Was, wenn alle Nomaden wären?

Vielleicht kennst du solche Fragen: Was, wenn alle … (sich so verhalten würden) ? Meist stellen wir sie selbst, wenn wir mit einer fremden Lebensweise, also einer, die unseren eigenen Prinzipien widerspricht, konfrontiert werden. Dennoch nehme ich mich der Frage heute an. Ja, was wäre denn da?

Das Nomadentum erfreut sich jüngst großer Beliebtheit: Immer mehr Menschen packen ihre Sachen und ziehen los, oder? Dabei ist mehr echt relativ, denn meines Erachtens liegt momentan nur der mediale Fokus darauf, sprich eine Minderheit steht im Mittelpunkt. Das bei Weitem nicht alle gern reisen, zeigen Beiträge wie der von Pia. Abgesehen davon, gibt es eben immer noch eine riesige Menge an Menschen, die vierzehn Tage im Sommer auf Reisen sind und das restliche Jahr über sesshaft bleiben.

Wie du dir vielleicht denken kannst, reise ich selbst unglaublich gern und bezeichne mich als Nomade. Während ich mir manchmal wünsche, alle Menschen würden so denken und handeln wie ich, weil ich mich unverstanden fühle, möchte ich das mal am Beispiel Nomadentum durchgehen.

Reisen im Wandel der Zeiten

Meiner Meinung nach war es schon immer so: Es gibt solche und solche. Auch vor mehreren hundert Jahren gab es Reiselustige und eher Sesshafte. Und wenn ich mich nicht irre, überwiegt der Anteil an Letzteren seit Tausenden von Jahren – seitdem der Mensch sesshaft wurde.

Was sich aber deutlich verändert hat, ist die Art des Reisens. Während man einst wochenlang zu Fuß, Pferd oder Kutsche unterwegs war, um von Wien nach Hamburg zu reisen, kann man heute innerhalb eines Tages ans andere Ende der Welt fliegen. Selbst auf kürzeren Strecken genießen wir den Komfort der Moderne. Und machen wir uns nichts vor: Auf Reisen sind wir längst nicht mehr Risiken ausgesetzt als zu Hause.

Doch sind wir nicht auf der Suche nach ebendiesen Abenteuern – wie früher? Zumindest die Tourismusbranche verspricht uns diese, selbstverständlich mit Komfort. Ein kontrolliertes Abenteuer also.

Der Haken: Das Abenteuer beginnt häufig erst dann, wenn wir Kontrolle aufgeben, uns treiben lassen; wenn wir unsere Gewohnheiten beiseite legen und uns für das Unbekannte öffnen. Darin liegt für mich die Essenz des Reisens, vor Hunderten von Jahren wie heute: Konfrontation mit der Fremde.

Die nächste Stufe

Die wäre dann doch permanentes Reisen, oder?

Für mich persönlich kam permanentes Reisen schnell nicht mehr in Frage, weil ich auf längeren Reisen merkte, dass ich nach ein paar Wochen etwas abstumpfte. Jeden Tag Neues zu entdecken, ist zwar toll, aber das reicht mir nicht. Damit einher gehen häufig nämlich auch jeden Tag die gleichen Gespräche mit anderen Reisenden und ein für mich viel zu schnelles Reisetempo. Ich möchte mich mit Orten verbinden, sie aufsaugen, tiefe Gespräche und Beziehungen führen. All das bleibt aber auf der Strecke bei all dem Smalltalk. Es braucht Zeit. Und die nehme ich mir, indem ich eben auch an Orten verweile.

Der Traum vom Nomadenleben

Ebenso wie bei Reisen schweben auch bei dem Wort Nomade viele Assoziationen im Kopf herum. Schnell entstehen Bilder von Abenteurern, die jede Nacht woanders verbringen und von einem Kontinent zum nächsten jetsetten.

Interessanter Weise werden diese Assoziationen auch genutzt, um Sesshaften ganz viel Ausrüstung für Abenteuer zu verkaufen. Alles muss mobil sein heutzutage, je portabler, desto besser. Und damit wir wirklich für jede Situation gewappnet sind, gibt es jeweils das passende Produkt dazu – seit einigen Jahren vor allem elektronisch und/oder digital: Ein Laptop, ein E-Reader, ein Tablet, ein Smartphone, ein MP3-Player, eine Digitalkamera, eine Energiestation und natürlich Kabel, Adapter und Ladegeräte für alles. Das lässt sich adäquat auf Kleidung und andere Bereiche übertragen.

