Ich möchte etwas loswerden.

Seit ich zurück in Europa bin, sind bereits einige Monate vergangen. Seitdem sind für mich schwierig zu beschreibende Gefühle in mir. Ich wusste vor meiner Ankunft nicht so recht, wie es sein würde, zurück zu sein. Nun sind Dinge passiert, mit denen ich nicht gerechnet hatte – sowohl positive als auch negative. Über letztere spreche ich nur nicht so oft. Zeit, das zu ändern.

 Es ist nicht mal so, dass ich nicht willkommen geheißen würde. Im Gegenteil: Ich wurde liebevoll in Empfang genommen und habe mich darüber unglaublich gefreut. Und trotzdem fühle ich mich fremd.

Denn plötzlich bekomme ich von Menschen, die ich liebe, achte und glaubte, zu kennen, eine Seite zu spüren, die mir befremdlich ist. Eine kühle, lebensverachtende und hassvolle Seite.

Wenn ich genauer darüber nachdenke, ist es eigentlich eine Eigenschaft, die mich schon seit Jahren an Menschen, ja, auch Familienmitgliedern, stört.

Ein paar Momente aus meinen letzten 14 Wochen:

Ich sitze im Zug von Nürnberg nach München. Neben mir ein junger Mann aus Jordanien. Er studiert in Deutschland. Eine Durchsage: Ein Brückenschaden macht die Weiterfahrt unmöglich. Wir müssen auf den Schienenersatzverkehr auszuweichen. Zwei junge Frauen, augenscheinlich Geschwister, kommen hilfesuchend auf uns zu, reichen uns ein amtliches Schreiben. Es besagt, dass sie abgeschoben werden, sollten sie nicht noch am selben Tag in ein Asylantenwohnheim eine Stunde östlich von München ziehen. Wir scheitern an Erklärungen auf Deutsch, Englisch, Arabisch, Hebräisch, Spanisch und Französisch, versuchen herauszufinden, woher sie denn kommen und welche Sprache sie sprechen. Sie telefonieren, reichen uns das Telefon. Am anderen Ende eine Männerstimme, die uns alles erklärt. Die beiden sprechen nur Kurdisch. Wir begleiten die beiden fortan und alles ist gut. Aber ich frage mich, wie man eigentlich von Menschen, die kein Wort Deutsch sprechen, erwarten kann, mit der Bürokratie des Landes zurechtzukommen, wo sie doch schon von den meisten Muttersprachlern nicht verstanden wird.

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Ich sitze im ICE von München nach Stuttgart. Mit mir im Abteil ein Mann aus Syrien und eine Familie aus Tunesien. Ersterer wird vom Ticketkontrolleur darauf hingewiesen, dass er mit seinem Ticket nicht in diesem Zug nach Stuttgart fahren darf. Ich erinnere mich an unzählige Situationen, in denen ich im Ausland überfordert war und an all die helfenden Engel. Wie undurchsichtig das deutsche Bahnsystem eigentlich ist! Und wenn man zum ersten Mal allein fährt und Deutsch nicht fließend spricht… Mein Ticket enthält eine Mitfahreroption. Mehrkosten: Null; viele glückliche Gesichter. Im Anschluss erfahre ich die Lebensgeschichte meines neuen Mitfahrers. Er stammt aus Damaskus, seine Eltern und Geschwister wurden von IS-Anhängern erschossen. Während er sich zu Fuß und Zug in drei Monaten über die Türkei, Griechenland, Bulgarien, Serbien, Rumänien, Ungarn, Österreich und die Schweiz nach Deutschland gekämpft hat, musste seine schwangere Frau in Damaskus zurückbleiben. Nun hofft er, sie da rausholen zu können, weiß aber noch nicht, wie.

