Der Minimalplan

“Ordnung ist das halbe Leben”, pflegt ein deutsches Sprichwort zu sagen. Entsprechend habe ich bereits in frühem Alter damit begonnen, Ordnung- und Planungssysteme für mich zu schaffen. Damit ist es aber bei Weitem nicht getan, habe ich jüngst gelernt.

Im Laufe meines bisherigen Lebens bin ich wiederkehrend auf zwei Philosophien gestoßen, wenn es um Ordnung ging. Auf der einen Seite sind da die ordnungsliebenden Zeitgenossen in all ihren Facetten und Intensivitätsgraden. Andererseits gibt es noch die Vertreter der Auffassung, nur wahre Genies beherrschten das Chaos. Wo liegt also die Wahrheit? Wie so oft in der goldenen Mitte?

Ein kurzer Exkurs in meine Ordnungs- und Plangeschichte

Als Kind ging ich noch sehr unbeschwert durchs Leben. Chaos konnte mir nichts. Pläne gab es keine. Erst während meiner Teenagerzeit kam das Bedürfnis auf, möglichst viel Ordnung in mein Leben zu bringen, denn ich begann mit dem großen Pläneschmieden für mein Leben. In der Folge versuchte ich, alles durchzustrukturieren. Wirklich alles. Für jedes kleine Detail entwickelte ich das (zumindest für mich) perfekte System. Entsprechend habe ich mich über die Jahre in verschiedene Systeme gestürzt, sie ausgiebig und, mal mehr, mal weniger erfolgreich, ausprobiert. Nicht zuletzt ist auch Tacheles ein Versuch, mein Leben geregelter zu bekommen.

Ich kenne also beide Extreme. Der Minimalplan, ist ein Prinzip, das ich gern anwende, um für mehr Ordnung und Planung zu sorgen, ohne mich darin zu verlieren.

Disclaimer: Es gibt nicht die perfekte Ordnung

Und das ist in Ordnung so. (hehe) Es kann kein System geben, dass für alle Menschen gleichermaßen funktioniert. Wir alle haben unterschiedliche Maßstäbe. Was ich als normal wahrnehme, empfinden andere womöglich als Zwangsstörung – oder eben als unorganisiert. Ich sehe keinen Grund, mich selbst für andere zu verändern oder meine Bedürfnisse zurückzustellen. Ich muss mir ebenso wenig Gedanken darum machen, wie andere Menschen mit ihren Systemen zurechtkommen, wie ich möchte, dass sie sich in meine einmischen. Vielmehr schaue ich, dass ich mir selbst eine Umgebung schaffe, in der ich mich wohl fühle und wachsen kann.

Minimalismus als Maxime

Ich habe beobachtet, dass mein Innen und Außen eine starke Wechselwirkung aufeinander haben. Während manche Menschen sagen, das Gemüt und der Geist eines Menschen seine Umgebung beeinflusse (“Wenn du wissen willst, was in Menschen vorgeht, schaue dir ihre Schreibtische an.”), behaupten andere, dass die Umgebung eines Menschen sich direkt auf seinen Geist auswirkt (“Kein Wunder, dass du dich nicht konzentrieren kannst, so wie es in deiner Wohnung ausschaut!”). Ordnung und Planung sind mir sehr wichtig. Wenn um mich herum Chaos herrscht, deutet das darauf hin, dass ich gerade so sehr durch andere Dinge beansprucht werde, dass in meinem Kopf permanent Zirkusspektakel stattfinden. Andererseits kann ich in chaotischer Umgebung nicht gut arbeiten und bevorzuge deshalb möglichst leere, freie Räume. Je weniger Dinge ich habe, desto weniger muss ich mich um sie kümmern und dafür sorgen, dass ich mich in meiner Umgebung wohl fühle.

Der Hauptaspekt liegt hier beim Fokus auf das Wesentliche – dem Kernanliegen von Minimalismus. Das gilt gleichermaßen für meine Planung. Folglich beschränke ich meine Pläne auf die wenigen Elemente, die mir am Herzen liegen. Je weniger Punkte ich auf meiner Agenda habe, desto einfacher ist es, den Überblick zu behalten.