Schnell passiert es dann, dass Ausrüstung eher aufhält als mobil macht. Deshalb halte ich es auch hier für wichtig, mich immer wieder zu fragen: Was möchte ich? Und was brauche ich, um das zu erreichen?

Die Ursprünge des Nomadentums hatten das schon ganz gut raus: Sie reisten nur mit dem Nötigsten.  Und im Gegensatz zum Fahrenden Volk und den Vagabunden, reisten sie in den Zyklen der Natur, um ihre Grundbedürfnisse stillen zu können.

Maßgeschneidert

Bei mir ist es ähnlich, nur eben nicht mit Grundbedürfnissen, sondern inneren:

Ich möchte die Welt erfahren, besser kennenlernen und verstehen. Gleichzeitig habe ich das Bedürfnis, an Orte zurückzukehren und tiefe Beziehungen zu pflegen. Und ich will Geschichten erzählen, die bewegen. Darum wechsle ich häufig meinen Wohnort, besuche meine Liebsten, wenn es geht, halte auch unterwegs Kontakt, schreibe und mache Filme.

Das ist eine Lösung, die meinen Ansprüchen genügt, für mich funktioniert und mir zu einem erfüllten Leben verhilft. Mehr aber eben auch nicht.

Es gibt noch zig andere Möglichkeiten, ein Nomadenleben zu führen: Manche ziehen um die ganze Welt, andere nur in einem Land umher. Die einen ändern ihren Standort regelmäßig, die anderen unregelmäßig.

Entgegen dem Klischee würde ich beispielsweise jederzeit eine Landreise einem Flug vorziehen, weil ich Flüge aus ökologischen Gründen meiden möchte und mich die Rahmenbedingungen stören.

Darüber hinaus gibt es auch noch zig andere Möglichkeiten, ein erfülltes Leben zu führen und Abenteuer zu erleben. Eine Familie zu gründen, kann auch ein Abenteuer sein. Aber eben nicht meins.

Eine Welt voller Nomaden?!

Nichtsdestotrotz möchte ich das Gedankenexperiment wagen und mir vorstellen, was wäre, wenn alle Menschen Nomaden wären. Zunächst einmal gäbe es viele traditionelle, regionale Kulturen gar nicht, weil die Menschen ihre eigene Kultur mitnehmen würden. Sprüche, dass in Bayern die Kein-Bier-vor-Vier-Regel nicht gelte, gäbe es dann gar nicht. Und auch die Bayern als Volk wären schwieriger zu definieren.

Dafür würden sich mehr Kulturen vermischen. Völker würden sich unterwegs begegnen, austauschen und so gegenseitig stärker voneinander lernen, als das heute der Fall wäre. Und viel mehr würden sich eine Nomadenkultur entwickeln, so wie es sie einst viel stärker gab. Wir Menschen wären einem stärkeren Wandel unterzogen.

Und durch ständiges Erweitern unserer Komfortzone wären alle Menschen unglaublich offen und hätten alle Horizonte, die den heutigen Durchschnitt um ein Vielfaches übertreffen!

Klingt eigentlich gar nicht schlecht, oder?

Nicht ganz, denn ich schätze regionale Kulturen wirklich sehr. Abgesehen davon glaube ich, dass viele Menschen unglücklich wären. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Nicht jeder ist für solch ein Leben gemacht. Und was nützt ein erweiterter Horizont, wenn die meisten Menschen unglücklich wären?

Jeder von uns hat zum Glück die freie Wahl, zu entscheiden, wie wir unser Leben verbringen wollen. Natürlich haben wir nicht alle die gleichen Ausgangsbedingungen, aber innerhalb unseres Rahmens können wir Entscheidungen treffen, wie wir die uns gegebene Zeit am erfüllendsten und sinnstiftendsten verwenden können. Jeden Tag bekommen wir 24 neue Stunden, um auszuprobieren, was uns glücklich macht. Dafür bin ich nicht nur dankbar, sondern sehe auch meine Pflicht darin, das Beste daraus zu machen – auf meinem Weg und in meinem Tempo.

Für deinen wünsche ich dir viel Willenstärke und Erfolg!

Alles Liebe,

Philipp

 

6 Kommentare

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  1. Hallo Philipp,
    wieder mal ein interessanter Gedankenansatz mit Tretminen :-) Wo anfangen?

