Einfach mal das Gegenteil machen

Es gibt dieses Sinnbild des alten, im Ruhestand befindlichen Beamten, der seit Jahrzehnten dieselben Gewohnheiten pflegt. Lange Zeit habe auch ich versucht, ebensolche Gewohnheiten zu etablieren, doch erfolgreich war ich damit nicht so recht. Deshalb lasse ich es jetzt einfach bleiben. Denn bei näherem Hinsehen ergibt es auch gar keinen Sinn, wie ein sturer Bock an Gewohnheiten um der Gewohnheiten willen festzuhalten.

Bestimmt hast du auch Menschen in deinem Umfeld, die ihre Gewohnheiten konsequent jeden Tag einhalten und keinen Millimeter davon abweichen. Das bringt freilich einige Vorteile mit sich:

  • Über Jahre hinweg lassen sich Abläufe so weit optimieren, dass man zunehmend effizienter wird.
  • Bei denselben täglichen Routinen braucht man gar nicht mehr darüber nachdenken, was man als nächstes tut, und spart sich viel Zeit, die man sonst fürs Pläneschmieden aufwendete.
  • Wenn man bei den meisten Dingen bewusst gar keine Entscheidung mehr treffen braucht, spart man sich viel Energie für andere, wesentlichere Dinge.

Allerdings bergen starre Gewohnheiten auch einen wesentlichen Nachteil: Man bleibt nicht flexibel.

Denn was, wenn sich die Lebensumstände ändern, beispielweise durch eine Pandemie? Nicht immer ist es möglich, alle Gewohnheiten beizubehalten. Manchmal regt es sogar sowohl kreativ als auch produktiv an, wenn man bestimmte Gepflogenheiten routiniert wechselt.

Gewohnheiten im Wandel

Ich sehe mich als Mann der wechselnden Routinen. Denn einerseits pflege ich gern meine Gewohnheiten, andererseits rüttle ich sie auch gern mal durcheinander, um etwas mehr Schwung in meinen Alltag zu bringen. Das Ganze konnte ich jetzt auf die Spitze treiben, als ich beschloss, einfach mal meine Tagesroutine komplett auf den Kopf zu stellen.

Aufstehen, Wasser trinken, Journal, Sport, Frühstück – so sah die letzten Monate meine Morgenroutine aus. Ich wollte mir früh Zeit für mich selbst nehmen, mich direkt am Morgen um das Wichtigste zuerst kümmern, nämlich meine Gesundheit. Natürlich esse ich vor der Arbeit, schließlich wurde mir schon in frühester Kindheit beigebracht, dass ich nicht ohne das Haus verlassen solle. Im Anschluss würde ich acht Stunden auswärts arbeiten, zwischenzeitlich meine zweite Tagesmahlzeit einnehmen und mich abends meinen Herzensprojekten widmen.

So richtig geklappt hat das nicht, denn nach einem Arbeitstag war mein Kopf bei Weitem nicht mehr so frei, wie ich es mir wünschte, und schon gar nicht dazu in der Lage, noch diszipliniert auf Abruf kreativ zu werden. Ich sehnte mir einen Wandel herbei. Doch wie?

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.

Albert Einstein

Wenn man sich mit der eigenen Sturheit selbst im Weg steht

Offensichtlich hätte es nichts genützt, einfach so fortzufahren, wie bisher. Eine Lösung hatte ich dennoch nicht direkt vor Augen, denn es stellten sich mir ein paar Hindernisse in den Weg:

Entsprechend wirkte alles wie in Stein gemeißelt und eine Lösung hatte ich nicht parat.

… braucht es manchmal einen Schubs von außen!

Doch dann wurde ich gezwungen, etwas zu ändern: Der Beginn meiner Arbeitszeit morgens wurde von der Geschäftsführung vorverlegt. Das brachte meinen minutiös arrangierten Tagesplan gewaltig ins Wanken.

