Bin ich jetzt Straight Edge?

Diese Frage stellte sich mir jüngst. Genau genommen stellte sie mir ein Freund. Naja, er stellte es eher fest, als dass er fragte. Doch was bin ich denn nun?

Jedes Kind braucht einen Namen, sagen und praktizieren wir so gern. Wo wir gehen und stehen, bedarf es Definitionen. Irgendwie typisch Deutsch. Interessanter Weise kam besagter Kommentar von einem Israeli. Also ist es vielleicht auch einen Menschending.

Ich musste erstmal nachsehen, was genau Straight Edge heißen soll. Ich hatte das zwar schon mal gehört, halte mich selbst aber weder für straight, noch für kantig. Und das Internet (aka Wikipedia) sagt:

  1. Die Straight Edge Bewegung entsammt einer Gegenbewegung des Hardcore-Punks, als sich einige Jugendliche darauf besannen, dem in der Szene üblichen Drogenkonsum zu entsagen.
  2. Die Pfähler der Bewegung Don’t smoke / Don’t drink / Don’t fuck entstammen dem Lied Out of Step von Minor Threat.
  3. Als Symbol gilt das Kreuz auf der Hand, das damals Minderjährige in Clubs bekommen hatten, um für die Barkeeper zu kennzeichnen, ihnen nichts Alkoholisches auszuschenken.

Bezüglich genauem Inhalt und der Bedeutung ist man sich dann sowohl außer-, als auch innerhalb der Szene uneins. Entgegen der Textzeile gibt es zwar einen Konsens darüber, dass auch andere Drogen als Nikotin und Alkohol abgelehnt werden, bei manchen ist dann aber doch nicht klar, ob sie in Ordnung sind oder nicht. Koffein beispielsweise. Und über Zucker habe ich da bisher noch gar kein Wort gelesen.

Was Sexualität anbelangt leben die wenigsten komplett enthaltsam, lehnen aber bedeutungslosen Sex zur rein physischen Bedürfnisbefriedigung ab. Vegetarismus und Veganismus wurden ursprünglich gar nicht bedacht, zeitweise jedoch von einer Gruppe Straight Edgern ins Lebenskonzept übernommen.

Und was ist nun mit mir?

Ich tue mich seit jeher schwer mit einer Kategorisierung von Menschen und finde ebendiese auch weder gut, noch notwendig. Wir haben allesamt mehr Facetten, als sich je in einem Modell abbilden ließen. Und dennoch versuchen wir Menschen stets, die Wirklichkeit in Schubladen zu zwängen.

Und was fällt uns als Mensch dazu ein? Subkategorien! Es scheint uns so unglaublich schwer zu fallen, außerhalb der vertrauten Normativität zu denken. Deshalb verwundern mich solche Fragen wie „Kein Alkohol? Und kein Zucker? Wie hast du überhaupt Spaß im Leben?!“ schon längst nicht mehr.

Ich brauche solche Kategorien nicht. Ich esse, was ich möchte, ich trinke, was ich möchte, ich liebe, wen ich möchte. Und das ist auch der springende Punkt: Ich verzichte auf Alkohol und Zucker, weil ich es so will. Deshalb fällt es mir auch nicht schwer. Und ich weiß: Wenn ich wollte, könnte ich es jederzeit wieder genießen. Tee trinke ich ja schließlich auch noch. Ganz zwanglos.

Ich habe nicht einmal etwas gegen Drogenkonsum. Wenn ich mir im Internet Erfahrungsberichte durchlese, kann ich total gut nachvollziehen, warum Menschen sich den Risiken aussetzen, die mir zu heikel sind. Ich halte es sogar für unangebracht, Drogen zu verbieten. Hat noch nie etwas gebracht. Die Leute tun, was sie wollen, ob legal oder nicht. Also lasst sie doch. Urteilsfrei.

Apropos: Entgegen aller Vorurteile gibt sehr viele Drogenkonsumenten, die ein gewöhnliches Leben auf die Reihe bekommen. Und damit meine ich nicht die autoanonymen Alkoholiker unter uns. Achte einfach mal genauer auf dein Umfeld.

Wie können wir als Gesellschaft unseren Kindern gegenüber rechtfertigen, dass es OK ist,  bei Frust den Körperfettanteil mit Schokolade, Eis und Chips zu nähren, um herunterzukommen, unsere Lunge zu teeren, wenn wir Stress haben, Feierlichkeiten einleiten, indem wir unsere Gehirnzellen weg ballern, und gleichzeitig Menschen, die Amphetamine konsumieren, ins Gefängnis stecken, während wir es Kindern mit ADHS als Medizin verschreiben?

Gleiches Recht für alle? Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, Freunde.

2 Kommentare

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  1. Hallo Philipp!

    So lerne ich dazu – ich kante den Begriff nämlich bis jetzt auch noch nicht. Ähnlich wie Du habe ich etwas gegen Schubladisierungen, das ist vermutlich auch die einzige Schublade, in die ich passen würde, die Schublade derer, die in keine Schublade passen.

    Ein spannendes Thema, obwohl ich gestehen muss, dass ich dem Drogenkonsum gegenüber noch immer sehr kritisch gegenüber stehe. Auch wenn ich Beispiele kenne, wo es scheinbar klappt, bin ich mir nicht sicher, ob das auch dauerhaft so funktionieren kann.

    Das bezieht sich allerdings sowohl auf legale als auch illegale Drogen.

    lg
    Maria

    • Hey Maria,

      ich finde es gut, dass du sowohl Schubladisierung, als auch Drogenkonsum kritisch hinterfragst! Ich halte Drogen auch nicht für eine dauerhafte Lösung. Ich würde mir nur mehr Ehrlichkeit und Offenheit im Umgang mit ebendiesen wünschen.

      Lieber Gruß,
      Philipp

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