    Kommt Zeit kommt Veränderung:
    Ich denke die meisten haben irgendwann einmal im Leben „Nomadengedanken“, das fängt ja irgendwie schon in der Pubertät an. Man grenzt sich von den Eltern, und einigen Gleichaltrigen durch Gruppenbildung ab. Und am liebsten will man frei sein… also weg von all dem alten alltäglichen Verpflichtungen. Manch einen packt es dann auch rigoros an und verschwindet noch währende der Schulzeit. Vom Tellerwäscher zum…. Hotelier? Kann vorkommen! Kenn da ein Beispielsexemplar :-) Manch einer ist aber auch schneller wieder zu Hause wenn das Geld und der Komfort nicht mehr ausreicht.

    Reisen ohne Geld und mit viel Zeit:
    Wer sich viel Zeit nehmen kann ( also nicht nur 2 Wochen Pauschalurlaub) und aufgrund der langen Reise das Budget auch klein ist, der reist langsam, zu Fuss, per Rad oder auch per Anhalter. Ein tolle Möglichkeit ist auch ein Sabbatical. Ein genialer Absprung um sich mal aus den alten Gewohnheiten zu lösen.
    Und wie du schon schriebst, bei solchen langen und langsamen Reisen liegt die Gefahr des 100 x die selben Geschichten zu erzählen. Wieso und woher man kommt, was man noch vor hat und was einen bewegt, was man erlebt hat etc. Mit jedem neuen Kontakt ein Aufwärmen.
    Diese Langsamkeit hat aber auch Vorteile, die Achtsamkeit für Details besonders beim Warten :-D Wie verändert sich die Landschaft und auch die Menschen die dort wohnen. Sprachschwierigkeiten lösen und auch viele andere eingetrichterten Gewohnheiten hinterfragen und über Bord werfen. Ein Umkrempeln und Anpassen an neuen Gegebenheiten.

    Anpassungsfähigkeiten und Gewohnheiten:
    Zu Beginn sind diese Reize noch spannend und oft abenteuerlich, denn man weiss ja nicht was morgen sein wird, auch wo man sein wird. Man wird im Laufe der Reise abgestumpften, lässt sich viel mehr Zeit und lässt sich mehr treiben. Dieses Treiben lassen wird aber irgendwann einmal zum ziellosen Leben. Ich glaube, und das aus eigener Erfahrung, dass man sich nach langem monatelangen Treibens wieder nach Beständigkeit und festen Abläufen sehnt. Jetzt nicht gerade 8 Uhr antreten zum Arbeiten und abends tot umfallen etc. ;-) Aber diese Routine, ein bekanntes, sozialen Netz und einen fixen Ort zum Schlafen. Sich nicht täglich um seine Grundbedürfnisse kümmern zu müssen, hat einfach auch auf Dauer einen stressigen Aspekt des auf Achse-Seins.

    Kompromisse:
    Studieren oder Arbeiten auf eine bestimmte Zeit im Ausland ist da sicher eine gute Wahl als Kompromiss. Aber das kann halt auch nicht jeder :-)

    Was aber wieder jeder kann, ist seinen Urlaub ausserhalb von organisierten Reisen antreten.
    Es öffnet auch die Augen vor zu viel Perfektionismus in Hotels und an Stränden. Vor über 5 Jahren hat mich unser Urlaub auf Kreta wieder deutlich vor Augen geführt, dass Strände für Touristen früh morgens gereinigt werden. Einsame Buchten oder brandungsintensive Regionen haben damit ein richtiges Problem. Leider habe ich kein Foto von diesen Stränden gemacht. aber sie sahen jeden Tag so aus. Eine Müllhalde an Plastik und Treibgut aller Art. BTW und OT eine Zahl die mich vor einigen Tagen umgehauen hat. Bildlich vor Augen einfach Wahnsinn. „Allein im Jahr 2014 kamen 9,1 Millionen Tonnen im Meer dazu! Nichts Neues, außer eine unvorstellbare Zahl. Aber wenn man diese Menge auf alle Küstenabschnitte umrechnet und dort anteilig veranschaulicht, dann wären es 5 Supermarktsäcke übereinander gestapelt und zwar alle 30 cm. “ Unvorstellbar! Danke an Maria für dieses Video ( http://gruenes-einhorn.com/2015/04/30/donnerstags-video-1/) , falls du das hier liest :-)

    Zu deinem Ansatz „wäre jeder Normade…“
    Tja was wäre dann? Entweder wären wir uns alle gleich, weil es ein wir so nicht mehr gäbe oder man besinnt sich noch mehr auf seine Wurzeln, um sich wieder abzugrenzen. Gedanken dazu habe ich ja schonmal kommentiert :-) ( es ging um den Anzug)
    Ich finde ja die Mischung macht’s und Gegensätze ziehen sich mal mehr mal weniger an. Auf jeden Fall kann man Vieles daraus lernen, gewohntes hinterfragen und Veränderungen zulassen.

