Ist der ESC am Ende?

Diese Woche ist es endlich wieder so weit – Der Eurovision Song Contest geht in eine neue Runde. Heuer in Wien, was großartige Erinnerungen an den ESC von 2015 wiederaufleben lässt. Leider bin ich dieses Jahr dennoch überhaupt nicht in Stimmung und das hat vor allem einen Grund: Es fühlt sich so an, als wäre der ESC nicht mehr das, was er mal war.

Schon seit längerer Zeit kämpft der Musikwettbewerb mit einem Dilemma. Man versucht auf Krampf nicht politisch zu sein. Gleichzeitig kommt es wiederkehrend vor, dass Vertreter*innen von Ländern im Musikwettbewerb gegeneinander antreten, die in geopolitischen Konflikten miteinander stehen oder nicht einer Meinung sind. Letztlich wirkt es doch sehr paradox, dass man bei einem internationalen Wettbewerb versucht, sämtliche Politik zu leugnen.

Denn ein friedlicher Wettbewerb zwischen verschiedenen Lädern stellt doch per se bereits eine politische Aussage dar: Nämlich die, dass man zusammenhält und sich an kulturellen Unterschieden erfreut, statt sich darüber zu streiten. So weit nichts Neues.

Was sich jedoch in den letzten Jahren geändert hat, ist die polarisierende Reaktion auf die Teilnahme Israels. Auch die gibt es bereits länger und machten natürlich erst recht keine Ausnahme, als der ESC 2019 in Israel stattfand. Die isländische Delegation protestierte live im Fernsehen des großen Finales und auch Madonna kam mit einer politischen Botschaft im Gepäck.

Seit 2024 ist der offizielle Slogan des ESC United by Music – ironischerweise in einer Zeit, in der mehr Uneinigkeit denn je herrscht und das sowohl geopolitisch als auch beim ESC selbst. Trotz der gewollten Signalwirkung nach außen vermag der Slogan selbst jedoch nichts zu bewegen.

Das zeigt sich für mich in der Tatsache, dass dieses Jahr weniger Länder teilnehmen als in allen anderen Wettbewerben der letzten 23 Jahre. Gleichwohl Boykotte dieser Art bei mich an vergangene düstere Zeiten erinnern, möchte ich mir nicht anmaßen, über die Entscheidungen einzelner Länder bezüglich ihrer Teilnahme zu urteilen. Wir leben in einer freien Welt und sie können lassen, was sie wollen.

Allerdings möchte ich dazu anregen, sich einmal vorzustellen, welche Strahlkraft der ESC hätte haben können, wenn sich die teilnehmenden Anstalten an das Motto des ESCs gehalten hätten. Was für ein tolles Zeichen an die Welt wäre es gewesen, wenn alle teilnehmenden Rundfunkanstalten beschlossen hätten, die Konflikte ihrer Regierungen links liegen zu lassen und demonstrativ zusammenzuhalten? Wie viel Hoffnung hätte es vermittelt, wenn man den Mut gehabt hätte, zu sagen, dass wir entgegen des Stempels unserer Nationalität alle Menschen sind, die über Musik miteinander verbunden sind? Schöne Vorstellung, oder?

Diese Chance wurde leider nicht nur verpasst, sondern sehenden Auges im Keim erstickt. Denn unabhängig davon, wie sich die EBU zur Teilnahme Israels entschieden hätte, genügt bereits die bloße Androhung “Wenn die teilnehmen, machen wir nicht mit!” um die gesamte Bedeutung des ESCs zu untergraben. Was für ein Zirkus!

Am Ende mag der ESC zwar nicht sein, schließlich gibt es noch genügend zahlende, teilnehmende Rundfunkanstalten. Aber so wie früher wird es sich wohl nie wieder anfühlen.

Alles Liebe
Philipp

Der Trick mit der Tasche

Seit einiger Zeit gibt es im Internet einen neuen Trend: Analogue Bags – zu Deutsch: analoge Taschen. Weil mir die Idee auf Anhieb gefiel, probierte ich es kurzerhand einfach selbst aus. Und ich bin begeistert!

Vor noch gar nicht allzu langer Zeit fühlte ich mich immer gut unterhalten, wenn ich eine Kollegin mit all ihren riesigen Taschen auf Arbeit kommen sah. Es wirkte stets so, als hätte sie einmal ihren gesamten Hausrat für alle Lebenslagen dabei. Ganz so ausgeprägt ist mein Taschendrang nun wahrlich nicht. Einige Zeit lang versuchte ich ja sogar, komplett ohne Tasche auszukommen. Davon bin ich schon seit einiger Zeit abgekommen, denn oft genug bemerkte ich bereits, dass ich im Alltag ohnehin auf einen Tagesrucksack angewiesen bin, wenn ich nicht ständig alles unterwegs kaufen und damit noch mehr Müll produzieren möchte. Warum jetzt also noch eine Tasche?

