Welchen neuen Sinn uns neue Feiertage geben

Nun ist es also passiert: Der Berliner Senat hat beschlossen, den internationalen Frauentag als Feiertag zu ernennen. Natürlich war das Geschrei darum erstmal groß. Doch warum macht man das und was hat es im Nachhinein außer einem zusätzlichen freien Tag für die Bevölkerung der Hauptstadt gebracht?

Bekanntermaßen habe ich zu öffentlichen Feiertagen eine gespaltene Meinung. Das kommt hin und wieder auf meinem Blog zum Tragen, insbesondere wenn es um religiöse Feiertage geht. Meines Erachtens sollte alle Menschen selbst entscheiden können, wann sie einen Feiertag haben. Trotzdem verstehe ich natürlich, dass sich alle in festen Angestelltenverhältnissen sich über jeden freien Tag freuen (das geht mir nicht anders), und erkenne an, dass gemeinsame Feiertage wesentlich zum Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gemeinschaft beitragen. Und genau das ist der Hauptgrund dafür, dass ich den internationalen Frauentag als Feiertag für alle – Frauen wie Männer wie alle, die sich weder noch zugehörig fühlen – befürworte.

Sinn und Unsinn von Feiertagen

Intuitiv dienen Feiertage der Erholung. Doch was unterscheidet sie dann eigentlich von Urlaub, wenn man davon absieht, dass sie derzeit nicht frei wählbar sind? Tatsächlich haben die meisten Feiertage doch noch etwas anderes gemein: Die Erinnerung an bestimmte Ereignisse (beispielsweise dass das neue Kalenderjahr beginnt – man stelle sich mal vor, alle vergäßen den Jahresanfang) oder Missstände (wie im Fall des internationalen Frauentags).

Erst 100 Jahre nachdem Frauen in Deutschland erstmals Wahlrecht hatten (ja, das ist noch nicht so lang!), wurde der internationale Frauentag in Berlin zum Feiertag ernannt, um auf die weiterhin mangelnde Gleichberechtigung und -behandlung von Frauen weltweit aufmerksam zu machen. Interessanter Weise nur in Berlin, aber was will man auch von Ländern erwarten, in denen Führungspositionen größtenteils männlich besetzt sind?

Von allen Seiten gab es Kritik an der Einführung des neuen Feiertags, u.a. weil Frauen doch bereits gleichberechtigt wären (sind sie nach wie vor nicht), Berlin doch bereits ausreichend Feiertage habe (hat es nach wie vor nicht) und sich die Stadt den wirtschaftlichen Schaden durch den zusätzlichen Feiertag doch gar nicht leisten könne (kann sie offensichtlich doch). Ich finde andererseits einige Gründe, die dafür sprechen, den internationalen Frauentag als Feiertag einzuführen:

  • Berlin hatte mit 9 Feiertagen die wenigsten in der gesamten Bundesrepublik und es ist mir ein Rätsel, wieso die Bundesländer immer noch unterschiedlich viele Feiertage bekommen. Zum Vergleich: Augsburg hat 14. Nun wurde immerhin ein Schritt Richtung Gleichberechtigung getan – zumindest in dieser Hinsicht.
  • Der Feiertag hat nichts mit Religion zu tun und betrifft damit mit ca. 50% Bevölkerungsanteil wesentlich mehr Menschen, als Fronleichnam, Pfingsten und all die anderen christlichen Feiertage, deren Bedeutung niemand so recht weiß.
  • Er erinnert uns daran, dass wir nach wie vor einige Meilen zu gehen haben, bevor wir uns des gleichen Rechts für alle rühmen können.