    Grüße Claudia

    • Hallo Claudia,

      danke für deine ausführlichen Gedanken! Da gebe ich meine doch auch gleich noch dazu. :)

      Kommt Zeit, kommt Veränderung:
      Ja, ich habe auch den Eindruck, dass viele Menschen zwar einst den Traum vom Vagabunden hatten, aber aus verschiedenen Gründen irgendwann bleiben lassen. Das kann natürlich eine Veränderung in den eigenen Wertvorstellungen zur Ursache haben oder prägende Erlebnisse. Einzig die Begründung, dass man das nicht ein Leben lang machen könne, lasse ich nicht gelten. :P Tatsächlich frage ich mich selbst, ob es bei mir eines Tages verebben wird, oder ob es vielleicht eine der wenigen Konstanten in meinem Leben ist.

      Reise ohne Geld und mit viel Zeit:
      Langsames Reise würde ich sogar mit viel Geld bevorzugen, weil es in meinen Augen ein wesentliches Qualitätsmerkmal darstellt. Natürlich kann so ein Powerkurztrip auch seine Vorzüge haben, weshalb ich denke, dass eine gesunde Mischung genau das Richtige ist. Dabei muss die Karriere gar nicht mal darunter leiden. Digitale Nomaden leben das ja bereits erfolgreich vor.

      Anpassungsfähigkeit und Gewohnheiten:
      Dafür ist bereits ein Beitrag in Arbeit. :) Aber so viel sei schon mal gesagt: Es ist auch mobil möglich, an Projekten zu arbeiten. (die ja auch Ziele sein können)

      Kompromisse:
      Wenn wir uns entscheiden, was wir wollen, ist die schlimmste Entscheidung, keine zu treffen. Ich finde es wichtig, für sich herauszufinden, was man selbst wirklich möchte. Wenn man das weiß, liegt es an einem selbst, diesen Zielen näher zu kommen. Natürlich kann es passieren, dass man scheitert. Aber ist das denn schlimm?

      Müll:
      Das reibt mich immer wieder auf. Das Video hatte ich mir auch angesehen. Einfach unglaublich! Tatsächlich befürworte ich aber solche Reinigungsaktionen und würde sie mir nicht nur für touristische Strände wünschen. So wird der Müll wenigstens eingesammelt.

      Wäre jeder Nomade:
      Die Mischung macht es wirklich interessant! Durch die Globalisierung erfahren wir ja ebenso einen Kulturmix. Spannend ist, heute zu sehen, welche kulturellen Veränderungen beispielsweise Gastarbeiter von vor 40 Jahren bewirkt haben.

      Alles Liebe,
      Philipp

  2. Hi Philipp,

    bei solchen Fragen, frage ich auch gerne zurück. Denn oft sind sie ja darauf ausgelegt, irgendwie vor sich selbst zu rechtfertigen, warum man selbst das nicht machen kann oder zu beweisen, dass der Fragende was verkehrt macht, ein realitätsferner Idealist ist, etc.
    Aber was macht der Fragende? Ist er Beamter mit drei Kindern? Was wäre, wenn alle das machen würden? Lebt er in der Stadt? Was wäre wenn alle das machen würden? Hat er ein Einfamilienhaus mit Garten auf dem Land? Was wäre, wenn alle das machen würden?
    Wir sind alle verschieden und die Mischung macht’s, wie Claudia und Du ja auch gesagt haben.

    Schöner Artikel!

    Liebe Grüße!
    Andrea

    • Hallo Andrea,

      vielen Dank!

