Der einzig wahre Feiertag

Über Feiertage habe ich mich hier ja bereits zur Genüge ausgelassen. Dabei gibt es genau genommen einen, gegen den ich nichts habe. Fast nichts.

Es ist ein Feiertag ohne religiösen oder parteipolitischen Hintergrund, an dem alle Menschen teilnehmen dürfen – unabhängig von ihrem Aussehen, woran sie glauben, woher sie kommen, wie sie ticken oder lieben. Leider darf er noch nicht überall auf der Welt gefeiert werden.

Die Rede ist vom CSD alias Pride! Gestern war er unter anderem in Frankfurt und ich mit von der Partie. Jedes Jahr tourt er durch Welt und setzt sich für Gleichberechtigung ein. Die Stimmung war grandios! Ich bin äußerst gut drauf, wenn so viele Menschen die Liebe zelebrieren!

Und ich bin auch ein wenig stutzig geworden, denn auf je mehr verschiedenen Paraden ich war, desto stärker stechen regionale Unterschiede heraus. Und gestern habe ich eine Gruppe der Queer Community vermisst: Die Asexuellen.

Ich frage mich wieso, immerhin habe ich sie anderenorts bei jeder Aufzählung queerer Richtungen vernommen. Und gestern kein einziges Wort.

Meiner Meinung liegen dem drei Grundprobleme zu Grunde.

1. Engagement für Minderheiten

Äußerst selten setzt sich jemand für die Interessen einer Minderheit innerhalb einer Gesellschaft ein, ohne selbst dieser Minderheit anzugehören. Sollte es in Frankfurt und Umgebung also tatsächlich keine bekennenden Asexuellen geben? (So, wie es in manchen, besonders kleinen Ortschaften auf der Welt auch ausschließlich Heteros geben soll?) Wohl kaum.

2. Systemdenken

Menschen denken gern in Systemen. Am liebsten binär. Ein Mensch ist entweder lebendig oder tot. Weiblich oder männlich. Hetero- oder homosexuell. Doch was ist mit Menschen, deren Gehirn zwar noch funktioniert, deren Körper aber keine Regung mehr tut? Was ist mit androgynen Menschen? (Falls du mit dem Begriff nichts anfangen kannst, wird dir hier geholfen. Den deutschsprachigen Artikel wollte ich nicht verlinken, weil er nicht tief genug geht, dafür aber den Querverweis zu Technik legt… Typisch Klischee, typisch deutsch?) Wie sieht es mit A-, Bi- und Pansexuellen aus? Oder mit Menschen, die sich keiner dieser Gruppen zuordnen wollen? Es gibt so viele Zwischenstufen. Wie wir wissen, ist alles im Fluss. Trotzdem wollen wir Menschen alles ständig irgendwohin zuorden! Das macht mich ganz wahnsinnig! Und weil ich von dieser Diskretisierung nichts halte, schlage ich vor, dass die Regenbogenflagge näher an ihr analoges Original angepasst wird.

3. O, du bequemer Konservativismus

Auch in kulturell, politisch und sexuell offeneren Kreisen gibt es Ignoranz und Konservativismus. Nicht alle sprechen sich für freie Liebe aus, sondern verfechten monogame, duale, geschlossene Partnerschaften. Niemand ist vor Vorurteilen gefeit. Auch in der queeren Community haben so manche ihre Probleme mit Flüchtlingen. (Warum verwenden wir für ebendiese eigentlich den Diminutiv anstelle des Wortes Flüchter?) Und so passiert es schon mal, dass eine stille Minderheit wie die Asexuellen vergessen werden.

Letztlich kann ich verstehen, dass es Menschen gibt, die Kategorien benötigen, um sich ihrer selbst klarer bewusst zu werden. Ich persönlich weiß schon seit frühester Kindheit, dass ich nicht der Heteronorm angehöre.

Mir sind Kategorien egal. Ich liebe Menschen.

In Liebe,

euer Philipp

4 Kommentare

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  1. Ich kann deine Einschätzung nur unterschreiben, Philipp. Viele Dinge, und dazu gehört mit Sicherheit die menschliche Sexualität, sind nicht bimodal sondern graduell verteilt zwischen verschiedenen Extremen. Trotzdem sind Kategorien nicht nur schlecht! Wr brauchen auch Kategorien um Dinge zu vereinfachen und damit alltagstauglich zu machen. Schon das Wort LGBT community (was du hier zwar nicht benutzt, aber es ist im Umlauf) versucht eine ganze Menge verschiedener Lebensweisen in einem Paket mit dem Label „irgendwie anders“ zusammen zu fassen. Und da sind die von dir angesprochenen Asexuellen nch gar nicht dabei! (Wollen die da überhaupt rein?) Wie auch immer, Kategorien sind ganz gut um Gemeinsamkeiten zu betonen, statt Unterschiede. Die LGBT community hat vielleicht viele Dinge auf ihrer Agenda fuer die sich ein gemeinsamer Kampf eher lohnt als wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht.

    • Hallo Micha,

      das ist ein guter Punkt! Natürlich kann man nicht für alle sprechen, wenn es darum geht, ob man als gefühlte Gruppe irgendwo dazugehören möchte oder nicht. Dass es zum Vorteil wäre glaube ich auch bei Asexuellen. Viele Menschen wissen ja noch nicht einmal, dass es so etwas wie Asexualität gibt.

      Wenn man es unter einem Begriff fassen möchte, finde ich ehrlich gesagt queer passender. Der Begriff hat zwar eine negative Konnotation von seiner ursprünglichen Bedeutung, schließt dafür aber niemanden abseits der Heteronorm aus.

      Lieber Gruß,
      Philipp

  2. Hallo Philipp,

    mir gefällt dir Bezeichnung „queer“ mittlerweile auch am besten. Weil sie als Sammelbecken für alles, was nicht ausschließlich hetero dient, aber man nicht verpflichtet wird, sich konkret festzulegen. Ich selbst habe mich sehr kurz als hetero, lange Zeit als bi und dann ebenso lang als lesbisch definiert. Bis ich mich wieder in einen Mann verliebte. Inzwischen habe ich verstanden, dass ich in keine der Schubladen passe und dass mich eine Zuordnung nur unter Druck setzt. Seitdem lebe ich stressfrei queer ;)

    Liebe Grüße
    Nele

    • Hallo Nele,

      vielen Dank für deinen Kommentar!

      Es ist schon wundersam und etwas paradox, dass wir, obwohl wir uns in keine Schublade pressen wollen, am Ende mit queer doch eine, wenngleich auch sehr geräumige, gefunden haben, oder? Letztlich aber auch egal. Hauptsache, wir sind glücklich ;)

      Alles Liebe,
      Philipp

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