So wurde ich zum Fahrraddieb

Mir wurde schon mehrmals mein Fahrrad geklaut. Und immer habe ich mich über das Diebespack aufgeregt. Welche rücksichtslosen Mistkerle stehlen denn anderen das Rad?! Das ist für die Opfer nämlich doppelt doof: Erstes wegen des Schadens, zweitens weil dann das dringend benötige Fortbewegungsmittel fehlt. Denn meistens merkt man den Verlust erst, wenn man es braucht.

Nun kann ich Fahrraddiebe aber nachvollziehen. Not macht eben erfinderisch.

Es geschah heute Morgen. Nach den langen Feiertagen stand die Rückreise von meiner Familie nach Darmstadt an. Der Zug fuhr vergleichweise human, 09:20. Ich bin schon wesentlich früher gestartet.

Trotzdem bin ich schon seit 04:00 auf. Noch Frühstück mit den Eltern, dann eben gepackt, geduscht und los. Dachte ich.

Eigentlich hatte ich noch drei Stunden Zeit, um alles fertig zu bekommen. Ich habe auch entsprechend früh mit dem Packen begonnen. Was weg ist, ist weg. Mittlerweile habe ich auch nicht mehr viel Gepäck, sondern bin im Großen und Ganzen schon fast bei meiner Wunschvorstellung vom Handgepäck – wären da nicht noch die Lebensmittel.

Selbst gebackenes Brot von Mutti, frisches Obst, Datteln, zwei Stücken Käse – das gewohnte Lunchpaket von Hotel Mama also. Und noch etwas Wasser für unterwegs. Wo packe ich das eigentlich alles hin? Im Rucksack ist dafür kein Platz mehr. Und dann ist da ja noch die Klimmzugstange. Das wird schwierig.

Ich komme wohl um die Zusatztasche nicht umhin. Uff! Ich hasse es, mehr als eine Tasche dabeizuhaben. Aber hilft ja nichts.

08:30… Jetzt wollte ich eigentlich zum Bahnhof losgehen. Aber ich habe ja noch etwas Puffer.

Zunächst das Obst, mh lecker. Dann die Flasche Wasser befüllen und rein damit. O, ich hatte ja Tee geschenkt bekommen. Der soll unbedingt mit! Aber Muttis Brot?! Arg, ich muss jetzt wirklich… Tasche voll, los geht’s! Rucksack auf. Tasche in der einen Hand, Klimmzugstange in der anderen. Türe zu und ab geht er.

Das ging ja gerade noch mal gut. Ranhalten sollte ich mich trotzdem etwas. Doch: Wo ist eigentlich mein Handy? Das habe ich eingepackt. Ganz sicher. Oder…? Naja, ohne Handy kein Handyticket. Also, wo ist das Handy? Nicht im Mantel. Ich weiß, dass ich es nicht im Rucksack habe. Dann kann es nur in der Tasche sein. Aber ich finde es nicht…

Zurück nach Hause. Haus durchsuchen. Erfolglos. Wo ist es nur?!

Vielleicht doch im Rucksack? Negativ. Okay, Tasche einmal komplett leer machen. Ach, da ist es – ganz unten! Ab in den Mantel damit. Tasche wieder vollgeräumt. Noch 20min bis Zugabfahrt. Das wird wohl nix…

Außer… Ich könnte eigentlich mein Fahrrad mitnehmen. In Darmstadt ist ja auch milderes Klima als im Vogtland. Und dann bin ich da auch gleich noch mobiler. Ich meine, ich gehe gern zu Fuß. Nur ist Fahrrad fahren eben schneller…

Dann habe ich ja auch noch eben Zeit, Muttis Brot und Käse zu verstauen. Mjammjammjam… Und jetzt…

Der Schuppen ist zu! Wo war der Schlüssel noch gleich? Richtig, im Waschraum am Kleierhaken. Wo sonst.

Oi, das ist jetzt aber arg voll hier. An mein Fahrrad komme ich auch gar nicht ran, so zugebaut ist es. Ach Dreck, was mache ich nur?

Im Flur steht das Rad von Papa… Und betont er nicht immer… Was meins ist, ist auch deins? Ist ja auch nur sein Winterrad, das er bei Schnee eh nicht fährt…

Voll bepackt rolle ich den teils rutschigen Weg zum Bahnhof herunter. Welche Stadt baut ihren Bahnhof auch ans äußerste Ende?! Zum Glück geht es nur bergab. Zehn Minuten. Das kann sich sehen lassen. Der Zug ist noch nicht mal da.