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Ich sitze im Wiener Hauptbahnhof, warte auf meinen Nachtzug. Die Szenerie ist bunt durcheinander gewürfelt. Hier schläft ein Urlaubsgast wartend auf seinen Zug zum Flughafen, da zieht eine Mutter mit all ihrem Hab und Gut auch ihr Kind hinter sich her, welches wiederum ein Plüschtier hinter sich herzieht. Freiwillige sammeln Sachspenden für die Flüchtlinge vor dem Bahnhof. Jugendliche sprechen Flüchtlinge in verschiedenen Sprachen an, fragen, ob sie ein Ticket haben, weil sie sonst bald von der Banhofssicherheit rausgeschmissen würden. Sie bieten einen Platz im Lager vor dem Bahnhof an. Nach und nach lichtet sich der Wartebereich und wird zugleich homogener. Ich denke dabei an all die Flüchtlinge, die „vorübergehend“ in Zelten untergebracht sind und das jetzt auch für bis zu sechs Monate bleiben.Und an den anstehenden Winter.

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Ich (ihr ahnt es schon) sitze am Bahnhof Freilassing. Es ist bereits dunkel und kühl. Mit am Bahnhof: Gute 50 Bundespolizisten, die Züge anhalten und auf Flüchtlinge kontrollieren. Diese werden in den Bahnhof hinter eine Absperrung gebracht. „Die können einen echt Leid tun. Werden gehalten wie Vieh.“, stellt eine Mitwartende fest. Und Recht hat sie.

Was ist eigentlich los in Europa?

Menschen sind schon immer gewandert. Wer ein wenig im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, könnte das wissen. Und wir können uns glücklich schätzen, dass wir das Glück haben, jederzeit selbst zu entscheiden zu können, wo wir leben und arbeiten. Oder es eben auch bleiben zu lassen. Denn machen wir uns nichts vor. Die Lebensbedingungen in Deutschland sind überragend.

Da finde ich es doch vermessen, dieses Glück für sich selbst beanspruchen zu wollen und es gleichzeitig anderen zu verwehren. Denn momentan basiert der europäische Lebensstandard immer noch auf dem gleichen Prinzip wie bereits seit Jahrhunderten: Kolonialismus.

Wir beuten (indirekt durch unseren Konsum) andere Länder und Menschen aus. Folglich sind wir für deren Probleme verantwortlich. Nicht Flüchtlinge schmarotzen, sondern wir. Und nun ist es an der Zeit, einen Teil unserer Schuld zu begleichen.

Trotzdem höre ich immer wieder, dass kein Platz für all die Flüchtlinge sei und sie zurück müssten, wo sie hergekommen seien. Und da stellt sie sich mir: Die Frage.

Habt ihr eigentlich noch alle Tassen im Schrank?!

Ich weiß, ihr arbeitet hart, habt dieses Land nach zwei Weltkriegen mit aufgebaut und könnt überhaupt nicht verstehen, warum andere Menschen etwas bekommen sollen, wofür ihr euch schindet. Für Letzteres gibt es meiner Meinung nach nur zwei Erklärungen:

A) Ihr seid unzufrieden mit eurem eigenen Leben und braucht einen Sündenbock. Daran ändert sich aber nichts, egal ob es Flüchtlinge in Deutschland gibt oder nicht. Das einzige, was etwas ändern kann, ist euer eigenes Handeln. Also kommt in die Puschen und arbeitet an euch selbst, statt euch in die Angelegenheiten anderer Leute einzumischen.

B) Ihr habt Angst. Das ist auch gar nicht schlimm. Etwas Unbekanntes hat nun mal häufig die Eigenschaft, Unbehagen auszulösen. Vielleicht erinnert ihr euch noch an euren ersten Sprung vom 3-Meter-Turm. Was passierte mit eurer Angst, als ihr es geschafft hattet? „War gar nicht so schlimm.“ Eine Angst überwindet man am besten, indem man sich ihr stellt, nicht indem man sie von sich wegschiebt.

In selbigem Atemzug verspüre ich selbst Angst – und zwar vor euch, die ihr am liebsten Menschen in den sicheren Tod und Mauern wieder aufbauen möchtet. Ihr macht etwas aus Europa, das mir nicht gefällt und für das ich mich schäme.

Grenzen sind so etwas von Geschichte – und vor allem von Menschenhand geschaffen. Also sollten wir als Menschen auch in der Lage sein, diese zu überwinden. Wir alle profitieren von den Vorzügen einer globalisierten Welt. Dafür müssen wir auch die Kehrseiten akzeptieren. Eine davon ist: Wir sitzen alle im selben Boot. Und früher oder später macht sich das bemerkbar. Oder eben: Jetzt.

