Achtung, es wird politisch. Und nein, die Rede ist nicht etwa von Berlin oder Jerusalem, denn beide sind mittlerweile wieder vereint. Die Teilung selbst ist ebenso ungewöhnlich, wie die Stadt sebst, nämlich horizontal und vertikal. Ich rede von der Stadt Hebron.

Ein wenig ironisch ist es schon, dass deren Name sowohl auf Hebräisch als auch Arabisch Freund bedeutet. Denn Freunde sind die beiden Seiten nicht im Geringsten.

Im Rahmen meiner Volontärtätigkeit bin ich mal wieder auf Tour gegangen. Diese Tour versprach, gut zu werden, so viel wurde mir von meinen Kollegen vorgeschwärmt. Was konnte also groß schief gehen?

Ich muss im Vornherein sagen, dass ich bereits vorher eine Meinung zum Thema Siedlungspolitik hatte. Darum kommt man, wenn man in Israel wohnt, nicht herum. Und sei es nur in privaten Diskussionsgesprächen.

Wie so oft im Nahost-Konflikt geht es auch hier um Gebietsansprüche beider Seiten: Auf der einen Seite Palästina, auf der anderen Israel. Als Ergebnis des 6-Tage-Krieges eroberte Israel das dato unter jordanischer Besetzung stehende Hebron. Im Rahmen des Friedensprozesses Mitte der 1990er wurde schließlich beschlossen, dass die Stadt in zwei Zonen geteilt werden soll: H1 und H2. Während erstere (etwa 80% der Stadt) der palästinensischen Autonomiebehörde unterliegt und ausschließlich von Arabern bewohnt wird, wird H2 von Israel verwaltet und hat sowohl palästinensische als auch israelische Einwohner.

So viel zur Theorie. Nun zur Praxis.

Die Tour beginnt

Wir Teilnehmer werden von Eliyahu abgeholt. Er ist augenscheinlich jüdisch-religiös. Zu Beginn geht er den Tagesplan mit uns durch. Schön übersichtlich, so lobe ich das mir.

Mit der Straßenbahn fahren wir zum Busbahnhof, wo wir in einen gepanzerten Bus wechseln. Aus mehreren Erzählungen weiß ich bereits, dass die Panzerung eine Lücke an der Stelle der Lüftungsschlitze hat, weshalb stets nahegelegt wird, während der Fahrt nicht zu stehen, da man dann ungeschützt wäre. Der Bus scheint auch schon ein paar Mal unter Beschuss genommen worden zu sein. Oder Vandalen haben sich daran zu schaffen gemacht. Was weiß ich schon?

Auf der Fahrt erzählt uns Eliyahu von seinen Aktivitäten außerhalb der Touren. Er ist Friedensaktivist, der sich für den interreligiösen Dialog einsetzt – und das wohl recht erfolgreich. Das tut aber nichts zur Sache, denn das entscheidende ist das beruhigende Gefühl, dass der Tourguide selbst etwas für den Frieden tut und beide Seiten zu Wort kommen lässt.

Das ist schließlich auch das Gesamtkonzept der Dual Narrative Tour. Beide Seiten unabhängig von einander kennenzulernen und sich daraus eine eigene Meinung bilden zu können. Gleichzeitig warnt uns Eliyahu vor, dass beide Seiten sprichwörtlich in einem Wettstreit gegeneinander antreten, wer von beiden das größere Leid zu bekunden hat. Mit diesen Worten überlässt er uns unseren eigenen Gedanken.

Die Sicht der Araber

In Hebron angekommen übergibt uns Eliyahu an Muhammed (nein, das ist kein Scherz, der Name wird wirklich oft vergeben), der in Hebron wohnt, arbeitet und Familie hat. Er ist Araber, kann sich deshalb sowohl in H1 als auch H2 aufhalten.

Er berichtet uns von der Ungerechtigkeit, die Arabern durch die Israelis widerfährt. Wie sich Soldaten Gesetze zu Nutze machen, um den Arabern in H2 das Leben zur Hölle zu machen und jederzeit in H1 vordringen zu können. Eigentlich sei es nämlich so: Während die IDF in H2 berechtigt ist, von ihrer Macht Gebrauch zu machen, darf sie sich in H1 nur unter Patrouille der palästinensischen Soldaten aufhalten.

Die Realität sieht wohl anders aus: Ständig sehen sich die Araber der Schikane durch Siedler und Soldaten in H2 ausgesetzt. Und nicht einmal in H1 kennen die Soldaten Halt. Denn wer soll schon etwas gegen die bewaffneten Männer ausrichten? Und wer entscheidet im Zweifelsfall, weshalb die IDF unbedingt H1 durchkämmen muss?

Schlimmer noch, so Muhammed, sei aber die Tatsache, dass sich kein Araber wirklich verteidigen kann. Wann immer ein israelischer Siedler einen Araber beschuldigte, ihn angegriffen zu haben, müsse der Araber seine Unschuld beweisen. Gleichermaßen seien Araber in der Bringpflicht für Beweise, wenn sie einen israelischen Siedler gegenüber der IDF anzeigen wollen. Gleiches Recht für alle scheint hier ein Fremdwort zu sein.

