Streben wir nach fremdem Glück?

Neulich sah mein südkoreanischer Mitbewohner in der Küche auf seinem Rechner beim Kochen fern. Es war koreanisches Fernsehen. Doch als ich einen Blick darauf warf, sprang mit sofort eine Frage in den Kopf: Könnte das nicht auch ein Fernsehprogramm in den USA, in Großbritannien oder in Deutschland sein?

Die Sprache machte diese Illusion natürlich zunichte. Aber abseits der koreanischen Buchstaben und der Tatsache, dass ich kein Wort verstand, hätte es eine beliebige Sendung sein können: Das Design des Studios, die Einblendungen, das Format und sogar die Kleidung der Gäste, denn jeder trug einen Anzug.

Ich persönlich trage sehr gern Anzug, wunderte mich aber schon, weshalb das eigentlich mittlerweile weltweiter Standard ist, besonders in wirtschaftlichen Kreisen. Kurzerhand erkundigte ich mich bei meinem Mitbewohner nach der traditionellen Kleidung verschiedener asiatischer Länder. Die ähneln sich zwar, sind aber doch recht vielfältig:

  • In China sind die Gewänder sehr eng, sodass man kaum große Schritte gehen kann. Diese werden ohne Gürtel getragen.
  • In Korea sind die Gewänder etwas weiter, man trägt dazu einen sehr schmalen Gürtel.
  • In Japan bestehen die Gewänder aus mehreren Lagen. Jede Lage erfüllt eine bestimmte Funktion. Das ist ein Überbleibsel aus den zahlreichen Kriegen die Japan lange Zeit zu führen hatte. Der dazu getragene Gürtel ist sehr breit.

Das sind nur drei Länder Asiens. Wahrscheinlich gibt es sogar regionale Unterschiede. Doch was ist davon übrig geblieben?

Mir scheint klar, dass der Anzug mit der westlichen Kultur überall hineingeschwemmt wurde. Wahrscheinlich haben Geschäftsleute lange Zeit die traditionelle, regionale Kleidung getragen.

Dabei ist der Anzug nur eine Kleinigkeit, die von uns Westlern großzügig verteilt wurde: Sprache, Brauchtümer, Religion, Speisekultur, … – apropos: auch die Vorstellung, was Kultur eigentlich ist.

Es gab allerdings auch vor Ankunft der europäischen „Entdecker“ in die entlegensten Winkel der Erde schon Kultur, Sprache und Religion. Nehmen wir das Beispiel Religion: Das Christentum hat sich über Jahrhunderte im Zuge der Missionierung auf die ganze Welt verteilt: Von Israel über Griechenland und das Römische Reich nach Europa. Von dort nach Afrika, Asien, Amerika, und Australien. Jeder dieser Kontinente hatte aber vor Ankunft von uns Europäern bereits eine Vielzahl von Religionen. Diese Vielfältigkeit menschlichen Kulturguts wurde aber durch eine einzige Religion ersetzt. Die Vielfalt wurde zerstört. Das lässt sich ebenso auf Sprachen anwenden: In den meisten Ländern Lateinamerikas ist Spanisch die Sprache der Wahl. Vorher hatte aber jedes Volk eine eigene Sprache.

An einem bestimmten Punkt müssen die Einwohner also beschlossen haben, die Sprache und Religion der Kolonisten zu übernehmen. Ich halte es aber für fraglich, ob sie eine Wahl hatten, denn die Kolonisierung Lateinamerikas war eine sehr blutige Angelegenheit. Angesichts von Leben oder Tod würde ich die Übernahme fremden Kulturguts wohl auch nicht verweigern.

Nun mag man sagen, dass das ja bereits Jahrhunderte her sei. Dem widerspreche ich aber. Auch heute noch wird westliche Kultur in fremde Länder getragen, wie man schon am Fernsehbeispiel sieht. Und das ist nur eines von vielen.

