Was dir niemand über die Capsule Wardrobe erzählt

Dass ich überzeugter Verteidiger der Capsule Wardobe bin, dürfte weder ein Geheimnis, noch schwer zu erraten sein. Immerhin ist sie eine der Geheimwaffen für ein mobiles und befreites Leben. Ein paar erhebliche Nachteile gibt es dann aber doch.

Es versteht sich wohl von selbst, dass ich unter anderem aufgrund meines mobiles Lebensstils nicht ständig einen ganzen Kleiderschrank mitnehmen kann. Also beschränke ich mich auf das Wesentliche, um sowohl mein Reisegepäck als auch mein Leben zu erleichtern – auch jetzt, wo ich derzeit länger in Berlin verweile.

Was ist die Capsule Wardrobe überhaupt?

Im Grunde nichts anderes als eine möglichst begrenzte Auswahl an universell kombinierbaren Kleidungsstücken, die mit wenigen Accessoires je nach Saison erweitert werden. Denn freilich braucht man – zumindest in Mitteleuropa im Winter wesentlich dickere Kleidung als im Sommer.

Bei der Höchstzahl an Kleidungsstücken gibt es keine feste Grenze. Das Projekt 333 beispielsweise sieht vor, dass man sich 33 Kleidungsstücke für die kommenden drei Monate heraussucht. Sentimental behaftete Schmuckstücke, Unterwäsche und Sportkleidung zählt man dazu jedoch nicht. (Fast vergessen: Schlafanzüge auch nicht, aber das tangiert mich nicht, weil ich nackt schlafe.)

Für etwas mehr Inspiration empfehle ich den Blog von Sunray. Sie veröffentlicht regelmäßig ihre aktuelle Garderobe und ist im deutschsprachigen Bereich eine Koryphäe für Capsule Wardrobes. In Hinsicht auf Männer ist in dem Bereich noch nicht so viel da. Vielleicht veröffentliche ich ja an anderer Stelle mal meine eigene Garderobe.

Es gibt keine Einheitslösung

Ebenso wenig, wie die Capsule Wardrobe für alle garantierte Glückseligkeit bringen wird, gibt es natürlich auch hier nicht eine Variante, die für alle passt. Das zeigt sich nicht nur in der Stückanzahl (hier sind Frauen gegenüber Männern allein wegen der Büstenhalter benachteiligt, sofern sie denn welche tragen), sondern auch in individuellen Bedürfnissen.

Ich habe für mich erkannt, dass ich ohnehin nur ein Set an Kleidung gleichzeitig tragen kann und ich im Grunde einmal wöchentlich meine Kleidung wasche. Als ich noch so viel Kleidung hatte, dass ich auch mal eine Woche ohne Waschen über die Runden kam, brauchte ich die darauffolgende Woche stets zwei Waschmaschinenladungen. Im Durchschnitt läuft es also so oder so auf einmal Wäsche pro Woche hinaus. Wieso sollte ich mich also mit mehr Kleidung belasten, als ich benötige und tragen kann?

So richtig aktiv eingeführt habe ich die Capsule Wardrobe bei mir nicht. Das hat sich eher organisch ergeben, weil ich viel unterwegs war und ohnehin nicht viel mitnehmen konnte. Irgendwann bin ich dann auf den Begriff gestoßen und stellte fest, dass ich für das Schrumpfen auf 33 Kleidungsstücke gar nichts mehr tun brauchte. Was mir allerdings direkt an der Idee gefiel, ist der Gedanke, nur noch Kleidungsstücke zu besitzen, die man mag. Und dann soll die Umwelt auch noch weniger belastet werden, weil all die Kleidungsstücke, die man sonst ohnehin nicht tragen würde, gar nicht erst produziert werden müssen. Was will man mehr?

Wo Licht ist, gibt es auch Schatten

Auch die Capsule Wardrobe hat nicht nur schöne Seiten, auch wenn es zunächst so klingen mag und man sich fragt, warum nicht jeder Mensch eine hat. Die unabwendbaren weniger schönen Seiten werden nur oft nicht genannt. Deshalb tue ich das jetzt einfach. Immerhin habe ich mehr als fünf Jahre Erfahrung damit.