Foto Arabisches Begräbnis

Gestörte Idylle

Wir ziehen durch die anmutende Altstadt Hebrons. Nur trübt etwas das Bild. Über unseren Köpfen hängt ein Netz, das den Müll auf der anderen Seite davon abhält, auf uns herabzurieseln. Muhammed bittet einen der Ladenbesitzer an, uns die Situation zu erklären.

Die Gebäude hier waren ursprünglich nicht so hoch. Doch eines Tages fingen die Siedler an, ihre eigenen Häuser auf den Häusern der Araber zu errichten. Natürlich ohne zu fragen. Ständig würfen sie Müll herunter. Der Ladenbesitzer beklagt, dass rohe Eier auf seine Kaschmirschals geworfen wurden. Er hat sie gewaschen und in die Sonne zum Trocknen gehängt, aber muss das denn sein? Anschließend preist er noch kurz seine Waren an. Alles aus Hebron. Das Geschäft läuft nicht gut, denn es kommen nur wenige Touristen hier her.

Wir ziehen weiter, treffen auf Freiwillige in Hebron. Sie überwachen das Unrecht, das den Palästinensern widerfährt. Auch die Freiwilligen sind nicht sicher, wurden bereits mehrfach von Siedlern attackiert. Und die Soldaten? Die Sorgen doch für Sicherheit? „Nein, sie schauen zu.“

Auf den Dächern Hebrons zeigt uns Muhammed den Rest der Stadt. Einen Großteil erlaufen wir schließlich gar nicht. Ich fühle, dass ich noch einmal zurückkehren möchte, um auch den Rest zu erkunden. Auf dem Friedhof nebenan wird gerade ein Araber zu Grabe getragen. Das zu beobachten ist unter den Geschichten, die wir gerade gehört haben, ein seltsames Gefühl. Dabei wissen wir gar nicht, woran der Verstorbene erlegen ist.

Muhammed erzählt uns von all den Verlusten, besonders den immateriellen, die Araber hinnehmen mussten. Ganze Straßenzüge dürfen Araber nicht mehr betreten. Menschliche Verluste gibt es leider auf beiden Seiten. „Es war aber nicht immer so.“, klärt er uns auf. „Früher lebten Araber und Juden hier friedlich zusammen. 1929 haben ein paar Araber sogar die Leben ihrer jüdischen Nachbarn gerettet.

Foto Das Patriarchengrab

Das Patriarchengrab

Unser letzter Halt vor der Mittagspause ist die Abraham-Moschee. Hier liegen angeblich die Gebeine der Erz-Väter Abraham, Isaak und Jakob sowie die derer Frauen begraben. Deshalb ist der Ort sowohl für Muslime, als auch Juden, teilweise sogar Christen von großer Bedeutung.

Die Gräber im Inneren sind tatsächlich nur Kenotaphe, Scheingräber, die an die Verstorbenen erinnern sollen. Die echten Überreste existieren wahrscheinlich gar nicht mehr. Denn auch das Gebäude ist nicht mehr das Original. Das wurde im 7. Jahrhundert zerstört. Der heutige Bau stammt aus der Zeit der Kreuzfahrer, ist also trotzdem ordentlich alt. (Und seien wir mal ehrlich, wie groß ist der Unterschied bei Relationen von über 1000 Jahren schon?)

Mit Muhammed betreten wir lediglich den muslimischen Teil der Moschee. Die Trennung der beiden Teile erfolgt strikt reglementiert. Für Juden und Araber gibt es unterschiedliche Eingänge zu den jeweiligen Bereichen. Man könnte sagen, der Nahost-Konflikt spiegelt sich im Kleinen in Hebron wieder, die Arbaham-Moschee wiederum ist ein mikrokosmisches Abbild Hebrons.

In den 1990ern fand hier ein blutiges Massaker an Purim statt, als ein extremistischer Siedler die Moschee betrat und ein Feuer auf die betenden Muslime eröffnete. Überlebende der Schießerei überwältigten ihn schließlich und schlugen ihn zu Tode. Das Ausmaß solch einer Schandtat auf religiösem Grund war neu. Beide Seiten verurteilten die Tat scharf. Doch hat es Annäherung gebracht?

Bei Muhammed zu Hause

Wir haben noch viele Fragen, während wir bei Muhammed zu Mittag essen. Er beantwortet uns alle, so gut er kann. Fragen wie „warum er nicht aus Hebron wegzieht?“ Familie und und sein Geschäft sind hier. Vor allem aber darf er nicht wegziehen. Er steht auf einer schwarzen Liste seitens der IDF. Nicht einmal in Palästina, gar in Hebron selbst kann er sich komplett frei bewegen. Dabei wohnt er doch rechtmäßig hier. Schließlich ist sein Haus in Familienbesitz.

Freilich reicht die Zeit bei Weitem nicht aus, um alles zu verstehen. Und das war nur der erste Teil der Tour. Den jüdischen Teil der Geschichte, sollten wir noch am selben Nachmittag hören. Darauf werde ich im zweiten Teil eingehen.

Alles Liebe,

Philipp