Der andauernde Kampf zwischen Analog und Digital

Immer mehr physische Dinge werden digitalisiert. Das spart auf den ersten Blick Ressourcen und Platz. Doch was ist mit den Vorteilen von analogen Dingen? Ein Plädoyer für mehr Ausgewogenheit.

Zu Beginn möchte ich sagen, dass ich Digitalisierung keinesfalls feindlich gegenüberstehe. Im Gegenteil, ich erfreue mich sogar selbst an ihren Vorteilen und stehe Neuheiten neugierig gegemüber. Das liegt natürlich auch an der Tatsache, dass ich aus dem Rucksack lebe. Je weniger physische Dinge ich bei mir trage, desto leichter ist mein Gepäck! (Und desto freier fühle ich mich.)

Gerade der Ressourcen und des Platzes wegen erfreuen sich Minimalisten wie Nomaden an Digitalisierung. Sogar der Begriff Digitale Nomaden ist daraus entsprungen.

Allerdings hat die Medaille auch hier zwei Seiten. Und ich möchte im Folgenden einmal auf die Aspekte der schmutzigen Seite eingehen.

Für jeden Anlass ein Gerät

Während einer der großen Vorteile von Digitalisierung sicherlich darin liegt, dass man multifunktionale Geräte nutzen kann, welche mehrere analoge Kollegen vereinen, wie bei einem Smartphone beispielsweise, erfreuen sich Tech-Konzerne höherer Verkaufszahlen, weil sie dennoch für jeden Anlass ein Gerät anbieten. Um beim Beispiel zu bleiben: Smartphones sind wesentlich mobiler als Stand- oder Klapprechner. Allerdings gibt es bestimmte Anforderungsbereiche, in denen einen größeres Display besser ist. Was fällt uns da ein? Tablets! Und für alle Gebiete, wo das Smartphone nicht mobil genug ist, gibt es Technologie für  das Handgelenk in Form von Smartwatches.

Nun sieht ein Mensch mit Technologie an allen Enden nicht nur aus wie ein Cyborg, ich frage mich auch, ob das denn nun wirklich nötig ist. Klar sind solche Geräte für bestimmte Menschen nützliche Werkzeuge. Wenn der Mehrwert beim Erstellen von Inhalten jedoch ausbleibt, werden all die Spielereien schnell zur Ablenkung. So ist auch ein Smartphone nicht zwingend die minimalistische Lösung für jedermann.

Wenn ich mir ein Gerät dazu hole, dessen Zweck bereits von einem anderen Gerät abgedeckt wird, heißt das gleichzeitig, dass ich eben dieses andere Gerät weniger nutze. Das liegt in der Natur endlicher Ressourcen aka meine Zeit.

Ich stelle mir persönlich außerdem gern die Frage:

Wie ging das früher nur?

Bevor es all die smarten Gerätschaften gab, haben es die Menschen auch irgendwie fertig gebracht, Kunstwerke zu schaffen, zu kommunizieren, andere Menschen kennenzulernen und sonstig durch das Leben zu kommen.

Was heute oft auf berührungssensitiven Bildschirmen mit elektronischen Stiften konzipiert wird, hat man früher einfach auf Papier erledigt. Nun lässt sich natürlich argumentieren, inwiefern Papier oder Elektronik praktischer und umweltfreundlicher ist. Fest steht jedoch:

  • Während elektronische Geräte bewirken, dass wir weniger Papier verbrauchen (beispielsweise für eBooks), verschlingen sie dafür seltene Erden.
  • Von Papier kann ich ohne zusätzlichen Energieaufwand lesen. Bei Bildschirmen benötige ich zumeist Strom.
  • Ich kann sehr viel recyceltes Papier und Stifte kaufen, bevor ich auf die Summe für ein neues elektronisches Gerät komme.

So oder so werden jedoch Ressourcen für alles, was wir kaufen, benötigt. Deshalb meine ich, sollten wir uns wirklich ernsthaft fragen, ob wir das, was wir anstreben zu kaufen, wirklich wollen und brauchen. Denn:

Die nächste Generation kommt bestimmt

Und zwar zumeist in spätestens einem Jahr – mit besserer Hardware und noch mehr tollen, neuen Funktionen. Daher lohnt sich meines Erachtens der Augenmerk auf nachhaltiges Design. Das heißt einerseits, dass ich möglichst objektiv beurteile, ob ich mir Design unabhängig davon, was es noch auf dem Markt gibt, zusagt. Kleinste Details machen hier den Unterschied. Oft würde ich ein Objekt bereits deshalb nicht kaufen, weil mich eine Kleinigkeit am Design stört. Und warum sollte ich etwas kaufen, dass mich nicht auf ganzer Linie zufrieden stellt?

Ich informiere mich regelmäßig darüber, welche neuen technologischen Entwicklungen es gibt, auch wenn diese noch nicht auf dem Markt verfügbar sind. Beispiel Kamera: Ich bin auf der Suche nach einer Kamera und weiß bereits, welche Anforderungen sie erfüllen soll. Allerdings weiß ich auch, dass in wenigen Jahren Lichtfeldkameras den Markt erobern werden. Dann gibt es keine Verwendung für reguläre Objektive mehr, weil alle Einstellungen nachträglich am Rechner vorgenommen werden können werden. Andererseits ist die Technologie momentan noch nicht erschwinglich und portabel genug, als dass ich bereits darin investieren wollte. Dementsprechend gering ist meine Motivation, überhaupt Geld zu investieren.

