An der Grenze zur Unwirklichkeit

Wie angenehm kann ein Leben am scheinbar feindseligsten Ort der Welt sein? Kaum Wasser, stattdessen Sand, Steine und sengende Hitze.  Lassen solche Umstände überhaupt Leben zu? Ich war sowohl in der Wüste Negev und auf der Halbinsel Sinai, habe mich selbst davon überzeugt und wurde überrascht.

Wieso sollte man in der Wüste leben wollen?

Meinen Wunsch, für eine gewisse Zeit in der Wüste zu leben, hat diese Reise noch nicht gesättigt. Im Gegenteil: Er wurde sogar noch verstärkt. Dennoch ist die Frage natürlich gerechtfertigt, warum überhaupt irgendjemand in der Wüste leben wollen würde, wo die Bedingungen doch scheinbar so schlecht sind. Gefahr gibt es freilich vor allem von natürlicher Seite: Hitze am Tag, Kälte in der Nacht, kaum Vegetation, noch weniger Wasser. Wenn es dann doch mal regnet, wandelt sich das schnell in eine Sturzflut, die häufig Leben kostet, wie es jüngst kurz nach meiner Rückkehr auch in der Negev geschah. Wie unterschiedlich man mit diesen Bedingungen umgehen kann, konnte ich während meiner Reise anhand der Orte Mitzpe Ramon in Israel und Nueweiba in Ägypten mit meinen eigenen Sinnen erfahren.

Die Gründe für ein Leben in der Wüste variieren stark. Ich schätze beispielsweise die Abgeschiedenheit, weshalb Nuweiba in meinen Augen auch dem Tauchermekka Dahab klar überliegt. In Mitzpe Ramon passieren hauptsächtlich Wandernde des Israel National Trails sowie Bustouristen, die aber meist nur der Aussicht wegen kommen. Wandernd sieht man im Krater selbst die wenigsten.

Auch wenn die Dichte wesentlich geringer ist, gibt  es Menschen in der Wüste bereits seit Tausenden von Jahren, beispielsweise in Form der Beduinen. Die nomadischen Stämme sind stets den Jahreszeiten entsprechend durch den Nahen Osten gezogen, was allerdings seit dem letzten Jahrhundert zunehmend durch die Regierungen der neu gebildeten Staaten versucht wird zu unterbinden. Das Sinnbild der Nomaden schlechthin soll sesshaft werden.

Foto Mitzpe Ramon

Mitzpe Ramon

Der Wille, in der Wüste zu wohnen kann also den kulturellen Wurzeln entspringen, weil bereits die Vorfahren dort gewohnt haben und man das nötige Wissen, um dort zu überleben, sowie das damit verbundene Kulturgut erhalten möchte. Im Fall von Mitzpe Ramon steckt die Politik dahinter. Nach der Staatsgründung Israels wollte man Präsenz zeigen. Entsprechend wurden Straßen und Siedlungen gebaut gebaut. Mitzpe Ramon liegt direkt am Highway 40, der von Kfar Saba im Zentrum Israels über Beer Sheva nach bis in das Arava-Becken im Süden der Negev führt. Während Mitzpe Ramon in den 1950ern zunächst ein Lager für die Arbeiter der Straße war, wurden ab den 1960er Jahren viele jüdische Immigranten zur Besiedlung nach Mitzpe Ramon geschickt, inzwischen sind auch einige Bataillone der israelischen Luftwaffe dazugekommen. Das Anliegen, die Negev Wüste mit Israelis zu besiedeln, war Staatsvater Ben Gurion so wichtig, dass er im Ruhestand sogar selbst in ein Kibbuz in der Negev zog.

Anders sieht die Lage im Fall von Nuweiba aus. In der Gegend haben ursprünglich zwei Beduinenstämme gewohnt. Erst als Israel Sinai im Rahmen des Sechs-Tage-Kriegs 1967 besetzt hatte, wurde die Stadt überhaupt erst errichtet. In der Folge zog es viele Israelis nach Sinai, um dort Urlaub zu machen oder schnorcheln und tauchen zu gehen. Dieser Trend ist seit den 2000ern stark stagniert, auch wenn Sinai nach wie vor ein beliebtes Urlaubsziel bei vielen Freidenkern ist.

Wie überleben diese Städte?