Ein Feiertag allein reicht nicht

Natürlich gibt es biologische Unterschiedliche zwischen Frauen und Männern. Das hat aber nichts mit Stärke und Schwäche oder besser und schlechter zu tun. Statt auf naturgegebenen Unterschieden herumzuhacken, können wir unsere Energie stattdessen darauf verwenden, Frauen endlich den Respekt zu zollen, den sie seit jeher verdienen, indem wir ihre strukturelle Benachteiligung nicht länger hinnehmen. Dass es einen offiziellen Feiertag dafür gibt, ist ein Anfang, reicht aber nicht aus, um den nötigen Wandel herbeizuführen. Dafür braucht es die entsprechenden Entscheidungen im Alltag:

Wie divers stellen wir Teams auf? Welche Anforderungen stellen wir an Frauen, die wir Männern gegenüber nie erwarten würden? Was tun wir aktiv dafür, dass Frauen auch nach einer Schwangerschaft in allen Bereichen und Rängen die gleiche Repräsentanz erfahren wie Männer? Was tun wir, um zu verhindern, dass Frauen gezwungen werden, zwischen Familie und Karriere zu entscheiden? Wie können wir Familien besser unterstützen, die beiden zu vereinen? Und warum zum Henker genießt entgeltliche Arbeit in unserer Gesellschaft eigentlich immer noch mehr Ansehen als Arbeit für die Familie (geschlechtsunabhängig)?

Natürlich löst sich strukturelle Benachteiligung nicht einfach durch das Einführen eines Feiertags. Doch es kann sensibilisieren und sollte uns den Freiraum geben, über Lösungsansätze nachzudenken, gemeinsam zu diskutieren und diese zu erproben. Worauf warten wir also? Dass weitere 100 Jahre vergehen?!

Mehr davon bitte

Erfreulicher Weise haben den internationalen Frauentag nicht alle in Berlin einfach nur als freien Tag genutzt. Sogar über die Stadtgrenzen hinaus haben den ganzen Tag Veranstaltungen und Demonstrationen dazu beigetragen, dass dem ganzen Land die täglich von Frauen erfahrene Ungerechtigkeit deutlich gemacht wurde. Wenn wir also gemeinsam weiter dafür kämpfen, dass dieser Missstand behoben wird, könnte der Feiertag eines Tages überflüssig werden.

Bis dahin hätte ich jedoch noch andere Vorschläge für weitere sinnvolle Feier- und Gedenktage:

  • Christopher Street Day findet alljährlich in vielen größeren Städten auf der Welt statt – zumeist samstags. Warum ihn nicht weltweit an einem Werktag feiern, damit sexuelle Diskriminierung als Problem auch all den Menschen bewusst wird, die normalerweise samstags das Haus nicht verlassen?
  • Earth Overshoot Day indiziert den Tag, an dem die Menschheit alle erneuerbaren Ressourcen, die die Erde in einem Jahr produzieren kann, aufgebraucht hat. Er wandert Jahr für Jahr auf ein früheres Datum. Wieso ist das kein öffentlicher Gedenktag, an dem die Menschen dazu angehalten sind, mal nicht zu konsumieren, so weit es geht?
  • Ende des 2. Weltkriegs war am 02.09.1945. Weshalb das nicht weltweit offizieller Feiertag ist, leuchtet mir ebenso wenig ein, wie mangelnde Gedenktage und damit verbundene Gedenkrituale für die Abwürfe von Atombomben, um wiederkehrend zu erinnern, dass so etwas nie wieder passieren sollte. Es gibt zwar Gedenktage in Deutschland, eine entsprechende Handlung wie in Israel ist bei uns jedoch nicht verankert.

Sicherlich gibt es auch freudige Anlässe abseits von von Geburtstagen und Sonnenwenden. Welche Tage fallen dir ein, die schleunigst zum Feiertag ernannt werden sollten?

Alles Liebe
Philipp

2 Kommentare

Antworten →

  1. Hallo Philipp,

    und ich hatte mich schon gefragt, was dieser neue Feiertag in Berlin denn überhaupt soll… :-D Gleichberechtigung… und warum dann nur in Berlin? Und überhaupt – warum gibt es unterschiedliche Feiertage in unterschiedlichen Bundesländern? Ja, das ist der Religion zu verdanken… die katholischen Regionen haben mehr Feiertage.. aber warum profitieren dann auch die Protestanten? Ich finde das Thema Feiertage ist insgesamt noch nicht so ganz ausgereift, geschweige denn in irgendeiner Form gleichberechtigt. Hat ein Katholik Feiertag, wenn er in einer Protestantischen Region wohnt? Oder hat jemand Feiertag der Atheist ist? Und wie sieht es aus, wenn man für eine Firma arbeitet, die in einer Region sitzt ohne Feiertag, mein Büro aber in einer Region mit Feiertag. Ich bin der Meinung, dass landesweit die gleichen Feiertage gelten sollten. So hätte man wirklich eine Gleichberechtigung und irgendwie hätte auch jeder Mal einen Feiertag, der einem vom Glauben oder von der Einstellung her nicht unbedingt zusteht.

