Warum wir aufhören sollten, etablierten Parteien unsere Stimme zu geben

Alle vier Jahre haben wir die Wahl, wenn es darum geht, die Richtung der nationalen Politik für die nächste Periode mitzubestimmen. So vielseitig die politische Landschaft ist, sind auch die Wahlstrategien der einzelnen Wählerinnen. Trotz Mitbestimmung vernehme ich jedes Mal wieder mehr Frust als Freude, wenn die Wahlergebnisse bekanntgegeben werden – sowohl in Deutschland, als auch in Israel. Dabei verwundern mich die Resultate überhaupt nicht.

Aus den veröffentlichten Stimmverteilungen heraus und in Gesprächen mit Menschen erkenne ich Muster, die wiederkehrend in ähnlichem Ausgang resultieren. Zufall? Ich denke nicht. Sehen wir uns das einmal näher an.

Was bisher geschah

Schauen wir auf die Machtverteilung je Partei seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, fällt schnell auf, dass es trotz der Mannigfaltigkeit an Parteien, die insgesamt zur Wahl stehen, 2 (in Worten: ZWEI) stets einen Großteil des Kuchens für sich gewinnen konnten und in der Folge dessen eine von beiden jedes Mal mehrheitlich die Regierung stellte.

Dass indiziert zunächst einmal, dass:

  • beide Parteien eine großen Anteil der Wählerschaft mobilisieren konnten
  • ihr Wahlprogramm in der breiten Masse Zuspruch findet
  • sich viele Menschen im Zweifel auf sie verlassen, getreu dem Motto „die haben wenigstens Erfahrung“

Besonders den letzten Punkt höre ich in Israel oft: Obwohl scheinbar so viele Menschen ihren Premierminister „Bibi“ nicht ausstehen können, wird er dennoch immer wieder gewählt; angeblich weil es an Alternativen mangele. Dabei gibt es diese sehr wohl, allerdings wird ihnen nicht zugetraut, die Situation besser in den Griff zu bekommen, als es momentan der Fall ist.

Chancen geben

Vertrauen ist hier das Stichwort der Stunde. Denn natürlich möchte niemand die kostbare Stimme verschenken oder vergeuden. Es erscheint logisch, dass wir bei aller Wahlmöglichkeit das für uns persönlich bestmögliche Ergebnis erzielen möchten. Wie fatal wäre es da, wenn unsere Stimme sich letztlich gar nicht im Parlament wiederfindet, weil die entsprechende Partei an der 5%-Hürde scheitert?

In der Folge wählen vielen nicht nur ihrer Überzeugung nach, sondern auch taktisch. Das mündet natürlich in einem Kompromiss: Was ist die beste Balance zwischen Werten, die ich vertrete, und der Chance, dass mein Kandidat es auch ins Parlament schafft? Besonders letzterer Aspekt hat erfahrungsgemäß bei den etablierten Parteien die größten Chancen.

Passender Weise haben übrigens auch genau diese Parteien ein sehr breit aufgestelltes Wahlprogramm, dass keine wirklichen Fokus erkennen lässt, dafür aber sicherstellt, dass sich viele potentielle Wähler in irgendeiner Art darin wiederfinden und schon damit arrangieren können. Wie gesagt, ein Kompromiss. Außerdem ergibt es auch für „große“ Parteien Sinn, bloß nicht zu radikal zu erscheinen. Menschen sind bequem und scheuen sich vor Veränderung. Wer zu viel ändern will, riskiert nur Stimmen.

Nun stellt sich die Frage, wie denn „kleine“ Parteien Erfahrung als Regierung sammeln sollen, wenn ihnen nie die Chance dazu gegeben wird? Und wie soll sich im Wahlergebnis wiederspiegeln, welche Werte du eigentlich vertrittst, wenn du dann doch nicht die entsprechende Partei wählst, mit der du diese Werte teilst?

Was tun, damit sich endlich mal was ändert?

