Kennst du die Geschichte deiner Familie? Ich nur in Auszügen. Einen Teil, den ich schon lange erkunden wollte, ist der meines Opas väterlicherseits. Deshalb ging es jüngst nach Polen.

Seit mehreren Jahren bereits wollte ich die Gegend kennenlernen, in der mein Opa geboren wurde und aufgewachsen ist, bevor er vertrieben wurde. Er teilt damit das Schicksal Hunderttausender, die nach Ende des zweiten Weltkriegs ihre Heimat Schlesien verlassen mussten.

Grund dafür war die Zuordnung Schlesiens unter polnischer Verwaltung durch die Alliierten. In Folge wurde Schlesien polnisches Staatsgebiet und die dort ansässigen Deutschen entweder vertrieben oder polonisiert.

Erzählt hatte Opa oft davon – und da konnte ich mich auch glücklich schätzen, noch einen Zeitzeugen von damals zu haben. Nun ist er auch nicht mehr der Jüngste und ich wollte schon so lange einmal dort hin… Entsprechend machte meine Familie nun Nägel mit Köpfen und wir uns auf den Weg.

Ich wusste wirklich nicht, was mich erwarten würde. Zugegeben hatte ich insgeheim die Hoffnung, ja vielleicht doch irgendwelche jüdischen Vorfahren zu haben (was mir eine Staatsbürgerschaft in Israel ermöglichen würde), doch jetzt weiß ich mittlerweile dass es nur in wenigen Zentren Deutschlands überhaupt jüdische Gemeinden gegeben hat. Besonders in ländlichen Regionen war damals alles christianisiert.

Foto Alte Zuckerfabrik Niederschwedeldorf

Stolz und Vorurteil

„In Polen wird gestohlen“ oder ähnliche Sprüche sind dumme Vorurteile, die gern immer wieder gebracht werden, wenn man verkündet, nach Polen zu reisen. Ich erwidere dann nur: In Deutschland auch.

Ich bin wirklich gespannt, was mich wohl in dem kleinen Dorf Niederschwedeldorf nahe Glatz erwarten würde. Einerseits hatte ich bei meinem Großvater stets ein Gefühl von Stolz gespürt, wenn es um seine Herkunft ging. Andererseits hatte mein Opa die Gegend seit mehr als 65 Jahren nicht mehr gesehen! Von anderen hatte er mitbekommen, dass wohl von früher nichts mehr stünde.

Entsprechend male ich mir schon aus, wie alte Bauernhäuser abgerissen wurden, um Platz für (Ost-) Blockhäuser, Kohlekraftwerke und Fabrikanlagen zu schaffen. Und das alles in einer Umgebung voller Äcker bei grauem Wetter.

Es ist wirklich eine Fahrt ins Ungewisse. Beim Alter meines Großvaters sind wir uns auch nicht sicher, inwiefern es überhaupt noch Leute dort gibt, die die damaligen Ereignisse miterlebt hatten.

Was soll ich sagen? Ich werde umgehauen! Und zwar von der Schönheit der Landschaften! Je näher wir dem Ziel kamen, desto grüner wurde es um uns herum! Dann trafen wir auf dichte, weite Mohnfelder zwischen urigen Dörfern. Hier und da verfallen Häuser ein wenig. Das hat Charme!

 

Foto Gymnasium Glatz

 

Spuren der Vergangenheit

Während wir die Region jedoch jungfräulich erforschen, kommen für meinen Opa viele Erinnerungen zurück – schöne und traurige. Die Grabsteine auf dem Friedhof enthalten einige ihm bekannte Namen. Sein Geburtshaus steht leider nicht mehr.

Lediglich antike Inschriften lassen erahnen, dass hier einmal deutsches Staatsgebiet war. Alle Schilder sind polnisch, Ortsnamen durch ihre polnischen Äquivalente getauscht. Niederschwedeldorf heißt nun Szalejów Dolny.