Jetzt sitze ich semi-entspannt im Zug und frage mich, wieso Fahrräder eigentlich nicht generell Allgemeingut sind. Dann stünden überall welche rum und jeder greift sich einfach eins, wenn er eins braucht und stellt es ab, wenn er es nicht mehr braucht. Gut, die Fahrradschlossindustrie wäre obsolet. Dafür könnte man Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst schaffen, die sich um die Fahrräder kümmern. Und es gäbe keine Fahrraddiebe mehr, denn es müsste ja niemand mehr ein Fahrrad stehlen. Und Diebesbanden, die Massen an Rädern quer durch Europa karren, um sie dann wieder zu verkaufen, würden sich in Luft auflösen, weil sie keine Abnehmer mehr hätten. So würde effektiv die Kriminalitätsrate gesenkt. Und nachhaltiger als Autoverkehr wäre es auch noch.

Oder sehe ich das zu einfach?

Falls die Frage aufkommen sollte: Semi-entspannt übrigens, weil man, man merke für die Zukunft, im ICE gar kein Fahrrad mitnehmen darf, wie mir der Servicemensch der DB vorhin freundlicher Weise mitteilte, als ich mit Rad zusteigen wollte. Deshalb musste ich jetzt auf einen Regional“express“ umsteigen und tucker gemütlich durch die verschneiten Thüringer Lande.

Alles Liebe (und sorry, Papa – kannst ja einfach meins nehmen, wenn du es aus dem Schuppen raus bekommst :)),

Philipp

7 Kommentare

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  1. Grüner Alltag

    05/01/2016 — 13:30

    Na mal sehen was dein Papa dazu sagt ;P

    Ansonsten gibt es doch noch die Leih-Fahrradstationen. Zwar noch nicht überall aber immer öfter. Meist sind die ersten 30 Minuten kostenlos. Ich fände deine Allgemeingut-Fahrradidee super und würde dafür gerne meine Steuergelder verwendet sehen, anstatt für so manche anderen Sachen.

    Dass man im ICE kein Rad mitnehmen kann hat mich schon öfter geärgert. Auch beim Regionalexpress gibt es oft wenig Stellplätze und wenn die voll sind (nein reservieren geht auch nicht) hat man eben Pech gehabt und muss auf den nächsten Zug warten.
    Daher sind wir nach den Feiertagen einfach mit dem Bus zurück gefahren.

    Gute Reise,
    LG ~Anne

    • Hallo Anne,

      ja, Bike Sharing finde ich vom Ansatz her schon gut. Es müsste quasi nur monopolistisch und flächendeckend gelöst sein, damit es perfekt funktioniert. Das wäre ja der Vorteil vom Allgemeingut. :)

      Der Regionalexpress war dann zumindest landschaftlich noch sehr schön! Ich habe dabei gleich ein paar neue Tageswanderungsziele ausgemacht. :)

      Vielen Dank!

      Lieber Gruß,
      Philipp

      PS: Die Reaktion meines Vaters im O-Ton:

      Papas Reaktion

  2. Hallo Philipp!

    Lustige Idee, Fahrrad als Allgemeingut. Braver Papa fürs Fahrrad und brave Mama fürs Lunchpaket – aber dafür sind Eltern wohl da :-)

    lg
    Maria

    • Hallo Maria,

      ich weiß nicht, ob alle Eltern an diesen „Standard“ herankommen, bin aber sehr dankbar dafür, dass es in unserem Fall so ist. :)

      Vielleicht sollte ich mich mal über Petitionen schlau machen?

      Lieber Gruß,
      Philipp

  3. Hey Philipp,

    ich mag wie du denkst! :)
    Sehr amüsante Geschichte, macht richtig Spaß zu lesen!

    Ich denke es sollte viel, viel mehr Allgemeingut geben. Mehr teilen, weniger Lobbyismus.. aber das geht auch wieder zu weit.

    Lunchpaket von Mutti ist das Beste! <3 Hat bestimmt geschmeckt!

    Liebe Grüße,
    Ronja.

    • Hallo Ronja!

      Vielen Dank, das hat es wirklich – und tut es immer noch, da es sich nicht nur um einzelne Scheiben sondern einen ganzen Brotlaib handelt.

      Die erste Frage in meinem Kopf, als ich deinen Kommentar las: Warum geht das denn zu weit? Und darauf habe ich auch gar keine Antwort. *help* :)

      Alles Liebe,
      Philipp

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