      Das ist ein guter Tipp! Zumal Kritik häufig viel mehr über den Kritiker aussagt, als über den Kritisierten. Es gibt da diesen schönen Spruch, den ich mir immer wieder versuche, ins Gedächtnis zu rufen: „Bevor man bei anderen einen Dorn aus dem Auge entfernt, sollte man zunächst den Balken aus den eigenen entfernen.“

      Lieber Gruß,
      Philipp

  3. Hallo Philipp,

    zu Langsame Reisen:
    kannst du mir das mit dem langsame Reisen mit viel Geld noch mal erklären. Ich kenne das nur so: wer lange reist hat prozentual nie genug Geld pro Tag um sich eine schnelle Fortbewegung oder „Luxus“-reise /- Unterkunft zu leisten.
    Und was verstehst du unter deinem Wort Powerkurztripp? Ist da die Spa-Relaxwoche in Ägypten oder Malediven etc gemeint. Luxuspur und „faulenzen“ ? Oder meintest du da echt 1 Woche Dschungelurlaub mit „Back to the roots“-feeling gegen Bezahlung, denn es muss ja alles in 1 Woche reinpassen?

    zu Kommt Zeit kommt Veränderung:
    Wie war das mit den Wünschen? Was passiert wenn die Wünsche einen gewissen Sättigungsgrad erreichen? (Siehe Kommentar bei deinem anderen Beitrag zu diesem Thema oder war es wo anders?)

    Und Irgendwie muss ich Andrea auch recht geben. Was wäre wenn sich jeder die Freiheit herausnehmen würde und immer frei rumreisen würde? Also der Vater oder die Mutter in einer Familie mit Kindern sagt:“ ach, ich mach dann mal weg! Mal ohne euch, so geschätzt 1 Jahr nach Südamerika? Hab da nen Job, der cool ist oder einfach mal so als Selbstfindungsurlaub?“

    Ich denke man entscheidet sich zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben für eine Gemeinschaft auf lange Zeit / Lebenszeit ( unvorstellbar lange :-) ) Den einen trifft es früher, den anderen später. Und dann gehen gewisse Dinge einfach nicht mehr, dafür bietet sie einiges mehr was es anderes gar nicht gäbe.

    zu Entscheidungen und Ziele:
    Keine Entscheidung ist für immer! Viel kann man in vielen kleinen oder auch größeren Schritten / Entscheidungen wieder in andere Richtungen lenken. Aber vielleicht würde auch die erste Entscheidung das gewünschte Ziel erreichen und trotzdem entpuppt sich das Ziel plötzlich zu einem No Go. Bildlich gesagt: man bildet sich ein, dass das Leben hinter dem Berg toll wäre und man müsse nur die Abkürzung über die Spitze nehmen. Aber am Gipfelkreuz angekommen hat man den Blick auf den Zielort und der stellt sich als total anders heraus. Man kann natürlich den geplanten Weg stur und zielbewusst fortführen um sich tatsächlich davon zu überzeugen. Oder man sagt genug gesehen und meine Erfahrung sagt mir, das ist es nicht wert. Vielleicht hätte man auch eine andere Lebenserfahrung gesammelt, wenn man nicht den direkten Weg genommen hätte und wäre auf einem sehr langsamen Weg mit Umwegen um den breiten Berg herumgegangen ohne die extremen Höhenmeter. Vielleicht hätte man dann auch einen anderen Blick auf den Zielort gehabt mit einer anderen Perspektive … ;-)

    Tja was wäre wenn…? :-D Ich denke ein unglaublicher Erfahrungsschatz. Auch bezogen auf die Entscheidungen über den Weg. Der einfache, der unbequeme, der schnelle, der langsame, der falsche und richtige Weg. Nicht immer ist die Autobahn und nicht immer ist der Eselsweg der richtige Weg. Man entscheidet in dem Moment wo man ihn angeht. Mit den gegebene Informationen. Ein Blick zurück mit „ach, hätte ich doch…, dann…“ Führt zu nichts, oder? Ausser zur Erkenntnis, dass man sich entschieden hat und Erfahrungen gesammelt hat, die nur durch diese Entscheidung zustande kamen. Auch führt ein ewiges Grübeln über den optimalen Weg zu nichts, denn die Bedingungen könnten sich in der Zeit ändern oder man vergibt sich Chancen…

    Ein allgemein gültigen richtigen Weg kann es nicht geben. Der eigene Lebensweg sieht für jeden anderes aus. Anders allein schon vom Startpunkt aus. Auch abhängig von den gemachten Erfahrungen mit anderen und damit auch wieder mit den Erfahrungen auf eigene Entscheidungen. ( Vom Tellerwäscher zum Hotelier! Das waren erschwerte und zeitaufwendige Irrwege mit mords Erfahrungswert. Die Eltern haben die Hände, und nicht nur die, über dem Kopf zusammengeschlagen. Hätte ihnen jemand vorher gesagt, der wird Hotelier, sie hätten es nie und nimmer geglaubt :-) )

    Zurück zur Ausgangsfrage. Was wäre, wenn alle Normaden wären? Wir würden alle andere Erfahrungen machen und der eine wird sesshaft, der andere bleibt Vagabund und wieder andere ziehen eine Mischversion vor. (Tretmine der Vektoren aus einem anderen Beitrag ;-) )

    QED?

