Schnipp schnapp, Haare ab!

Lang genug hatte ich es herausgezögert, doch schließlich war es an der Zeit: Ein Friseurbesuch war fällig. Doch wie erklärt man, wie die Haare geschnitten werden sollen, wenn man es nicht adäquat in einer der Landessprachen ausdrücken kann? Und wie verhindert man, versehentlich einen „Fußballrasen“-Schnitt verpasst zu bekommen, wie ich ihn jüngst erschrocken bei einem Dozenten erkennen musste?

In Deutschland hatte ich dieses Problem nie: Jahrelang war Hotel Mama auch gleichzeitig Friseursalon Mama, bis es dabei zu einem üblen Unfall kam. Ein professioneller Friseur musste her! Nach mehrjähriger, erfolgloser Suche war endlich einer gefunden: Nichtraucher, quatscht nicht zu viel und nicht zu wenig, weiß meine Wünsche zu verstehen und mit meinen Haaren umzugehen – perfekt also!

Seit Jahren habe ich es unabhängig vom Wohnort irgendwie so takten können, in regelmäßigen Abständen den Friseur meines Vertrauens zu besuchen. Anbetracht meines Aufenthalts in Israel hat er mir zu Fotos geraten, die genau wiedergeben, wie meine Frisur aussieht. Mehr als tausend Worte und so.

Gesagt, getan wurden nach meinem letzten Besuch kurzerhand Fotos geschossen und ausgedruckt. Was soll da noch schief gehen?

Euphorisch betrete ich also den Salon der Wahl. Ein Mann sitzt im Stuhl und wird frisiert. Seiner Haarlänge zu urteilen muss er kurz vor Abschluss stehen. Mir wird in der Zwischenzeit vom Jungen des Friseurs ein kleines Glas gereicht. Mist – Kaffee!

Dank traumatischem Ereignis meiner Kindheit verabscheue ich das flüssige Schwarz, obgleich ich die Bohnen ganz gern esse. Ich habe im Hinterkopf, dass es als unhöflich gilt, Einladungen von Arabern abzulehnen. Also hinter damit. So schwer kann das ja  – Igitt… Genauso ekelhaft, wie ich es in Erinnerung habe. Hoffentlich hat niemand mein verzogenes Gesicht mitbekommen. Das Glas sieht immer noch genauso voll aus.

Der Kunde vor mir bekommt die Haare gewaschen. Ich stelle mir diesen geilen Tee vor, den man sonst angeboten bekommt… 40ml in kleinen Schlückchen später spüre ich den Absatz im Glas – Juhu, geschafft!

Mein Vorgänger ist auch fertig. Gerade will er gehen, als er vom Inhaber an seinen Kaffee erinnert wird. Ich verstehe kein Wort, aber Mimik und Gestik machen deutlich, dass er aufgrund von Herzproblemen keinen Kaffee trinken kann. Warum bin ich da eigentlich nicht drauf gekommen?

Nun bin ich an der Reihe. Ich erkläre die Situation auf Englisch und lege die mitgebrachten Fotos hin. Der Friseur erwidert nur ein „It’s OK.“

Lang betrachtet die Fotos gemeinsam mit seinem Sohn. Je länger ich die Fotos betrachte, desto unzutreffender kommen sie mir vor. Kurzerhand wird mit Trimmer ohne Aufsatz begonnen abzuscheren. Schon nach wenigen Zügen kommen mir meine Haare ungewöhnlich kurz vor und mir schwirren Sprüche über die Wahl zwischen zwei und vier Millimetern bei Israels Friseuren im Kopf herum.

Es folgt der Einsatz von Schere und Kamm. Wild wird die Schere durch meine einstige Haarpracht gefuchtelt. Ich habe Angst um mein Ohr. Vielleicht wäre anstelle Kaffee Schnaps besser gewesen? Der Junge bürstet sich derweil seine kurzen Haare und betrachtet sein Antlitz fasziniert im Spiegel nebenan.

Die Werkzeuge werden durchgewechselt, mit verschiedenen Aufsätzen und Scheren wird hantiert. Auf Anmerkungen zum Haarschnitt folgt wiederum nur „It’s OK.“

Er packt ziemlich fest an, wenn er meinen Kopf in die richtige Position bringt. Ich fühle mich wie ein Schaf bei der Schur. Der Sprössling bürstet weiter.

Nun kommt die Rasierklinge zum Einsatz – ohne Schaum, dafür vorsichtiger als die Schere. Es folgen Korrekturen, man könnte meinen, ich sei fast durch. Doch, was übrig ist, wird noch drapiert, geföhnt, gekämmt, gebürstet und gestriegelt. Mein Haaransatz und mein Gesicht werden mit einem Wattebausch abgetupft, welcher in einer nach Desinfektionsmittel und Haarspray riechenden Tinktur getränkt wurde. Auch am Hinterkopf wird getupft und es hört gar nicht mehr auf.

Der Sohn wird gerufen. Dieser unterbricht seine Kur. Beide betrachten mit großen Augen meinen Hinterkopf und tupfen hektisch weiter. Der Junge bringt mehr Wattebauschs. Ich glaube, Blut zu erkennen, aber unsere Sprachbarriere verhindert eine genaue Erklärung. Paste aus einer kleinen Tube, die mich an Sekundenkleber erinnert, wird auf meinen Hinterkopf aufgetragen.

Dann kehrt Ruhe ein.

Das Ergebnis überrascht mich zugegebenermaßen positiv: Meine Haare sind zwar kürzer als erwartet und alles ging etwas drunter und drüber, aber die Frisur sitzt.

Foto Neuer Haarschnitt

 

Was sind eure Strategien für Friseurbesuche im Ausland? Ich bleibe wohl bei der Fotovariante.

 

Alles Liebe,

euer Philipp

4 Kommentare

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  1. Drolli&Enno

    31/12/2014 — 20:31

    Welches Erlebnis war denn traumatisch, den Kaffee betreffend?
    Finde, der Frisör hat seine Sache gut gemacht,aber wir sehen ja auch nur die Schokoladenseite.Wie sieht es denn von hinten aus?
    Und wenn Du bis zum nächsten mal wieder so viel Zeit verstreichen läßt,kannst Du ja auf einen Abstecher zum Frisör Deines Vertrauens gehen?

    • Hey!

      Mir wurde eine Tasse Kaffee hingestellt, was ich nicht bemerkt hatte. Also nahm ich einen großen Schluck in der Erwartung, ich würde köstlichsten Kakao trinken. Stattdessen war es diese ekelhafte Plürre. :(

      Auch von hinten schaut alles ordentlich aus, so weit ich das beurteilen kann. Bis zum nächsten Besuch, möchte ich ja aber nicht mehr so viel Zeit verstreichen lassen. ;)

      Liebe Grüße,
      Philipp

  2. Sieht super aus, Philipp! Der zackige „Undercut“ ist gerade wieder sehr angesagt hier in Deutschland, allerdings oben länger als bei dir. Ich trag meine Frizzieh auch grad eher wie du, einfach seitlich mit’m Trimmer und fertig.

    • Hallo Micha,

      vielen Dank für die Blumen! Wobei das Lob eher dem Friseur zukommt. :)

      Neuer Lebensabschnitt, neuer Schnitt? ;) Ich wusste gar nicht, dass es dafür auch einen Namen gibt! Und ich stelle gerade fest, wie lang wie uns nicht mehr gesehen haben!

      In diesem Sinne,

      auf bald! :)

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