist es ein wenig wie mit Weihnachten in Deutschland: Auch Atheisten feiern es, obwohl sie ja nicht an den Hintergrund glauben. Ebenso halten es säkulare Juden: Sie feiern die traditionellen Feste, glauben aber nicht daran. Dennoch sehe sich Juden als Volk. Auf diese Weise fühlen sich über 5,3 von 8 Millionen Einwohnern mit dem Holocaust verbunden.

Am Vorabend des Gedenktags fanden deshalb landesweit Veranstaltungen statt. Neben einen großen öffentlichen im Holocaustmuseum Yad Vashem waren das auch viele in kleinerem Kreis, wie die, an der ich mit einer Kommilitonin teilnahm.

So fanden wir uns in einem kleinen Wohnzimmer wieder, wo die 85-jährige Lilly uns ihre Geschichte erzählte. Nachdem mir meine Großeltern schon häufig ihre Geschichte erzählt hatten, war es für mich das erste Mal, die Seite einer Überlebenden aus einem Konzentrationslager zu hören. Freilich kannte ich vorher viele Fakten aus Geschichtsbüchern, Filmen und historischen Führungen. Aber ich war geschockt, denn, obwohl – oder vielleicht gerade weil – Lilly frei und mit Humor ihre Erinnerungen ins Wohnzimmer brachte, gingen sie unglaublich nah. Und sie ließen viele Fragen zurück, für deren Aufarbeitung ich wohl noch Jahre benötigen werde.

Freud und Leid

In der Folgewoche standen schließlich ein weiterer Gedenktag zu Ehren der gefallenen Soldaten und bei Terroranschlägen umgekommenen Opfern sowie der Unabhängigkeitstag an. Da sich die Feiertage Israels nach dem jüdischen Kalender richten, fallen sie entsprechend im gregorianischen Kalender jedes Jahr auf andere Tage. So fand die Unabhängigkeitserklärung Israels am 14. Mai 1948 statt, der Unabhängigkeitstag fiel heuer aber auf den 23. April. Außerdem beginnt der Tag in arabischen Ländern ja mit Sonnenuntergang am Vortag im gregorianischen Kalender, weshalb die Übergange von einem Tag zum nächsten manchmal ein wenig verwirrend sind. Das hat sich besonders an diesen beiden Feiertagen bemerkbar gemacht.

Ich hatte bereits die Bedeutung des Wehrdienstes innerhalb der Kultur Israels angedeutet. Ein paar Fakten: Jede israelische Frau leistet im Normalfall im Alter von 18 Jahren zwei Jahre Wehrdienst, bei Männern sind es sogar drei Jahre. Außerdem können sie danach bis zu einem Alter von 40 Jahren jederzeit einberufen werden. Dies geschieht auch in aller Regelmäßigkeit – ohne Rücksicht auf Studium, Ausbildung oder Beruf. Ich mache mir nichts vor: In Israel zur Armee zu gehen, beinhaltet nach wie vor das Risiko an die Front zu geraten.

Dennoch erscheinen mir die Erlebnisberichte von echten Einsätzen schockierend und befremdlich zugleich. Ja, ich war auch ein Jahr in der Bundeswehr. Aber es sind für mich eben alles nur Übungen gewesen. „Das liegt daran, dass ihr keine echten Feinde habt.“, sagt mir Sagi, 22 Jahre alt und selbst als Taucher eingesetzt.

Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass jede Familie Angehörige oder Freunde zu beklagen hat, die im entweder im Einsatz oder bei Terroranschlägen ums Leben kamen. Folglich wird für den Memorial Day Staatstrauer angesetzt. Neben zwei weiteren landesweiten Sirenen, einer am Abend und einer am Morgen, werden die Gräber der Verstorbenen besucht. Den ganzen Tag über finden  Zeremonien statt. Viele Politiker und ranghohe Militärs halten Reden, die das Tagesprogramm im Fernsehen füllen. Noch mehr Fragen tun sich mir auf und Betrübtheit füllt mich aus.

Die verfliegt am Vorabend des Unabhängigkeitstags bei allen Israelis: Die Staatstrauer wechselt direkt zu ausgelassener Freude. Bereits seit Wochen habe ich zunehmend mehr israelische Flaggen in den Straßen gesehen. Alle Autos schmückten sich mit denen, die man in Deutschland höchstens zu internationalen Fußballmeisterschaften zu sehen bekommt, nur noch in verschiedenen Größen bis zu XXL. Das krasseste Beispiel war ein umgebauter Trabi, den ich in Eilat sichtete: Auf dem Dach befand sich ein Miniaturgarten mit Nachbildung des einstigen Jerusalemer Tempels.

In Läden konnte man alles in den Landesfarben blau-weiß kaufen: Aufblasbare Hämmer, Leuchten, Schminksets, Hüte, … Die kamen schließlich an jenem Abend zum Einsatz, wenn sich Jugendliche volltrunken mit den Hämmern verdroschen und landesweit bei Feuerwerken durchgefeiert wurde. Nicht ganz mein Geschmack, weshalb ich auch gar nicht allzu betrübt war, krankheitsbedingt nicht teilnehmen zu können.

