Bereits im Frühjahr hatte ich gehört, dass es eine kleine Brauerei in den palästinensischen Gebieten geben soll, die jährlich ihr eigenes Oktoberfest veranstaltet. Volltrunkene Araber in Lederhosen, die auf den Tischen tanzen, konnte ich mir nur schwer vorstellen. Also habe ich mir selbst ein Bild davon gemacht.

Bier bei Arabern? Sind nicht alle Araber Muslime und dürfen Alkohol nicht mal anrühren? Alle Araber? O, nein. Es gibt da ein kleines Dorf, das durch und durch christlich ist. Entsprechend ist Alkoholgenuss hier kein Problem.

Häufig werde ich mit dieser falschen Vorstellung konfrontiert. Es gibt jedoch unter Arabern auch noch andere Religionen als den Islam, bis zu 10% sollen sogar atheistisch leben.

Wie heißt also dieses sagenumwobene Dorf, dass bayrisches Brauchtum in den Nahen Osten holt?

Die Rede ist von Taybeh.

Leckerschmecker auf Umwegen

Der Ortsname entstammt aus dem Arabischen und bedeutet „köstlich“. Gleichzeitig steht der Name für das Bier Pate. Wenn das mal nicht vielversprechend ist? Die Brauerei exportiert mittlerweile zumindest international.

Die Anreise ist dann doch etwas länger als erwartet. Ich dachte ursprünglich, dass Taybeh Randgebiet von Ramallah sei. Leider konnte ich aber über die Kartenapp nichts finden (Transkription von Arabisch und so…). Also habe ich erstmal ein paar Leute in Ramallah gefragt. Werbung für das Bierfestival gibt es öffentlich kaum. Aber mir wird geholfen.

Die schnellste Möglichkeit von Jerusalem: Mit einem arabischen Bus nach Ramallah, dann am Busbahnhof direkt nach dem Bus nach Taybeh fragen. Die Servicetaxis lohnen sich, wenn man bedenkt, dass Taybeh eine weitere halbe Stunde von Ramallah entfernt liegt.

Die Fahrer lassen einen dann im Ortskern raus. Wenn man lieb fragt, bekommt man auch den Weg gewiesen. Falls nicht: Von Fahrtrichtung des Servicetaxis aus links den Berg runter. Dann kann man den ausgeschrieben Eingang gar nicht fehlen.

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Bierfässer statt -bänke

Freilich ist ein Oktoberfest im Nahen Osten etwas anders. Punkt 1: Es kostet Eintritt. (dazu später mehr)

Punkt 2: Es gibt keine Zelte. Logisch, denn die Wahrscheinlichkeit, dass es im Nahen Osten Ende September regnet, geht gegen Null. Wieso sich also der stickigen Atmosphäre aussetzen, die man aus bayrischen Bierzelten kennt, wenn man stattdessen auch einfach die Sonne an der frischen Luft genießen kann?

Punkt 3: Es gibt keine Bierbänke. Dafür bieten gepolsterte Bierfässer und Stühle mit Lehnen etwas mehr Komfort.

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Auch sonst ist einiges anders, als man in Deutschland gewohnt ist: Statt Brezen, Haxe und Lebkuchenherzen, gibt es Falafel, Schawarma und Nüsschen. Anstelle von Plüschtieren lokales Kunsthandwerk. Keine Blaskapelle spielt hier, aber palästinensische Musiker präsentieren die traditionelle und zeitgenössische Musik ihres Landes.

Tut das der Stimmung Abbruch? Wohl kaum. Es wird ausgelassen getanzt und an den angebotenen Aktivitäten teilgenommen. Denn natürlich wird in das bergige Gelände um Ramallah kein Fahrgeschäft gekutscht. Dafür gibt es eine Kletterwand, Wettkämpfe im Maßkrughalten und die Möglichkeit, den Gründer und Inhaber der Brauerei persönlich kennenzulernen.

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Es liegt und bleibt in der Familie

Nadim Khoury ist an diesem Tag nicht nur sehr kontaktfreudig, sondern auch außerordentlich gefragt. Jeder Besucher kann in die heiligen Hallen des Brauprozesses schauen, alle erdenklichen Biersorten erwerben und Fragen zu den jeweiligen Geschmäckern stellen. Die Produktionshalle ist gleichzeitig sein Büro. Und der Blick über das Festivalgelände offenbart: Nadim Khoury wohnt auch auf dem Gelände, denn sein Haus liegt ebenfalls darauf.

Als er in den USA studierte, entdeckte er das häusliche Bierbrauen als Hobby. Zusammen mit seinem Bruder und Vater machte er das Hobby zum Geschäft und widmete fortan sein Leben dem Gerstenbräu. Und es wird auch weiterhin in der Familie bleiben, denn seine Tochter Madees tritt als erste palästinensische Bräuerin in seine Fußstapfen.

