Feiern auf Jüdisch

Trotz all meiner Zeit in Israel war mir bis dato nicht vergönnt, bei einer Bar Mitvah hautnah dabei zu sein. Das hat sich nun geändert, denn ich wurde zu einer eingeladen. So etwas hatte ich im wahrsten Sinne des Wortes noch nicht erlebt!

Bei all den jüdischen Feiertagen, die ich in Israel schon miterlebt hatte, war es doch verwunderlich, dass ich B’nai Mitzvah bisher nur aus der Ferne in Jerusalems Altstadt begutachten konnte. Gerade dort werden nämlich besonders gern in unmittelbarer Nähe zur Klagemauer abgehalten. Doch beginnen wir von vorn mit der Frage:

Was ist eine Bar Mitzvah?

Im Grunde das jüdische Äquivalent zur Jugendweihe (atheistisch), Konfirmation (christlisch-evangelisch) und Firmung (katholisch) – ein Ritual zur Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen. Dieses findet im Gegensatz zu diesen jedoch zum 13. Geburtstag der Feiernden statt. Traditioneller Weise heißt die Feier bei Mädchen Bat Mitzvah und wird bereits zum 12. Geburtstag begangen. Aus dem Hebräischen übersetzt bedeutet der Name Sohn bzw. Tochter der Gebote, was schon impliziert, welche Bedeutung dieses Ereignis im jüdischen Leben hat: Mit der Vollendung des 13. bzw. 12. Lebensjahrs, sollen Menschen angehalten sein, die Gebote der Torah zu befolgen und tragen fortan selbst die Verantwortung über ihr Handeln.

Neben Brit Milah (der jüdischen Beschneidungszeremonie am achten Tag eines Jungen), Hochzeit und Trauerfeier sind Bar bzw. Bat Mitvah die großen Familienfeste im jüdischen Kulturkreis. Grund genug also, die Chance, solch eine zu erleben, mitzunehmen.

Wie komme ich dazu?

Berechtige Frage, wo ich doch (zumindest so weit ich weiß) nicht mal jüdischer Abstammung bin und mich öffentlich kritisch gegenüber Religion ausspreche. Tatsächlich impliziert “jüdisch sein” nicht nur eine Religion, sondern allem voran eine kulturelle Identität. Da mein Herzblatt als Israeli ebendiesen kulturellen Hintergrund hat, auch wenn es Religion ebenso kritisch gegenübersteht wie ich, wird es in aller Regelmäßigkeit zu Feierlichkeiten in der Familie eingeladen. Als sein Partner kam mir heuer auch eine Einladung zu.

Wenn im Judentum allerdings von Familienfeiern die Rede ist, sind diese keineswegs so beschaulich und in vertrautem Kreis, wie ich das aus deutschen Verhältnissen gewohnt bin. Ja, früher hatten meine Urgroßeltern regelmäßig zum Cousin- und Cousinentreffen geladen und Familienfeiern waren entsprechend groß. Dass allerdings auch alle Familienmitglieder zweiten und dritten Grades inklusive derer Familien extra aus mehreren Ländern anreisen, hat es damals nicht gegeben. Das hängt natürlich auch mit der jeweiligen Familiensituation zusammen. Es ist keine Seltenheit, dass jüdische Familien über mehrere Länder verteilt leben, und zu großen Teilen gar historisch bedingt.

Tradition trifft Moderne

Wie üblich bei religiös begründeten Zeremonien haben sich im Laufe der Zeit Brauchtümer herausgebildet. Im Gegensatz zu abendländischen Aufnahmezeremonien dauert eine Bar bzw. Bat Mitzvah nicht nur einen Tag, sondern unter Umständen ein ganzes Wochenende. Zumeist wird das Wochenende nach dem 13. bzw. 12. Geburtstag gewählt, welches mit dem Schabbat beginnt. Entsprechend wird das feierliche Wochenende mit einem ebenso festlichen Mahl eröffnet. Essen ist übrigens ein Thema, dass sich durch diesen Post ziehen wird, wie ein roter Faden, weshalb ich bereits vor der Reise beschlossen hatte, dass es sich um eine anderthalbwöchige Cheatcation handeln wird.

