Warum sind wir urlaubsreif?

Seit meiner Kindheit höre ich von Erwachsenen, dass sie urlaubsreif sind. Und ganz ehrlich: Auch ich mag Urlaub! Doch woher kommt diese Urlaubskultur?

Es scheint wie in Stein gemeißelt, dass ganz Deutschland im Sommer Urlaub nimmt. Warum auch nicht: Das Wetter ist (meistens) schön, die Tage sind angenehm lang und Sonne tanken heitert das Gemüt ungemein auf. Der Klassiker für Urlaub: 14 Tage in die Ferne fahren oder fliegen. Im Anschluss zurück in den Alltag und feststellen, dass wir eigentlich nicht so wirklich erholt sind und schon wieder Urlaub gebrauchen könnten.

Das kann so nicht im Sinne des Erfinders gewesen sein. Woran scheitert die Erholung im Urlaub also?

Reisen als Synonym für Urlaub

Der Unterschied zwischen Reisen und Urlaub wird heute kaum noch wahrgenommen. Dabei wird ignoriert, dass es nicht nur Urlaubsreisen, sondern unter anderem auch Geschäfts-,  Forschungs- und Pilgerreisen gibt. Außerdem ist man nicht gezwungen im Urlaub zu verreisen, auch wenn das der ursprüngliche Zweck war: Das Wort Urlaub entstammt nämlich der Erlaubnis, sich vom Dienstort zu entfernen.

Das wiederum bedeutet allerdings nicht, dass es gleich eine Weltreise sein muss. Ich persönlich finde Flug- und Autoreisen äußerst stressig und ziehe es vor, mit dem Zug zu fahren. Das muss auch gar nicht mal weit weg sein. Nichtsdestotrotz empfinde ich es als äußerst hilfreich, dem alltäglichen Umfeld zu entkommen, um abzuschalten.

Analog und digital den Stecker ziehen

Apropos: Warum muss man eigentlich sogar im Urlaub erreichbar sein? Ein fataler Fehler, den ich selbst bereits viel zu oft begangen habe. Um wirklich abschalten zu können, sollten wir uns nicht nur von unserem Alltag entkoppeln, sondern wortwörtlich unerreichbar machen: Handy und Computer einfach mal nicht mitnehmen, sondern zu Hause lassen. Dann werden wir auch weniger in Versuchung geführt, zu überprüfen, ob uns nicht doch irgendwer Kontakt mit uns aufnehmen wollte.

Früher war das ja auch kein Problem. Es gab schlichtweg keine Möglichkeit, im Urlaub zu telekommunizieren, es sei denn, man wollte dafür tief in die Tasche greifen, weil ein Telefonat je Minute schnell das Dessert beim Abendessen im Preis übertroffen hatte. Heute gibt es die technische Möglichkeit, auf der ganzen Welt kostenlosen Zugang zum Internet zu bekommen. Also sind die Erwartungen entsprechend hoch, diese Möglichkeit auch wahrzunehmen. Doch zu welchem Preis?

Erholung in den Alltag integrieren

Die Wurzel  des Übels liegt gar nicht im Urlaub selbst, sondern in den Erwartungen anderer, die womöglich nicht mal existent sind, sondern nur von uns selbst projiziert werden. Wir konditionieren uns jeden Tag, möglichst effizient und performant zu sein. Hier noch schnell ein Termin reingequetscht, abends noch schnell antworten, bevor wir ins Bett gehen, denn es könnte ja dringend sein. Nur was ist schon so dringend, dass wir nicht bereit sind, unsere Freiräume zu verteidigen?

Ich beobachte da nämlich einen gewissen Widerspruch: Einerseits sehe ich den Wunsch nach mehr Urlaub und Freizeit. Andererseits schaffen wir es nicht einmal, klare Grenzen abzustecken, innerhalb derer wir dann eben mal nicht zugänglich sind. Und wenn wir uns schon im Kleinen keine Ruhe gönnen, wie soll es dann im Jahresurlaub funktionieren?

Profilierung vermeiden

Schon länger bemerke ich, dass Menschen sich gern damit brüsten, wie viel sie arbeiten können. Das artet schon mal in einem Wetteifer aus. Fleiß halte ich durchaus für eine Tugend, doch die derzeitige Arbeitskultur hat damit nichts mehr zu tun, sondern nimmt eher krankhafte Züge an. Während das eigene Schaffen eine der wenigen Sachen ist, auf die man meiner Meinung nach tatsächlich zu Recht stolz sein kann, frage ich mich, wieso wir eigentlich alle brav mitspielen,  wenn es darum geht, uns vertraglich zu knechten.

Die Aussage, dass man sich alles, allen voran Urlaub, verdienen muss, stellt sich in meinen Augen nämlich als Irrglaube heraus. Wieso brauchen wir denn die Erlaubnis von irgendwem anderen als uns selbst, uns unsere rechtlich garantierte Freiheit anzuerkennen? Weil wir Verträge schließen, die uns binden, sei es beim Kauf von Konsumgütern oder dem Übereinkommen einer Anstellung. Wir wählen diesen Weg selbst. An sich könnten wir den Annehmlichkeiten der Moderne ebensogut entsagen, wenn wir nur mutig genug wären, gegen den Strom zu schwimmen.

Die goldene Mitte finden

Das mag zunächst etwas extrem wirken. Dabei müssen wir gar nicht so weit gehen. Wir können uns auch schrittweise frei machen, indem wir kleine Schritte gehen.

Jeder Besitz bindet, je mehr, desto stärker. Reduzieren wir unsere Verpflichtungen, minimieren wir unseren Stress. Und letztlich müssen wir uns nicht erst kaputt arbeiten, um uns Urlaub zu gönnen. Das können wir auch einfach tun, wenn uns danach ist.

Und jetzt du: Wie erholt hast du dich nach dem letzten Urlaub gefühlt? Und wie viel ist davon noch übrig?

Alles Liebe,

Philipp

2 Kommentare

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  1. Hallo Phillip, irgendwo las ich mal den Begriff “erregte Starre”. Daran muss ich oft denken. Immer in Aktion, immer rotieren, ob Freizeit oder Arbeit. Aber für wen? Für was? Es stimmt. Besitztümer binden. Alles, was regelmäßige Kosten verursacht, kommt auf den Prüfstand. Ebenso alle Dinge. Was ich nicht nutze, will ich nicht behalten – und sei es nur, weil ich keine Lust habe, drum herum zu putzen.Das nimmt eine Menge Druck aus dem Leben.

    • Hallo Gabi,

      danke für den Begriff! Den finde ich super! “Erregte Starre” trifft den Nagel auf den Kopf! Ohne die nötige Achtsamkeit im Alltag ist man dauerstimuliert, ohne sich dabei so wirklich weiterzuentwickeln. Stattdessen tritt man im Hamsterrad immer an der gleichen Stelle.

      Umso besser, dass du alles hinterfragst und so den versteckten Übeltätern auf die Schliche kommst!

      Lieber Gruß,
      Philipp

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