Hebron ist geladen, geteilt und geschädigt. Im zweiten Teil meines Berichts geht es um die jüdische Seite der Geschichte – inklusive meinem ersten Kontakt mit einem Siedler.

Den ersten Teil (die Theorie dahinter und die arabische Seite) gibt es hier.

Die Synagoge

Gleich zu Beginn des zweiten Teils begeben wir uns zurück in das Patriarchengrab. Dieses Mal auf der jüdischen Seite. Vorher müssen wir jedoch noch eine Sicherheitskontrolle passieren. „Welcome to Israel!“, begrüßen uns die Soldaten. Ich fühle Unbehagen.

An der Außenmauer vorm Eingang betet ein Jude. „Das war uns so nicht immer möglich.“, erklärt uns unser Tourguide Eliyahu. „Lange Zeit war uns der Zugang zum Patriarchengrab verwehrt, weshalb wir jetzt umso dankbarer dafür sind, hierher zurückkehren zu können.“ Das erinnert mich an die Klagemauer in Jerusalem.

Wir können von der Synagoge in die Moschee schauen. „Wir haben hier schon verschiedene Events organisiert, bei denen Juden und Muslime gemeinsam gebetet haben, beide auf der ihrigen Seite. Und es funktioniert.“, erzählt uns Eliyahu stolz.

Der heilige Ort wird sich also geteilt. An manchen Feiertagen wird das Grab sogar komplett zur Moschee beziehungsweise Synagoge. Man könnte also meinen, dass alles reibungslos läuft. Woran hapert es also?

„Ich war aber zuerst!“

Ein wesentlicher weiterer Bestandteil der Überlieferung zu Abraham besagt, dass er das Land für sein Grab rechtmäßig erworben habe. Sowohl Muslime, als auch Juden sehen sich als Nachfahren Abrahams. Das große Bedürfnis nach Nähe zu den kulturellen Wurzeln kommt hier ganz besonders zum Tragen.

Ich persönlich ticke da ja ganz anders. Entsprechend schwer fällt es mir, nachzuvollziehen, warum jemand an einem Ort wohnen möchte, weil einem Buch zufolge ein ferner Vorfahre dort begraben liegt. Ich finde das selbst sehr hypothetisch und ganz ehrlich: Gesetzt den Fall, liegt das wohl schon ein paar Jahrtausende zurück.

Auch hier spiegelt sich im Kleinen der große Konflikt wieder: Besitzansprüche am Land – von beiden Seiten erhoben. Ich möchte hier gar niemandem den Schwarzen Peter unterjubeln. Für mich hört sich das so an:

„Wir sind die Nachfahren Abrahams, der hier Land für sein Grabmal erworben hat. Diesem besonderen Ort [Anmerkung: im Judentum immerhin zweitwichtigster nach dem Tempelberg] möchten wir besonders nahe sein und deshalb hier wohnen.“

„Wir wohnen hier aber schon.“

„Das ist aber das Land, das unsere Vorfahren von euch Arabern gekauft haben.“

„Dieses Land wurde uns aber im Rahmen der Zweistaatenlösung zugesprochen.“

„Wir haben aber dafür bezahlt.“

„Wir auch. Mein Großvater hat dieses Haus rechtmäßig erworben.“

[…]

Wenn man das Ganze historisch betrachtet ging dieses Stück Land durch viele Hände. Das Patricharchengrab war auch schon in der Hand von Christen. Eine Verbindung könnte hier jeder herstellen, wenn man nur wollte und ein wenig sein Hirn anstrengt. Doch wer darf nun hier wohnen und wer nicht?

Foto Verlassene Straße in Hebron

Der Vorzeigesiedler?

Der nächste Redner soll uns darauf eine klare deutliche Antwort geben. Wir treffen den internationalen Sprecher der Siedlerbewegung. Das klingt vielversprechend, denn wie könnte man sonst schon einen von diesen ominösen Siedlern antreffen? Und wer weiß, vielleicht ist er ja auch einfach nur ein Mensch, wie du und ich?

So viel sei gesagt: Er ist ein Mensch. Aber frage nicht, was für einer.

„Ich habe täglich mit zig Medienrepräsentanten und NGO-Aktivisten zu tun, die uns als Unmenschen und Verbrecher darstellen. Ich habe eine sehr klare Meinung, die Sie vielleicht nicht teilen mögen. Aber ich weiß, sie zu kommunizieren. Denn das mache ich jeden Tag in hunderten eMails, stundenlang am Telefon und bei Konferenzen.“ Seine Vorstellung.

„Mir werden jedes Mal die gleichen Fragen gestellt. Die ganzen Leute da draußen meinen, eine fundierte Meinung über uns zu haben. Ich frage mich: Woher kommt die? Die haben keine Ahnung von der Situation hier. Letzte Woche fragte mich eine Australierin, wie wir rechtfertigen können, palästinensisches Gebiet für uns zu beanspruchen. Das wagt mich ausgerechnet jemand zu fragen, dessen Vorfahren die Einheimischen nahezu ausgerottet haben? Ich muss wohl kaum anfangen, von den Aborigines zu reden.“ Das erzählt er uns, ohne dass wir die Gelegenheit hatten Fragen zu stellen.