Das kommt uns teuer zu stehen

Je mehr Technologie ich privat besitze, desto mehr finanziellen Wert trage ich mit mir herum, um den ich mich kümmern muss. Ich bin kein Freund von Versicherungen, doch Pflege, Upgradezyklen und Entsorgung fressen auch einige Ressourcen, die letztlich allesamt in einer münden: meiner Zeit.

Je mehr ich besitze, desto mehr kann ich verlieren. Wesentlich freier lebt es sich mit weniger. Das gilt insbesondere für Technik.

Und apropos Zeit: Wie viel davon bringen wir heutzutage eigentlich in dieser virtuellen Welt aus sozialen Netzwerk und digitalen Inhalten, wenn wir es zusammenrechnen? Meine Arbeit, sowohl finanzieller als auch privater Natur, geschieht größtenteils am Rechner. Gleiches gilt für das Belesen zu einem Thema, dem Schauen von Filmen, Hören von Musik und der Kommunikation mit Freunden – egal ob nah oder fern. Dabei möchte ich doch mehr Zeit in der echten Welt verbringen.

Was nützt es schon, ortsunabhängig zu leben, wenn ich dann doch die meiste Zeit in einem Raum vor einem Bildschirm verbringe?

Die Mischung macht’s

Kein Extrem ist eine gute Lösung. Aber ich wünsche mir mehr Ausgeglichenheit und werde diesbezüglich für mich selbst auch stärker darauf achten und meine Bildschirmzeit künftig planen.

Ich mag nach wie vor Analoges wie Digitales. Ich schätze, dass eine analoge Uhr nur durch das Aufziehen meinerseits läuft. Gleichzeitig kann ich das Ticken eines analogen Weckers nicht ertragen. Diese Einsicht hatte Aristoteles übrigens bereits vor mehr als 2000 Jahren:

Jede Tugend ist die rechte Mitte zwischen zwei Lastern.

Wie wahrst du die Balance zwischen Fortschritt und technischem Overkill? Bist du neugierig darauf, was die Zukunft bringt, oder lässt dich das völlig kalt? Schreib es mir!

Alles Liebe,

Philipp

4 Kommentare

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  1. Hallo Philipp!

    Sehr gedankenanregender Beitrag! Die Sache mit der Zeit beschäftigt mich ja schon länger. So geht es vermutlich ganz vielen Bloggern, dass die Zeit vor dem PC sich immer mehr dehnt und im Gegenzug dazu das reale Leben manchmal zu kurz kommt.

    Für mich ist es eine ganz gute Lösung immer wieder einmal eine Blogpause zu machen um Abstand zu bekommen. In dieser Zeit bekomme ich auch immer ganz viele Anregungen, worüber ich danach wieder bloggen kann :-)

    Der Spruch von Aristoteles gefällt mir, werde ich mir merken!

    lg
    Maria

    • Hallo Maria,

      wie schön, dass mein Beitrag zum Nachdenken anregt!

      Ich bekomme in weniger beitragsreichen Zeiten nicht nur Anregungen, sondern sortiere regelmäßig Beitragsideen aus. Die häufen sich sonst zu einem nicht-endenden Berg an, bei welchem ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.

      Lieber Gruß,
      Philipp

  2. Moin Philipp,
    ich bin sehr neugierig was es alles an Technisch machbaren in der Zukunft geben wird, aber ich weiß auch jetzt schon das ich vieles auf keinen Fall haben möchte. Denn alles von Technik abhängig machen kann ziemlich nach hinten los gehen. Denken wir nur mal an einen mehrtägigen Stromausfall. Da bricht doch das System zusammen. Und was ich auch überhaupt nicht möchte und mit einem unguten Gefühl beobachte ist dieser ganze Smartmist. Alles soll Daten sammeln und Vernetzt sein, schrecklich. Ich brauch keinen Kühlschrank der selbstständig einkauft, oder das ich meine Fenster von unterwegs auf und zumachen kann.
    Das ist der Weg zu immer mehr fremdgesteuerter Mensch, Marionetten des Systems ohne eigenes Denken.
    Das ist in meinen Augen gefährlich, das will ich nicht und da werde ich mich soweit möglich auch gegen wehren.

    Liebe Grüße
    Aurelia

    • Hallo Aurelia,

      da geht es mir ähnlich, wie dir! Es graut mir ja auch ein wenig vor der Idee, dass eines Tages jeder Mensch einen Chip implantiert bekommt, so wie es bei manchen Haustieren bereits jetzt der Fall ist. Oder dass sich eines Tages manche Menschen ihre Augen entfernen lassen, um stattdessen zwei Kameras zu haben, mit denen sie dann auch gleich alles aufzeichnen können. Das muss natürlich nicht so kommen. Andererseits nehmen wir smarte Geräte bereits anders wahr, als Menschen, die in den kommenden Jahren geboren werden. Für sie ist das selbstverständlich, denn sie kennen es ja nicht anders. Und wer lehnt sich dann dagegen auf?

      Lieber Gruß,
      Philipp

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