Meine erste Tour: Best of Westbank

Wie angekündigt werde ich im Rahmen meinen Freiwilligendienstes hier auf einige Touren gehen. Genau genommen war ich sogar schon auf einigen. Zeit also, über meine erste Erfahrung diesbezüglich zu reden. Denn eigentlich ist das ja so gar nicht meins.

Ich bin zunächst einmal skeptisch. Denn ich bin überhaupt nicht der Typ für geführte Touren. Viel lieber erkunde ich Orte auf eigene Faust – nach meinem eigenen Zeitplan. Also sehe ich es zunächst einfach mal als Teil meines Jobs hier. Unterwegs einfach ein paar Fotos machen, während der Rest der Gruppe erste Eindrücke vom Westjordanland gewinnt.

Das ist Punkt 2: Ich war bereits selbst im Westjordanland unterwegs und habe mir dafür entsprechend viel Zeit genommen. Auf der Tourwebsite findet man einen recht schlüssigen Ablaufplan. Der schreckt mich auch direkt etwas ab, denn für jedes der einzelnen Ziele hatte ich mir bei meinen vorigen Unternehmungen viel mehr Zeit genommen. Und jetzt alles zusammen an einem Tag? Das klingt nach Stress.

Dann wäre da noch Punkt 3: Ich war an den meisten Orten schon. Nun bin ich kein sonderlich großer Fan von Pilgerzielen. Aber das nun gerade so eine Tour genau diese Plätze ansteuert, ist wohl klar.

Trotz der drei Punkte versuche ich, möglichst unvoreingenommen an die Sache heranzugehen. Schließlich ist es ja auch meine erste Tour und wer weiß, vielleicht wird es ja eine angenehme Überraschung werden?

Anfangs sind wir noch ohne Tourguide, denn er ist Palästinenser, weshalb es für ihn sehr umständlich ist, die Grenze zu Israel zu überqueren. (Wenngleich nicht unmöglich.) Deshalb steigt er direkt nach dem Checkpoint zu. Er macht einen entspannten Eindruck. Tamer heißt er.

Ein paar untergemischte Witzen lockern die Atmosphäre. Wir schlagen eine alternative Route ein, weil wegen Sicherheitskontrollen und Berufsverkehr die Hauptverkehrsstraße in Ramallahs Innenstadt dicht ist. „In Palästina muss man alle Straßen kennen, nicht nur die, die direkt ans Ziel führen.“, lehrt uns Tamer.

Es bleibt auch erstmal entspannt, denn unser erster Stopp ist ein Café, was mich dann doch etwas fraglich stimmt. Schließlich steht doch so viel auf unserer To-do-Liste. Mir geht es damit nicht allein so. Später erklärt Tamer, wieso: „Ich möchte euch zeigen, dass die Leute hier auch einen ganz normalen Alltag haben, abseits dessen, was in den Medien berichtet wird.“

Dem stimme ich zu, auch wenn ich vor seiner Ansage seine Beweggründe nicht wahrgenommen habe. Denn für ist das alles Normalität geworden, weil ich schon in der Gegend gelebt habe. Das geht aber den meisten Touristen nicht so. Sie müssen erstmal abgeholt werden aus ihren Denkmustern, dem Urlaubsvorbereitungsstress und ihrem „Das-müssen-wir-aber-auch-noch-schaffen“-Wahn.

Wo wir schon beim Thema sind. Nächster Halt: Arafats Grabmal. Der Herr ist bekanntermaßen, so etwa wie alles andere im Zusammenhang mit der Geschichte Israels und Palästinas auch, sehr umstritten. Unabhängig davon finde ich es nach wie vor fragwürdig, Selfies von sich vor Grabmälern und Gedenkstätten zu machen. („Da stehe ich vor Arafats Grab.“, „Das ist deine Mutter, als sie den Salbungsstein Jesu küsst.“, „Und hier haben wir uns vor dem Holocaust-Mahnmal fotografiert.“)

Foto Kloster Jericho

Weiter geht es nach Jericho, quasi (eine der) Wiege(n) der Zivilisation. Spuren von Zivilisation vor mehr als 10.000 Jahren lassen sich hier finden. Da darf ein Besuch der Ausgrabungsstätte natürlich nicht fehlen. Tamer gibt an einen regionalen Tourguide ab, der uns etwas zur Geschichte Jerichos erzählt.

Ohne Wissen über die Bedeutung der Gemäuer ist es tatsächlich nur ein Haufen Steine. Deshalb schadet es nicht, ein wenig Input zu bekommen. Der neue Tourguide ist allerdings etwas gestresst. „Wir haben nicht viel Zeit!“

Die haben wir wirklich nicht, denn wir möchten ja noch zum Kloster, welches 14:00 schließt. Ja, so schnell vergeht die Zeit. Also ab in die Seilbahn und hinauf zum Berg der Versuchung. Das ist nämlich die andere Attraktion Jerichos. Man munkelt (alias „es steht in der Bibel geschrieben“), dass Jesus Christus hierzulande vom Teufel versucht worden sei, als er durch die Wüste wandelte.

Dem zum Gedenken wurde ein griechisch-orthodoxes Kloster hingesetzt, in dem heute sage und schreibe 2 (in Worten: ZWEI) Mönche wohnen. Was die wohl den ganzen Tag so treiben?

Wieder im Tal angekommen, knurrt uns allen schon kräftig der Magen. Logisch, Frühstück ist ja schon eine Weile her. Bis zum Mittag dauert es aber leider noch, weshalb Tamer uns erstmal eine riesige Staude Bananen organisiert. Auf dem Weg zum nächsten Zwischenstopp erzählt er ein wenig über die politische Situation, die Zwei-Staaten-Lösung, seine persönliche Meinung und von seinen Bestrebungen als Friedensaktivist.