Über die Jahrzehnte hat sich so ein Trott gebildet. Die Etablierten greifen einen Großteil der Stimmen ab, während Nischenparteien es gar nicht erst in den Bundestag schaffen, weil sie die fünf Prozent Zweitstimmen nicht bekommen. Über einen längeren Zeitraum hat sich dann ja doch das ein oder andere getan. Mittlerweile dürfen sogar gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland heiraten. Toll, oder? Und so wirklich schlecht geht es uns ja auch nicht. Warum also überhaupt etwas ändern?

Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.

– Chinesisches Sprichwort

Fakt ist: Um uns herum ist alles einem stetigen Wandel unterlegen – ob wir wollen oder nicht. Beispielsweise ist der Arbeitsmarkt nicht mehr das, was er vor 100 Jahren war. Wie gehen wir also damit um? Belassen wir alles beim Alten oder passen wir uns als Gesellschaft an und wechseln unsere Perspektive auf Arbeit?

Wenn wir für die Zukunft gewappnet sein wollen, können wir nicht alles so lassen, wie es ist. Wir sollten Neues ausprobieren und danach streben, unsere Gesellschaft weiter zu verbessern, auch wenn es uns „doch eigentlich ganz gut“ geht. Und das sind mit Sicherheit nicht nur kleine Schönheitskorrekturen, sondern massive Umwälzungen. Diesen Schritt zu wagen ist nicht leicht. Doch er ist notwendig.

Wie kommen wir also dorthin, zum Neuartigen? Durch das Altbewährte? Wohl kaum!

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.

– Albert Einstein

Werfen wir also einen Blick auf die Parteien, die üblicher Weise nicht im Bundestag sind. Unlängst sind sie als Querdenker und Spinner abgetan worden, die keine Chance darauf hätten, in den Bundestag zu kommen. Aber: Sie wagen neue Ideen und versuchen gar nicht erst, eine breite Masse an Wählern abzudecken. Stattdessen fokussieren sie sich auf ein oder wenige Anliegen. Auch hier gilt Weniger ist mehr. Die Diversität, die Kleinparteien dabei gemeinschaftlich auf die Beine stellen, ist in Summe wesentlich beeindruckender als die Programme der Etablierten im Vergleich.

Man stelle sich mal vor, wider Erwarten scheitern heuer alle Etablierten an der 5%-Hürde und eine Koalition aus „Querdenkern und Spinnern“ stellt die Regierung. Und plötzlich liegt der Fokus der Politik ganz woanders, beispielsweise auf der Änderung der Asylgesetze. Oder aber, wenn wir wollen, auf Umweltschutz und Tierrechten, mehr Humor oder dem Bedingungslosen Grundeinkommen. Es liegt sehr wohl in unserer Hand, ob wir weiterhin unser Land verschandeln, dem Kapitalismus einen Palast nach dem anderen errichten und uns brav unterordnen und diese Spielchen, deren Ausgang durchaus ernste Konsequenzen hat, mitspielen. Wir entscheiden, wer uns im Parlament vertreten soll. Handeln wir auch danach?

Mein Credo

Wir brauchen uns keine Verbesserung der Lage zu erhoffen, wenn wir diejenigen wählen, die direkt für ebendiese verantwortlich sind. Deshalb: Wähl doch zur Abwechslung mal das, wofür du wirklich stehst.

Siehst du das ebenso? Oder wählst du lieber beständig? Lass uns darüber reden!

Alles Liebe,

Philipp

 

PS: Wofür ich stehe, habe ich in meinem Wahlprogramm festgehalten.

2 Kommentare

Füge deinen hinzu →

  1. Ich habe wieder genau das gewählt wofür ich stehe :-)
    Es ist an schon lange an der Zeit das die Spinner Gehör finden und so die Etablierten Parteien auch in diese Richtung anfangen zu denken.
    Denn das werden sie tun wenn die Spinner immer mehr Stimmen bekommen. Die Stimmen sind wichtig da sie zeigen wie das Volk denkt und was ihm wichtig ist.
    LG Aurelia

    • Hallo Aurelia,

      sehr gut! Da hast du Recht: Die Stimmen spiegeln wieder, was die Bevölkerung denkt und gerade bewegt. Zumindest sollten sie das. Gerade deshalb sollten wir ihnen mehr Gehör und die entsprechende Beachtung schenken.

      Lieber Gruß,
      Philipp

Komm zu Wort