    So nun bist du wieder gefragt. ;-)

    • Hallo Claudia,

      langsames Reisen bedeutet für mich nichts anderes, als dass ich lieber an Orten verweile, um die Atmosphäre aufzusaugen und Einheimische besser kennenzulernen, als von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten hetze. Es beinhaltet auch, dass ich lieber auf dem Landweg reise, die Veränderungen um mich herum wahrnehme, anstatt in den Flieger zu steigen und innerhalb weniger Stunden in einer komplett anderen Welt bin. Und es bedeutet auch, dass ich einfach mal etwas von der Liste nehme, um den Moment genießen zu können. Die meisten Orte laufen nicht weg und werden mich wahrscheinlich sogar überleben.

      Ein Powerkurztrip ist das Gegenteil davon: Zum Beispiel eine Woche Zeit und mal eben ein neues Land entdecken. Solche Kurztrips bevorzuge ich persönliche für kleinere Regionen oder Städtetrips.

      Natürlich können Wünsche gesättigt oder gar obsolet werden. Die Frage ist doch vielmehr, ob das von mir selbst ausgeht oder an äußeren Einflüssen liegt (a lá „Ich wollte immer mal nach Paris, aber mein Partner hasst Frankreich.“). Und ändert sich damit mein kompletter Lebenstil?

      Ich hatte eher den Eindruck, dass Andrea das in eine andere Richtung gedacht hat: Ebenso wie mich ein Beamter mit vier Kindern fragen könnte, was wäre, wenn alle plötzlich loszögen, kann ich ihn fragen, was wäre, wenn plötzlich alle Beamte wären und vier Kinder hätten. Abgesehen davon fände ich es großartig, wenn Eltern mit ihren Kindern mehr losziehen würden – so wie das beispielsweise Rage mit ihrer Familie letzten Sommer getan hat. Das hat natürlich auch Schattenseiten: Besonders wenn Kinder zur Schule gehen und sich dann stets einen neuen Freundeskreis aufbauen müssen, ist das nicht so leicht. Wir hatten in der Grundschule ab und zu ein Zirkuskind im Klassenverbund. So richtig dazugehört hat es aber nie.

      Die Gemeinschaft auf Lebenszeit bringt natürlich neben Vorteilen vor allem auch neue Herausforderungen und Bürden, ebenso wie sie ihre Limitierungen mit sich bringt. Das gilt in meinen Augen auch für Kinder. Darüber bin ich mir aber im Klaren, wenn ich mich dafür oder eben auch dagegen entscheide. Aus dieser Sicht halte ich es deshalb auch für eine Frage der Prioritäten. Und ja, keine Entscheidung ist für immer. Dennoch kann man das Elterdasein nicht einfach beiseite schieben, auch nicht mit Volljährigkeit der Kinder. Eine Entscheidung für das eine, ist eine Entscheidung gegen etwas anderes. Und das ist auch gut so.

      Abgesehen davon sehe ich noch eine ganz andere Problematik: Ich rechne Eltern hoch an, welche Bürden und Opfer sie auf sich nehmen. Und in gewissen Maße kann unsere Gesellschaft nur weiter existieren, wenn wir uns fortpflanzen. Aber man kann einer Einzelperson nicht vorschreiben, ob sie Kinder haben möchte, oder nicht. Das ist eine sehr persönliche Entscheidung. Und all diejenigen, die keine Kinder haben wollen, müssen meines Erachtens auch gar kein schlechtes Gewissen haben, denn die Weltbevölkerung wächst immer noch. Dass die Verteilung in Deutschland gerade ungünstig ist, stellt für mich noch mal ein ganz eigenes Thema dar.

      Ich habe übrigens keinen blassen Schimmer, was QED bedeutet. Bei BTW und OT musste ich schon überlegen, kam aber immerhin von selbst drauf. :D In solchen Momenten fühle ich mich immer etwas von der Zeit überholt…

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