Ist das noch koscher?

Alle Jahre wieder, werden in ganz Israel reihenweise Regale in Supermärkten mit Plastikfolie zugehangen. Ein Text darüber, warum dem so und weshalb das ganz schön Unfug ist.

“Das ist mir nicht ganz koscher.” – Mit Sicherheit hast du diesen Ausdruck schon einmal gehört. Mittlerweile völlig in den deutschen Sprachgebrauch integriert, wissen gar nicht alle, die ihn verwenden, was genau koscher eigentlich ist. Und tatsächlich ist man sich da im Judentum auch nicht ganz einig.

Die Basics

Wahrscheinlich noch vielen geläufig ist die strikte Unterscheidung von erlaubten und verbotenen Tieren, sowie die Separation von Fleisch- und Milchspeisen. Seine Ursprung hat dies in der Tora. Dort steht unter anderem geschrieben, dass…

… alles mit komplett gespaltenen Klauen, das wiederkäut, erlaubt ist (3. Mose 11, 2-3). Deshalb ist Schweinefleisch nicht koscher, wohingegen unter anderen Rind, Ziege und Schaf als unbedenklich gelten.

… alles mit Flossen und Schuppen erlaubt ist (3. Mose 11, 9). Karpfen geht also als koscher durch, Tintenfische und Garnelen hingegen nicht.

… Fett und Blut nicht gegessen werden sollen (3. Mose 7, 24 und 26). Was anmutet wie gesundheitliche Ratschläge, wirkt sich darauf aus, wie Fleisch zubereitet wird. So werden Tiere durch Schächtung, einem Schnitt durch den Hals, der Luft- und Speiseröhre, sowie Arterien und  Nerven durchtrennen soll, getötet, um den Körper auszubluten zu lassen, bevor das Fleisch schließlich von Fett und Blutrückständen befreit, gewaschen und gesalzen wird. (Um eventuellen emotional geführten Diskussionen zuvorzukommen: Ich finde diese Methode nicht weniger oder mehr grausam, als Tiere mit Bolzenschuss hinzurichten, nachdem sie durch einen Elektroschock oder Schlag auf den Kopf “betäubt” worden seien.)

… Ziegen nicht in Ziegenmilch gekocht werden sollen (2. Mose 23, 19).  Von Rabbinern wird das so gedeutet, dass Fleisch- und Milchprodukte nicht gemischt werden sollen.

Auswirkungen im Alltag

Entsprechend gibt es in vielen Küchen Israels, insbesondere in religiösen Nachbarschaften, zwei Waschbecken in der Küche – eins für das Waschen von Geschirr, das mit Fleisch in Kontakt kam, eins für das mit Milchprodukten kontaminierte. Gleichermaßen gibt es in Haushalten, die sich koscher ernähren auch sämtliches Geschirr und alle relevanten Küchenutensilien in mindestens zweifacher Ausführung, denn ein Teller für Fleischgerichte, der mit Milchprodukten in Kontakt gekommen ist, ist nicht mehr koscher. Glücklicherweise gibt es eine einfache Kennzeichnung, die die Unterscheidung zwischen den jeweiligen Arealen auch Menschen, die des Hebräischen nicht mächtig sind, erlauben. Alles milchige ist blau markiert, alles fleischige rot.

Darüber hinaus gibt es unterschiedliche Schweregrade: Was für im reformierten Judentum als koscher gilt, muss noch lange nicht für ultra-orthdoxe gelten. Teilweise geht das sogar so weit, dass das Feuer von Juden entfacht werden muss.

Doch auch wenn man versehentlich doch mal den falschen Teller verwendet hat, ist nicht aller Hopfen verloren, denn alles kann auch wieder gekaschert, also koscher gemacht, werden. Mit einer einfachen Reinigung mit Spülmittel ist es aber nicht getan. Das ist ein komplexer Prozess, der vom Rabbi des Vertrauens kontrolliert werden muss.

Ein wahrer Goldesel

Kontrolle ist ein wichtiges Stichwort, denn unlängst haben findige Menschen erkannt, wie viel Geld man damit eigentlich verdienen kann. Denn ebenso wenig, wie Menschen in Europa Selbstversorger sind, trifft das auch für die meisten in Israel zu. Und was in machen Ländern mit Bio-Siegeln funktioniert, klappt in anderen auch mit koscheren Zertifikaten. Freilich lassen sich die Rabbiner dafür ordentlich entlohnen, schließlich wollen all die Restaurants nicht ihre jüdische, koscher lebende Kundschaft verlieren. Also müssen sie sich zertifizieren lassen.

Das betrifft allerdings nicht nur Restaurants, sondern jeden einzelnen Schritt in der Produktionskette: Neben Fleisch und Milch werden also auch sämtliche anderen Lebensmittel untersucht und zertifiziert: Säfte, Eier, Wein, Gemüse, Mehl … All das nimmt ein derartiges Ausmaß an, dass daraus eine eigene Berufsgruppe entstanden ist: Ein Maschgiach kontrolliert, ob etwas koscher ist oder nicht.

Und apropos Mehl: An Pessach ist das übliche Mehl nicht koscher, weil nachgewiesen sein muss, dass es noch nicht versauert ist, da die Hebräer bei ihrem Auszug aus Ägypten im Bestseller des Genres “Fiktion”, Die Bibel,  ja schließlich auch keine Zeit hatten, ihren Teig säuern zu lassen. Also “bereinigen” alle Geschäfte ihre Produktpaletten von sämtlichen Weizenmehl und verkaufen sämtliche Produkte, die als gesäuert eingestuft werden, während des Pessachfests einfach nicht.

