Das heilige Wochenende

Noch vor einem Jahr wäre mir im Traum nicht eingefallen, dass mir geregelte Wochenenden einmal wichtig sein würden. Zwölf Monate später ist plötzlich mein Wochenende bedroht und ich spüre, wie sich mir die Haare im Nacken aufstellen.

So wendet sich das Blatt: Als Student und ortsunabhängiger Selbstständiger empfand ich es ja stets als etwas spießig, wenn Menschen stur auf ihrem Wochenende beharrten. Bei mir ging es doch auch. Warum konnten andere Menschen nicht so flexibel sein? Kommt das womöglich mit dem Alter, wenn man merkt, dass man nicht mehr so viel Lebenszeit hat? Oder warum sonst, können junge Menschen im Vergleich so unbeschwert mit ihrer Freizeit umgehen?

Nun, da ich mich selbst in einem “geregelten Arbeitsverhältnis” befinde, sehe ich die Angelegenheit freilich aus einem ganz anderen Licht. Der Status quo liegt zwar fernab meines Komfortbereichs, aber zumindest mehr Einsichten und Erfahrungen kommen so zusammen, während ich beobachte, wie die eigentlich streng reglementierte Arbeit, an allen Enden meine Freizeit auffrisst. Zum Glück macht mir mein Job Spaß und natürlich finde ich es auch erquickend, dafür sogar noch bezahlt zu werden. Aber ich habe doch noch so viel anderes vor, wofür mir im Grunde nur das Wochenende bleibt.

Im Prinzip macht mein Job mit acht Stunden ja “nur” ein Drittel meines Tages aus. So richtig frei ist die Mittagspause nicht, denn ich muss ja essen. Praktischer Weise habe ich einen Arbeitsweg von zwei Minuten. Allerdings steckt darin auch die Tücke: Wenn abends mal noch etwas mehr zu tun ist, bin ich ja wenigstens ruck-zuck zu Hause. Also bleibe ich noch kurz – oder eben länger. Zu Hause angekommen kann ich jedoch nur bedingt abschalten. Vom Werktag bleibt also nicht viel übrig.

Entsprechend setze ich alle anderen Pläne in das Wochenende:

  • Kreativeprojekte, für die ich unter der Woche ohnehin keine Energie hätte
  • Erledigungen die werktags gar keinen Platz fänden
  • Wohnungsputz
  • Kulturprogramm wie Museumsbeusche, Konzerte, Filme, Serien, Bücher und was die Welt sonst noch so zu bieten hat
  • Weiterbildung
  • Pflege von sozialen Kontakten
  • Reisen

Und etwas Erholung brauche ich ja auch noch. Wenn dann Teile des Wochenendes auch noch für Arbeit draufgehen, schmerzt das natürlich umso stärker. Deshalb also sind all die Erwachsenen, die jede Woche 40 Stunden (und mehr) arbeiten, so erpicht darauf, sich das Wochenende freizuhalten.

Trotz meiner Festanstellung hat sich meine Meinung zu flexibleren freien Tagen nicht geändert, denn ich sehe nach wie vor mehr Vorteile darin, antizyklisch zu leben. Allerdings hat sich meine Lebenssituation reichlich gewandelt, da ich die Freiheit, komplett selbst bestimmen zu können, wann ich frei nehme, vorübergehend aufgegeben habe.

Allen Erfahrungen zum Trotz (oder womöglich gerade der Erfahrungen wegen), glaube ich nach wie vor nicht an die 40-Stunden-Woche und halte es für sinnvoller, global auf die Bremse zu treten. Wenn 40 Stunden ohnehin nicht ausreichen, um alle Aufgaben zu bewältigen, und dann auch das Wochenende nicht genügt, um all die anderen Vorhaben umzusetzen, erscheint es doch nur logisch, schlichtweg weniger zu arbeiten, um mehr Zeit für Anderes zu haben.

Meine Lösung: Das dreitägige Wochenende. Leider machen momentan vor allem die Menschen Karriere, die in “Vollzeit” arbeiten. Doch was, wenn die neue Vollzeit 32 Stunden wären oder die Arbeitswoche lediglich vier Tage umfasst?