Klassischer Weise liest man Samstag Morgen beim Gottesdienst in der Synagoge nach vorangegangenem Torah-Studium vor der Gemeinde aus der Torah. Freilich fällt das Israelis, die mit Hebräisch als Muttersprache aufgewachsen sind, wesentlich leichter. Andererseits erscheint es mir ein netter Bonus zu sein, gleich noch eine zusätzliche Fremdsprache zu erwerben. Zumindest für die persönliche Entwicklung bringt das sicher etwas. Darüber hinaus ist es üblich, dass sich die in den Kreis der Erwachsenen aufgenommene Person, thematisch mit dem gelesenen Text auseinandersetzt und eine Ansprache hält, wie sie die Zukunft aktiv mitgestalten und so zu einer besseren Welt beitragen möchte.

Letzteres halte ich persönlich für einen wesentlich wichtigeren Schritt auf dem Weg in das Erwachsenenleben als ein Schwur zugunsten einer religiösen Gemeinschaft. Und welchen besseren Zeitpunkt könnte es dafür geben, als die Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsenemalter? Kinder haben die Angewohnheit, überzeugt davon zu sein, alles in der Welt sei möglich, bevor sie durch gesellschaftliche Normen und Strukturen konform gemacht werden. Gleichermaßen ist das Jugendalter die erste Phase im Leben, in der sie zumindest in Teilen selbstbestimmt handeln können.

Während der gesamten Zeremonie fallen mir mehrere Dinge auf:

  1. Männer und Frauen sind nach wie vor räumlich getrennt, wenn auch nicht so streng wie an der Klagemauer durch einen Zaun.
  2. Der Rabbi ist seinem Auftreten nach zu urteilen entweder Hippie, schwul oder beides. In jedem Fall ist es schön, dass manche religiöse Gemeinschaften ein bisschen weniger engstirnig und exklusiv sind.
  3. Während der gesamten Zeremonie herrscht reges Kommen, Gehen und Getuschel. Während ich es von christlichen Gottesdiensten gewohnt bin, dass Ruhe geboten ist, wirkt ein Gottesdienst in einer Synagoge eher wie ein Markt, bei dem Geschäfte aller Art gemacht werden.

Als Abschluss der Zeremonie wird dem Geburtstagskind (oder sollte man eher Bar-Mitzvah-Kind sagen?) der Segen Gottes zugesprochen, bevor es mit Süßigkeiten beworfen wird. Ich hoffe, wir haben es nicht mit hard candy verletzt. :D

Essen ohne Ende

Freilich spielt wie bei den meisten Festen auch hier Essen eine wesentliche Rolle. So wurde direkt nach der Zeremonie die gesamte Gemeinde mit Häppchen versorgt. Für den engsten Kreis (von 80 Personen) ging es im Anschluss mit einem Lunch weiter, welcher vier Stunden andauerte, aus drei Gängen bestand und ebenfalls musikalische Darbietungen beinhaltet – alles im Garten hinter dem Haus der Gastgebenden. Im Gegensatz zum Schabbatdinner vom Vorabend, konnte man aus drei verschiedenen Desserts wählen. Es gab aber ausreichend, um alle zu probieren. Und natürlich gab es im Anschluss an die ohnehin schon süßen Nachspeisen auch noch anderen Süßkram.

Der Höhepunkte der Feierlichkeiten stellte letztlich die Party am Sonntag Abend dar – ebenfalls wieder mit reichlicher kulinarischer Verköstigung. Rückblickend könnte man meinen, dass die Gastgebenden sicherstellen wollten, dass zu keinem Zeitpunkt der Veranstaltung irgendwer auch nur im Ansatz den leichtesten Anflug von Hunger verspüren könnte. Entsprechend gab es bereits beim Empfang in der Lobby des Veranstaltungsortes Schnittchen sowie Sushi und mit Ente gefüllte Frühlingsrollen. Dass die Getränke inklusive waren, versteht sich von selbst.

Das tatsächliche Ausmaß der Party wurde mir erst bewusst, als die Pforten zum eigenen Veranstaltungsort geöffnet wurden und all die 200 – 250 Gäste ihre Plätze einnahmen. Mittig befand sich eine Bühne, auf welcher der Name des Feiernden in großen, leuchtenden Buchstaben prangte und sich sowohl eine Liveband als auch ein DJ einfanden. Diese eröffneten sodann lautstark die Party und hießen die gastgebenden Eltern willkommen, welche auf Stühlen durch die feiernde Menge getragen wurden. Im Anschluss betrat der Gefeierte von zwei leicht bekleideten Damen begleitet den Saal und ward direkt auf eine israelische Flagge geworfen und mit dieser inmitten der Meute in die Luft geworfen.