Stattdessen gibt es andere Verkaufsschlager: Kekse ohne Backtriebmittel, Plätzchen mit Nuss- oder Kokos- statt Weizenmehl und Matzá, ein recht geschmacksloses Knäckebrot aus Weizenmehl, das auf gar keinen Fall Zeit hatte, zu säuern, dafür aber Grundzutat für andere wohlschmeckende Gerichte ist, beispielsweise Kneidelach (wie der aus dem Jiddischen stammende Name andeutet, handelt es sich um Knödel) und Burmulikos, einem Bratling auf Matzábasis.

Wenn man es jedoch wirklich koscher halten möchte, bedarf es auch hier eines weiteren Geschirrsets oder man kaschert zuvor das gesamte Haus. Diese Mühe machen sich aber nicht alle, weshalb es ein reichhaltiges Angebot an preisintensiven, koscher zubereiteten Mahlzeiten in diversen Lokalen gibt. Schon erstaunlich, womit sich alles Geld verdienen lässt.

Am Rande der Vernunft?

Welch starken Einfluss Religion nach wie vor in Israel hat, spürt man insbesondere an Pessach. Man könnte natürlich auch sagen: Wer sich koscher ernähren möchte, kauft an Pessach einfach die entsprechenden Produkte nicht. Stattdessen unterlassen ganze Supermarktketten den Verkauf von Produktsparten, die nicht mal unbedingt Mehl enthalten, beispielsweise Haferflocken oder Tee, nur weil sie nicht zuvor als koscher für Pessach zertifiziert worden sind.

Diese Spitzfindigkeit zeigt sich jedoch nicht nur an Pessach, sondern auch das restliche Jahr, denn auch Produkte wie Gemüse, die von Grund auf unbedenklich sind, müssen aus rabbinischer zuvor erst als parve (= unbedenklich) zertifiziert werden, denn es könnten ja Würmer oder Schnecken am Salat sein, die keinesfalls koscher sind. Das spiegelt sich in entsprechend höheren Preisen wieder, denn alle Lebensmittel werden zertifiziert und somit die Kosten dafür auch von der gesamten Bevölkerung getragen.

Sogar globale Riesen wie McDonald’s beugen sich dem Willen der Rabinner, weshalb es in Israel Filialen mit den gewohnten roten, aber auch  mit blauen Schildern gibt. Letztere sind als koscher zertifiziert.

Aber bei näherem Hinsehen ist das in Deutschland ja auch nicht anders: Auch da hat die Kirche Privilegien und Macht. Auch da feiern viele kirchliche Feste mit, auch wenn sie sich eigentlich als Atheisten bezeichnen.

Ist dir das koscher? Teile dich uns gern mit.

Alles Liebe,

Philipp

4 Kommentare

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  1. Wow danke für den spannenden Artikel. Ja mitfeiern ist eine Sache, daran glauben und das auch zu vertreten eine andere. Kann man m.E. nicht direkt miteinander vergleichen. Wenn ich mir das durchlese bin ich froh das unsere mitteleuropäische Kultur zumindest schon einen Schritt weiter in der Säkularisierung ist. Wobei wie du richtig anmerkst die Kirche (immernoch) sehr stark ist. Ich finde ja glauben an sich nicht schlecht und auch legitim – nur leider wird oft die Freiheit anderer beschnitten und sehr viel gewertet, das ist nicht ok.

    • Hallo Anna,

      vielen Dank für deinen Kommentar!

      Glaubensfreiheit sollte jederzeit gewährt sein, solang dabei beachtet wird, dass die Freiheit aller anderen dabei nicht eingeschränkt wird. Davon sind wir jedoch auch in Deutschland weit entfernt, sowohl in Hinsicht auf Atheismus, als auch mit Blick auf andere Religionen als das Christentum. Während die christlichen Feiertage zumeist auch öffentliche Feiertage sind, gilt das für beispielsweise jüdische Feiertage nicht. Eine Möglichkeit wäre, lediglich die religionslosen Feiertage als öffentliche zu deklarieren und die übrigen in Urlaubstage umzuwandeln, sodass alle Menschen selbst entscheiden können, welche Feiertage sie begehen wollen. Aber das steht momentan nicht mal im gesellschaftlichen Diskurs, da es dringlichere Themen gibt. Von daher wage ich zu bezweifeln, dass ich das noch miterlebe. (Und das sage ich im Alter von gerade einmal 26 Jahren. :D)

      Ich dachte tatsächlich selbst lange Zeit, Mitteleuropa sei da “einen Schritt weiter”, aber bei näherem Hinsehen ist dem eben doch nicht so. Das zeigen insbesondere die parlamentarische Besetzung in den angeblich so fortschrittlichen Ländern. Da habe ich oft den Eindruck, dass die Bevölkerung im Allgemeinen zufrieden ist, wie es ist, und man vergisst, dass man sich trotzdem als Gesellschaft weiterentwickeln sollte, was in letzter Instanz stets Veränderung mit sich bringt. Aber ohne Veränderung wird es auch nicht besser. ;)

      Lieber Gruß,
      Philipp

      • Mit Säkularisierung meinte ich das es nicht ganz so aufgeladen ist im täglichen Leben wie in Malaysia und Tunesien. Aber ja du hast definitiv recht, “wir” hier in Europa haben mehr Schein als Sein und sind bei weitem noch nicht bei einer richtigen Trennung von Staat und Kirche angekommen. Der Einfluss ist immer wieder noch erschreckend groß.

        Leider tun gerade Religion die Freiheit einzelner extrem einschränken – Gleichheit Mann u Frau als Beispiel nehmend ;)

        LG

        • Hallo Anna,

          gerade deshalb gibt es mir stark zu denken, dass sie noch so omnipräsent ist. Aus ethischer Sicht fällt mir auf Anhieb keine ein, die haltbar ist.

          Lieber Gruß,
          Philipp

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