The Shabbat Experience

Zugegebenermaßen ist es anfangs etwas befremdlich, dass hier in Israel an Schabbat scheinbar gar nichts geht. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Denn, wenn man weiß wo, kann man auch an Schabbat Werktag haben: Man muss nur die richtigen arabischen Läden kennen und schon ist jedes Wochenende wie unter der Woche.

Ich musste allerdings feststellen, dass mir das gar nicht gut tut.  Viele Pläne und Projekte erfordern eben auch viel Energie. Deshalb soll man am letzten Tag ruhen. Gesagt, getan?

Natürlich habe ich nicht gar nichts gemacht. Das macht der jüdisch-religiöse Teil der Bevölkerung hier übrigens auch nicht. Aber ich habe geschaut, was mir den größten Teil meiner Aufmerksamkeit, Zeit und damit verbunden Energie raubt.

Das war bei mir naheliegend: Da ein Großteil meiner Arbeit digital abläuft, nehmen elektronische Geräte bei mir den größten Teil meiner Zeit und Aufmerksamtkeit – und damit verbunden auch meiner Energie – in Anspruch. Deshalb habe ich den Stecker gezogen. Keine elektronischen Geräte!

Und das hat gut getan! Freitag Nachmittag habe ich sowohl Handy als auch Rechner ausgeschalten und weggeräumt. Und plötzlich war Ruhe.

Manche mögen sich jetzt fragen, was man nun mit der vorhandenen Zeit anfangen soll. Für mich stellte sich diese Frage gar nicht, denn nun war Zeit für all die Dinge, die sonst immer zu kurz kommen. Statt also in den endlosen Tiefen der digitalen Welt zu tauchen, habe ich…

… Bücher gelesen! Ich lese unglaublich gern und mache das auch viel im Netz. Dann kommt man aber immer von einem Thema zum nächsten und zu keinem Ende. In Büchern gibt es keine Ablenkung, keine aufblinkenden Bilder oder Videos, keine Verlinkungen – stattdessen versinkt man zwischen den Zeilen.

… eine Radtour um Jerusalem gemacht! Wofür hat man schließlich sein Rad? Dabei konnte ich endlich mal die Stadtteile entdecken, zu denen ich zu Fuß nie gelange, weil mir die Zeit dafür fehlt. Und ich habe noch einiges erlebt. Doch das ist ein Thema für sich.

… Sport gemacht! Ich brauche jeden Tag viel Bewegung. Häufig fesselt mich Arbeit oder Recherche zu einem Thema so sehr, dass ein Tag nach dem anderen ins Land verstreicht, ohne dass ich bewusst Sport gemacht habe. Ohne digitale Ablenkung klappt das regelmäßiger.

… Briefe geschrieben! Zum Jahresende schreibe ich besonders gern noch ein mal Briefe an Menschen, die ich lange Zeit nicht gesehen habe. Wenn man nicht mit E-Mails schreiben beschäftigt ist, ist einfach Zeit dafür.

… geschlafen! Über der Arbeit vergesse ich häufig den Schlaf. Da ich mich abends aber nicht mehr vor einen hell erleuchteten Monitor gesetzt habe, habe ich die Müdigkeitssignale meines Körpers wahrgenommen, bin einfach mal 20:00 Uhr schlafen gegangen und habe so all den Schlaf bekommen, den ich brauche.

… den Sonnenaufgang gesehen! Und der startet hier gerade zwischen 05:00 und 06:00 Uhr. Durch mein frühes Zubettgehen bin ich einfach morgens aufgewacht, ohne das es dafür einen Wecker gebraucht hätte, weil mein Körper genug Schlaf hatte.

… Zeit intensiver wahrgenommen! Elektronische Geräte lassen einen schnell die Zeit vergessen. In der analogen Welt ist die Erlebnisdichte allerdings viel höher, weshalb ich das Gefühl hatte, so viel mehr erlebt zu haben.

Hundertprozentig elektronikfrei war das Wochenende allerdings nicht. Morgens hat mein Handy angefangen zu vibrieren, obwohl ich es ausgeschalten hatte, weil ein Wecker eingestellt war. Den Akku rauszunehmen, hat das Problem gelöst. Außerdem wurde ich bei der Radtour gefragt, ob ich ein Foto mache könne. Ohne nachzudenken, bin ich der Bitte nachgekommen. Und natürlich wurden meine Lebensmittel weiterhin vom Kühlschrank gekühlt und ich habe das Licht benutzt, was mich auch darauf sensibilisiert hat, wie viele Ressourcen wir eigentlich jeden Tag verbrauchen.

Alles in allem war das Experiment für mich aber erfolgreich, denn ich bin sichtlich entspannter. Das haben sogar andere Menschen bemerkt und mich darauf angesprochen. Deshalb möchte ich versuchen, es beizubehalten. Außerdem habe ich mir angewöhnt, meinen Rechner möglichst nicht vor Mittag zu benutzen, um mehr Tageslicht zu erfahren, anstatt die Zeit vor dem Bildschirm zu verbringen. All die Dinge können ja auch noch erledigt werden, wenn es draußen dunkel ist.

Den Stecker zu ziehen war für mich ein erster Schritt. Ich möchte aber auch den anderen Traditionen zu Schabbat noch eine Chance geben.

 

Und wie kommt ihr runter?

2 Kommentare

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  1. Hallo Philipp,

    deine Shabbat-Erfahrungen klingen ganz wunderbar und zeigen ganz deutlich, dass wir alle Zeiten der Ruhe in unserem hektischen Alltag brauchen und von einem solchen Tag profitieren können.

    Vor einiger Zeit habe ich den Sonntag immer als Computerfreien Tag gestaltet, was leider in den letzten Monaten durch das Bloggen nicht mehr so gut klappte. Im November habe ich dann meine Internetzeit ganz radikal zurückgeschraubt und festgestellt, so ganz ohne kann/will ich auch nicht. Im Moment versuche ich daher, wie du, den Laptop ganz bewusst erst später einzuschalten und abends um 21.00 ist Ende. Danach bleibt wunderbare Zeit zum Reden, Lesen etc.

    Während einer unserer Challenges haben wir übrigens mal versucht einen Tag komplett auf künstliches Licht zu verzichten. Unsere Erfahrungen kannst du hier nachlesen: http://apfelmaedchen.de/licht-aus/ . Vielleicht sollten wir als wirkliche Herausforderung mal einen Tag komplett auf Strom verzichten…da muss ich doch gleich mal mit sadfsh drüber reden…

    Liebe Grüße, Svenja

    • Hallo Svenja,

      mittlerweile ist die Nutzung elektronischer Geräte tatsächlich so weit in unseren Alltag vorgedrungen, dass wir sie als selbstverständlich wahrnehmen.

      „Licht aus“ finde ich spannend. Das könnte uns noch weiter helfen, zu unserer natürlichen Uhr zurückzufinden, und könnte nebenbei auch noch dem Geburtenrückgang entgegenwirken. ;)

      Lieber Gruß,
      Philipp

      PS: Vielleicht wäre eine stromfreie Aktion etwas für die Fastenzeit? Wird bestimmt knifflig, weil Elektronik immer ubiquitärer wird…

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