In letzter Konsequenz

“Das wird Konsequenzen haben!” Kommt dir bekannt vor?  Denken wir das doch mal zu Ende. Wortwörtlich.

Ob vom Nachbarn geschrien, dem gerade ein Fußball auf die Windschutzscheibe des Autos fiel, von einer Museumsangestellten mit fassungslosem Gesichtsausdruck herausgepresst, nachdem sich zwei experimental-wissenschaftlich veranlagte Schüler vergewissern wollten, ob die Plexiglasplatte über einer in den Boden eingelassenen, antiken Grabplatte stabil genug ist, indem sie mit graduell steigender Intensität drauf herumhüpfen, oder von der genervten Lehrerin, die am letzten Schultag des Abi-Jahrgangs statt Lippenstift ins Gesicht Mehl ins Haar bekommen hat, weil das dem Thema “Steinzeitmenschen” zumindest in optischer Hinsicht authentischer wirkt: Jeder hat diesen Satz schon gehört. Nur, so scheint es mir, hat ihn noch niemand wirklich bis zur letzten Instanz weitergedacht. Deshalb mache ich das jetzt einfach mal.

Es folgt, was folgt

Nach mehreren traumatischen Erlebnissen dieses Satzes, wurde unser Gehirn darauf gedrillt, stets Situationen auf mögliche Folgen zu untersuchen. Was passiert, wenn ich meine Steuern nicht zahle? Kurzfristige Folge: Ich habe mehr Geld. Langfristige Folge: Ich bekomme wegen Steuerhinterziehung eine Geld- und Haftstrafe, und werde Schwierigkeiten haben, gut bezahlte Arbeit zu finden, … Lohnt sich also nicht. Dann bezahle ich lieber Steuern. Moral: Es ist gut, Steuern zu bezahlen.

So baut sich über die Jahre ein System an ineinandergreifenden Glaubenssätzen ins unserem Kopf auf, nach denen wir unsere Entscheidungen ausrichten. Einige davon haben sich gesellschaftlich etabliert: Wer gute Noten in der Grundschule bekommt, darf aufs Gymnasium. Wer einen guten Abi-Durchschnitt erreicht, darf das eigene Wunschfach studieren. Wer die Uni mit Auszeichnung abschließt, hat Aussichten auf gut bezahlte Arbeit. Wer gut bezahlt wird, hat ein gutes Leben und bekommt im Alter auch mal gute Rente. Folge: Wer keine guten Noten in Grundschule bekommt, darf nicht aufs Gymnasium, darf nicht das Wunschfach studieren, hat keine Chance auf gut bezahlte Arbeit, von lebensfähiger Rente ganz zu schweigen.

Damit wir es auch wirklich von klein auf begreifen, wird es auch hübsch in Fabeln verpackt, etwa in Die Ameise und die Heuschrecke wird nichts anderes thematisiert: Wer fleißig arbeitet, hat ein sorgenloses Leben.

Das ist eine Konsequenz. Aber nicht die einzige mögliche. Denn vielleicht leidet die Ameise auch unter der ständigen Arbeit und darunter, dass sie im Winter kein Sonnenlicht abbekommt, unterdrückt aber ihr Unbehagen? Geht es dann der Heuschrecke so viel schlechter? Immerhin hatte sie den Sommer über Spaß. Die Ameise hingegen ist im Sommer nur arbeiten und im Winter kommt sie auch nicht raus, lebt dafür aber länger als die Heuschrecke. Andere Konsequenz: Ein langes Leben resultiert nicht notwendigerweise in einem glücklichen oder erfüllten Leben.

Und wenn nichts folgt?

Nun könnte man meinen, alles hätte Konsequenzen. Doch selbst das ist nicht gegeben. Hat es wirkliche Konsequenzen, wenn ich den Briefkasten nur alle zwei Tage kontrolliere? Nicht jeden Tag Staub wische? Oder zu Hause einfach mal nicht erreichbar bin? (Außer mehr Zeit für mich?)

Was passiert, wenn ich all die für später gespeicherten Artikel doch nicht mehr lese? Was, wenn ich es doch nicht schaffe, meine Filme-die-ich-unbedingt-sehen-muss-Liste abzuarbeiten? Ist mein Leben wirklich ein schlechteres, weil ich nicht alle Länder auf meiner Wunschliste bereist habe? Oder mein Blog ein schlechterer, weil ich einen Artikel nicht am angekündigten Termin fertig bekommen habe?