Foto Taufe im Jordan

Neuer Ort, neues Szenario. Wir sind am Jordan, mittlerweile nur noch ein wenige Meter breiter Fluss (oder  sollte man fast Bach sagen?), der Israel von Jordanien abgrenzt. Auf beiden Seiten steht Militär. Freilich könnte man versuchen, die Grenze zu überqueren. „Ich würde es aber niemandem empfehlen.“, rät uns Tamer.

Einige trauen sich trotzdem ins Wasser. Denn wir sind nicht an irgendeiner Stelle, sondern dort, wo Jesus getauft worden sein soll. Entsprechend viele Nachahmer gibt es. Freilich schmücken sich beide Länder damit. Für viele Gläubige ist das ein Ereignis, dass es festzuhalten gilt, während ich erstaunt darüber bin, wie wichtig es Menschen sein kann, an der exakten Stelle ins Wasser zu hüpfen, wie ein anderer Mann (unter Umständen) vor 2000 Jahren.

Auch unser nächster Halt ist eine Pilgerstätte: Jesu Geburtsort. Ja, der Mann hat es weit gebracht. Vorher kehren wir aber zum späten Mittag ein. Sonst hätte es wahrscheinlich auch eine Revolte seitens der Tourteilnehmer gegeben.

Tamer gibt erneut ab und wir huschen durch die Geburtskirche durch. Ich halte mich bewusst etwas zurück, schließlich war ich hier bereits dutzende Male. Und ich verspüre einen gewissen Verdruss, was die religiösen Praktiken mancher Menschen angeht.

Foto Mauer in Bethlehem

Zum Glück ist der letzte Halt unserer Tour etwas politischer. Nach zwei Graffitis von Banksy gelangen wir an den wohl einschneidendsten Teil der Mauer – und werden direkt Zeuge, wie Flüchtlinge von Israel zurückgedrängt werden. Mir rinnt eine Träne herunter, während Tamer uns auffordert, die Beine in die Hand zu nehmen. Weiter können wir mit unseren eigenen Augen sehen, wie der Wind das Gas über die Mauer treibt.

Währenddessen weißt ein uns Unbekannter hinter uns ein Stück der Mauer mehr oder weniger erfolgreich. Verblasste Lagen lassen erkennen, wie oft hier schon drüber gepinselt und -sprayt wurde. „Viele Leute möchten sich mal selbst versuchen. Deshalb stellen wir ihnen dieses kleine Stück Mauer zur Verfügung.“ Im Hintergrund kommt der Maler aus seinem kleinen Laden zurück und reicht uns Spraydosen. Die Beteiligung ist etwas verhalten; wahrscheinlich ob des Wissens, wie kurzlebig die Kunst sein wird.

Und wir sind auch etwas erschöpft, schließlich haben wir einen langen Tag hinter uns. Nur einzelne Teilnehmer tauschen sich aus. Der Rest sinniert schweigend. Was denke ich also über die Tour?

Ich bin offensichtlich nicht das Zielpublikum für solche Touren. Durch meine Erfahrungen an den Orten, das Herumschnorcheln auf eigene Faust und das Verweilen, was im Rahmen einer Tagestour mit so vielen Zielen gar nicht möglich ist, habe ich einfach einen anderen Blick auf die Dinge bekommen. Möglichst viel in wenig Zeit ist einfach nicht mehr meins.

Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass es sehr wohl ein Zielpublikum für eben genau das gibt: Menschen, die nur wenig Zeit mitbringen und trotzdem eine bestenfalls allumfassende Erfahrung sammeln möchten. Und für ebendie funktioniert die Tour meines Erachtens sehr gut. Stark finde ich, dass Tamer abseits der ganzen Attraktionen auch Wert darauf legt, den Teilnehmern deutlich zu machen, dass es auch in „Krisengebieten“ ein Leben abseits der Medienberichte gibt. Und das ist gar nicht so weit weg von dem, was wir kennen.

Wie sind eure Erfahrungen mit Touren? Wart ihr schon mal auf einer? Oder seid ihr dafür ebenso wenig gebaut wie ich?

Euer Philipp

2 Kommentare

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  1. Hey Philipp,

    ganz schön krass. Mir geht es da wie dir, ich bin auch sehr emotional, wenn es um Gerechtigkeit und Verzweiflung von Menschen geht.

    Banksy finde ich, als alter Graffiti-Fan, genial! :)

    Ich bin aber auch nicht so der Freund von Touren. Was du erzählst, klingt ziemlich interessant und als bloßer Tourist hat man wahrscheinlich nicht die Möglichkeit, so tief in das Geschehen einzudringen. Aber ich finde dieses typische Attraktionen begaffen einfach unheimlich langweilig. Mich interessieren eben eher diese Dinge, die man nicht so sieht, wenn man sich über sein Reiseziel informiert. Ich will dann nicht die typischen Touristenorte abgrasen, sondern, wie du, lieber etwas aus dem tatsächlichen Leben in dieser Stadt mitbekommen. Die echten Leute sehen und nicht die 1000 anderen Touristen. Aber das ist eben echt nicht so einfach.

    Liebe Grüße,
    Ronja

    • Hallo Ronja,

      das ist wirklich nicht immer so leicht. Denn Schönheit zieht an. Sprich: All zu schnell werden schöne Orte zur Attraktion. Das ist ein wenig wie mit Gentrifizierung. Unternehmen kann man dagegen natürlich nur bedingt etwas. Eine gute Möglichkeit ist, so viel wie möglich, auf eigene Faust zu erkunden!

      Lieber Gruß,
      Philipp

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