Ein britischer Tourteilnehmer wagt einen Versuch. Der Sprecher kontert mit den Falkland-Inseln. Doch wir lassen uns davon nicht beirren und fragen weiter. Mir schwirren selbst so viele Fragen durch den Kopf, dass ich gar nicht weiß, womit ich beginnen soll. Aber irgendwo muss ich ja einen Anfang machen. Ich frage, welche Lösung er sieht, um beide Seiten zufriedenzustellen. Er versteht nicht ganz, also werde ich etwas deutlicher: Angenommen, zwei Personen erwerben dasselbe Haus, es kann aber nicht eindeutig ausgemacht werden, wer nun der rechtmäßige Besitzer sei. Welche Vorgehensweise hält er für die richtige?

Plötzlich ist er ganz außer sich; versteht gar nicht, warum immer alle versuchen, zu hypothetisieren, wo die Fakten doch ganz klar für sich sprächen: Für jedes einzelne Gebäude gäbe es Kaufnachweise. Dieses Land sei dem jüdischen Volk versprochen. Und wenn andere das nicht akzeptieren könnten, würden sie dafür auch kämpfen.

So richtig beantwortet empfinde ich meine Frage nicht. Den anderen Tourteilnehmern geht es nicht anders. Angriff als Verteidigung scheint also seine Wirkung getan zu haben. Aber die Zeit ist jetzt auch um.

Leid auf beiden Seiten

Eliyahu nimmt uns mit in eine Synagoge. Es handelt sich um einen Wiederaufbau, nachdem bei den arabischen Aufständen 1929 alles zerstört worden war. Besonders froh ist er über zwei alte Tora-Rollen, die gerettet werden konnten. Vielen Juden erging es da leider anders. Mehrere Dutzend wurden getötet oder verletzt.

„Es gibt aber auch noch einen anderen Teil der Geschichte.“, erzählt er uns. „Der wird von den meisten Siedlern ignoriert.“ Hunderte von Juden wurden nämlich auch von ihren Nachbarn gerettet. Und er versucht, dass immer wieder in Erinnerung zu rufen, weil es so wunderbar zeigt, dass Araber eben nicht gleich Araber und Jude nicht gleich Jude ist. „Diese Verbrechen werden, auch heute, von Einzeltätern begangen.“ Und es ist gefährlich, diese Einzeltaten auf ganze Personengruppen zu beziehen. Leider passiert das noch viel zu oft.

Die Synagoge ist nicht die letzte Stätte, die wir besuchen, um zu erfahren, dass hier diese oder jene Grausamkeit  geschah. Und ich glaube, es klingt kaltherzig, sie alle über einen Tisch scheren zu wollen. Gleichzeitig merke ich, wie mich die Anhäufung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit etwas abstumpfen lässt. Es schlaucht, immer wieder wahrzunehmen, wozu Menschen fähig sind. Und die Masse an Informationen auf einmal macht mich auch etwas gleichgültiger gegenüber den einzelnen Geschehnissen.

Wesentlich mehr nehmen mich da komplette Straßenzüge mit, die einfach nur verlassen sind. Hier und da begegnen wir Soldaten oder Angehörige von Monitoringorganisationen. Sonst gleicht es einer Geisterstadt. Allerdings sind die Häuser noch in gutem Zustand. Und gleichzeitig wissen wir, dass es da auch noch Downtown gibt, welches wohl sehr viel belebter sein dürfte.

Foto Altstadtansicht Hebron

Meine Meinung zur Geschichte

Ich bin froh, auf die Tour gegangen zu sein. Freilich könnte ich das auch auf eigene Faust unternehmen. Ohne all die Informationen würde ich die Atmosphäre aber wahrscheinlich anders wahrnehmen. Deshalb würde ich als Ersttrip nur eine Fahrt nach Hebron empfehlen, wenn man dort einen Einheimischen kennt.

Mich interessiert persönlich noch die Sicht der Soldaten. Denn ich frage mich schon die ganze Zeit, wie überzeugt sie nun wirklich sind in dem, was sie tun. Und wie sie unterscheiden zwischen persönlicher Ansicht und Befehlen?

Ich bin schockiert, wie gefangen die Menschen in Hebron sind – nicht nur räumlich. Und obwohl mir die Tour jede Menge neue Einblicke gegeben hat, hat sich an meiner Meinung an sich nichts geändert.

Ich halte nichts davon, an Vergangenem festzuhalten. Von Grenzen noch viel weniger, aber das ist ein anderes Thema. Vielmehr empfinde ich es als wichtig, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren.

Über die Frage, wer zuerst da war, wird man keine vernünftige, friedliche Lösung finden. Stattdessen kann man aber versuchen, Wege zu finden, zusammen mit der aktuellen Situation umzugehen. Ohne Gewalt.

Mir ist natürlich klar, dass dieses Thema die Gemüter spaltet. Trotzdem interessiert mich deine Meinung – insofern du dir überhaupt schon eine bilden konntest.

Alles Liebe,

Philipp