Wer aufmerksam mitliest, wird schon von meiner Tendenz mitbekommen haben, in freien Momenten automatisiert zum Handy zu greifen. Das stört mich. Offensichtlich bin ich damit nicht allein, denn der Trend der Analogue Bags zeugt davon, dass sich bereits andere Menschen Lösungen herbeigedacht haben. Warum also nicht einfach mal auf bestehende Ideen zurückgreifen, anstatt das Rad komplett neu zu erfinden? (Darauf aufmerksam geworden bin ich übrigens durch Frau DingDong. Danke dafür!)

Was hat es damit also auf sich? Wie der Name suggeriert, handelt es sich um eine analoge Tasche; sprich: eine Tasche, die mit analogen Materialien für die Beschäftigung unterwegs gedacht ist, damit man eben nicht mehr automatisiert zum Handy greift, wenn man mal eine freie Minute hat. Im Internet kann man sich etwas Inspiration holen, indem man nach dem Begriff sucht. An dieser Stelle möchte ich kurz vorwarnen: Manche Menschen eskalieren komplett und übertreiben mal wieder. Solche materialistischen Produktpräsentationen kann ich als Minimalist nicht gutheißen. Außerdem ist es natürlich nicht im Sinne des Konzepts, dass man stundenlang im Strudel von Videos zum Thema verbringt. Schließlich möchte man (also: ich) weg vom Digitalen und hin zu analogen, multisensorischen Alternativen.

Persönlich halte ich es einfach und habe nur die Dinge für drei verschiedene Beschäftigungen dabei, weil ich mich auch nicht zu Grunde schleppen möchte:

  • ein Taschenbuch zum Lesen
  • ein widerbeschreibbarer Notizblock
  • Stricksachen sowie eine Anleitung für Anfänger

Ach ja, und dann noch Wasser, eine Handcreme mit Mandarinen-Zeder-Duft sowie biologisch abbaubare Kaugummis (wegen ausreichender Wasseraufnahme, rauer Hände und dem Ansprechen von mehr Sinnen … 😉).

Deshalb trage ich seit anderthalb Wochen außerhalb der Wohnung meine analoge Tasche mit mir rum. Mit dem Stricken habe ich bisher zwar immer noch nicht angefangen, weil meine Wartezeiten bisher noch nicht ausreichend lang waren, aber die nächsten längeren Zugfahrten sind schon in Sicht. Mit dem Lesen und unterwegs Notizen händisch aufschreiben klappt es indes hervorragend. Meistens lese ich nun in einem Buch statt irgendwelche Nachrichten auf dem Handy. Das tut auch meinem Wohlbefinden ungemein gut. Der Trick mit der Tasche funktioniert also.

Was hältst du von diesem Trend? Wie reduzierst du deine Zeit am Handy? (Falls du überhaupt das Gefühl hast, zu viel Zeit am Handy zu verbringen …) Teile deine Erfahrungen gern in den Kommentaren.

Alles Liebe
Philipp

Darf’s ein My mehr Reibung sein?

Menschen sind von Natur aus faul. Ironischerweise treibt uns ausgerechnet diese Eigenschaft zu Höchstleistungen an, wenn es darum geht, unsere Zukunft einfacher zu gestalten. Doch womöglich sind wir damit etwas zu weit gegangen.

Blicken wir auf die Geschichte des Menschen zurück, findet sich neben Konflikten vor allem eine weitere Konstante: das Streben nach Vereinfachung. Immer wieder neu Feuer zu entfachen, ist nicht nur eine lästige Aufgabe, sondern auch eine schmutzige Angelegenheit. Also haben wir Mittel und Wege gefunden, Wärme und Energie in unsere Häuser zu bringen, ohne uns dabei die Hände schmutzig zu machen. Apropos Schmutz: Ständig Staub wedeln zu müssen, ist eine wahre Sisyphosaufgabe, die durch Staubsauger zwar sauberer, aber nicht weniger nervtötend wird. Wie gut, dass uns Saugroboter diese leidige Aufgabe abnehmen!

Das sind nur zwei Beispiele von vielen, wie wir uns den Alltag einfacher gestalten. Heute ist es kaum vorstellbar, wie lang Menschen zur Bank gegangen sind, um einen handschriftlich ausgefüllten Überweisungsschein am Schalter abzugeben, oder, dass Menschen einst für jede Nachricht zum Postamt gegangen sind, um einen Brief aufzugeben. Heute lässt sich all das und noch viel mehr mit wenigen Tipp- und Wischbewegungen auf dem Handybildschirm erledigen – ganz gleich wie spät es ist und wo wir uns gerade befinden.

Doch da haben wir noch nicht Halt gemacht; auch im digitalen Raum soll uns alles so einfach wie möglich gemacht werden. So wurde es uns an unserem digitalen Multitool beispielsweise lästig, immer wieder den Code zum Entsperren des Geräts einzugeben. Die Lösung: biometrische Sicherheitsmechanismen, die das Entsperren automatisieren. Einfach kurz das Gerät anschauen und schon entsperrt es sich von selbst, wenn nur die richtige Person davor sitzt. Praktisch, wie geschmeidig heutzutage alles ist, oder?