Viele Länder streben nach den Standards in Europa, Nordamerika und Australien. Ich halte es allerdings für fraglich, ob das der richtige Weg ist, wenn ich sehe, welche Auswirkungen auf die Erde folgen. Andererseits sind wir die Letzten, die anderen solch ein Leben untersagen können, wo wir doch selbst lange Zeit genau das vorgelebt haben.

Und dann stellt sich mir noch die Frage, ob es nicht auch auf persönlicher Ebene fremdes Glück ist, nach dem wir streben, wenn wir den Rufen der Werbung folgen und brav ein Leben ohne Komplikation, ohne Tiefen, aber auch ohne Höhen, führen.

Doch wie sieht mein persönliches Glück aus? Welche Ziele verfolge ich von mir aus und welche, weil ich unter fremdem Einfluss stehe?

6 Kommentare

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  1. Hallo Phillipp,

    Die Werbung ist ja das schlimmste Beispiel, habe dazu im Bezug auf den Wunschzettel im Dezember einen Beitrag geschrieben. :-)

    Aber wie Du schon schriebst, diese Mentalität nach dem Anderen zu Streben hat Geschichte. Manchmal das überlebensnotwendige Muss und manchmal eben nur das „Anders sein“. Sich von der Masse abgrenzen oder wie ich meine das Abheben innerhalb der Gesellschaft.

    Auch besonders beliebt während der Pubertät: Das Abgrenzen zu den Eltern und deren Generation, das Verbindende unter Gleichaltrigen: Mode, Frisuren und Materiellem wie z.B. Technik. Ein deutliches Motiv kann auch sein: ich gehe mit der Zeit, ich bin weltoffen orientiert nicht altbacken traditionell. ( Mal mit Anzug mal ohne Anzug betrachtet)

    Ich denke man kommt dem Anzug Gedanken am ehesten auf die Spur, wenn man sich die theoretische Werbebotschaft ansieht. Der Anzug ist ein typisches Beispiel für Seriosität, für Erfolg, für korrektes Verhalten, Disziplin… Also alles das was man im Beruf braucht als: Banker, Versicherungsvertreter, Berater, TV- Moderator… Die Werbung würde also damit den einfacheren und schnelleren beruflichen Erfolg verkaufen. Kleider machen Leute ;-)

    Ein Anzug ist quasi auch „unisex“. Ich meine damit eher einen Tarnmantel als das Geschlechtsmerkmal. Man tarnt seine Herkunft. Wie in Deinem Beispiel auch das Fernsehstudio sah „unisex“ aus. Es hätte überall auf der Welt sein können. Die Nachricht wird unabhängig der persönlichen Gesinnung / Herkunft verkauft und spricht somit jeden Zuschauer, egal woher er kommt, an.

    Es gibt aber auch Berufe wo das Hemd zum Anzug fehl am Platz ist. Ich hab mal gehört erfolgreiche Architekten tragen Rollkragenpullover. :-) ( und im Sommer?)
    Und wie wirkt ein Arzt im Anzug ohne den typischen weißen Kittel oder der weißen Hose? Oder ein Polizist ohne seine Uniform?

    Manchmal kann also ein Anzug nicht zielführend sein, egal was die Werbung versprechen würde.
    Und zum Glück gibt es auch noch Individualität, die sich manchmal sehr skurril in der Kleidung äußert.

    Auf das „Schwemmen“-Problem im Allgemeinen in Deinem Beitrag, der quasi „Einheitsnorm der Menschheit“ geh ich jetzt lieber mal nicht weiter ein. Das hat zu viele Nuancen mit Tretminengefahr fürs Gehirn ;-)

    Grüße Claudia

    • Hallo Claudia,

      ich denke, da gehen wir alle durch, schließlich ist es ja auch ein wichtiger Abschnitt für die persönliche Entwicklung. Allerdings halte ich es durchaus für Stoff, den man auch mal in der Schule behandeln könnte (also, wie man eigene Wünsche von denen, die man implantiert bekommt, unterscheidet).