  1. Es herrscht Waschzwang. Logische Konsequenz, wenn man nur Kleidung für eine Woche hat: Spätestens am Ende dieser sollte man Waschen oder man trägt die müfflige Kleidung. Wähle mit Bedacht. Ich empfehle, die Trockenzeiten für Kleidungsstücke zu studieren und entsprechend zumindest einen Wäschesatz in Reserve zu haben. An sich würden zwar zwei Outfits genügen: Outfit A trägt man heute, Outfit B dann, wenn Outfit A gewaschen wird. Mehr ist Komfort, wobei ich einen Extra-Satz als komfortablen Puffer empfinde, wenn die Kleidung doch mal wieder länger braucht oder die Waschmaschine in der WG über Tage hinweg dauerbelegt ist.
  2. Du wirst öfter mit der Hand waschen. Wenn alle Stränge reißen und ich erst am Abend merke, dass ich am nächsten Morgen keine Unterhose mehr haben werde, gehe ich durchaus zur Handwäsche über. Bei kleiner Garderobe geht das verhältnismäßig schnell. Außerdem ist es schonender für die Kleidung.
  3. Schuhe sind nicht dafür gemacht, jeden Tag getragen zu werden. Das durfte ich auf die unangenehme Tour erfahren, als meine Schuhe plötzlich zu müffeln anfingen, obwohl ich Wollsocken trage. (Wolle hat wie Seide auch von Natur aus geruchshemmende Enzyme!) Der Grund dafür: Schuhe sollten einen Tag auslüften, bevor man sie erneut trägt. Also schadet auch hier ein zusätzliches Paar nicht.
  4. Es gibt kein ideales Material. Baumwolle ist billig erhältlich, stinkt allerdings schnell, gibt Schweiß nur sehr langsam ab und verbraucht im Anbau viel Wasser sowie Pestizide bei nicht ökologisch angebauten Pflanzen. Andere pflanzliche Fasern sind ob der Baumwolllobby vom Markt fast verdrängt und die Mode entsprechend rar, extravagant und teuer. Pflanzenfasern neigen zum knittern. Kunstfasern sind billig, robust und leiten Schweiß gut ab, laden sich allerdings statisch auf, stinken schnell und sind biologisch nicht abbaubar. Seide ist antistatisch, kühlt angenehm und braucht nur gelüftet anstatt gewaschen zu werden, ist allerdings preisintensiv und verursacht den Tod von Millionen von Seidenraupen. Und was, wenn der Rotwein die Bluse befleckt? Wolle ist temperaturregulierend, knitterfrei, geruchsneutral, antistatisch und gibt Schweiß gut ab, jedoch ist sie sehr empfindlich gegenüber Abrieb. Persönlich versuche ich, Kunstfasern zu vermeiden, wo es nur geht, und verlasse mich auf eine Mischung aus verschiedenen Materialien, wobei ich auch hier Kunstfaserverstärkungen wegen der mangelnden biologischen Abbaubarkeit meide.
  5. Kleidung hält nicht ewig – auch nicht in einer Capsule Wardrobe. Egal ob mit oder ohne Kunstfaserverstärkung, ganz gleich, wie viel man seine Kleidung pflegt, ist auch ihr ein Ende beschieden. Meiner Erfahrung nach kommt dieses in einer Capsule Wardrobe sogar noch schneller, weil man die Kleidung häufiger trägt und wäscht, also insgesamt intensiver beansprucht. Ich trage Kleidung gern bis zum Gehtnichtmehr, aber irgendwann ist auch in einer minimalistischen Garderobe voller Lieblingsstücke Zeit für Ersatz. Je nach Kleidungsstück erreiche ich diesen Zeitpunkt bereits nach ein bis zwei (bei Socken und T-Shirts) bzw. drei bis vier Jahren (bei Hosen und Unterwäsche). Davon, dass es sich dennoch lohnt, in höhere Qualität mehr Geld zu investieren, zeugen meine Schuhe. Die trage ich bereits seit dreieinhalb Jahren fast täglich. Die zwar teuren, da von einer angesagten Marke, aber minderwertigen Schuhe zu Jugendzeiten waren nach bereits drei Monaten durch.

Hast du schon Erfahrung mit einer Capsule Wardrobe? Welche Vor- und Nachteile hast du erfahren? Teile sie gern in den Kommentaren.

Alles Liebe
Philipp


6 Kommentare

Antworten →

  1. meine Grundgarderobe hat sich mittlerweile auch so “organisch” ergeben. Ich habe früher (vor ca. 10-15 Jahren) schon immer Stilbücher gelesen und mich gefragt, wie man so was hinkriegen soll (da kommen sie dann alle immer mit Hosenanzug, Kostüm, Hermès Tuch und Kleines Schwarzes…) – und zack! Plötzlich hat man eine und weiß gar nich mehr so richtig, wie das entstanden ist.

    Ich habe vor Jahren angefangen, einmal jährlich Inventur zu machen und mal durchzuzählen. Das habe ich mal eingeführt, weil ich keinen Überblick mehr hatte. Dann habe ich angefangen nur bewusst und hauptsächlich second hand einzukaufen (und auch nur das, was sich aufgrund meiner Inventur als “benötigt” herauskristallisierte) und nun mit 13 kg weniger flog noch mal mehr raus, weil einfach nichts mehr passte. Auch da half mir die Inventur wieder: Bis auf ein paar Hosen und Basic-T-Shirts brauchte ich nichts Neues.