Nicht ganz so praktisch hingegen erscheint, wie viel Zeit es jeden von uns kostet, dass alles so reibungslos erreichbar ist. Klingt paradox, soll aber meinen: Tech-Konzerne investieren viel Geld dafür, dass ihre Produkte so gestaltet werden, dass sie ein Maximum unserer Aufmerksamkeit auf sich ziehen, damit wir mehr Zeit mit ihnen verbringen. Je leichter der Zugang zu solch einem Produkt ist, desto leichter manifestiert sich in unserem Hirn ein Automatismus, eben dieses oder jenes Produkt zu verwenden, wenn wir gerade Leerlauf haben.

Unser Gehirn ist süchtig nach Dopamin. Digitale Plattformen sind darauf ausgerichtet, in unseren Gehirnen wahre Dopamin-Feuerwerke zu zünden, damit wir auf ihnen gefesselt bleiben. Dafür sorgen bunte Farben, eingängige Jingles, Benachrichtigungen, trollige Animationen, Fortschrittsanzeigen und alles, was in uns Emotionen auslöst – egal, ob es sich dabei um ein Lachen oder ein “Awww, wie süß!” handelt. Wie unterbinden wir also, dass wir in die Dopamin-Falle tappen?

Gänzlich vermeiden lässt es sich wahrscheinlich nicht, denn dafür ist unser Gehirn nicht programmiert. Es kostet uns wesentlich mehr Willensstärke alias Energie, gegen den aufkommenden Impuls anzukämpfen, als ihm nachzugeben. Und den Dopamin-Designs sei dank wird es dann auch noch belohnt, statt bestraft. Ein Teufelskreis.

Besonders deutlich wird das, wenn man es mit lästigen Aufgaben, beispielsweise Amtsangelegenheiten, vergleicht. Funktioniert dabei auch nur eine Kleinigkeit nicht, weil Behördengänge auch nach Jahrzehnten der Digitalisierung immer noch nicht reibungslos und geschmeidig umgesetzt sind, habe ich sofort keine Lust mehr und prokrastiniere die Aufgabe bis ins Unermessliche.

Davon inspiriert lautet mein Ansatz: Reibung einbauen. Wie wäre es also, wenn sich dieses Prinzip auf die Dopamin-Fallen übertragen ließe, die ich meiden möchte? Da, wo es uns die Dopamin-Designs einfach machen, versuche ich äußere Widerständen einzubauen, die den Automatismus unterbrechen, indem sie die Geschmeidigkeit stören. Das ist teils leichter gesagt als getan, denn da ich größtenteils am Laptop und online arbeite, ist die Versuchung, sich doch noch ein lustiges Tiervideo anzuschauen, immens. Doch versuchsfrei aufgeben mag ich auch nicht.

Deshalb anbei ein paar Anregungen:

  • Benachrichtigungen deaktivieren – Das verhindert, dass in mir ein Gefühl von FOMO (Fear of Missing Out – die Angst, etwas zu verpassen) entsteht, und unterbindet so den Drang, etwaige Nachrichteneingänge zu überprüfen.
  • Farben raus – Digitale Inhalte wirken gleich viel weniger interessant, wenn sie nur noch in Graustufen dargestellt werden.
  • Stumm schalten – Etwas Ruhe hat noch niemandem geschadet.
  • Timer stellen – Manchmal brauche ich einen kurzen Trigger, der mich aus dem Medienstrudel zurück in die Realität holt.
  • Apps deinstallieren – Wenn ich feststelle, dass ich eine App mehr nutze, als mir lieb ist, lösche ich sie einfach, um gar nicht erst in Versuchung zu geraten.
  • Blocker nutzen – Früher haben die Eltern dafür Sorge getragen, dass man als Kind irgendwann den Rechner ausschalten musste. Heute ermahnt man die Eltern selbst. Blocker, die bestimmte Apps oder Websites blockieren, wenn man eine gewisse tägliche Nutzungszeit überschritten hat, können Abhilfe schaffen.
  • Geräte ausschalten und verräumen – Auch wenn es aktuell als normal gilt, dass sämtliche Geräte jederzeit an und in greifbarer Nähe sind, spricht nichts dagegen, genau diesen Punkt auszuhebeln, um sich selbst und das Internet weniger erreichbar zu machen.

Freilich gibt es viele Situationen, in denen man genau diese Reibung nicht möchte, weil sie unser Leben ein Stück weit umständlicher macht. Allerdings haben wir das Glück, wählen zu können: Wann möchte ich es reibungslos und wann tut mir etwas Reibung sogar ein Stück weit gut? Das setzt jedoch voraus, dass wir uns zuerst von den Zwängen des Dopamin-Designs befreien.

Wie geht es dir mit dem reibungslosen Alltag? Wo wünschst du dir mehr und wo weniger Reibung? Welche Tipps hast du, um Dopamin-Fallen zu entkommen? Teile sie gern in den Kommentaren.

Alles Liebe
Philipp

Mehr Möglichkeiten denn je

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