Was also tun? Früher aufstehen? Daraus folgte jedoch, dass ich auch früher zu Bett gehen würde, um genug Schlaf zu bekommen. Abends irgendwelcher Freizeitgestaltung wie Kinobesuche nachzugehen fiele dann ins Wasser. Das wollte ich nicht.

In Erinnerung an Albert Einsteins Zitat begab ich mich also in unliebsame Gewässer und ließ meine Routine zurück. Denn plötzlich erkannte ich, dass viele meiner Rahmenbedingungen von mir selbst stammen. In meinem Kopf hatte ich sie mir auferlegt und schließlich gar nicht mehr in Frage gestellt. Also raus aus der Komfortzone!

Das Gegenteil muss nichts Schlechtes sein

Stattdessen versuchte ich fortan das komplette Gegenteil: Morgens widme ich mich nun zuerst einer Aufgabe, die ansteht, oder einem Kreativprojekt. Denn morgens bin ich noch voller Energie und wenn ich ausreichend schlafe, habe ich im Grunde bereits einen wichtigen Grundstein für meine Gesundheit gelegt. Frühstück esse ich dann auf Arbeit, allerdings erst zur Mittagszeit, um weiterhin den 16/8-Zyklus einzuhalten. Statt morgens treibe ich abends Sport, denn nach einem Tag im Büro und jeder Menge Kopfarbeit ist mein Kopf zwar nicht mehr zu gebrauchen, aber mein Körper ist durchaus in der Lage, einen Ausgleich zu schaffen. Schließlich esse ich nach dem Sport und bleibe dann noch ein paar Stunden auf, an denen ich mich aber keinen Aufgaben mehr annehme, sondern nur noch entspanne, bis ich müde werde.

Anfangs fühlte sich die neue Routine freilich befremdlich an. Allerdings bemerkte ich direkt am ersten Tag ihre Vorzüge und stellte fest: Sie funktioniert. Daher ging sie binnen einer Woche in Fleisch und Blut über.

Manchmal sind wir in unseren Routinen so festgefahren, dass es sich lohnt, mal kurz innezuhalten und sie auf den Kopf zu stellen. Gelegentlich braucht es dafür einen Schubs von außen, doch im Grunde können wir das auch selbst. Dafür muss auch gar nicht der komplette Tag umgekrempelt werden. Für den Anfang reicht eine simple Frage:

Wann hast du deine Routinen zuletzt hinterfragt?

Alles Liebe
Philipp

2 Kommentare

Antworten →

  1. oh mein ganzes Jahresmotto ist ein einziges „In Bewegung“ kommen, was bei einer Pandemie mit Einschränkungen natürlich nich sooo geklappt hat wie gedacht. Mir ging es darum auch meine Persönlichkeit zu ändern, um flexibler auf Situationen reagieren zu können. War ich in einigen Situationen energisch, probierte ich ein passiv und zurückhaltend aus. Arbeitete ich morgens schnell schnell alles weg, ließ ich mir Zeit (und den Kolleg:innen Arbeit übrig) usw. Dadurch habe ich nicht nur mehr Selbstsicherheit gewonnen, sondern ein breites Spektrum an Verhalten, was es mir ermöglicht, Situationen bewusst zu gestalten. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, nich nur in seinen Routinen sondern auch im Zwischenmenschlichem :D

    • Hallo Cloudy,

      ja, der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Bei zwischenmenschlichen Beziehungen hinterfrage ich tatsächlich (bisher) auch eher selten. Ein gutes Vorhaben für das nächste Jahr. :D

      “In Bewegung kommen” kann ja auch rein mental zu verstehen sein. ;) Was mir allerdings dabei hilft, ist auch physisch in Bewegung zu kommen. Beim Laufen, Spazieren und Wandern entstehen in meinem Kopf die besten Ideen. Und das geht zum Glück ja auch in Zeiten der Pandemie. (Zumindest noch…)

      Lieber Gruß aus Berlin
      Philipp

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