Seit einiger Zeit versuche ich, in meinem Alltag eine gewisse Art von Gleichmäßigkeit zu etablieren – bisher erfolglos. Liegt das nur an mir oder gibt es dahinter womöglich sogar eine Art von Naturgesetz?

Viele Menschen, da nehme ich mich selbst nicht aus, sehnen sich nach Stabilität. Die Wirtschaft soll stabil sein. Einige wünschen sich geregelte Routinen, denn das befriedigt unser Bedürfnis nach Sicherheit ebenso wie das vermeintliche Wissen, dass keine wirtschaftliche und in folglich existenzielle Krise droht.

Die Idee dahinter ist simpel: Struktur schafft Sicherheit und Effizienz. Denn einerseits hilft es, sich in trubligen Zeiten auf Rituale zurückbesinnen zu können und sich an Ordnungen als Stütze festzuhalten. Andererseits spart es ungeheure Mengen Energie, sich nicht jeden Tag neu überlegen zu müssen, was man wann tut.

Wie gern denkt man da an die Schul- und Studienzeiten zurück, in denen man zwei Mal im Jahr einen Stundenplan erhalten hat, der konkret vorgegeben hat, was man wann zu tun hat! Festangestellte mit festen Arbeitszeiten profitieren zumindest in der Hinsicht auch davon, dass die von extern bestimmten Arbeitszeiten ihren Tagesrhythmus ein Stück weit diktieren. Kann man mögen oder nicht – ich sehe hier Vor- und Nachteile.

Bekanntermaßen mag ich Abwechslung gern und habe mich sehr bewusst für einen unsteten Lebensstil mit häufigen Ortswechseln und vielen Ungewissheiten entschieden. Mit Gleichmäßigkeit im Alltag wird es da jedoch oft schwer. Das gilt natürlich für Routinen. Denn, während ich viel unterwegs bin, bleiben die für gewöhnlich auf der Strecke. Es gilt aber auch für mein Bestreben, täglich dasselbe Niveau an Leistung zu bringen. Vermutlich brauche ich es nicht erwähnen, aber: In der Praxis funktioniert das nie.

Selbst, wenn ich nicht so viel unterwegs wäre, würde es wahrscheinlich nicht klappen. Denn wir Menschen sind keine Maschinen. Es gibt gute und schlechte Tage. Unsere Gesundheit, Hormone, Gefühle, Schlafqualität und Energielevel schwanken. Darüber hinaus funktionieren wir auch nicht isoliert, denn wir leben in einer Gesellschaft. Dort gibt es Phasen, in denen mehr los und man stärker gefordert ist als in anderen.

Auch in der Natur schwankt alles gewaltig: Die Länge der Tage über das Jahr verteilt, Niederschlagsmenge und Temperaturen während der Jahreszeiten, Populationszahlen von verschiedenen Tierarten und so fort. Insbesondere das letzte Beispiel führt uns exzellent vor Augen, dass unsere Definition von Gleichmäßigkeit womöglich manchmal zu kurzsichtig gedacht ist:

Nehmen wir in der Ökologie die vereinfachte Wechselbeziehung zwischen Raub- und Beutetieren, stellvertretend Löwin und Antilope, stellen wir fest, dass die Populationen der beiden in Abhängigkeit zu einander stehen. Je mehr Antilopen es gibt, desto mehr Nachwuchs können die Löwinnen ernähren. In der Folgegeneration gibt es entsprechend mehr Löwinnen, die die Antilopen jagen, die wiederum mehr Nachkommen durchbringen können. Das setzt sich fort, bis nicht mehr ausreichend Futter für all die Löwinnen vorhanden ist. Daraus resultierend verhungern einige, es werden schließlich weniger Nachkommen aufgezogen, die Population der Raubtiere sinkt. Folglich kann sich die Antilopenpopulation erholen, denn sie werden nicht mehr so stark bejagt. Generation für Generation wächst die Anzahl, bis die Löwinnen wieder überhand nehmen. So setzt sich der Kreis fort.

Das ist freilich stark vereinfacht, weil wir die beiden Populationen isoliert betrachten, ohne auf andere Einflüsse wie den Menschen oder Klima einzugehen. Das nehme ich zur Veranschaulichung jedoch in Kauf: Würde man die Populationen über den Lauf der Zeit grafisch darstellen, sähe man zwei zueinander versetzte Wellenlinien, also ein stetiges Auf und Ab. Ganz nah dran sieht es so aus, als gäbe es keine Gleichmäßigkeit. Doch von je weiter weg man die Kurve betrachtet, desto deutlicher wird: Es gibt einen Durchschnitt, nämlich die Mitte zwischen den Extremen. Die ist umso deutlicher zu erkennen, je größere Zeiträume man überblickt. Wenn man weit genug rauszoomt, werden sogar die Kurven zu einer Linie. 😉

Mit der Wirtschaft verhält es sich ähnlich. Es kann nicht immer nur bergauf gehen. Ab und zu steht eine Krise an. Doch das ist nicht das Ende der Welt. Gleichermaßen kann es uns nicht jeden Tag gleich gut gehen, auch wenn sich das manche wünschen mögen. So viele Ereignisse nehmen Einfluss auf unser Befinden. Umso besser es uns emotional geht, desto größer wird die Fallhöhe im Anschluss, wenn es bergab geht. Das wird bei Endorphinfluten, wie sie ausgeschüttet werden, wenn wir uns verlieben, besonders deutlich. Nämlich dann, wenn die Gefühle nicht erwidert oder wir anderweitig enttäuscht werden. Aber wäre so ein Leben ohne Ausschläge überhaupt lebenswert?

Über kurz oder lang bewegt sich alles zwischen Polen, die Extreme darstellen. Auch unsere Leistungsbereitschaft. In diesem Sinne ermahne ich mich selbst, entspannter damit umzugehen, wenn ich an manchen Tagen bei weitem nicht so produktiv oder effizient bin, wie ich gern wäre. Konstante Stabilität gibt es nicht, weder in der Natur, noch in der von uns Menschen geschaffenen Realität. Das ist allerdings keine Absage daran, nach Möglichkeit Routinen zu etablieren. Denn die können ja dennoch gerade dann Stütze sein, wenn es mal stärkere Ausschläge gibt.

Außerdem habe ich noch ein paar Einsichten erlangt. Natürlich mag es zunächst ernüchternd klingen, dass wir per Natur nicht immer abliefern können. Nun kann man gegen diese Tatsache ankämpfen oder sie in ein mächtiges Werkzeug transformieren:

  1. Wenn wir zu einem bestimmten Zeitpunkt mit voller Kraft Einsatz zeigen möchten, können wir die Wahrscheinlichkeit, dass dies gelingt, erhöhen, indem wir uns vorher den Gegenpol gönnen: Viel Ruhe und Erholung.
  2. Wenn wir uns dessen bewusst werden, wo im Leben unsere Priorität liegt, können wir dort gezielt mehr Kraft investieren. Die nötige Energie dafür beziehen wir aus anderen Bereichen, die uns weniger am Herzen liegen, indem wir dort wesentlich weniger Kraft investieren – insofern sie sich nicht komplett eliminieren lassen.
  3. Wenn wir mal wieder einen emotionalen Hänger verzeichnen und keine Motivation aufbringen können, dürfen wir uns sicher sein, dass bessere Zeiten folgen werden.

Am Ende ist alles eine Frage der richtigen Balance.

Wie stehst du zu Gleichmäßigkeit im Alltag? Wie wahrst du die Balance? Und woher gewinnst du Energie, wenn du mal mehr geben musst? Teile es gern in den Kommentaren?

Alles Liebe
Philipp