Bis dahin ist es in unserer Gesellschaft freilich noch ein weiter Weg. Darauf verlassen, dass es eines Tages dazu kommt, mag ich mich ehrlich gesagt nicht. Doch womöglich kann ich mir den Weg dorthin ja zumindest für mich persönlich ebnen. Wie das mit der ortsunabhängigen Arbeit funktioniert, habe ich ja schon am eigenen Leib erfahren. Der nächste Schritt für mich: Zeitunabhängiges Arbeiten. Das wird allerdings ein Projekt für sich und allem voran einen Sinneswandel im Alltag meinerseits erfordern, indem ich zum Spießer werde und mir täglich sage:

Meine Zeit ist mir wichtig und mein (künftig hoffentlich dreitägiges) Wochenende heilig.

Alles Liebe
Philipp

5 Kommentare

Antworten →

  1. Hallo Phillip, ich bin schon etwas älter (55) habe aber noch nie an die 40 Stunden Woche geglaubt und deshalb auch noch nie einen 40 Stunden Job gehabt. Ich arbeite angestellt schon immer maximal 30 Stunden und finde das völlig ausreichend. Ich wollte und will nebenher immer genug Zeit haben noch andere Dinge zu tun (z.B. Fortbildungen, Ausbildungen und seit 13 Jahren noch Yoga unterrichten). Die 30 Stunden kann ich mir außerdem in meinem Job als Soz.Pädagogin noch recht flexibel einrichten. Ich bin sehr zufrieden so. Das Geld steht nicht an erster Stelle, sondern Zeit haben für alles was mir neben meiner Arbeit (die ich gerne mag) auch noch Spaß macht. Mit diesem Modell stoße ich oft auf Verwunderung und oder auch auf Unverständnis (keine Karriere machen? Was machst du denn dann, ist das nicht langweilig? (lach) Da kannst du dir ja nie ein Haus…. etc. kaufen) manchmal aber auch auf Neid. Dabei ist es immer eine Wahl die man treffen kann. Ich finde deine Gedanken jedenfalls genau richtig und wünsche dir viel Spaß bei dem Weg den du für dich gefunden hast und der sich auch immer mal wieder ändern darf im Laufe des Lebens. Herzliche Grüße, Simone

    • Hallo Simone,

      vielen Dank für den Einblick in deine Erfahrungen und die ermunternden Worte! Ich sehe für die Zukunft genau diese beiden Extreme: Entweder, wie du eben bewusst weniger als 40 Stunden je Woche in einer Festanstellung zu arbeiten, und später froh darüber zu sein, genau die richtige Entscheidung getroffen zu haben, oder, es nicht zu tun, und das womöglich später bereuen. Sorge davor, dass mir langweilig wird, habe ich schon längst nicht mehr.

      Für die nächsten anderthalb Jahre bleibt es wohl erstmal bei noch bei 40 Stunden. Zwischenzeitlich bin ich aber dazu übergegangen, jede Woche einen halben Tag frei zu nehmen, um meine Überstunden abzubauen, und das fühlt sich auch schon sehr gut an. :)

      Dein Blog gefällt mir übrigens sehr gut. Da schaue ich jetzt öfter mal vorbei.

      Lieber Gruß
      Philipp

  2. Das 4-3-System (4 Tage arbeiten, 3 Tage frei) ist das Beste, was ich bzgl. Arbeiten je entschieden habe. Die Erholung ist deutlich besser, die Lebensqualität höher. Die Wochentage sind nicht mehr so restlos zu gestopft, wie früher. Nicht jede/r hat die Möglichkeit, zeitlich völlig flexibel zu arbeiten. Ich kenne auch von früher her noch Wochenendarbeit, Bereitschaftsdienste etc. und weiß, wie belastend so etwas auf die Dauer ist.

    • Hallo Gabi,

      das glaube ich dir sofort! In der Hinsicht schätze ich mich schon glücklich, nicht in Schichten zu arbeiten und bis auf Ausnahmefälle auf das Wochenende zählen zu können.

      In meiner derzeitigen Position habe ich auch gemerkt, dass es völlig flexible Arbeitszeiten gar nicht möglich sind. Wenn man im Team arbeitet, braucht es gemeinsame Kontaktpunkte – auch in zeitlicher Hinsicht. Das fällt mir besonders auf, wenn Arbeitsschritte von einander abhängig sind. Insofern hängt es wirklich davon ab, woran und in welcher Konstellation man arbeitet.

      Ich habe auch schon überlegt, ob ich nicht einfach regulär 10 Stunden an vier Tagen in der Woche arbeiten könnte und dann einfach prinzipiell an einem Tag frei nehme. Da eh oft Überstunden anfallen, ändert sich an den Tagen dann ohnehin nicht so viel. Darüber schlafe ich aber lieber noch ein paar Mal. :)

      Lieber Gruß
      Philipp

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