Die Nacht gestaltete sich seltsam. Einerseits war mein Körper derart erschöpft, dass ich binnen kürzester Zeit einschlief. Andererseits wachte ich gen Morgen zunehmend häufiger auf. Als er schließlich anbrach, entschied ich mich dazu, mich nicht länger Träumen von Wärme und Sonnenschein hinzugeben, sondern der Realität zu stellen. Die beiden hätten verschiedener nicht sein können. Als ich das Zelt öffnete, geriet ich wortwörtlich direkt in Schockstarre.

Wie auch nicht?! Draußen war die ganze Wiese, so weit ich sehen konnte, von Reif bedeckt. Weit reichte mein Blick jedoch nicht, denn zehn Meter um mich herum hüllte der Nebel alles in seichtes Weiß. Ungläubig prüfte ich die Temperatur am Handy (0°C), doch da ich an diesem Tag etwas weiter kommen wollte als am Vortag, stellte es keine Option dar, sich noch einmal im Schlafsack rumzudrehen.

Dass ich am Vortag nur etwas mehr als 18km geschafft hatte, brachte meine Reiseplanung bereits zu Beginn gehörig ins Straucheln. Geplant hatte ich etwa 30km pro Tag, um binnen sieben Tagen nach Dresden zu gelangen. Zugegeben: Ein paar Kilometer hatte ich auch gut gemacht, da ich nicht am ursprünglich geplanten Startpunkt ablegte und es war der erste Tag, an dem es freilich nicht so reibungslos verläuft. Doch wenn es so weiter ginge, würde mir auch der eingeplante achte Tag als Puffer nicht genügen.

Also hielt ich mich ran und packte alles zusammen. Doch vorher stand noch das Frühstück auf dem Tagesprogramm. Auf einem Damm zwischen Wehr und Schleuse gibt es zwar kein Frühstück aufs Zimmer, aber ich hatte zum Glück vorgesorgt, bereitete mir ohne viel Aufwand Haferbrei und aß die letzten Reste des Brotes, welches ich mitgenommen hatte. Auch das Wetter klarte auf, sodass ich das erste Mahl des Tages an frischer Luft bei aufgehender Sonne genießen konnte. Währenddessen genoss ich den Ausblick auf die drei Schiffe, die in der Zeit geschleust wurden. Auch hier hielt mein Bootswagen wieder als Sitzgelegenheit her.

Foto Morgengrauen in Dolany
Morgengrauen in Dolany

Dann galt es noch mein Zelt abzubauen, halbwegs zu trocken und alles fertig zu verpacken, was mich etwa eine Stunde kostete. All mein Gepäck musste schließlich auch wieder ins Kajak. Sowohl das Verstauen als auch das Ablegen dauerten mit einer weiteren Stunde leider wesentlich länger als erwartet, sodass ich nicht so früh loskam, wie ich ursprünglich vorhatte. Noch eine solch kurze Strecke wie am Vortag konnte ich mir kaum erlauben. Trotz meiner Streckenverluste vom ersten Tag wollte ich Melnik und somit den Zusammenfluss von Moldau und Elbe erreichen.

Nach etwa einer Stunde erreichte Kralupy, wo ich ursprünglich hatte übernachten wollen. Gut, dass ich mich kurz vor der Dämmerung nicht dazu entschieden hatte! Die Risiken beim Paddeln im Dunkeln sind nicht zu unterschätzen. Außerdem hatte ich nicht daran gedacht, eine Stirnlampe mitzunehmen, weshalb ich rein rechtlich auch gar nicht hätte im Dunkeln paddeln dürfen. Ehrlich gesagt brauchte es für mich aber auch kein Gesetz, um es zu unterlassen; meine Vernunft genügte mir.

Sagenswert war über die Reise hinweg übrigens die Dichte der Schlösser und Burgen, die ich an den Ufern von Moldau und Elbe gesehen habe. Als Burgliebhaber kam ich in dieser Hinsicht voll und ganz auf meine Kosten.

Foto Wehrbrücke Miřejovice
Wehrbrücke Miřejovice

Wenig später sah ich bereits die markanten Türme der Wehrbrücke in Miřejovice. Rechterhand befindet sich im Unterwasser des Wehrs eine Slalomstrecke, wo ich den bestmöglichen Ausstieg vermutete. Tatsächlich wurde die Slalomstrecke an diesem Sonntag auch rege genutzt, denn es fand ein Wettkampf statt. Die Teilnehmenden erwiesen sich als freundlich und hilfsbereit, wenn es um Auskünfte ging. Ein wenig beneidete ich sie um die Wendigkeit und Leichtigkeit ihrer Kajaks. Sogar nach hinten legen konnten sie sich, was ich mir ob der langen Stunden in gleicher Sitzposition oft herbeisehnte. Wendige Boote waren natürlich nötig um im Slalom mit seinen künstlichen Wellen zu bestehen. Mit meinem Kajak wäre ich wahrscheinlich schlichtweg gekentert. Aber da ich ohnehin nicht in den Wettkampf platzen wollte, geriet ich auch gar nicht in Versuchung, es zu probieren..