Und für die Paragraphenreiter unter euch, die meinten, Grenzen existierten sehr wohl:

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Art 3(1))

Auch Flüchtlinge sind Menschen; verdienen also die gleiche Behandlung wie wir alle. Und wenn ihr mal welche vernünftig kennenlernen würdet, würdet ihr das auch selbst bemerken. Dann könntet ihr bei der Gelegenheit auch gleich noch zeigen, dass ihr tatsächlich nicht rechts seid. Denn nicht, ob ihr behauptet, nicht rechts zu sein, entscheidet darüber, ob ihr es seid, sondern eure Taten und Worte.

Und falls ihr euch immer noch sorgt, Deutschland könnte verkommen: Es zwingt euch ja auch keiner, zu bleiben.

5 Kommentare

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  1. Sehr geil der letzte Satz. Klasse geschrieben, lieber Philipp! Vor was haben die Leute Angst? Dass sie ihr 3. Auto nicht finanzieren können? Ich verstehe es auch nicht.

    Liebe Grüße – Tanja

  2. wer rassismus als freie meinungsäusserung versteht, der hält diktatur für einen intelligenztest.

  3. Hallo Philipp!

    Seit ein paar Tagen beschäftigt mich das Spiegelgesetz wieder mehr. Es war als ich mit dem Auto in einer Kolonne stehend mich darüber aufgeregt habe über die Autos, die vorbei fuhren und sich etwas weiter vorne rein gequetscht haben. Vorbei fuhren obwohl sie wussten, dass die Kolonne steht. So würde das nie funktionieren, wie soll die Kolonne kleiner werden, wenn sich diese unverschämten Autofahrer da vorne rein quetschen?

    Da wurde mir bewusst, ich will das auch. Ich will auch einfach vor fahren, will mich viel weiter vorne rein quetschen und vorher alle überholen, mag nicht warten.

    Der Mensch ärgert sich über Handlungen, Wesenszüge etc. bei anderen, wenn er etwas selbst an sich nicht zulässt.

    Beispiel oben – oder ich ärgere mich, wenn mein Partner statt endlich weiterzuarbeiten sitzt und eine Pause macht weil es ihm zu viel ist. Ich mach ja auch keine Pause, arbeite weiter, wie kann er nur. Ich ärgere mich über ihn obwohl ich mich eigentlich über mich ärgern sollte, weil ich keine Pause mache. (wie blöd bin ich denn gerade wirklich?)

    Nun stellt sich die Frage, was spiegeln die Flüchtlinge den Menschen, die jetzt gerade so ausflippen?

    Dazu gibt es wohl mehrere Möglichkeiten. Möglicherweise ist da sogar einiges an unverarbeiteten Geschichten aus der eigenen Vergangenheit bzw. der Vorfahren? Der Krieg ist ja noch gar nicht so lange her.

    Ich will jetzt nichts schön reden und niemandem einen Freibrief geben für Ausländerhass, keinesfalls. Ich frage mich nur, was wirklich dahinter steckt, dass die Menschen so ablehnend sind. Das würde mich schon sehr interessieren, weil begreifen kann ich es nicht. Obwohl meine Familie damals auch flüchten musste und viel Leid miterlebt hat. Oder gerade deshalb.

    lg
    Maria

    • Hallo Maria,

      über das Spiegelgesetz bin ich auch schon das ein oder andere Mal gestolpert.

      Dass die Flüchtlinge sich zusammenreißen sollten, schließlich hätten „wir“ es auch geschafft, ein Land wieder aufzubauen, habe ich jetzt auch schon öfter gehört. Und gerade da finde ich, dass man mit entsprechender Hintergrundgeschichte in der Familie, nachvollziehen können sollte, in welcher Situation sich Flüchtlinge befinden.

      Meine Groß- und Urgroßeltern sind beispielsweise aus Schlesien geflohen und vertrieben worden, und haben anschließend im Vogtland eine neue Heimat gefunden. Hätten die dort Ansässigen sie abgeschoben, hätten sie auch nicht in ihre alte Heimat zurückgekonnt. Und ich würde jetzt wahrscheinlich nicht hier sitzen.

      Lieber Gruß,
      Philipp

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