Werde ich mich am Ende meines Lebens überhaupt noch an all diese “verpassten” Chancen und Momente erinnern? Oder ist da eine Fülle an Momenten, die ich genossen habe, anstatt von einem zum nächsten zu hetzen? Braucht es überhaupt ein langes Leben, um ein erfülltes Leben gehabt zu haben?

Interessiert es nach meinem Leben überhaupt noch wen, wie viel ich an meinen Projekten gearbeitet habe? Oder geraten sie in Vergessenheit? Interessiert mich überhaupt, was andere von mir und meiner Arbeit nach meinem Leben denken? Falls ja, wozu? Falls nein, wieso interessiert es mich dann jetzt? Und weshalb verwende ich so viel Zeit meines Lebens darauf, mich stets von meiner besten Seite zu zeigen, anstatt einfach dazu zu stehen, wie ich mich in diesem und jenem Moment fühle, indem ich mich meinen Mitmenschen öffne?

Und wo wir schon vom Ende meines Lebens und danach reden… Hat nicht alles ein Ende? Werden nicht auch meine Werke (oder die Datenträger, auf denen sie gespeichert sind) eines Tages zu Staub zerfallen?

Mit Sicherheit werden sie das. Und es wird ebenso alles andere betreffen, was von Menschenhand aufgebaut wird. Es gibt sogar eine Theorie, die besagt, dass sich das gesamte Universum in ferner Zukunft wieder zusammenziehen wird, bis es schließlich verschwunden ist. Die Natur führt uns vor, dass alles nur von begrenzter Dauer existiert – warum sollte das bei ihr anders also anders sein?

Oft denken wir über Konsequenzen nach, planen unsere Zukunft und versuchen, alle Variablen vorherzubestimmen, um möglichst für alle Fälle gewappnet zu sein. Wir wollen Großes leisten, Anerkennung, Belastbarkeit und Ehrgeiz zeigen. Doch wozu die ganze Chose?

Alles für die Katz?

Könnte man meinen, denn das Ende des Universums halten wir sicher nicht auf. Aber wenn wir schon von Katzen reden: Die haben den Dreh ziemlich gut raus, finde ich.

Katzen legen sich ihre Tage nie zu voll. Sie kümmern sich um das Wesentliche: Essen, Selbstpflege, Welt erkunden, Schlafen. Und sie scheren sich einen Dreck darum, was andere von ihnen denken.

Ich nehme mir das zwar immer vor, bei der Umsetzung es fehlt mir aber schließlich an der nötigen Konsequenz.

Und bei dir?

Alles Liebe,

Philipp

4 Kommentare

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  1. Daniel Gburek

    05/02/2018 — 11:24

    “… ob die Plexiglasplatte über einer in den Boden eingelassenen, antiken Grabplatte stabil genug ist, indem sie mit graduell steigender Intensität drauf herumhüpfen …” – als ich angefangen habe, den Artikel zu lesen, habe ich daran gedacht – zwei Zeilen spaeter tatsaechlich gelesen :-) :-) :-) … sehr gut. Das hat ja am Ende auch keine Konsequenzen gehabt, oder?

    • Nicht, dass ich wüsste. :)

      Plexiglassplatte ohne Kratzer, antike Grabplatte unversehrt und die beiden Schüler sollen sich auch hervorragend gemacht haben – habe ich zumindest gehört.

      Lieber Gruß,
      Philipp

  2. Hallo Philipp!

    Seitdem ich das Buch “Die Entscheidung liegt bei Dir” gelesen habe, ist mein Zugang zum Thema Konsequenzen ein anderer.

    Alles im Leben hat seinen Preis. Es ist stets die Frage, ob man bereit ist, diesen zu bezahlen. Bei allem ist es so. Egal wie wichtig oder wie unwichtig es ist.

    Ich kann mich dafür entscheiden, jeden Tag Schokolade zu essen. Es hat halt seinen Preis – der Speck auf meinen Hüften und vermutlich Diabetes mit der Zeit.

    Auch die Sache mit dem Stress, ich kann es zulassen, mich vom Leben stressen zu lassen. Vermutlich werde ich dadurch nicht mehr in mein Leben hinein packen können, denn es wird vermutlich kürzer sein als es möglich wäre.

    lg
    Maria

    • Hallo Maria,

      deinen Zugang finde ich nicht weniger spannend. Vielen Dank für den Einblick!

      Gerade wegen der befürchteten Konsequenzen mache ich mir oft Stress. Deshalb war es mir wichtig, mir mal vor Augen zu führen, dass Nichtstun eben nicht zwingend welche haben muss. Insofern machen wir oft nichts verkehrt, wenn Dinge einfach mal nicht tun, denke ich mir.

      Lieber Gruß,
      Philipp

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