Auch wenn ich persönlich der Ansicht bin, dass die besten Partys spontan passieren, was bei solchen Veranstaltungen natürlich nicht möglich ist, kann ich guten Gewissens behaupten, dass bei jüdischen Feiern nicht lang gefackelt wird: Es braucht keine Aufwärmphase, um die müden Glieder auf die Tanzfläche zu schwingen, sondern man legt einfach los und tanzt – abgesehen von Unterbrechungen für Reden den ganzen Abend lang.

Damit die Kraft nicht nachlässt, gibt es natürlich, man ahnt es schon, ein Drei-Gänge-Menü, welches durch drei Desserts abgerundet wird. Ja, dieses Mal brauch ich mich gar nicht mehr entscheiden. Und weil danach ja noch ein Hüngerchen aufkommen könnte, gibt es im Anschluss noch einen Eiswagen und, wie ich am nächsten Morgen feststellen durfte, Lunchpakete für den Heimweg.

Was kostet die Welt?

Die Worte der Schwester meines Herzblatts fassen es ganz gut zusammen: “Diese Bar Mitzvah ist größer als meine Hochzeit.” – Das kostet natürlich auch. Wie viel genau, mag ich mir gar nicht vorstellen. Nicht ohne Grund ist man bei jüdischen Feiern anzuhalten, zumindest so viel Geld zu schenken, wie man die Gastgebenden kostet. Da überlegt man sich schon zwei Mal, welche Feierlichkeit man sich leisten kann, zu besuchen. Zumal es noch jüngere Geschwister gibt, die eines Tages auch eine Bar Mitzvah feiern werden.

Aus Gastsicht entstehen natürlich ebenfalls zusätzliche Kosten. Während ich im Alltag eher entspannt mit der Neubeschaffung von Kleidung umgehe und sie gern trage, bis sie wortwörtlich nicht mehr tragbar ist, verträgt sich eine dreitägige Feier mit jeweiligem Dresscode überhaupt nicht mit meinem minimalistischem, alltagsorientierten Kleiderschrank – vom Reisen mit Handgepäck ganz zu schweigen. Dafür kann ich mich nun im Alltag an neuer Kleidung erfreuen. Alles andere fände ich auch schade, denn was nützen die schönsten Hemden schon, wenn sie nur ungetragen hängen gelassen werden?

Wie sähe mein ideales Aufnahmeritual in den Erwachsenenkreis heute aus?

In meinen Jugendjahren feierte ich wegen des kulturellen Hintergrunds meiner Familie zwar Konfirmation, empfinde es aus heutiger Sicht jedoch äußerst fragwürdig, junge Köpfe mit religiöser Doktrin zu tränken. Freilich gibt es die atheistische Jugendweihe, allerdings handelt es sich den Berichten meiner damaligen Schulkamerad.innen lediglich um eine öffentliche Veranstaltung Vergabe von Urkunden mit anschließendem Mahl im Kreise der Familie. Das halte ich für ungenügend. Durch das Erleben der Bar Mitzvah sind mir noch ein paar Ideen gekommen, welche Aspekte ich also einbringen würde:

  1. Die Ansprache
    Mir gefällt nicht nur die Idee, dass junge Menschen sich darin üben, vor Publikum zu sprechen, sondern allem voran, dass sie sich Gedanken darum machen, wie sie mit ihrem Leben die Welt bereichern wollen – und dies auch zum Ausdruck bringen.
  2. Die Feier im Kreise der Liebsten
    Ja, diese Feier war weitaus größer, als ich mir je hätte träumen können und dafür benötigt man als Eltern das nötige Kleingeld. Was mich allerdings wirklich umgehauen hat, war das Selbstbewusstsein, das ich so noch nie bei Dreizehnjährigen erlebt hatte. Dafür braucht es allerdings keine große Geldbörse, sondern vor allem Unterstützung von Familie und Freuden. Deshalb sehe ich auch überhaupt keinen Grund, warum eine solche Feier auf die Familie beschränkt werden sollte.
  3. Die kulturelle Weiterbildung
    In der Vorbereitung für dieses Ritual eine Fremdsprache zu erlernen, empfinde ich genial. Darüber hinaus war der Zelebrierte aber auch den Sommer vor der Feier in Israel für einen Freiwilligendienst. Dass ich Reisen als tragende Säule der Bildung eines Menschen betrachte, bedarf wohl keiner weiteren Betonung. Umso wichtige finde ich, Menschen schon in jungem Alter fremden Kulturen auszusetzen. Dies könnte beispielsweise auch in Form einer Bildungsreise im Anschluss an die Feier geschehen.

