Der gute, alte Notgroschen

Seit der Währungsunion vor fast zwanzig Jahren ist der Begriff Groschen leider etwas aus der Mode gekommen. Der damit im Zusammenhang stehende Notgroschen erweist sich nützlicher denn je. Während meiner letzten Reise wurde ich wiederkehrend überrascht und durfte auf meiner wohl abenteuerlichsten Zugfahrt seit meiner letzten Interrail-Tour am eigenen Leib erfahren, warum wir trotz Währungsunion gut daran tun, ihn weiterhin in unsere Finanzen zu integrieren.

Entspanntes Reisen mag ich gern

Ich bin in Budapest und mache mich auf dem Weg zum Bahnhof. Ursprünglich hatte ich geplant, früher abzureisen, aber da ich bei der ungarischen Bahnreisegesellschaft online keine internationalen Tickets erwerben konnte, bin ich an keinen Zug gebunden und entscheide spontan, den Tag noch in der Donauperle zu verbringen. Immerhin gibt es noch ein paar Dinge, die ich mir anschauen möchte.

Ich fühle mich nach mehreren Abenden in Thermen gut entspannt und kann bequem von meiner Unterkunft im Zentrum zum Bahnhof laufen. Dass ich vom selben Bahnhof abfahre, wo ich auch angekommen war, habe ich zuvor im Internet extra geprüft.

Am Bahnhof angekommen, werde ich direkt mit der ersten Überraschung konfrontiert: Der Bahnhof hat sich binnen weniger Tage in eine einzige Baustelle verwandelt. Die Gleise finde ich rasch, aber wo ist der Ticketschalter? Ich begebe mich auf die Suche und werde schließlich fündig. Glücklicher Weise bin ich früher losgelaufen.

Überraschung Nummer 2: Das Personal hinter dem Schalter spricht kein Englisch. Vor zehn Jahren hätte mich das ehrlich gesagt in keiner Weise überrascht. Aber es ist 2020, ich befinde mich in der vielbereisten Hauptstadt eines Landes der Europäischen Union und die Menschen hinter diesen Schaltern haben zwangsläufig täglich mit internationalen Reisenden zu tun. Perplex darüber, dass Englischkenntnisse hier scheinbar nicht zu den Mindestanforderungen bei Bewerbungen gehören, versuche ich mich in der berühmten Kombination aus übertriebener Mimik, Gestik, international verständlichen Begriffen wie Bratislava und Ticket sowie der Unterstützung durch die Website der Bahnreisegesellschaft, um zu verdeutlichen, mit welchem Zug ich fahren möchte.

Das Rennen beginnt

Die Person hinter der Glasscheibe gibt mir zu verstehen, dass sie keine internationalen Tickets verkauft, der Schalter für internationale Tickets bereits (es ist vor 20:00!) geschlossen ist, und ich ohnehin am falschen Bahnhof bin. Anscheinen fahren alle Züge nach Bratislava von diesem einem Bahnhof, nur der letzte des Tages nicht. Dü-dümm.

Also sprinte ich nach draußen, erwerbe ein Ticket für die Straßenbahn und warte auf die nächste, nur um währenddessen festzustellen, dass sich das zeitlich nicht mehr ausgehen wird: Selbst wenn ich just in diesem Moment eine Bahn nehmen könnte, käme ich zwei Minuten vor Abfahrt an einem Bahnhof an, dessen Größe und Grundriss ich nicht kenne, weiß nicht, von welchem Gleis ich fahre, und besitze noch nicht mal ein gültiges Ticket. Es braucht eine andere Lösung. Ahhh!

Also begebe ich mich wieder in das Innere des Bahnhofs und versuche mein Glück an einem der Ticketautomaten. Mein Ziel Bratislava gibt es dort aber nicht als Auswahlmöglichkeit. (Es wäre technisch so einfach, internationale Tickets zu implementieren. Welches Abkommen oder welche andere Kleinigkeit verhindert gerade den Verkauf dieser Tickets?!)

Frustriert versuche ich es noch einmal am Ticket-Schalter, dieses Mal bei einer anderen Person. Auch sie spricht kein Englisch, teilt mir aber nach etwas Recherche unmissverständlich mit, dass es keine Züge mehr nach Bratislava gibt. Währenddessen versuche ich es noch einmal auf der Website der Bahnreisegesellschaft und stelle fest, dass es doch noch eine Verbindung gibt – mit Zwischenhalt. Hoffnungsvoll frage ich nach einer Fahrkarte zu besagtem Zwischenhalt, woraufhin ich auf einen Automaten verwiesen werde.

Parallel schnappe ich das Wort Bratislava von einem Pärchen am Schalter neben mir auf. Auch die beiden scheinen etwas verzweifelt, ich bin also nicht allein und verbünde mich mit den beiden. Ich erzähle ihnen von der Möglichkeit, einen Regionalzug nach Vac zu nehmen und dort in den gewünschten Zug nach Bratislava zu wechseln. Bei einer Umstiegszeit von sieben Minuten bleibt ein Restrisiko, in einer Kleinstadt festzuhängen, aber wir müssen alle noch am selben Tag in Bratislava ankommen und das bleibt unsere einzige Chance. Also erwerben wir gemeinsam Tickets nach Vac am Automaten und fahren los – immerhin sind wir jetzt wieder in Bewegung.