    Und zum Thema Gleichberechtigung der Frau… stimmt, eine wirkliche Gleichberechtigung gibt es noch nicht. Ich bin aber auch der Meinung, dass viele Frauen dazu beitragen, dass es so ist. Man kann sich unter ordnen oder auch einfach gleich ansehen und dann funktioniert es auch. Irgendwie. Natürlich alles noch ausbaufähig. Aber ich glaube mit dieser ganzen Emanzipation und Gleichberechtigung und Genderdings etc. macht man vieles auch nur komplizierter als es ist. Und das sage ich als Frau ;-) Ich finde, es müsste an anderen Stellen etwas geschehen, zB Gleichstellung zwischen West- und Ost-Deutschland, unabhängig davon ob Frau oder Mann. Aber alles ein sehr komplexes und weitreichendes Thema :-)

    Liebe Grüße aus der niedersächsischen Landeshauptstadt,

    Nicole

    • Hallo Nicole,

      vielen Dank für deine Meinung! Ich führe mal etwas aus…

      Religiöse öffentliche Feiertage finde ich ohnehin fragwürdig, weil ich kein Land kenne, in dem die Feiertage aller Religionen zum Tragen kommen würden. In Deutschland sind alle religiösen Feiertage mit dem Christentum verbunden. Entsprechend sind durchweg alle anderen Religionsangehörigen und Ungläubigen Feiertagen ausgesetzt, die nichts mit ihrer Weltanschauung zu tun haben. Das hat zur Folge, dass Christen nie mit einem Feiertag konfrontiert werden, der ihrem Glauben entgegensteht und alle Nicht-Christen nie einen Feiertag bekommen, um die ihnen wichtigen Feiertage angemessen begehen zu können. Stattdessen sind sie darauf angewiesen, Urlaub zu nehmen. Ich halte es daher für angebracht, religiöse Feiertage nicht mehr länger als freie Tage zu deklarieren, sondern in Urlaub umzuwandeln. Dann können alle sie freinehmen, wann sie möchten – unabhängig ihres Glaubens oder eben Nicht-Glaubens.

      Zu der Frage, wann Katholiken und Protestanten bei unterschiedlichem Firmensitz und Arbeitsort frei haben regeln in Deutschland, wie sollte es anders sein, Gesetze. Konkret heißt das: Über konfessionsbedingte Feiertage entscheiden meines Wissens im Einzelfall neben den Ländern die Kommunen. (Das ist in den wenigen protestantischen Enklaven in Bayern relevant.) Generell ist für dein Urlaubsaufkommen der Ort deines Arbeiteitseinsatzes relevant. In jedem Fall kannst mit der Begründung der Religionsausübung Urlaub beantragen.

      Dass es auch noch andere Bereiche gibt, in denen wir uns für Gleichberechtigung engagieren sollten und es ein Unding ist, dass den Menschen einer Nation unterschiedlich viel freie Tage und Lohn zustehen, steht außer Frage. Eine Problematik besteht natürlich darin, ob man willentlich wartet, bis alle Bundesländer bei der Angleichung mitziehen, oder ob man einfach mal wo anfängt, damit ein erster Schritt getan ist. Meiner Meinung nach ist es geschickter, überhaupt mal anzufangen, um den Stein ins Rollen zu bringen. Nur weil noch mehr möglich ist, heißt das nicht, dass man alles so lassen sollte, wie es ist, wenn man nicht gleich Perfektion erreicht. Den heutigen Status Quo haben wir ja auch nicht mit einem Schlag erreicht, sondern über viele kleine Schritte.

      Lieber Gruß
      Philipp

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