Wir leben in unglaublichen Zeiten: Nicht nur in politischer Hinsicht empfinde ich unsere Zeit als äußerst spannend, sondern allein durch die Lebenslotterie leben wir äußerst privilegiert, denn objektiv betrachtet, haben wir mehr Möglichkeiten als alle vor uns lebenden Menschen. Doch was nützt uns das?
Mein Partner und ich sitzen in einem Restaurant. Kaum zwei Minuten hatten wir, um das umfangreiche Menü zu studieren, bevor wir von der Bedienung gegängelt werden, ob wir denn schon wüssten, was wir wollen. Natürlich nicht! Ich bin noch nicht mal im Ansatz durch das gesamte Menü gekommen.
Im Großen und Ganzen ist es aber auch egal, wie viel Zeit uns die Bedienung gibt, um uns zu entscheiden. Denn das Problem liegt nicht in der Zeit, sondern in der überfordernden Auswahl – ein verlässliches Zeichen dafür, ein Lokal lieber nicht aufzusuchen. Es soll Menschen geben, die sich an schier unendlicher Auswahl erfreuen und das selbst als Qualitätsmerkmal werten. Ich hingegen empfinde es als Ausschlusskriterium. Lieber ziehe ich es vor, ein Etablissement beschränkt sich auf ein paar wenige Spezialitäten, die dafür aber auch richtig gut sind.
Dieses Prinzip lässt sich auch auf das Leben insgesamt übertragen. Sowohl beruflich, als auch persönlich und privat haben wir mehr Auswahl denn je:
- Die Zeiten, in denen man sich zwischen wenigen Handwerksberufen entscheiden musste, sind längst vorüber. Allein, um sich einen Überblick über all die heutigen Berufsbilder zu verschaffen, kann ein Studium für sich erfordern. Von der Entscheidung für ein einziges ebendieser ganz zu schweigen!
- Bei der Wahl der Partner_innen fürs Leben, die ja wahrlich selten auf eine Person allein fällt, muss man nicht mehr zwischen den paar Gleichaltrigen aus dem Dorf entscheiden, die man an zwei Händen abzählen kann. Stattdessen bietet das Internet Millionen von potentiellen Matches – zumindest in der Theorie.
- Auch bei der Freizeitgestaltung gibt es inzwischen mehr Hobbys, Interessengebiete sowie Aktivitäten und Passivitäten, als man jemals unterbringen kann. Das hält uns jedoch nicht davon ab, uns die Zukunft für alle Eventualitäten von neu aufkeimenden Interessen offen zu halten.
Sich für eine einzige Sache zu entscheiden, bei der man für immer bleibt, stellt ein wahrlich schwieriges Unterfangen dar. Oft genug müssen wir diese Entscheidung ja auch gar nicht für immer fällen; man denke beispielweise an den Beruf: Wer kann heute schon noch behaupten, im selben Beruf ein Leben lang tätig zu sein? Gleichzeitig machen wir es uns gelegentlich sehr leicht damit, eine bewusste Entscheidung bis zur Unendlichkeit herauszuzögern. Verbindlichkeit ist rar geworden. Und so jonglieren wir zwischenmenschliche Beziehungen genauso wie Optionen für die Freizeitgestaltung – stets hoffend auf eine noch besseres Optimum, um am Ende exakt gar nichts zu tun.
Sind wir ob der Tausenden von täglichen Entscheidungen nicht alle längst etwas müde geworden und froh darüber, wenn zur Abwechslung einfach mal jemand für uns entscheidet? Zumindest in Restaurants handhabe ich das gern so, indem ich meinen Partner eine Vorauswahl von drei Gerichten treffen lasse, wenn ich es selbst nicht hinbekomme, eigenmächtig eine Entscheidung zu treffen. Und wenn ich dann feststelle, dass ich mit der Vorauswahl überhaupt nicht zufrieden bin, ist zumindest auch das ein Erkenntnisgewinn.
In jedem Fall bietet es sich an, sich selbst etwas Reduktion aufzuerlegen, um sich das Leben einfacher zu machen. Denn was nützen mir alle Möglichkeiten dieser Welt, wenn ich selbst nicht weiß, was ich möchte? Richtig: Nichts. Das gilt für Partner_innen und Reiseziele gleichermaßen.
Man muss nun wahrlich nicht jedem noch so kurzlebigen Trend nachjagen. – So ein Spruch, den man gern als Floskel dahersagt. Aber er stimmt! Minimalistisch lebende Menschen wissen das und bringen hier gewissermaßen einen Heimvorteil mit, weil sie sich längst darin geübt haben, auf das für sie Wesentliche zu beschränken.
Doch auch mir als Minimalist passiert es trotz vorheriger Einschränkungen immer wieder, dass ich merke: Im Grunde habe ich mehr Optionen als freie Zeit zur Verfügung. Soll ich darin ein Signal sehen, dass ich schlichtweg noch nicht ausreichend reduziert habe und immer noch zu viel möchte, oder bedeutet es einfach nur, dass mir auch im Ruhestand (so denn der eines Tages eintreten sollte) niemals langweilig werden wird? Die Zukunft wird es offenbaren.
Wie gehst du mit zu vielen Optionen um? Stört dich das überhaupt und falls ja, ab wann wird es zu viel? Teile deine Erfahrungen gern in den Kommentaren.
Alles Liebe
Philipp
Berlin