In Mitzpe Ramon wird allem voran auf externe Versorgung gesetzt. Die kleine Stadt wird täglich mit Lkws zur Lebensmittelversorgung beliefert. Das Trinkwasser kommt aus einer Wasseraufbereitungsanlage in Asheklon am Mittelmeer, die mittels Umkehrosmose Salz- in Süßwasser umwandeln kann. Dafür wird eine Pipelin quer durch die Wüste aufrechterhalten. Auch die Häuser kommen größtenteils von außerhalb:  Viele der Betonbauten bestehen aus Blöcken, die im Werk gebaut worden waren und im Anschluss nur nur noch nach Mitzpe Ramon gekarrt und dort zusammengesetzt werden mussten. Autark existieren im Sinne von Nachhaltigkeit kann die Stadt momentan also nicht. Allerdings trifft das heutzutage auf fast alle Städte der Welt zu, wenn man einmal genauer hinschaut.

Foto Blockbau in der Wüste

Blockbau in der Wüste

Jüngst gibt es auch ein “Projekt für Nachhaltigkeit” in Mitzpe Ramon: Eine israelische Hotelkette hat mit staatlicher Subvention ein Luxushotel an den Krater gesetzt, das im Gegensatz zu den gigantischen Hotels in Eilat kein Wolkenkratzer ist, sondern aus mehreren kleinen Gebäuden, nahehzu niedlichen Häusern aus lokalen Naturmaterialien, besteht. Ein mir sehr willkommener Trend, da sich diese Häuser wesentlich besser in die Landschaft einfügen. Weniger nachhaltig finde ich allerdings, dass jedes der kleinen Häuser mit einen privaten Swimmingpool ausgestattet ist. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die hiesigen Steinböcke gern von ihnen trinken. Und mal ehrlich: Wirklich schwimmen kann man in so einem mickrigen Privatpool doch auch nicht, oder?

Foto "Bio-Hotel" mit tierischem Besuch

“Bio-Hotel” mit tierischem Besuch

Dass man in der Wüste auch nachhaltig leben kann, zeigen uns vor allem Flora, Fauna und die Beduinen. Alle drei haben sich an die harsche Umgebung angepasst und wissen im Einklang mit der Natur zu leben. Zumindest war dies lange Zeit so.

Für die Beduinen hat sich Einiges geändert, seitdem sie von Regierungen genötigt werden, sesshaft zu sein. Ihnen wurde quasi ihre Lebensgrundlage entzogen. Sie haben dennoch versucht sich anzupassen, gehen seitdem insbesondere in Sinai mit dem Tourismus mit. Das hat jedoch zu Abhängigkeit von Touristen und dem Verlust ihres Jahrhunderte alten Wissens geführt. Freilich kam es, wie es kommen musste: Seit einem Terroranschlag 2004 ist der Touristenstrom auf Sinai abgerissen und hat sich kaum merklich erholt. Welche Ambitionen man in der Gegend hatte, kann man anhand Hunderten palastartigen, jedoch unfertigen Hotels entlang der Küste Sinais erkennen. Als der Touristenstrom aufgrund von weiteren Anschlägen und der Arabischen Revolution auch weiterhin ausblieb, haben die Investoren der Hotels den Geldhahn zugedreht. Übrig geblieben sind die Bauruinen der fast fertigen Ressorts.

Foto Unfertiger Palast

Unfertiger Palast

Für die Beduinen, die sich auf Tourismus verlassen haben, hat das drastische Folgen, da es ihr einziges Standbein war. Einige verdienen sich deshalb mit Drogen etwas dazu. Allein in meinen ersten zehn Minuten in Nuweiba wurde ich mehrfach darauf angesprochen, ob ich nicht etwas aus der Bandbreite an softeren und härteren Substanzen kaufen möchte.

Es geht auch anders

Im Rahmen der Reise konnte ich aber auch einen hoffnungsvollen Ausblick kennenlernen: Im Rahmen eines multidisziplinären Projektes entstehen in Nuweiba zunehmend mehr ökologisch bewirtschaftete Farmen. Hintergrund des Ganzen ist die Habiba Community, die nicht nur selbst Obst und Gemüse anbaut, sondern ihr Wissen teilen möchte.

