Obwohl mich der Eurovision Song Contest Zeit meiner Kindheit begleitet hat, habe ich mich nie als Fan gesehen. Entsprechend war es auch eher Zufall, dass ich heuer ausgerechnet während des diesjährigen Wettkampfes in Israel anwesend war. Wie es war und was ich daraus mitgenommen habe, liest du hier.

Eurovision. In Israel. Natürlich habe ich mich letztes Jahr gefreut, als Netta mit ihrem botschafts- und energiegeladenen Hit Toy den Sieg nach Israel geholt hat. Dass ich mich bereits im Jahr darauf inmitten des Getümmels befinden würde, hätte ich mir allerdings nicht träumen lassen. Ursprünglich wollte ich bereits im März nach Israel reisen, was sich allerdings arbeitsbedingt nicht ausging.

Also suchte ich nach dem nächstmöglichen Zeitraum und siehe da: Meine Anwesenheit und die ESC-Woche sollten sich tatsächlich überschneiden. Ich wäre wahrscheinlich nicht extra der Veranstaltung wegen hingereist. Aber warum sollte ich mir ihr verschließen, wenn ich ohnehin schon mal vor Ort bin? Daher habe ich mich dem Strudel hingegeben und kam sowohl durch Erfahrungen als auch Erkenntnisse bereichert zurück.

Kunst und Kommerz schließen sich nicht aus

Ich höre schon die ersten Gegenstimmen, ob die Musik des ESC tatsächlich Kunst sein soll. Über Geschmack lässt sich natürlich streiten, aber Fakt ist, dass in die Inszenierungen der jeweiligen Länder nicht nur recht viel Geld, sondern auch Kreativität und Gehirnschmalz fließen. Dass es schon lang nicht mehr nur um die Musik allein geht, machen die aufwendigen Bühnenshows deutlich, bei denen so mancher Gesang in den Hintergrund gerät. Freilich bedeuten aufwändigere Bühnenshows höhere Ausgaben.

Das Konzept vom Streben nach freier, unabhängiger Kunst ist kein neues. Natürlich ist es schön, wenn das klappt. Letztlich wollen Kunstschaffende aber auch von etwas leben, sind in dieser Hinsicht also, insofern nicht anderweitig versorgt, vom Publikum abhängig. Auch Veranstalter streben selbstverständlich an, zumindest ihre Ausgaben zu decken.

Folglich ist es auch keine Überraschung, dass möglichst viele Kulturveranstaltungen in die Eurovision-Woche gelegt wurden, obwohl sie gewöhnlich später im Jahr stattfinden. So präsentiert sich Tel Aviv der Welt nicht nur wortwörtlich als Non-Stop-City, denn wer soll all die Parallelveranstaltungen schon gleichzeitig wahrnehmen? Die lokalen Betreiber des Eat Festivals, die hiesigen Designer und die White Night profitieren natürlich auch davon, wenn all die Besucher des ESC hier und dort etwas Geld lassen.

Gleichermaßen zeigt sich hier, dass Kunst eben doch nicht über dem Wettkampf steht. Ohne Publikum mag das funktionieren, wenn man Kunst sozusagen “nur für sich selbst” macht. Sobald Menschen zuschauen, entsteht jedoch ein Kampf um ihre Aufmerksamkeit, finanziellen Ressourcen und Zeit. Denn kein Mensch kann sich all die Kunst dieser Welt zuführen. Glücklicher Weise gibt es ja Kuration, Vorauswahlen und allem voran verschiedene Geschmäcker. Ohne den letzten Punkt kann man den Erfolg einiger Kunstwerke nicht verstehen.

Kunst darf politisch sein, muss es aber nicht

Auch wenn die European Broadcasting Union (aka EBU) regelmäßig verkündet, dass der ESC eine unpolitische Veranstaltung sei, war schon frühzeitig abzusehen, dass das im Falle Israels nur bedingt zutreffen kann. Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensischen Gebieten sorgt regelmäßig für hitzige Diskussionen. Warum sollte das bei einer internationalen Veranstaltung anders sein? Die ersten Aufrufe zum Boykott ließen entsprechend nicht lang auf sich warten.