Meine drei Punkte für ein in meinen Augen ideales Aufnahmeritual in die Mündigkeit eint, dass sie allesamt zur Selbstwertsteigerung beitragen. Und jetzt stellen wir uns mal alle vor, was plötzlich möglich werden würde, wenn wir Kindern an der Schwelle zum Erwachsenenalter nicht einredeten, dass ihre Ideen für eine bessere Welt nicht möglich seien. Wie viel entspannter, freier, gerechter und nachhaltiger könnte unsere Gesellschaft sein, wenn wir stattdessen den Weg für den wichtigsten Glauben ebnen: Den, an die eigenen Fähigkeiten.

Für diese Erfahrungen und Einsichten bin ich äußerst dankbar. Doch womöglich spiegeln sich deine Erfahrungen mit B’nai Mitzvah darin gar nicht wieder. Umso mehr freue ich mich darüber, wenn du sie teilst.

Alles Liebe
Philipp

2 Kommentare

Antworten →

  1. Hallo Philipp,

    wieder mal ein gelungener und informativer Beitrag. Ich habe selber keine Erfahrungen mit einer B’nai Mitzvah. Zumindest nicht in diesem Sinne.
    Ich wurde als Baby getauft und dann auch mit 14 konfirmiert. Meine Eltern haben mir damals die Wahl gelassen, ob ich das möchte oder nicht. Also die Konfirmation. Während sich vieler meiner Mitkonfirmanden aufgrund der Geschenke dafür entschieden habe, war bei mir viel mehr die Möglichkeit eine Patenschaft zu übernehmen und/oder einer kirchlichen Trauung der Auslöser um mich dafür zu entscheiden. Ich bin zwar nicht sonderlich religiös, gehe auch nicht regelmäßig in die Kirche, finde aber gewisse Traditionen doch sehr schön. Natürlich kann man auch vieles in ähnlicher Form ohne Kirche umsetzen. Wer benötigt schon ein Schriftstück um für ein Kind da zu sein? (Patenschaft) und die Trauung kann auch frei erfolgen. Trotzdem habe ich für mich das Gefühl, dass es nochmal “offizieller” ist, wenn es über die Kirche geht. Letztendlich war meine Entscheidung auch gut, denn ich habe inzwischen von beiden Möglichkeiten Gebrauch gemacht :-) (Den Aspekt der kirchlichen Bestattung lasse ich nun mal weg. Aber auch diesen finde ich nicht ganz unerheblich….) Vielleicht bin ich doch ein klein wenig religiös.
    Wie dem auch sei. Ich bin der Meinung, dass man den Kindern durchaus die Wahl lassen sollte, ob man die Konfirmation möchte. Ich kenne auch viele, die mit der Taufe warten, bis die Person selbstständig entscheiden kann. Wobei ich es hier persönlich eigenartig finde, mich im Erwachsenen- oder Jugendalter taufen zu lassen. Aber auch das ist eine persönliche Einstellung von mir.
    Dass man den Übergang in das Erwachsenenleben gebührend feiert finde ich eine schöne Tradition und auch, dass derjenige eine Rede/Vortrag halten muss. Das ist bei uns ja doch nicht so der Fall. Auf meiner Konfirmation habe ich damals nicht wirklich etwas gesagt und zu meinem 18. Geburtstag “durfte” ich dann spontan ein paar Worte sagen. Sagen wir es so – es ist nicht meine Stärke :-)
    Ich finde es schön, dass du dich auch mit fremden Kulturen und Traditionen beschäftigst und diese auch persönlich kennenlernst und nicht nur aus Büchern und hören-sagen!
    Viele liebe Grüße,
    Nicole

    • Hallo Nicole,

      vielen Dank für deine Rückmeldung und deinen ausführlichen Kommentar!

      Über den Aspekt der Patenschaft habe ich noch nicht nachgedacht: Meines Wissens ist die vor allem in christlich geprägten Kreisen verbreitet, aber wie gestaltet sich das in atheistischen Gemeinschaften rechtlich? Im christlichen Sinne geht ja es allem voran auch darum, eine Leitfigur bzw. Vorbild zu sein und dem Patenkind den christlichen Glauben zu vermitteln. Aber hat das im Todesfall der Eltern tatsächlich Relevanz? Ich recherchier das mal.

      Lieber Gruß
      Philipp

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