Foto Eine kleine Oase

Eine kleine Oase

Obst und Gemüse? In der Wüste? Ja, richtig gelesen. Wenn es im Winter regnet, grünt sogar die Wüste, was zeigt, dass die Böden längst nicht so nährstoffarm sind, wie man zunächst annehmen mag. Deshalb wird bei Habiba alles angebaut, was sich als praktikabel erweist. Neben heimischen Arten sind das vor allem viele europäische Gemüsesorten. Je nach Jahreszeit gedeihen die nämlich auch in der Wüste hervorragend, wenn sie etwas Schutz vor den sengenden Strahlen der Sonne haben. Entsprechend wird während der kurzen Regenzeit möglichst viel Wasser in Zisternen aufgefangen, wie es schon seit jeher von Beduinen in der Wüste gemacht wurde.

Foto Sonnenschutz fürs Grüne

Sonnenschutz fürs Grüne

Diese bekommen von Maged, dem Gründer von Habiba, Saatgut zur Verfügung gestellt, um selbst anzubauen. Dabei ist es ihm wichtig, dass sie nicht konkurrieren, sondern zusammen arbeiten. So wechseln sie beispielsweise das jeweils angebaute Gemüse, um nicht zu viel von einer Sorte zum gleichen Zeitpunkt zu haben, und vertreiben das Gemüse als Kooperation gemeinsam. Die grünen Kisten mit wechselndem Inhalt werden einmal wöchentlich geliefert und versorgen Haushalte in der nächstgrößeren Stadt Dahab mit frischem, regionalem und saisonalen Gemüse und Kräutern, welche die Beduinen in der Bergen ernten.

Foto Grünes Körbchen für wöchentliche Vielfalt

Grünes Körbchen für wöchentliche Vielfalt

Gästen der Habiba Lodge wird das Projekt gezeigt, um die Kunde um und die Begeisterung für das Projekt zu verbreiten und freiwillige Helfer unterschiedlichster Disziplin für das Projekt zu gewinnen. Außerdem entsteht gerade eine Lernzentrum, das Schulklassen Wissen um Nachhaltigkeit vermitteln soll und größtenteils aus lokalen, biologisch abbaubaren, oder wiederverwendeten Ressourcen besteht. Die Mauern bestehen aus einer Mischung aus Stroh und Schlamm, der jährlich zur Regenzeit herangespült wird. Eine Beschichtung aus Leinsamenöl sorgt dafür, dass die Wand nicht bei den seltenen Regenfällen abgetragen wird. Das Fundament besteht aus alten Autoreifen, die andernfalls verbrannt worden wären.

Foto Hier entsteht ein Lernzentrum

Hier entsteht ein Lernzentrum

Mit Wissen um Nachhaltigkeit in der breiten Bevölkerung ist es hier nämlich noch nicht so weit, was sich nicht nur an den riesigen Müllmengen in der Landschaft zeigt – auch am Strand der Habiba Lodge.

Das Team von Habiba entfernt den Müll regelmäßig und trotzdem benötige ich keine zehn Minuten, um einen Eimer voll Müll aus dem Sand und dem seichten Wasser aufzulesen. Die Fähren die täglich mehrmals zwischen Nuweiba und Aquaba in Jordanien verkehren sollen eigentlich für jedes Stück Müll an Board eine Gebühr entrichten. Um dem zu entgehen, entladen sie ihren Müll schlichtweg bei der Überfahrt im Meer. Das zerstört nicht nur die Landschaft, sondern auch das reiche Unterwasserleben, das ich genießen konnte. Die majestätischen Meeresschildkröten verwechseln allzu leicht einen Plastikbeutel mit einer Qualle und gehen daran jämmerlich zu Grunde. Um dem entgegenzuwirken will Habiba bei der jetzigen Kindergeneration ein stärkeres Bewusstsein für die Problematik gründen.

Foto Müllsammlung am heimischen Strand

Müllsammlung am heimischen Strand

Kann Tourismus überhaupt nachhaltig sein?

Bei aller Korruption in der Wirtschaft und öffentlichen Ämtern lässt sich das Müllproblem am besten angehen, indem man ihn gar nicht erst produziert. Umso mehr wundere ich mich, warum auch in der Habiba Lodge, die ja zum Gesamtkonzept gehört, viel unnötiger Müll produziert wird. Nach wie vor werden Getränke in Dosen und Wasser in kleinen Plastikflaschen verkauft und so den üblichen Lebensmittelriesen noch mehr Geld und damit auch Macht in den Rachen geschoben, obwohl die Angestellten längst auf große Pfandflaschen vom lokalen Wasseranbieter zurückgreifen. Warum wird das nicht auch Gästen angeboten?