Innenpolitisch war man sich uneins darüber, ob der Wettbewerb nun in Jerusalem oder Tel Aviv stattfinden sollte. Die Regierung beharrte auf Jerusalem, die Bevölkerung zog Tel Aviv vor. Schließlich kündigten die ultraorthodoxen Koalitionspartner Netanyahus Streiks an, weil sie nicht wollten, dass in der heiligen Stadt am Shabbat geprobt würde, weshalb schließlich doch Tel Aviv als Austragungsort bestimmt wurde.

Netanyahu hat sich letztlich dagegen entschieden, den verantwortlichen Fernsehsender KAN finanzielle Unterstützung zuzusprechen – Gerüchten zu Folge weil er den regierungskritisch berichtenden Sender dem Erdboden gleichmachen möchte. Wie könnte das besser gelingen, als durch Entzug der Geldmittel, sodass der Sender einen Kredit aufnehmen mussten, um die Veranstaltung überhaupt ins Leben rufen zu können?

Zu guter Letzt sorgte noch die isländische Band Hatari regelmäßig für Kontroversen. Einerseits brachen sie mit ihrem Auftritt den Reigen sonst so harmonischer und positiv stimmender Titel beim ESC. Mit dem wollen sie eine Dystopie darstellen, die dann eintreten könnte, wenn wir so weiter handeln wie bisher. Ihre Lösung: Keinen Hass mehr und den Kapitalismus zu Fall bringen. Deshalb forderten sie auch auf äußerst unterhaltsame Weise Israels Ministerpräsident Netanyahu heraus, beim Ringen ihre Meinungsverschiedenheiten beizulegen. Natürlich ziehen sie mit ihrer Andersartigkeit und solchen spaßigen Aktionen recht viel Aufmerksamkeit an. Der Höhepunkt des Ganzen stelle die Entscheidung dar, bei der Punktevergabe palästinensische Flaggen in die Kameras zu halten. Damit war der Spaß schließlich vorbei.

Natürlich kann man damit provozieren, indem man die Flaggen eines Staatsfeindes des Gastgeberlandes in die Höhe hält. Doch was ist damit gewonnen? Ich merke selbst beim Schreiben von politischen Inhalten, wie vorsichtig ich jedes Wort abwäge, weil ich das Gefühl habe, ein unbedachter Ausdruck könnte falsch verstanden werden. Die Aktion der Isländer wirkt dagegen wie ein Holzhammerschlag und ruft natürlich Zwist hervor – das exakte Gegenteil von dem, was Eurovision eigentlich sein sollte. Auf Missstände hinzuweisen, halte ich nichtsdestotrotz für nötig und wichtig. Allerdings ist es nach wie vor eine Frage des Tons.

Dass es auch konstruktiver geht, zeigt Madonnas missglückter Auftritt. Auch das gemeinsame Auftreten auf einer Bühne ungeachtet der Beziehungen der Regierungen, ist eine politische Aussage. Doch von dieser Utopie sind wir noch weit entfernt: Bisher kommt es wiederkehrend zum Boykott, wenn verfeindete Länder auftreten. Politisch ist Eurovision also in jeglicher Hinsicht, ob es die EBU möchte oder nicht.

Kleine Veranstaltungen haben ihren eigenen Reiz

Da der Eurovision nicht vom Staat unterstützt wurde, mussten sämtliche Gelder über Verkäufe beschafft werden. Entsprechend entwickelten sich auch die Ticketpreise, die sowohl Einheimische als auch langjährige Fans abschreckten. Letztlich wurde die Veranstaltungshalle sogar verkleinert, damit sie nicht so leer wirkt.

Ich empfand die Karten auch als zu teuer. Umso mehr freute es mich, zu erfahren, dass es seit einigen Jahren bereits eine kleine, von ESC-Bloggern organisierte Nebenveranstaltung gibt, zu der jährlich mehr teilnehmende Musikschaffende zusagen: Der Wiwi Jam.

Dieser ist nicht nur sehr kostengünstig und dauert die ganze Nacht, sondern bringt das Publikum aufgrund des kleineren Veranstaltungsortes auch wesentlich näher an die Artisten. Außerdem bringen die noch ein paar andere Songs im Handgepäck mit, sodass man noch etwas mehr Bandbreite aus ihrem Repertoire erfährt.