Im Rahmen von Tacheles wollte ich eine Routine entwickeln, die ungeachtet der Tatsache, ob ich auf Reisen bin oder nicht, funktioniert. Ich wollte maximale Kontrolle. Damit bin ich grandios gescheitert. Unterschiedliche Lebensumstände erfordern unterschiedliche Maßnahmen. Und manche Umstände lassen sich nicht kontrollieren. Dennoch sollen Routinen und Systeme stabilitätsstiftende Pfeiler bilden. Ich habe dann akzeptiert, dass das überhaupt kein Problem darstellt, solang ich keins daraus mache. So fluide, wie meine Lebensumstände sind, kann ich auch meine Systeme halten. Damit gebe ich zwar in erster Instanz Kontrolle auf, schaffe aber Pufferzonen, die etwas Chaos zulassen, ohne dass um mich herum alles im Chaos versinkt. Letztendlich verwende ich weniger Zeit und Energie – ganz im Sinne des Minimalplans also.

Im Sinne von Minimalismus ist die essentielle Frage nämlich nicht, wie ich mehr Ordnung schaffe und mehr Pläne aufstelle, die funktionieren, sondern wie ich eine Umgebung schaffe, in der ich weniger Ordnung schaffen muss und gar nicht so stark auf strikte Pläne angewiesen bin. Die Antwort ist hier zunächst oft ein Weniger. Herr meiner Zeit bin ich vor allem nämlich dann, wenn ich mehr Zeit für mich habe und möglichst wenig Zeit damit verbringe, Ordnung und Pläne zu machen.

Die Pfeiler des Minimalplans

Ich habe bereits eine Vielzahl von Variationen ausprobiert. Nicht wenige davon, haben dazu geführt, dass ich mich mit der Planerei verzettelt habe, anstatt endlich tätig zu werden. Wirklich feste Pfeiler gibt es nicht, aber die folgenden fünf Komponenten haben sich bewährt, mich darin zu unterstützen, weniger Zeit mit Ordnung und Planung zu verbringen.

  • Routinen
    Trotz häufig wechselndes Wohnortes, gibt es ein vier Routinen, die die Eckpunkte für den täglichen Rahmen bilden: 7,5h Schlaf, mein Morgenritual (Morgenhygiene, Wasser, Mediation, Frühstück), mein Betthupferl (den Tag loggen, den Folgetag vorbereiten, abschalten) sowie Sport. Unabhängig davon, wann ich aufstehe und zu Bett gehe, halte ich an diesen Routinen fest. Gleichzeitig erlaubt das mehr Spontaneität, da ich abseits meiner Routinen alles fluide halte, und spart Zeit,  da ich keine Termine hin und her schiebe.
  • Digitale Ordnung
    Der Nachtteil an Papierkalendern ist, dass bei Terminänderungen viel Kritzelei erfolgt. Deshalb  bin ich unter anderem auf einen digitalen Kalender umgestiegen und habe mir angewöhnt, nicht mehr so weit im Voraus, sondern nur noch den folgenden Tag konkret zu planen.  Er synchronisiert sich automatisch zwischen Geräten und erinnert mich daran, eine Tätigkeit rechtzeitig zu beenden, um zur nächsten fortzuschreiten. Für Dateien und Ordner habe ich Naming Conventions etabliert, um alles schnellstmöglich wiederzufinden.
  • Papierkram
    Anstatt für jedes Projekt einen Ordner zu verwenden und ständig hin- und herzuwechseln und diverse Kalender zu synchronisieren, verwende ich nur noch ein Notizbuch für alles: Das Bullet Journal. Schluss mit Zettelwirtschaft, unzähligen Ordnern und verloren gegangenen Notizen! Alles wichtige schreibe ich hier rein. Die Funktionalität ist beliebig durch Module erweiterbar und kann so individuell an die persönlichen Bedürfnisse angepasst werden. Das System ist effizient, die Tagesplanung innerhalb kürzester Zeit erledigt. Alles, was ich benötige, sind ein Notizbuch und ein Stift. Für Notizen von kurzer Lebensdauer (alles was aufgeschrieben werden soll, aber zu trivial für das Bullet Journal ist, weil man es nach kurzer Zeit entsorgt, etwa Einkaufslisten oder Adressen, die man jemand anderem aufschreibt) nutze ich einen Notizblock, den ich stets bei mir trage. Alle amtlichen Unterlagen und sonstigen wichtigen Dokumente bewahre ich in einem einzigen Ordner auf. So habe ich alles an einem Ort und erspare mir unnötige Suchen.
  • Freiräume
    Ebenso wie ich in Räumen versuche, möglichst viel leere Flächen zu erhalten, versuche ich das auch in meiner Planung. Jeden Tag halte ich mir abends zwei Stunden für mich frei. Falls das mal nicht klappt, gönne ich mir dafür an einem anderen Tag mehr fixe Freiräume. Jede Woche lasse ich mir einen Tag ganz ohne Termine. Im Kalender lasse ich zwischen zwei Terminen mindestens eine halbe Stunde Luft.
  • Resets
    Wie schon in diesem Beitrag erklärt, habe ich Instanzen, an denen ich alles auf Null setze. All diese kleinen Schritte sind in der Summe weniger aufwändig, als eine riesige Aufräum-, Reinigungs- oder Erholungsaktion.