Da dämmert uns, dass wohl kaum noch irgendwer mit Verbindung zu damals vor Ort ist. Die meisten waren wie die Familie meines Großvaters vertrieben worden, die anderen polonisiert und inzwischen verstorben. Nicht zuletzt scheint eine schier unüberwindbare Sprachbarriere zwischen den Einheimischen und uns zu liegen. Selbst Jugendliche sprechen kaum Englisch.

Dennoch ergibt sich eine glückliche Fügung für uns: Wir stoßen auf einen Kanadier, der gerade seine Mutter hier besucht. So kann ich die Fragen meiner Familie von Deutsch in Englisch wiedergeben und der werte Herr daraufhin in Polnisch an seine Mutter. Das erleichtert die Kommunikation ungemein. :)

Die Mutter stellt Kontakt zu anderen Gemeindemitgliedern her. Auch hier eine glückliche Fügung: Es ist Sonntag und da die Region nach wie vor katholisch ist, findet sich der Dorfkern in der Kirche zusammen.

Wieder einmal zeigt sich: Gefühle kennen keine Grenzen. Sprache funktioniert auch so. Schnell sind gemeinsam bekannte Namen gefunden und es wird sich ausgetauscht – mit Küssen und Umarmungen, von denen wir auch etwas überrascht sind. Solch eine Herzlichkeit erlebe ich selten!

Schuldfragen

Besonders von rechten Strömungen wird ja allzu gern gefordert, ehemalig deutsche Gebiete, zurückzuerstatten. Das halte ich für kompletten Schwachsinn.

Die jetzige schlesische Bevölkerung ist ebenso wenig verantwortlich für die Vertreibungen der Nachkriegszeit, wie wir es unseren Kindern zumuten würden, die Schuld des Holocaust auf sich zu nehmen. Das entbindet uns aber nicht vom verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte.

Tatsächlich finde ich es auch falsch, die polnische Bevölkerung von damals verantwortlich zu machen. Diese Menschen waren nämlich selbst Vertriebene, hatten kurz zuvor ihre eigene Heimat verloren und bekamen dann von Russland neue Gebiete zugewiesen.

Polnische Leibspeisen

Foto Räucherkäse

Räucherkäse am Stück

Foto Spaghettikäse

Spaghettikäse

Apropos Herz: Die Landesküche Polens ist äußerst herzhaft. Ich probiere mich ja gern an regionalen Gerichten aus. Leider haben es Vegetarier, besonders im Ländlichen schwer, denn es ist alles mit Fleisch oder Fisch.

Ganz anders sieht es in etwas größeren Städten aus. In Breslau gibt es ein reichhaltiges Angebot an leckeren, vegetarischen, gesunden Mahlzeiten für geringe Preise. Sogar Veggie-Restaurant-Ketten sind hier auf dem Vormarsch.

An einer kulinarischen Spezialität konnte ich mich dann doch erfreuen: Geräucherter Käse wird hierzulande groß geschrieben. Es gibt ihn sowohl wundervoll verziert am Stück als auch in Spaghettiform. Letztere ist ehrlich gesagt eher Spielerei und umständlich zu essen. Ich empfehle also das Stück. ;)

 

Foto Altstadt Breslau

 

Einen Abstecher wert

Sowohl Glatz und Umland, als auch Breslau sind durchaus besuchenswert! Die Altstädte sind sehr gut erhalten – in Glatz mit viel Vergangene-Goldene-Zeiten-Charme, in Breslau aufgebrezelt.

Tatsächlich ist Breslau nämlich Kulturhauptstadt Europas 2016 und hat neben der wunderbaren Symbiose aus historischer und moderner Architektur einige kulturelle Schmankerl auf Lager. Und da ist noch nicht die Rede von den kleinen Zwergen, die überall in der Stadt aufgestellt sind (für leidenschaftliche Sammler: Es gibt mittlerweile über 300 von ihnen.)

Falls du also spontan im Sommer einen kurzen Ausflug machen möchtest, warum nicht nach Breslau?

Alles Liebe,

Philipp