Spannung bis zum Schluss

Auf dem Weg plaudern wir ein wenig. Die beiden kommen aus Yaroslavl, einer über tausend Jahre alten Stadt nordöstlich von Moskau. Sie zeigen mir vielversprechende Fotos auf ihren Handys. Vielleicht wird das ja das nächste Reiseziel?

Kurz vor Ankunft in Vac fiebern wir schon wieder mit der Zeit. Unser Zug hat bereits fünf Minuten Verspätung. Beinahe wären wir deshalb einen Halt zu früh ausgestiegen. In Vac angekommen, rennen wir panisch von Gleis zu Gleis, um den EC nach Bratislava zu finden, doch keine Spur von ihm. Ist er schon wieder weg? Nein, noch nicht da: Endlich sehen wir ihn einrollen und spurten zum entsprechenden Gleis. Als wir nach Fahrkarten fragen, werden wir auf das Begleitpersonal am Ende des Zuges verwiesen. Auch wenn das Zugpersonal ebenfalls kein Englisch spricht, kann das russische Pärchen zumindest einen Teil der ungarischen Informationen verstehen. Das hilft ungemein.

Beim Begleitpersonal angekommen schließlich Überraschung Nummer 3, nachdem wir recht umständlich erklären, warum wir kein Ticket haben: Es gibt keinerlei Möglichkeit mit Kreditkarte oder anderen digitalen Zahlungsmitteln zu zahlen. Das mit mir leidende Pärchen verfügt über keinerlei Bargeld – sie zahlen sonst alles mit ihrem Handy. Ich habe noch zwanzig Euro und ein paar ungarische Forint, was zwar für mein eigenes Ticket, aber nicht für uns drei genügt. Der Reisebegleiter rechnet hin und her, nimmt einen Großteil meiner Forint sowie meine zwanzig Euro, gibt mir zehn zurück und gestikuliert, dass das so passt. Er verschwindet für ein paar Minuten und teilt dem Pärchen schließlich mit, er habe mit den slowakischen Kollegen telefoniert. Wir könnten bis Bratislava mitfahren. Erleichtert atmen wir auf, doch mir fällt auf, dass wir gar kein Ticket erhalten haben. Als ich nachfrage, verabschiedet sich der Reisebegleiter und entschwindet in die Nacht.

Kurz nach der Grenze tritt die slowakische Kollegin ins Abteil. Ein Telefonat hat es nicht gegeben. Der “Kollege” hat das Geld wohl für sich behalten. Also erklären wir dir Situation von vorn. Auch sie rechnet hin und her, überlegt wie wir mit dem wenigen Bargeld, das wir noch haben eine Lösung finden können. Genügend Euro haben wir nämlich nicht mehr, Kreditkarten kann auch sie nicht bedienen und mit Forint kann sie überhaupt nichts anfangen.

Und hier kommt der Notgroschen ins Spiel.

Warum wir alle einen Notgroschen brauchen – jederzeit

Die Geschichte des Groschens ist für sich interessant, würde hier jetzt aber zu weit führen. Während meiner Kindheit war der Groschen das Zehntel einer D-Mark. Umgerechnet entspräche das heute fünf Cent und würde kaum etwas nützen. Doch wenn es man es im übertragenen Sinne als ein Zehntel des Einkommens oder Budgets versteht, offenbart sich die eigentlich Funktion: Leg lieber 10% des Geldes zur Seite, um in Notfällen noch handlungsfähig zu bleiben.

Diese Handlungsreserve ist nicht nur auf Reisen essentiell, sondern kann sich auch in Notlagen im Alltag, beispielsweise durch Pandemien verursachte Krisen, als rettend erweisend. Das setzt aber voraus, dass man nicht über, sondern mit oder sogar unter den eigenen Verhältnissen lebt. Wenn wir nämlich stets alles Geld, das uns zur Verfügung steht, restlos verpulvern, haben wir nie die Möglichkeit, einen solchen Notgroschen zur Seite zu legen.

Auf Reisen wird das besonders deutlich, denn wir können uns nicht darauf verlassen, dass überall dieselben Standards gelten, wie in Deutschland. Hierzulande sind wir freilich recht verwöhnt: Alles ist jederzeit verfügbar, entweder im Geschäft oder online mit Lieferservice. Wir können jederzeit auch ohne Bargeld bezahlen (Berlin mag eine Ausnahme sein, aber auch hier nimmt elektronische Bezahlung zu). In anderen Ländern wird das aber eben anders gehandhabt. Wie stark anders habe ich auf dieser Reise besonders gemerkt, obwohl ich sogar Zeit meiner Kindheit damit aufgewachsen bin:

  • Es wird nur Ortssprache gesprochen. Alles andere läuft mit “Händen und Füßen” (und damit ist keine Gewalt gemeint ;)).
  • Geschäfte und Schalter schließen 18:00 – im Grunde reicht das ja auch, wenn man es weiß.
  • Nur Bares ist Wahres – früher kam Bezahlung mit Karte mal mit einem Aufpreis daher.