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Schmeckt’s?

Das Oktoberfest in Taybe habe ich als Anlass genommen, eine Ausnahme mit meiner Abstinenz zu machen. Entsprechend habe ich mir zwei Biertickets gekauft, um beide Sorten probieren zu können.

Und ja, es war lecker. Und es reicht dann auch erstmal wieder.

Abgesehen davon soll der Wein auch sehr gut sein. Davon konnte ich mich allerdings nicht selbst überzeugen. („Bier und Wein, das lass sein“, oder?)

Falafel mag ich ja ohnehin sehr gern. Crepes, Zuckerwatte und Co waren trotzdem tabu. Für mich neu waren jedoch die gepufften Kichererbsen. Ich weiß nicht, ob sie wirklich gepufft waren, da es mir der Verkäufer nicht auf Englisch erklären kontte, aber sie kamen mir so vor. Kandierte Kichererbsen sind übrigens eine süße, arabische Spezialität.

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Was kostet der Spaß?

Ich habe in Summe an diesem Tag etwa insgesamt 25€ ausgegeben. Nun lässt sich darüber streiten, ob das wirklich günstig ist. Für das Essen meiner Meinung nach auf jeden Fall. Der Eintritt ist schade, war es mir jedoch wert. Hier eine kleine (unvollständige) Preisliste:

 

Was die Bierpreise anbelangt, so scheinen sie zunächst mit etwa 3,50€ nicht so hoch zu sein. Allerdings sind das nur 250ml. Rechnet man das auf eine Maß hoch, liegt man mit 14€ sogar über dem diesjährigen Wiesenpreis (10,40€ bis 10,70€). Allerdings sind die Preise für Alkoholika im Nahen Osten ohnehin wesentlich höher, als es in Deutschland der Fall ist. Im Supermarkt bezahlt man für eine kleine Falsche Bier bereits mindestens 1,50€, Tendenz steigend. Wenn man ausgeht, bekommt man ein kleines Bier nie für unter 6€. Unter diesen Umständen finde ich die Preise echt in Ordnung.

Ein anderes Thema ist hingegen ist die Kommerzialisierung von Brauchtümern. Freilich sind Feste Gaudi. Allerdings steht der Verkauf von Bier im Mittelpunkt. Wo Handel getrieben wird, geht bekanntlich was. Das Oktoberfest zieht jedes Jahr Millionen Touristen aus aller Welt an. Einige Menschen verdienen ihr Jahreseinkommen an diesen zwei Wochen. Mit dem ursprünglichen Volksfest zu Ehren des Kronpaares hat das nicht mehr viel gemein.

Das Oktoberfest in Taybeh ist bei Weitem nicht so groß. Internationale Gäste zieht es trotzdem an. Und auch hier steht der Verkauf von Bier im Mittelpunkt. Kommerz ist nicht zwingend schlecht. Die Frage ist, welche Ideale verfolgt werden.

Bayrisches Exportgut – Darf sich das überhaupt Oktoberfest nennen?

Darüber lässt sich natürlich streiten. Seit Jahren geht das Oktoberfest bereits auf Tournee und hat sowohl deutschlandweit, als auch international Nachahmer gefunden. Sogar in Israel gibt es mittlerweile eine Oktoberfest-Tournee, die in verschiedenen Städten Halt macht.

Im Gegensatz zum palästinensischen Oktoberfest wird hier allerdings Paulaner ausgeschenkt. Gerade in puncto Kommerzialisierung zerstört dieser Punkt für mich jeden ideellen Charakter. Hier ist klar, dass der Gewinn im Vordergrund steht.

Was macht das Oktoberfest denn aus? Meines Erachtens vor allem drei Dinge:

  • die Huldigung von Bier
  • Erhalt von regionalem Brauchtum
  • Gemütlichkeit

In Taybeh trägt niemand Lederhosen, wenn man einmal von österreichischen und bayrischen Besuchern absieht. Hier wird auch kein Prosit auf die Gemütlichkeit gesungen. Aber zumindest die drei Punkte erfüllt es voll und ganz.

Und auch wenn es eine ganz andere Atmosphäre als in München ist, hier keine bayrische Volksmusik zu hören ist und es manchmal eher wie ein Brauereifest wirkt, hat es den Titel Oktoberfest meiner Meinung nach verdient. Denn es ist nun mal auch die einzige Brauerei, die es in den palästinensischen Gebieten gibt. Und die Aussicht kann sich auch sehen lassen.

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Wie stehst du zum Oktoberfest und seinen Ablegern? Genießt du es oder ist dir das zu viel Trubel? Und was hältst du von der Umsetzung in Taybeh?

Alles Liebe,

Philipp