Weniger Plan ist mehr Leben

Analog zu Ordnung in Räumen ist in der Planung oft weniger am Ende mehr. Je weniger drin ist, desto mehr Zeit für mich. Denn:

  1. Je weniger ich mir für einen Tag vornehme, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich alles schaffe, was in mehr Zufriedenheit mündet. Deshalb habe ich die besten Erfahrungen damit gemacht, mich auf wenige, mir wirklich wichtige Dinge zu beschränken. Im Rahmen meiner Tacheles Challenge und der damit verbundenen Punktvergabe für jeden Tag habe ich ironischer Weise die meisten Punkte an den Tagen erzielt, an denen ich keine Pläne geschmiedet hatte. Wenn ich mir zu viel vornehme, endet es am Ende im Chaos, weil ich schauen muss, wann ich all die unerledigten Sachen noch schaffen kann.
  2. Es passiert allzu leicht, aus der Planerei nicht mehr herauszukommen, weil man alles bis ins kleinste Detail versucht zu planen. Dann dauert nur ein Termin länger als angesetzt oder der Zug ist zu spät und schon ist der Plan hinfällig und die investierte Zeit war vergebens. Deshalb ist es oft effizienter nur grob zu planen und ausreichend Lücken im Tag zu lassen, falls mal etwas länger dauert. (Das tut es immer.) Ein komplett durchgeplanter Tag ist weder realistisch, noch wirklich lebenswert. (siehe 3.)
  3. Das Leben passiert, wenn wir nicht planen. Die verrücktesten Zufälle und größten Überraschungen ereignen sich nicht, weil wir sie planen, sondern weil wir sie eben nicht mit ihnen gerechnet haben. Und gerade diese Momente der Unberechenbarkeit sind das, was ich am Leben am meisten schätze. Gerade dann, wenn wir permanent damit beschäftigt sind, Pläne zu schmieden, findet das Leben draußen ohne uns statt.

 

Ich kann daher jeden nur ermutigen, ab und zu von der Planung abzulassen und sich stattdessen einfach mal nur der Muse hinzugeben. Ich habe damit ausgezeichnete Erfahrungen gemacht und möchte diesem Zustand so oft wie möglich die Chance geben, mein Leben zu bereichern.

Zu welchem Kreis gehörst du, Planer und Ordnungsliebhaber oder In-den-Tag-Hineinlebende? Und welches System verwendest du, um den Überblick über dein Leben und deine Zeit zu behalten? Teil es gern mit uns in den Kommentaren!

Alles Liebe,
Philipp

PS: Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade Alles neu macht der Frühling: Mein Tipp für ein ordentlicheres 2018. Mehr Informationen und Beiträge findest du  auf The Organized Cardigan.

10 Kommentare

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  1. Lieber Philipp,

    ich freue mich SEHR, dass du bei unserer Blogparade mitmachst (und wir mal wieder etwas von einander hören). Die Zeit vergeht so schnell…
    ich halte es glaube ich ähnlich wie due: Auf die Frage: Bist du Planer und Ordnungsliebhaber oder In-den-Tag-Hineinlebende? Kann ich sagen: Ja! :D Ohne eine gewisse Planung und Ordnung würde ich mich verzettel und nicht das hinbekommen, was ich muss und vor allem will. Und gleichzeitg bin ich großartig darin, tolle PLäne zu schmieden und sie bei der erst besten Gelegenheit gegen Spontanität einzutauschen. :D Ich komme gut damit duchs Leben, von daher bleib ich erstmal dabei. ;) SO lange, bis mein Leben ein anderes Vorgehen braucht, um schön zu sein.