Hier zeigt sich eines der Grundprobleme im Zusammenspiel von Tourismus und Nachhaltigkeit: Was Touristen wollen ist nicht zwingend das Beste für die Region. Nicht alle Gäste wollen die schmackhaften, frisch gepressten Säfte aus hiesigen Früchten genießen, sondern ihre gewohnten Erfrischungsgetränke. Manche wollen nicht mehr über die regionale Kultur erfahren oder gar ihre Komfortzone verlassen, sondern einfach nur bei allen Annehmlichkeiten entspannen. Gleichermaßen sollte klar sein, dass selbst so scheinbar simple Sachen wie Straßen oder Internet an entlegenen, sagenhaft paradiesischen Orten oft erst ausgebaut werden, um sie für Touristen attraktiver und zugänglicher zu machen. Inwiefern das jedoch die Attraktivität tatsächlich steigert, stelle ich in Frage.

Foto Spuren des Tourismus

Spuren des Tourismus

Auf den ersten Blick scheint es simpel: Mehr Touristen führen zu mehr Geld in der Region. Dass es aber auch mehr Rückstände und weniger Ursprünglichkeit zur Folge hat, wird oft ignoriert. Ich habe es beispielsweise total genossen, im Roten Meer tauchen oder im Ramon Krater wandern zu gehen, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Falls all die angefangen Hotels jemals fertig gestellt werden sollten, wird es damit schnell vorbei sein. Den einzigen ansässigen Tauchklub wird es freuen, mehr Kundschaft zu haben. Die Erfahrung wird jedoch nicht mehr dieselbe sein. Wie solche Gegenden aussehen, wenn die Touristenströme abreisen, zeigt die Küste am Roten Meer beispiellos.

Mehrere Standbeine zu haben, indem man den Fokus auf nachhaltige Landwirtschaft, Bildungsreisende und Freiwillige, die sich selbst in die Region einbringen und für die Ansässigen einen Mehrwert hinterlassen, legt, ist der erste richtige Schritt. Es kann aber noch nicht der letzte sein. Wenn Tourismus wirklich nachhaltig sein und die Qualität eines Ortes aufrecht erhalten werden soll – ganz gleich in welche Richtung – führt kein Weg daran vorbei, kapitalistische Interessen beiseite zu stellen und stärker darauf zu achten, was einem Ort wirklich gut tut und, ja, auch wie viele Touristen man zulässt und was man ihnen “bietet”. Komfort und Authentizität gehen eben nicht immer Hand in Hand.

Die Qualität eines Ortes steht meist in direktem Zusammenhang mit der Anzahl an Menschen, die ihn sich teilen. Tausende von Touristen möglichst viel Komfort zu bereiten, trägt meines Erachtens definitiv nicht zur Erhaltung der Authentizität eines Ortes, sondern eher dazu bei, dass er noch unwirklicher wirkt – insbesondere an einem ohnehin so außergewöhnlichen Habitat wie der Wüste.

Mehr Menschen führen zu mehr Annehmlichkeiten und vielfältigerem Angebot, aber auch zu mehr Stress und höheren Lebenshaltungskosten aufgrund der größeren Konkurrenz sowie eindeutig mehr Spuren in der Landschaft. Weniger Menschen erreichen selten dieselbe Infrastruktur und Vielfalt, bieten dafür aber Abgeschiedenheit, Ruhe und Unberührtheit. Und das sind die wahren Qualitäten eines Lebens in der Wüste.

Wenn du dich verstärkt für nachhaltigen Tourismus interessierst, dann schau dir auch gern Nicoles neue Reihe zum Thema Nachhaltigkeit im Tourismus an.

Alles Liebe,
Philipp

2 Kommentare

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  1. Hallo Philipp,
    ein sehr interessanter Beitrag und klasse geschrieben. Vielen Dank für’s Verlinken.
    Lieben Gruß
    Nicole

    • Hallo Nicole,

      vielen Dank!

      Ich habe dir zum Thema Blogparade auch gerade noch eine E-Mail geschickt. :)

      Lieber Gruß,
      Philipp

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