Auch wenn wir es mittlerweile gewohnt sind, alles via Handy oder Karte klären zu können, schadet es nicht, für Situationen gewappnet zu sein, in denen dies keine Option darstellt – entweder auf Reisen oder auch im Alltag zu Hause. Freilich ist es unwahrscheinlich, dass bundesweit das Internet oder Stromnetz ausfällt. Aber falls es eintritt, kann plötzlich niemand mehr bezahlen. Außer, man hat vorgesorgt und etwas Bargeld zur Seite gelegt.

So ein Notgroschen muss auch gar nicht zwingend Bargeld sein. Es gibt genügend andere Notsituationen, in denen es hilfreich ist, über finanzielle Reserven zu verfügen: Arbeit weg, Kundschaft weg, kein Anspruch auf Sozialleistungen, nicht durch Versicherungen abgedeckte haftbare Schäden oder andere unvorhersehbare Katastrophen wie Dürren, Feuer, Fluten, Pandemien, Vulkanausbrüche oder Wirbelstürme.

Mehr Glück als Verstand

Zurück zur Geschichte im Zug: Letztendlich teilt uns die Reisebegleiterin mit, sie hoffe, dass kein anderer Kollege in unser Abteil kommt. Sie “übersieht” uns einfach. Tatsächlich kam niemand sonst.

Letztlich zahlen wir so sogar weniger als für reguläre Tickets, doch die Reisebegleiterin will kein Geld. Wir können ihr gar nicht genug danken und sind überglücklich, es doch noch nach Bratislava zu schaffen. Dass diese Geschichte gut ausging, war schieres Glück. Angesichts des ungewissen Ausgangs und all der Nerven, ist es fraglich, ob es wirklich ein günstigerer Preis war. Doch gelernt fürs Leben haben wir eine Menge.

Wie sorgst du für Notlagen auf Reisen und zu Hause vor? Legst du einen Teil deines Geldes zurück? Oder hast du andere Mechanismen? Teile es uns gern in den Kommentaren mit.

Alles Liebe
Philipp

2 Kommentare

Antworten →

  1. Tolle Geschichte! Wie so oft ein toller Beitrag von dir :)
    Ich musste da sofort an meine Reise nach London – just ein Wochenende bevor CoViD-19 akut in Österreich wurde – denken. Ich brauchte kein Bargeld, die ganze Reise nicht. Es konnte alles mit Karte bezahlt werden – in jedem Pub und auf jedem Standl in den Märkten wo ich etwas erworben habe. Das hat mich total überrascht.
    Ja das mit dem Notgroschen ist wirklich interessant, insbesondere jetzt in der Krise wo es dann wirklich schlagend wird. Anscheinend hat kaum ein Unternehmen einen Notgroschen hier in Österreich – die Halbwertszeit bis einem das Geld ausgeht liegt bei 2-4 Wochen. Dazu gab es einen Zeitungsartikel, weiß aber leider nicht mehr in welchem Zeitungsmedium. Das ist nicht wirklich lange.
    Wie es an sich die Leute handhaben weiß ich nicht, an sich heißt es man sollte 3 Netto Monatsgehälter als eiserne Reserve haben um für Jobverlust etc. gewappnet zu sein.
    Ich muss zugeben, meine eiserne Reserve ist etwas zusammengeschrumpft, wir haben vor 3 Jahren Haus gebaut und der Reservenbeutel hat sich noch nicht ganz davon erholt ;)
    Aber CoViD-19 zeigt, das es vielen so geht, von der Hand in den Mund und ohne Reserven. Man merkt, wie wenig man in der Schule und auch durch die Eltern über Geld und dem Umgang – und damit fürs Leben lernt. Ich nehme mich da selbst nicht aus, ich bin da auch kein zwingendes Vorbild. Bei mir ging sich nur bis jetzt alles immer gut aus.
    LG

    • Hallo Anna,

      schön, dass sie dir gefällt. :)

      Wie viele Menschen und Unternehmen wohl über keine Reserven verfügen, finde ich auch besorgniserregend. Ich bin im Grunde erst letztes Jahr so richtig in mein Berufsleben gestartet und habe deshalb entsprechend auch keine Zehntausende von Euros in der Hinterhand. Umso schockierender finde ich, wenn ich dann im Kollegium höre, dass manche direkt Privatinsolvenz in Betracht ziehen. Natürlich kenne ich nicht die Umstände, in denen die jeweiligen Personen leben.

      Im Grunde sehe ich nur zwei mögliche Gründe (vielleicht fallen ja anderen noch weitere ein): Einerseits zu niedrige Löhne und andererseits zu hohe unnötige Ausgaben. Lebenslehre fände ich als Fach auch sinnvoll – oder würde man das dann Haushaltslehre nennen?

      In jedem Fall können wir daraus für die Zukunft lernen, künftig besser Acht zu geben. :)

      Lieber Gruß
      Philipp

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