      Mit der Verschleierung der Herkunft stimme ich dir zu. Allerdings bin ich der festen Meinung, dass es in jedem Kulturkreis auch traditionelle Kleidung gibt, die das gleiche bewirken kann. Es mangelt da einfach etwas an Vielfalt. Darüber habe ich mich auch schon mit einer Schauspielerin unterhalten, die meinte, dass damit der Beruf des Kostümbildes wegrationalisiert wird, weil viele Stücke heutzutage ja nicht mehr so imposant, sondern abstrakt (=> minimalistisch => modern) inszeniert werden. Kurzerhand tragen die Schauspieler in vielen Stücke alle nur noch Anzüge. Aus meinen Theaterbesuchen im letzten Jahr kann ich das bestätigen.

      In anderen Branchen gibt es klar auch Uniformen und Konventionen, wie man sich kleidet. Dass der Anzug nicht überall zielführend sein kann, ist mir auch bewusst. Allerdings finde ich, dass er in weitem Ausmaß Vielfältigkeit kaputt gemacht hat. Aber das ist auch eher als Sinnbild für die westliche Kultur zu verstehen. Denn ich selbst mag Anzüge ja auch.

      Das mit der Individualität ist so eine Sache. Ich finde, dass es zunehmend schwerer wird, weil internationale Ketten den Markt überschwemmen. Meine Tanzlehrerin hat das mal ganz schön in Worte gefasst: „Vor zwanzig Jahren hat man während des Urlaubs in Spanien noch ein Kleid bekommen, das niemand sonst in Deutschland trug. Doch mittlerweile bringt es nichts mehr, überhaupt einen Laden in Spanien zu betreten, weil ich die gleichen Sachen überall auf der Welt bekommen kann.“

      Und was passiert, wenn plötzlich eine ganze Generation individuell sein möchte, hat man in den letzten Jahren ja beobachten können: Es wird vermarktet.

      Immer her mit den Tretminen, davon sind Kommentare doch da. ;)

      Gruß,
      Philipp

  2. :-) Alle Tretminen? Nee lieber nicht. Die haben doch schon gereicht!

    Stimmt, da hast Du recht. Auch umgekehrt gibt es diese Unsichtbarkeit des Individuums, wenn alle traditionelle Kleidung in einer Region tragen. Aber auch da gibt es immer Nuancen. Z.B. in Farbe, Muster, Stofflänge, Stoffart ( Leder, Baumwolle, Seide …), und Schmuck ( Silber, Gold, Edelsteine, oder doch nur künstliche Steine) und da spielt dann das Geld doch wieder ’ne Rolle ;-)

    Brauchst Du Beispiele? Nur mal so eines zum Lachen. Die Bayern und die Lederhosen / Dirndln. Hätte da auch gleich mal ein Bild, aber nicht auf der Alm ;-) http://www.sup-schule-allgaeu.de//wp-content/uploads/2014/08/Auf-gehts-.-.-.-1024×574.jpg
    Und wie ist das mit den Fischerhemden an Nord- und Ostsee? Gibt es da Unterscheide? In der Farbe und Muster nur wenig, im Schnitt etwas. Dann gibt es mal Knöpfe, mal zum Binden ein Seil oder Stoff mit Holzperlen. Die Variationen sind definitiv nicht so wie bei der südlichen Tracht. Wie sieht das bei den Chinesen aus? Oder Indern, der farbenfrohe Sari? Oder den Arabern?
    Hab mal gegoogelt und das gefunden: http://www.rp-online.de/leben/reisen/die-schoensten-trachten-aus-aller-welt-aid-1.2932770
    Also beim Melken hat keine ein Dirndl an :-D Es leben die Vorurteile. Und bei den Wadelstrümpfen gibt es auch enorme Unterschiede. Die Fotos sind ja immer nur Momentaufnahmen und ein Trachtenverein ist schon sehr auf das Gesamtbild und die Wirkung einer Gruppe ( Zugehörigkeit) aus. Da sind diese Feinheiten doch nicht ganz so gewünscht.

