Von der ewigen Suche nach Ruhe

Wenn ich so darüber nachdenke, gibt es eine Sache, die mich schon mein Leben lang antreibt. Lange Zeit, habe ich sie nur nicht als Motor in mir wahrgenommen, dabei hat sie so laut, und scheinbar doch nicht laut genug, geschrien: Die Sehnsucht nach Ruhe.

Das ist nicht einmal verwunderlich, denn ich habe da noch diese andere Seite in mir. Die, die am liebsten fünf Filme auf einmal drehen, sieben Sprachen simultan studieren und dabei am besten noch die Welt retten möchte, aber sofort. Diese Seite hat nur ein Problem: Ohne Ruhe kommt sie nicht zu Potte. Ständig wird sie von anderen Dingen beansprucht und kommt so gar nicht mehr dazu, die Dinge zu verrichten, auf die ich mich eigentlich fokussieren möchte.

Schon als Kind hat mich das beeinflusst. Ich hatte damals in meinem Zimmer eine Uhr hängen, die tagein, tagaus getickt hat. Tagsüber hat mich das freilich nicht gestört, denn ich war ja nicht zu Haus. Wenn ich dann aber des nachts doch mal schlafen wollte, konnte ich es einfach nicht, weil das monotone Geräusch meine Aufmerksamkeit eingefordert hatte. Gleichermaßen konnte ich mich damals, und kann es auch heute noch nicht, konzentrieren, wenn nebenbei im Raum die ganze Zeit jemand tuschelt. Und selbst in Bibliotheken, den von Architekten eigens für Stille entworfenen Tempeln der Ruhe selbst, wenn man so will, ist es mir oft zu laut. Da wird schon mal vergessen, das Handy stumm zu schalten (und damit meine ich ganz sicher nicht den Vibrationsmodus, den ich am andere Ende der Tischreihe noch spüre), den Stuhl anzuheben, wenn man ihn bewegt, damit er nicht dieses hallende Kratzgeräusch von sich gibt, oder das die von Bibliotheken wegen Paranoia aufgezwungenen, transparenten Plastiktüten unaufhörlich schmerzhaft rascheln.

Im Nahen Osten hat das für mein Gemüt noch einmal ganz andere Dimensionen angenommen. Denn hier ist nahezu alles von Menschen erschaffene laut und schrill, sowohl auditiv, als auch visuell. Nicht nur auf dem Shuk geht es laut und chaotisch zu. Auf den Straßen wird unentwegt gehupt und im Salon, dem Wohnzimmer der Israelis spielen sich Szenen ab, wie man sie sonst nur vom britischen Stereotyp kennt: der Fernseher im Dauerbetrieb, obwohl eigentlich gar niemand hinsieht, weil alle mehr als genug mit ihrem “Second Screen” zu tun haben. Zu guter letzt ist da noch die von mir seit jeher verabscheute Klimaanlage. Bevor ich im Nahen Osten gelebt hatte, empfand ich das stets als Energievergeudung. Aber einmal den israelischen Sommer an der eigenen Haut gespürt, kann ich jetzt nachvollziehen, warum man sich Abkühlung verschaffen möchte. Wenn da nur nicht die damit einhergehenden Geräusche wären…

Nun bestehen im Grunde zwei Möglichkeiten, mit meiner permanenten Reizüberflutung umzugehen. Ich kann natürlich versuchen, mich anzupassen. Das ist aber nicht natürlich und macht mich kaputt. Unruhe von außen überträgt sich auf mein Inneres und in der Folge dessen auch auf meine unmittelbare Umgebung. Das ist keine Einbahnstraße sondern ein Wechselspiel von Innen- und Außenleben. Wenn ich auf mich selbst Acht geben möchte, pflege ich beides. Sei es durch Ordnung und Sauberkeit im Haushalt, sportliche Ertüchtigung, Meditation, gesunde Ernährung, ausreichend Erholung und Schlaf und Rückzugszeit und -orten für mich, abgeschottet von allem anderen, ohne erreichbar zu sein.

Es gibt durchaus einige Menschen, die das als unproduktiv und unsozial empfinden, eine hohe Empfindlichkeit als Schwäche deklarieren und darüber Witze machen, wenn ich bei vorbeifahrenden Krankenwagen mit Sirene meine Ohren mit den Händen bedecke, weil ich das schmerzende Geheule nicht aushalte. Ich habe allerdings unlängst bemerkt, dass ich dann am produktivsten und sozialverträglichsten bin, wenn ich dem nachgehe, was mir gut tut. Solang ich nicht für mich selbst sorge, kann ich auf Dauer auch für nichts anderes Sorge tragen. Und früher oder später werden das auch diese Menschen verstehen. Die Wissenschaft zumindest bezieht bereits jetzt klar Position.

Wie geht es dir mit Lärm und wie gehst du damit um? Lass es mich in einem Kommentar wissen.

Alles Liebe,
Philipp

6 Kommentare

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  1. Moin Philipp,
    die Ohren zuhalten bei Krankenwagen oder Feuerwehr wenn sie an mir vorbei fahren mache ich auch, werd zwar dann und wann komisch angeschaut ist mir aber egal.
    Ich brauche auch Stille, am meistens zum Abend und zur Nacht. Wenn da permante Geräusche sind und dann womöglich noch welche die ich nicht zuordnen kann, werd ich wahnsinnig und völlig konfus.
    Tagsüber darf eine gemäßigte Geräuschkulisse sein aber auch nicht immer, das merke ich dann daran das ich mehr auf die Geräusche fixiert bin als auf das was ich eigentlich grad mache.
    Ist gar nicht so leicht heutzutage immer dann wenn man die Stille braucht sie auch direkt zu finden :-)

    Leise Grüße
    Aurelia

    • Hallo Aurelia,

      da hast du Recht. Stille findet man heutzutage nicht immer gleich auf Anhieb, wenn man sie gerade benötigt. Dabei sollte man doch meinen, dass sich niemand darüber aufregen würde, wenn die ganze Welt etwas stiller wäre.

      Gegenstimmen? :)

      Sanfter Gruß,
      Philipp

  2. Ohrstöpsel haben mich immer wieder gerettet. Sehr wohltuend!

    • Hallo Gabi,

      danke für deinen Kommentar. :)

      Hast du Empfehlungen, was das anbelangt? Ich hatte bisher noch keine, die ausreichend abdichten und finde, dass welche zum über die Ohren legen besser sind, als welche, die man in seinen Gehörkanal einführt.

      Lieber Gruß,
      Philipp

  3. Ggf. iann man sich beim Akustiker auch beraten lassen, dort kann der Gehörschutz individuell an das Gehör angepasst werden – sofern es für einige Gelegenheiten dann doch der Gehörschutz für den Gehörgang sein soll.

    • Danke für den Tipp! Ich bin auch noch auf welche gestoßen, die statt Plastik und Schaumstoff Metall verwenden, was aufgrund seiner Dichte besser isolieren soll. Die entsprechenden Aufstecker, damit es nicht wehtut, gibt es in vier Größen. Aber vermutlich ist das mit Ohren wie mit Fingerabdrücken und der Iris…

      Lieber Gruß,
      Philipp

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