    Fühl dich fest gedrückt und hab ganz herzlichen Dank für deinen erhlichen und spannenden Einblick!
    Herzlich
    Sunray

    • Hallo Sunray,

      ich danke dir! Ihr habt da eine tolle Blogparade auf die Beine gestellt!

      Ja, die Zeit vergeht wortwörtlich wie im Flug. Ab und zu innezuhalten und tief durchzuatmen, hilft mir, mein Leben ab und an etwas zu entschleunigen. ;)

      Ich schreibe dir beizeiten noch einmal wegen der Capsule Wardrobe für Männer oder wollen wir lieber telefonieren?

      Lieber Gruß,
      Philipp

  2. Ich gehöre eindeutig zur Planer – Fraktion. Mein Freund meint ja immer ich plane sogar die Klopausen ein – ganz so arg ist es nicht, aber ja ich kann man manches mal schon ein Feintuning drin haben was andere nervt. Aaaber ich schau nicht stur auf meinen Plan – da ja das Alphabet 26 Buchstaben zur Verfügung hat habe ich auch immer Alternativpläne in der Hosentasche.

    • Hallo Anna,

      haha, wie gemein von deinem Freund! Wobei ja auch jede Anekdote ein Körnchen Wahrheit enthalten soll. ;)

      Interessant, dass du stets mit Alternativplänen arbeitest. Die Organisation dieser stelle ich mir recht zeitintensiv vor.

      In meinem letzten Projekt hatten wir einen solchen Masterplan aufgestellt, mit dem wir für alle Eventualitäten abgesichert sein wollen, indem wir stets eine Alternative parat hatten. Zum Glück ging alles gut, denn uns ist in der Schlussphase aufgefallen, dass es unmöglich ist, alle Variablen und Möglichkeiten abzudecken.

      Wie geht es dir selbst damit? Stresst du dich selbst oder gibt dir gerade diese Planung Sicherheit?

      Lieber Gruß,
      Philipp

  3. Lieber Philipp,

    vielen Dank, dass du an unserer Blogparade teilnimmst. Zu deiner Frage: theoretisch bin ich eher der Planer, praktisch der in-den Tag-Hineinleber. Ich nehme mir immer vor, mich an meine Pläne zu halten, aber dann kommt immer etwas dazwischen. Aber in diesem Jahr habe ich zum ersten Mal ein Bullet Journal angelegt und ich kann dich nur bestätigen – seitdem ist es wirklich etwas besser geworden ;)

    Viele Grüße
    Anita

    • Hallo Anita,

      danke für das Ausrichten eurer Parade!

      Ja, so ein Bullet Journal ist schon eine feine Sache und erfordert allem voran nur minimalen Aufwand. ;)

      Lieber Gruß,
      Philipp

  4. Hallo Philipp,
    Ich bin eher der Planer. Jeden morgen schreibe ich mir meine täglichen “Ziele” auf.
    Das sind dann die Dinge dich ich schaffen muss bevor ich was anderes tue.
    Manchmal ist es nur ein Instrument über oder was lesen, aber an anderen Tagen kann es auch viel mehr sein.
    Mir hilft es so Tag zu Tag in vielen Dingen einen Schritt weiterzugehen.

    Grüße Noel

    • Hallo Noel,

      danke für deinen Einblick!

      So ganz ohne Planung kann ich auch nicht. Erlegst du dir selbst ein Maximum an Punkten je Tag auf oder hast du eine andere Art, mit zu vielen Aufgaben für einen Tag umzugehen?

      Lieber Gruß,
      Philipp

      • Hey Philipp!

        Ein Maximum habe ich nicht. Bin aber auch der Meinung solange ich alles nur etwas tue, ist es ein Schritt in die richtige Richtung.

        Beispiel: Gitarre lernen, wenn ich dann nur 10 Minuten spiele ist das okay für mich.

        Auch die letzten Tage – habe ich einige Punkte sausen lassen, da ich doch lieber in die Natur wollte bei dem Wetter.

        Auch als Planer sollte man immer spontan bleiben :)

        Liebe Grüße,
        Noel

        • Das ist eine exzellente Einstellung! Lieber in kleinen Schritten zum Ziel anstatt die Motivation zu verlieren, weil der Riese unbezwingbar erscheint. Und das gewisse Maß an Spontaneität sollte nicht fehlen, da hast du Recht. :)

          Lieber Gruß,
          Philipp

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