Der Ausstieg am rechten Ufer gestaltete sich allein etwas wuchtiger als erwartet, denn mein Kajak mit allem Zubehör und Gepäck war nun mal nicht so leicht und handlich wie Wettkampkajaks für Slalom. Dafür sind längere Kajaks spurtreuer und auf langen Strecken geeigneter. Doch das hilf mir in dieser Situation nicht. Im Laufe der Reise sollte ich noch genügend Gelegenheit bekommen, das Umsetzen zu üben. Hier gestaltete es sich noch etwas dilettantisch.

Foto Slalomparkour
Rechterhand der Moldau befindet an sich der Wehrbrücke Miřejovice ein Slalomparkour.

Direkt am Wehr gelegen befand sich ebenfalls eine Gaststätte, welche ich direkt zum Mittag nutzte. Mir fiel dann leider auf, dass ich noch gar kein Bargeld abgehoben und lediglich 100 Tschechische Kronen von meiner letzten Reise, also etwa vier Euro, übrig hatte. So sehr ich mich während der Pandemie daran gewöhnt hatte, ohne Bargeld auszukommen, war ich auch überrascht, dass hier keine Kartenzahlung möglich war. Die Wirtin erwies sich jedoch als sehr freundlich und gab mir eine Pizza zum Sonderpreis. Das Kajak parkte ich währenddessen im Biergarten in Sichtweite.

Nach erfolgter Stärkung musste ich eine Einsatzstelle finden, um endlich wieder Meter zu machen. Direkt an der Slalomstrecke war es mir aufgrund der Wettkampfveranstaltung leider nicht möglich. Also suchte ich nach der nächstbesten Stelle. Mit dem Kartenprogramm auf meinem Handy bekam ich eine Idee von der Umgebung. Zunächst befürchtete ich, mein Kajak einige Kilometer weit ziehen zu müssen, weil die Zugänge zur Moldau mit Privatgrundstücken zugepflastert waren. Doch dann entdeckte ich wenige hundert Meter nach der Autobrücke einen Campingplatz für Autoreisende. Mein Verdacht, dass es dort einen Zugang zum Fluss geben musste, erhärtete sich und so konnte es im Nu weitergehen.

Die nächste Pause legte ich an der Abzweigung des Moldau-Elbe-Kanals in Vraňany ein. Auch hier zwang mich das Wehr ohnehin, das Wasser zu verlassen um umzusetzen (Kanaleinfahrt links vom Wehr, dann am Ende der Wehrmauer am rechten Ufer übersetzen). Also nutzte ich die Chance zur kleinen Mahlzeit lieber, anstatt später erneut anzuhalten. Außerdem buchte ich meine Unterkunft, denn ich war mir nunmehr sicher, dass ich es bis Melnik schaffen würde. Eine Dusche hatte ich auch dringend nötig… Tatsächlich wurde ich auch direkt fündig und machte ein gut bewertetes, zentral, aber unweit des Flusses gelegenes Hotel mit Frühstück aus.

Foto Verbindungskanal Moldau-Elbe
Verbindungskanal Moldau-Elbe – Den ließ ich wortwörtlich links liegen.

Für die Weiterfahrt hatte ich im Grunde die Wahl zwischen Kanal (schnelle, da direkte Verbindung) und natürlichem Lauf der Moldau. Da ich zuvor jedoch bereits einige Streckenbeschreibungen gelesen hatte, sprachen für mich vier Gründe gegen den Kanal trotz der kürzeren Strecke:

  1. Gerade Strecken erweisen sich immer wieder als äußerst langweilig und monoton.
  2. Im Kanal soll quasi keine Strömung existieren, was das Paddeln sehr erschwert.
  3. Das Wasser unter dem Boot ist pechschwarz, obwohl das Paddel indiziert, dass es ebenfalls sehr klar ist. Der Kanal ist also sehr tief, was zuweilen beklemmend wirken soll.
  4. Am Ende des Kanals gab es nochmals eine Schleuse!

Leichte Entscheidung also für den natürlichen Verlauf! Dieser wartete auch direkt mit Stromschnellen kurz hinter dem Wehr auf. Kurze Zeit später bereute ich meine Entscheidung hingegen wieder fast: Kurz nach dem kleinen Örtchen Lužec nad Vltavou fand ich eine temporäre Brücke vor. Darunter durchzufahren war nicht möglich. Also blieb mir auch hier wieder nur eine Option: Umsetzen.

Baustelle mitten an der Moldau
Baustelle mitten an der Moldau

Insgesamt war das gesamte Gebiet komplett von Baufahrzeugen zerhackt, was nicht nur die Landschaft entstellte, sondern auch das Umsetzen erschwerte. Der Ausstieg gelang mir noch vergleichsweise leicht, doch durch den schlammigen, äußert unebenen Untergrund gestaltete sich der Transport meines Kajaks schwierig. Außerdem musste ich zunächst überhaupt eine geeignete Stelle zum Einsetzen finden und wollte die hiesige Fauna nicht stören. Was genau dort gebaut wurde, hat sich mir bis heute nicht erschlossen, doch was habe ich geflucht!

