Passivitäten

Erinnerst du dich noch an die Poesie- und Freundschaftsalben von früher? Sie wurden gern in Schulklassen herumgereicht, damit sich etwaige Freund_innen darin für alle Ewigkeit eintragen konnten – ähnlich einem Gästebuch. (Wahrscheinlich wird heute weder das eine, noch das andere gepflegt.) Jedenfalls gab es darin stets ein Feld für Hobbys, Interessen und Freizeitaktivitäten. Meine These: Genau wie Freundschaftsalben sind auch echte Aktivitäten aus der Mode gekommen.

Darauf bin ich gekommen, als ich eine Auflistung von “Freizeitaktivitäten” irgendeiner Person im Internet las und bemerkte, dass keine einzige davon wirklich aktiv ist:

  • Filme / Fernsehen / Videos im Internet schauen
  • Musik / Podcasts hören
  • Austellungen / Kulturveranstaltungen / Museen besuchen
  • lesen
  • Video- oder Gesellschaftsspiele spielen
  • mit Freund_innen in Bars abhängen
  • auswärts essen oder shoppen gehen

Ehrlicherweise nenne auch ich einige dieser Freizeitprogrammpunkte gern. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich jedoch vor allem als eines: Passiver Konsum. Das gilt im Grunde auch für Reisen, denn ein Großteil von Reisen besteht heutzutage darin, in einem Verkehrsmittel der Wahl zu sitzen und sich transportieren zu lassen, auswärts zu essen, weil unterwegs die Möglichkeit fehlt, selbst zu kochen, und sich dann vor Ort mit so vielen neuen Eindrücken berieseln zu lassen, dass man meinen könnte, Reisen wäre eine olympische Disziplin.

Von daher würde ich all das nicht als “Freizeitaktivitäten” bezeichnen. Allem voran sind sie “Freizeitbeschäftigungen“, weil sie uns auf Trab halten – oft ohne dass wir uns fragen, ob uns die Beschäftigung eigentlich erholt, betäubt oder sogar lähmt. Von daher erfinde ich an dieser Stelle mal ein neues Wort: Passivitäten.

Darunter verstehe ich solche Beschäftigungen, die uns dazu verleiten, zu passiven Entitäten zu verkommen, statt aktiv zu werden.

Was ich damit meine zeigt sich bei einem Blick auf die Menschen im Zug um mich herum: Die meisten schauen ein Video nach dem anderen auf ihrem Handy. Dabei wage ich, zu behaupten, dass das nicht nur für ihre Zugreisen, sondern auch zu Hause gilt. Echte Hobbys sind kaum noch verbreitet. Ein Gemälde malen? Im Chor singen? Handwerkliche Projekte? Alles neben der Arbeit viel zu anstrengend und überhaupt ist dafür in unserem Alltag kein Platz.

Darin sehe ich eine große Gefahr: Wir sind nicht nur in unserem Arbeitsleben, sondern auch in unserer Freizeit dauerbeschäftigt, allerdings nicht mit Aktivitäten, die uns unseren Zielen näher bringen oder bedingungsloser Ruhe, die uns echte Erholung schenkt. Stattdessen halten wir – Smartphones und stetig verfügbarem Internet sei Dank – durch passive Dauerbeschallung unser Gehirn permanent auf Trab. Das geschieht auf einem Niveau, das uns weder Erholung erlaubt, noch so stark anregt, dass wir über uns hinauswachsen, weshalb wir mit unserem Freizeitleben nicht zufrieden sind, was dann auch auf das Arbeitsleben abstrahlen kann – sozusagen das Schlimmste aus allen Welten. Diesen Grauzone, man könnte sie bildhaft auch “grauen Schleiher” nennen, gilt es, zu vermeiden.

Im Grunde können viele Passivitäten in eine Aktivität umgekehrt werden, wenn man weiß wie: Alle passiv aufgenommenen Inhalte, lassen sich aktiv anwenden, wenn man sich die Zeit nimmt, darüber zu reflektieren und mit anderen Menschen zu diskutieren. Im Rahmen von Spielen kann man die eigene Kreativität oder Zusammenarbeit mit anderen trainieren, wenn man die von Spielen gestellten Herausforderungen auf kreative Weise löst. Reisen können unglaublich inspirierend sein, ungewöhnliche Erfahrungen erzeugen und dazu führen, dass man die eigene Perspektive hinterfragt, während man mit unbekannten konfrontiert wird. Gleichermaßen kann man Reisen aktiv gestalten, indem man sich bewusst dafür entscheiden, mehr Wegstrecken ohne motorisierte Verkehrsmittel zurückzulegen.

Dafür bedarf es jedoch auch den nötigen Raum. Bei mir führt es so weit, dass die Arbeit mit Sachbüchern sogar erst nach dem Lesen beginnt, weil ich mir dann noch eine Zusammenfassung jedes Kapitels schreibe, um das Gelernte für mich noch einmal kompakt abrufbar zu haben. Von Reisen und den damit verbundenen von mir induzierten Komplikationen möchte ich gar nicht erst anfangen.

Denn gleichzeitig bemerke ich an mir selbst, dass ich regelmäßig dazu neige, zu viel von mir selbst zu erwarten. Da passiert es schon mal, dass ich mich vor lauter Anspruch an mich komplett selbst überfrachte. Auch nicht gut. Und nicht zuletzt tragen auch gemeinsame Stunden mit Menschen, die einem am Herzen liegen, zu mehr Lebensqualität bei – idealerweise unabhängig von der gemeinsamen Aktivität.

Deshalb versuche ich künftig (noch) stärker, auf eine gesunde Freizeithygiene zu achten und mir folgende Fragen zu stellen, um Passivitäten zu vermeiden:

  1. Trägt das, was ich in meiner Freizeit tue, zu meiner Erholung bei?
  2. Falls nein: Führt es dazu, dass ich mich auf irgendeine Art weiterentwickle?
  3. Falls nein: Sorgt es dafür, dass dass ich mich hinterher besser fühle alias bereitet es mir echte Freude?

Zumindest eine dieser Frage möchte ich mit Ja beantworten können. Andernfalls stellt sich zwangsläufig die Frage, warum ich meine kostbare Freizeit überhaupt auf solche Passivitäten ver(sch)wende.

Wie gehst du mit Passivitäten in deiner Freizeit um, falls du überhaupt welche hast? Teile es gern in den Kommentaren.

Alles Liebe
Philipp

1 Kommentar

Antworten

  1. Lesen ist demnach die zeitlich größte Passivität meiner Freizeit. Die empfinde ich nicht mal als Passivität.

    Ansonsten war ich heute Nordic Walken, habe mich mit der Technik eines Hochdruckreinigers und Außenwasseranschlüssen beschäftigt, ein Rankgitter abmontiert, gekocht, einen Blogbeitrag zu einem gelesenen (kann auch Arbeit sein) Buch geschrieben, mit dem Hund eine Runde zum Briefkasten gedreht und drei von vier Spielen gegen meinen Mann gewonnen. Passivität geht anders, oder?

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