    Inventur hin oder her – ich glaube, das wichtigste bei so einer Capsule Wardrobe sind zwei Dinge: 1. passende Farben wählen (2 neutrale Farben + 3 Akzentfarben und 2. sehr gute Qualität kaufen

    • Hallo Cloudy,

      danke für den Einblick! So eine jährliche Inventur mache ich tatsächlich noch nicht. Abnutzungserscheinungen fallen mir häufig bei der Pflege auf. Bestes Beispiel: Meine gelobten Schuhe. Nun ist die Sohle doch tatsächlich langsam durch, wie mir heute aufgefallen ist. Ich hoffe auf einen findigen Schuster, der auch Sohlen für “Barfuß”-Schuhe kann. Das Leder ist an sich nämlich noch hervorragend in Schuss. Da hat sich die Qualität wirklich ausgezahlt.

      Bei den Farben halte ich es auch sehr begrenzt. “Neutral” läuft bei mir stets auf Schwarz oder Grau hinaus. Weiß ist mir zu anfällig für nie wieder entfernbare Flecken. So oder so führt eine Farbbegrenzung aber dazu, dass sich die Stücke besser miteinander kombinieren lassen.

      Lieber Gruß
      Philipp

  2. Welch passendes Thema. Habe heute meine Kleidung durchforstet und 2/3 der T-Shirts und Langarmshirts war unwideruflich hinüber. Ich habe mich erstmal ausgiebig über die grottenschlechte Qualität aufgeregt – bis mir auffiel, dass es die Teile sind, mit denen ich seit 3 oder 4 Jahren ständig herumlaufe…

    Ich gehöre zu den pragmatischen Bekleidungslangweilern. Hose, T-Shirt, Jacke, fertig. – Denn Hosen sind mir als langbeiniger Mensch fast immer zu kurz, die muss ich im Internet kaufen. Shirts haben je nach Modesaison für mich als Rothaarige einfach nur Horrorfarben (pink, rosa, knallrot, pastell… schüttel….), daher habe ich schon deshalb keine Lust auf viel Zeugs. Es ist mir einfach zu mühsam.

    Mit Capsule Wardrobe habe ich mich bewusst noch nie befasst. Project 333 wollte ich mal machen, kam dann aber nur auf 25 Teile…

    Eigentlich wollte ich auch genug Kleidung für 2 Wochen vorrätig haben – aber habe festgestellt, dass ich eh 1 x Woche wasche, dann brauchts auch nicht so viel Zeug.

    • Hallo Gabi,

      so unterschiedlich ist die Wahrnehmung! Ich bin ja schon froh, wenn Kleidung so lang hält – insbesondere bei häufiger Nutzung. Das rührt noch von meiner Kindheit her: Damals störte ich mir daran, dass ich so rasch aus meiner Lieblingskleidung herauswuchs und freute mich regelrecht auf die Zeit, wenn ich Kleidung endlich so lang tragen kann, bis sie hinüber ist.

      Danke für den Tipp mit dem Internet. Vielleicht hilft mir das auch bei langärmligen Hemden. Da sind bei mir die Ärmel immer zu kurz, wenn der Rest nicht zwei Nummern zu groß sein soll…

      Lieber Gruß
      Philipp

  3. Kurt C. Hose

    31/03/2019 — 21:46

    “Denn freilich braucht man – zumindest in Mitteleuropa im Winter wesentlich dickere Kleidung als im Sommer.”
    Das ja quatsch ;)

    “Schuhe sollten einen Tag auslüften, bevor man sie erneut trägt. Also schadet auch hier ein zusätzliches Paar nicht. ”
    Der Profi empfiehlt: einfach gar keine ;)

    • Haha, hallo! Damit habe ich ehrlich gesagt nicht gerechnet! Dabei hätte mir klar sein sollen, dass, wenn ein solcher Kommentar kommt, er doch wohl von dir geschrieben würde!

      In Hinblick auf Achtsamkeit und Minimalismus ist wirklich barfüßiges Laufen tatsächlich die Königsdisziplin. Bei allem, was auf den Straßen allerdings liegt, schätze ich mich doch sehr glücklich über meine “Barfuß”-Schuhe. Abgeschieden von Zivilisation würde ich dir da eher folgen.

      An das ganzjährige Tragen eines Rockes könnte ich mich aber im städtischen Raum gut gewöhnen, zumal ich an den Beinen eh nie friere. Um den Oberkörper fröstelt es mich aber bei Minusgraden schon. Bis ich dafür bereit bin, arbeite ich mit kalten Duschen am Ende der Morgenhygiene zur Abhärtung. :)

      Lieber Gruß nach Darmstadt
      Philipp

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