Foto Zauberhafter Auenwald
Zauberhafter Auenwald

Besänftigt wurde mein Gemüt wieder durch die darauffolgenden wundervollen Auenwälder, die die Moldau fortan bis nach Melnik säumten. Die Sonne stand bereits niedrig und tauchte die Umgebung in zauberhaftes, goldenes Licht. Hier und da begleiteten mich wieder Graureiher und Kormorane. Und ehe ich mich versah, thronte auch schon Melniks Schloss über Weinhängen vor mir. Was für ein Anblick! Kitschig? Ja, auch. Hielt mich das davon ab, ein Foto zu machen? Natürlich nicht!

Foto Melnik
Melnik

Praktischerweise fand sich auch direkt eine Anlegestelle mit Rampe, von der aus ich sowohl mich selbst auch das Kajak vergleichsweise unbeschwert aus dem Wasser heben konnte. Kurz überlegte ich, ob ich mein Kajak hier nicht einfach vertäuen könnte, doch da ich keinerlei Möglichkeit zur Sicherung dabei hatte und ein Kajak aus Luftkammern bestehend ohnehin ein recht fragiles Ziel für Vandalismus darstellt, sah ich davon ab. (Abgesehen davon wusste ich auch nicht, ob ich es überhaupt darf!)

Die Konsequenz: Ich musste mein Kajak bis zum Hotel ziehen. Was auf der Karte recht nah aussah, entpuppte sich nämlich als steiler Anstieg. Das ist sozusagen die Kehrseite wunderschöne Weinhänge.

Foto Anlegestelle Melnik
Anlegestelle Melnik

Die Mündung von Moldau in die Elbe befindet sich übrigens weiter flussaufwärts, wird auf dem nachfolgenden Foto nicht abgebildet und befände sich sozusagen links außerhalb des Fotos. Darüber hinaus sollte die Elbe ab der Mündung theoretisch Moldau heißen, da die Moldau an der Stelle über mehr Wasser verfügt als die Elbe. Dann trüge Dresden den Beinamen Moldau-Florenz und die Hamburger Philharmonie würde nicht Elphi, sondern Molphi genannt. Mir persönlich gefällt die musikalische Doppeldeutigkeit von Letzterem besonders!

Meine Gefühle befanden sich im Wechselbad: Einerseits feierte ich die sensationelle Aussicht bei Sonnenuntergang. Andererseits verfluchte ich die Situation, in der ich mich befand. “Leichtes Reisen” sah definitiv anders aus. Aber dieser Ausblick!

Foto Mündung Elbe / Moldau-Elbe-Kanal
Mündung Elbe / Moldau-Elbe-Kanal

Bekanntermaßen macht Not jedoch auch erfinderisch. So verhielt es sich auch hier, denn das Tragen des Kajaks erwies sich als unbequem und ich suchte nach einer bequemeren Möglichkeit. Zuerst drehte ich einfach mein Kajak um, nachdem ich von meinen Erfahrungen des Vortages gelernt hatte. Den Bootswagen hatten ich am Heck des Kajaks festgebunden. Außerdem nutzte ich mein Paddel als Zugstange, damit ich bequemer greifen konnte. Anstrengend war das Ziehen nach dem langen Tag zwar immer noch, jedoch auch wesentlich komfortabler und ich brauchte nicht erst mein gesamtes Gepäck aus dem Kajak herausholen. (Auf dem nachfolgenden Foto habe ich das Ganze noch einmal am Folgetag nachgestellt.)

Foto Kajakziehen für Fortgeschrittene
Kajakziehen für Fortgeschrittene

Beim Hotel angekommen, entdeckte ich eine angrenzende Garage. Freundlicher Weise durfte ich dort mein Kajak unterstellen, sodass es über Nacht nicht ungeschützt draußen liegen beziehungsweise von mir abgebaut werden brauchte. Mein “Hotelzimmer” war im Grunde eher eine Wohnung, was sich im Preis nicht bemerkbar machte. Gleichwohl schätze ich allerdings den Komfort, über viel Platz zu verfügen. Nach der dringend nötigen Dusche ließ ich mir noch ein Lokal mit regionalen Spezialitäten empfehlen und den Abend dort ausklingen.

Hier übersah ich im Menü leider, dass der marinierte Käse in Speck eingerollt wurde. Mittlerweile handhabe ich solche Unfälle als Vegetarier aber recht pragmatisch: Wenn ich es zurückgehen ließe, landete das Essen wahrscheinlich einfach nur in der Tonne. Dann wäre das Tier für umsonst geschlachtet worden, was meines Erachtens einen noch respektloseren Umgang mit dem Tierleben darstellt. Also aß ich auf. Abgesehen davon mundete es hervorragend. Bei wohligen Temperaturen durch den Ofen im Gewölbe führte ich mit vollem Magen bei einem alkoholfreien Bier noch Journal für den Tag, bevor ich mich dem geruhsamen Schlaf im bequemen Bett hingab.

Fortsetzung folgt.

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe Mit dem Kajak von Prag nach Dresden.