    Die Beispiele mit dem Kleid aus Spanien und der vermarkteten Individualität sind schon passender. Das Letztere zeigt deutlich was es ist, es muss ständig was Neues her um den Konsum am Laufen zu halten… und das dann gleich weltweit, ist doch klar. Die Ideen gehen den Designern aus. Ist auch kein Wunder. In der Mode war doch alles schon mal da: kurz, lang, eng, weit, Fetzen, Löcher, Modefarben… Nur die Stoffart variiert noch aufgrund des Materialmixes und der Webtechnik. Demnächst gibt es Biokunsstoffkleidung. Wer will denn noch mit Fleece aus Downcycling Mineralölplastik rum rennen ;-)

    Zur Bühnengarderobe: das ist doch genauso wie mit dem Anzug. das Stück muss unisex sein. Zeitlos und ortsunabhängig um Allgemeingültigkeit zu vermitteln. Damit ist die Aussage das Wichtigste. Und da sind wir wieder beim Anzug angekommen.

    Mit der Tarnung und Schwemme hatte ich allerdings noch was anderes gemeint. Was hier jetzt nichts zu suchen hat, glaub ich.

    Ich hoffe es gibt hier keine weiteren Gedankenanstöße, sonst passt bald nur noch 1 Wort in die Zeile ;-)

    Grüße Claudia

    • Hallo Claudia,

      ich kann ehrlich gesagt gar nicht genau sagen, ob es bei Fischerhemden mehr oder weniger Vielfalt gibt. Die Frage wäre ja auch, ob man Fischerhemden mit der kompletten Tracht der Alpenländer vergleichen kann. Denn eigentlich ist das Hemd ja nur ein Bestandteil, so wie es im Alpenraum auch ist.

      Ich mag es persönlich sehr gern, wenn mit Webmustern statt mit Farbe gearbeitet wird. Und man muss das Rad ja nicht immer neu erfinden. Der wohl wichtigste Aspekt von Design ist immer noch, dass es Dinge brauchbar macht. Laufstegkleidung kann da nur bedingt mithalten. Ob man es dennoch schön findet, ist natürlich auch noch mal Geschmackssache.

      Ich finde nicht, dass ein Bühnenstück zwingen unisex sein muss, um die Botschaft auf andere Sachverhalte übertragen zu können. Budget spielt da ja leider auch eine entscheidende Rolle.

      Gruß,
      Philipp

      PS: Die Begrenzung ist mir neu. ;)

  3. Hallo Philipp,
    Da gebe ich Dir recht: Bühnenstücke müssen nicht zwingend unisex sein, doch wie du schon schriebst, es ist wohl der Trend genau den Firlefanz wegzulassen. Ich hab weder mit dem Einen noch dem Anderen Probleme… es gibt genug Tretminen in solchen Stücken ;-)
    Den Süden mit dem Norden zu vergleichen war jetzt nicht Sinn und Zweck der Beispiele. Und ich stimme Dir zu Webmuster und nur eine Farbe haben ihren ganz besonderen Charme. Die Bayrische Tracht kann schon oft zu Augenschmerzen führen wenn zu viel Materialmix und zu viel Farbe drin ist: Zu viel ist halt einfach zu viel, siehe anderer Beitrag „Die Dosis macht das Gift“.
    Und korrekt, denn das Hemd ist zu wenig um eine Aussage zu treffen.
    Die Beispiel waren ja nur um zu zeigen, man kann auch Auffallen in der traditionellen Kleidung. Das ist nunmal der modische Aspekt bei jeder Kleidung. Und wer gerne auffällt greift zu so gewagten Kombinationen.

    Grüße Claudia

    • Klar, die gibt es immer noch. Aber für Bühnenstücke wie für Filme, ist das Kostümbild ja ein eigener künstlerischer Zweig, über den man auch viel aussagen kann. Und der fällt dann einfach so weg. Beziehungsweise ist es fraglich, ob er wegfällt, je nachdem ob wirklich mit Intention spartanisch umgegangen wurde oder ob er einfach weggespart wurde, wie es leider immer häufiger passiert.

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