Standing Ovations sind nicht immer freiwillig

Trotzdem war ich äußerst froh, doch noch in den Genuss der großen Veranstaltung zu kommen: Da so wenige Tickets verkauft wurden und die Halle auch nach der Verkleinerung zu leer war, wurden 500 Tickets verlost. Wir waren unter den glücklichen Gewinnern und durften so kostenfrei (anstelle für 250€) an der Generalprobe teilhaben.

Die wird komplett durchlaufen, als wäre sie live – nur eben 24h vorher. Falls während der Livevorstellung technische Probleme auftreten, wird die Aufnahme der Generalprobe dann zwischengeschalten. Außerdem wird sie den Jurymitgliedern zur Bewertung gereicht. Wie so eine riesige Musikveranstaltung live im Fernsehen übertragen wird, ist für mich auch von technischer Seite interessant. Während man am Bildschirm ja stets den interessantesten Blinkwinkel aufgezwungen bekommt, kann man vor Ort viel mehr Eindrücke aufnehmen und in Kontext bringen. So fand ich Israels Lied von Kobi Marimi live wesentlich eindrucksvoller als vorher im Internet: Da herrschte eine besondere Atmosphäre, bei der man gemerkt hat, dass die Bevölkerung eine besondere Verbindung zum Lied hat, die im Fernsehen völlig verloren geht.

Andererseits gab es freilich auch Beiträge, die weniger begeistert haben. Das lag teils an überladenen Bühnenshows, bei denen die Musikschaffenden selbst völlig verloren gingen, oder eben auch an weniger genussvollen Darbietungen. Und auch bei diesen gibt es Standing Ovations, wenngleich eher aus pragmatischen Gründen: Die Sitzreihen sind zunehmend erhöht, sodass man im Grunde stets über die vorderen Reihen freie Sicht auf die Bühne hat – außer sie stehen auf. Dann stellt man sich eben auch hin, um überhaupt etwas zu sehen. Wenn das eine Reihe nach der anderen kopiert, steht in Windeseile die gesamte Halle.

Ich mag Eurovision

Früher hätte ich nie erwartet, das eines Tages sagen zu können. Zu willkürlich, ulkig und kunterbunt zusammengewürfelt schien mir die Show. Gerade das finde ich wiederum heute interessant. Zu dieser Show können alle kommen, wie sie sind. Niemand braucht sich zu verstellen.

Natürlich variiert die Qualität, reicht von exzellent bis zu trashig, aber ich kenne keine andere Show, in der ich an einem Abend solch ein Bandbreite aus Einblicken in über zwanzig Popkulturkreise erhalte. Eurovision ist bunt, schrill und, auch trotz gelegentlich aggressiven oder traurigen Titeln, eine Party der guten Laune. Andersartigkeit und Internationalität werden gefeiert und nicht selten auch mit dem Preis geehrt. Nicht ohne Grund besteht die Fangemeinschaft zu großen Teilen aus der queeren Community und gewinnt Jahr für Jahr ein Beitrag, der nicht verschiedener zum ersten Platz des Vorjahres sein könnte.

Und auch wenn es ein Wettbewerb zwischen Ländern ist und ich absolut kein Patriot bin, finde ich süß, wie die Kunstschaffenden moralische Unterstützung aus der Heimat erhalten und zwar ganz ohne Hass auf andere Nationen und wenn es nur durch ein umprogrammiertes Parkplatzkapazitätenschild ist, dass “Good luck Kobi” sagt.

Obwohl diese lebensbejahende Veranstaltung Meinungen spaltet, bringt sie Menschen unterschiedlichster Hintergründe zusammen und lässt sie Kluften überwinden, von denen wir vor 100 Jahren noch nicht zu träumen gewagt hätten. Das finde ich gut und zelebriere ich gern – auch wenn mein Favorit nicht gewonnen hat.

Das war mein Zugewinn vom Eurovision Song Contest 2019. Wie stehst du dazu? Schreib es gern in die Kommentare!

Alles Liebe
Philipp