Als Deutscher fühle ich mich, was die nationale Identität angeht, ohnehin etwas gehemmt. Aber auch so hat das Fest einen fahlen Beigeschmack so kurz nach dem Gedenken für mich. Dennoch kann ich die israelische Sicht darauf nachvollziehen: Zuerst gedenkt man den Gefallenen, dann feiert man die Unabhängigkeit, für die sie gestorben sind. Der Unabhängigkeitstag ist aber nicht für alle Staatsbürger Israels ein Feiertag: Unter Arabern wird er Tag der Katastrophe genannt. (Kennen wir das nicht irgendwoher?) Und auch das kann ich nachvollziehen.

Nachdem ich mich also in den letzten Wochen so intensiv mit der israelischen Kultur, ihrer Geschichte und in Verbindung damit auch der Geschichte meines Heimatlandes auseinandergesetzt habe, frage ich mich:

Wie gedenkt man richtig? – Ich persönliche glaube nicht, dass es da ein Richtig und Falsch gibt, empfinde die israelische Art aber als wesentlich wirkungsvoller bei mir.

Wie geht man verantwortungsbewusst mit seiner Herkunft um? – Als Deutscher fühle ich mich da in jeglicher Hinsicht vorbelastet: Geschichte dürfte wohl klar sein. Von den Möglichkeiten, die ich habe, bin ich aufgrund meiner Herkunft aber auch äußerst privilegiert. Gerade deshalb möchte ich aber nicht auch noch überlegen wirken, wenn ich beispielsweise Missstände wie Diskriminierung aufgrund meiner erhöhten Sensibilität dafür anderswo anspreche. Das passiert mir in Israel oft.

Wie schaffen wir es,  eines Tages vielleicht doch aus unseren Fehlern zu lernen? – Gedenken halte ich für schön und gut und äußerst wichtig. Dennoch habe zu häufig das Gefühl, als würden wir uns menschheitsgeschichtlich ständig im Kreis drehen. Dabei könnten wir gegenseitig so viel von einander und unseren Fehlern lernen. Aber auch das sagt sich als Mitteleuropäer so leicht. Viele Probleme sind eben nicht schwarz/weiß und auch hier liegt wieder das Dilemma des erhobenen Zeigefingers vor. Aber ist es nicht auch manchmal ganz einfach?

Wenn ich Antworten darauf weiß, melde ich mich eventuell noch mal zu Wort. Bis dahin würde ich mich über eure Gedanken dazu freuen!

 

Alles Liebe,

Euer Philipp

2 Kommentare

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  1. Wow, ein beeindruckender Bericht, den du hier ablieferst. Pur, ehrlich und im richtigen Maß diplomatisch. Die Fragen, die du am Ende stellst, beschäftigen auch mich momentan sehr. Ich lebe seit 9 Monaten in Russland als Austauschschüler und die Feierlichkeiten anlässlich des Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg haben mich sehr aufgewühlt. So wie die israelische Geschichte eng mit der deutschen verknüpft ist, ist es auch die russische und obwohl ich drei Generationen nach Ende des Krieges geboren wurde, belastet mich doch auch immer noch eine Schuld, von der ich mich gerne lossagen würde, was aber gar nicht so leicht gelingt…
    Zusätzlich zu dem beklemmenden Gefühl, dass das Kriegsgedenken in mir hervorruft, war für mich die Art, wie die russische Gesellschaft den Tag des Sieges begeht, sehr befremdlich und ich kann auch nicht sagen, dass es mir gefallen hätte. Aber du hast natürlich recht, es gibt in dieser Hinsicht kein richtig und kein falsch. Die Erfahrung empfinde ich so oder so als berreichernd.
    Liebe Grüße :)

    • Hallo Franzi,

      vielen Dank für deine Worte! Beim Lesen deines Berichts zum 09. Mai ist mir wieder einmal mehr bewusst geworden, wie viel es noch zu lernen und zu entdecken gilt. Von russischer Kultur habe ich – wie von vielen anderen auch – nicht den Hauch einer wirklichen Ahnung.

      Dass man als Deutscher trotz vorbelasteter Vergangenheit sehr willkommen empfangen wird, habe ich auch in Israel erfahren. Selbst Überlebende des Krieges sind häufig mehr als froh über das Interesse unserer Generation. Mit Gleichaltrigen habe ich sowohl angenehme als auch unangenehme Erfahrungen gemacht. Letztere mögen sich schlimmer anhören als sie sind: Wenn jemand einen Witz erzählt, der mit Holocaust und dem zweiten Weltkrieg zusammenhängt, bleibt mir das Lachen der Geschichte wegen im Halse stecken. Israelis lachen dann auch gern über meine Reaktion.

      Aber ich kann von den Assoziationen auch nicht einfach loslassen, auch wenn die Jugend hierzulande noch so locker damit umgeht. Das durfte ich erst am vergangenen Wochenende wieder erfahren. Aber das sprengt jetzt den Rahmen. :)

      Alles Liebe,
      Philipp

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