Studieren im Ausland – Naher Osten Spezial

Diese Tage beginnt für mehr als zwei Millionen Studenten in Deutschland die Uni – auch für mich. Das Sommersemester steht in den Startlöchern. Und für nicht wenige dürfte sich die Frage nach einem Auslandssemester auftun. Schließlich gehört das mittlerweile quasi fast zum guten Ton, wenn man all den Bewerbungsoptimierern Glauben schenken darf.

Welchen besseren Zeitpunkt könnte es also geben, um ein wenig über meine Erfahrungen zu erzählen? Ich bin bereits mehrmals zu den Studienverhältnissen in Israel befragt worden. Deshalb halte ich das jetzt einfach mal in einem Beitrag fest.

Warum der Nahe Osten?

Ich muss zugeben, dass ich bereits vor meinem Austausch in Israel war, um einen Freund zu besuchen. Während dieses Aufenthalts formierte sich die Idee bereits in meinem Kopf und ich leitete erste Schritte ein, um ein halbes Jahr später zurückkehren zu können.

Ich war sofort begeistert von der damals noch fremden Kultur und merkte überhaupt erst, wie wenig ich eigentlich weiß, obwohl wir den Nahen Osten doch auch mal in der Schule behandelt hatten. Glaubt es oder nicht; es gibt Inhalte, die keine Schule außer dem Leben selbst lehren kann. Und so fühlte ich mich hier.

Ich wollte tiefer eintauchen, mehr Hintergründe verstehen – auch die politische Komponente, die verglichen mit meiner persönlichen Überzeugung nicht verschiedener hätte sein können. Und ich fand die Sprache von Beginn an faszinierend, obwohl ich noch kein Wort Hebräisch sprach.

Mehrere Monate im außereuropäischen Kontext zu leben, war eine Premiere für mich – und genau das, was ich wollte. Denn obwohl Europa eine große kulturelle Diversität innehatte, war und blieb es eben Europa. Das Europa, das ich mein Leben lang kannte.

Also stand für mich fest, dass ich alle Hebel in Bewegung setzen werde, um ein Semester in Israel studieren zu können.

Foto Bar Mitzvah

Bar Mitzvah

Wohnungsangelegenheiten

Sobald alle Bewerbungsunterlagen verschickt sind und man sehnlichst auf Antwort wartet, stellt sich natürlich rasch die Frage: Wo soll ich eigentlich wohnen?

Ruhig Blut zu waren, halte ich in jedem Fall schon mal für einen guten, ersten Schritt. Denn, wie in den meisten anderen Ländern auch, gibt es ein paar Möglichkeiten für Studenten: Wohnheim, WG, Einzelapartment, … Ich habe auch einen Studenten im Praxissemester kennengelernt, der für sechs Monate im Hostel übernachtete.

Im Normalfall gibt es aber an jeder Hochschule Austauschkoordinatoren, die sich um Austauschstudenten kümmern und sich für ihre Belange einsetzen. Da ist Israel keine Ausnahme.

Ich hatte zunächst ein paar Monate im Wohnheim gewohnt. Zum damaligen Zeitpunkt war ich der Meinung, nur ein paar Monate zur Verfügung zu haben und wollte ebendiese nicht mit Wohnungssuche verschwenden. Denn das kann, besonders in gefragten Städten wie Tel Aviv und Jerusalem schon eine Weile in Anspruch nehmen. (Und, wer hätte es gedacht, auch hohe Mieten nach sich ziehen.)

Wohnheime sind da unkompliziert. Anmelden, hingehen, Vertrag unterschreiben, Miete bezahlen, einziehen. Und praktischer Weise lernt man auch gleich noch Leute im ähnlichen Alter kennen. Ich war in einer recht internationalen WG mit drei weiteren Austauschstudenten und einem Israeli, was eine sehr angenehme Mischung darstellte. (Eine kleine Tour gibt es in diesem Video.)

Die Schattenseiten des Ganzen sind, dass die Wohnheime zwar direkt neben der Uni, aber nicht wirklich im Stadtzentrum gelegen sind. Entsprechend muss man sich abends aufraffen, nach der Uni noch mal das Haus zu verlassen. Außerdem können Wohnheime auch recht teuer sein. In Jerusalem bezahlen Austauschstudenten beispielsweise mehr als reguläre Studenten, weil sie erfahrungsgemäß nicht so lang bleiben.

Aus diesen Gründen entschloss ich mich, in eine reguläre WG zu ziehen. Damit war ich näher am Stadtzentrum in einer ruhigen Gegend für nur wenig mehr Geld. Und ich habe die echte Wohnerfahrung mitgenommen, was städtische Abgaben etc betrifft (die sind im Wohnheim nämlich schon dabei). Und es beinhaltet leider arschige Vermieter, wobei man die wohl überall antreffen kann.

Private Apartments sind die wohl komfortabelste und auch teuerste Variante, zumal man sie manchmal auch noch einrichten muss. Ich halte es für fraglich, inwiefern sich das für wenige Monate lohnt. Aber jeder muss es für sich selbst entscheiden. Ein paar Austauschstudenten haben beispielsweise alle paar Wochen gewechselt. Die Möglichkeiten sind also schier endlos. ;)

Foto Studienaussichten

Studienaussichten

Geld – woher nehmen und nicht stehlen?

Apropos hohe Miete: Wer soll das eigentlich bezahlen?

In vielerlei Hinsicht ist Israel ein teures Land: Miete, Nebenkosten, Krankenversicherung, Studiengebühren, Alkohol, elektronische Geräte, Toilettenpapier … Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Viele Dinge sind auch günstiger, nämlich Obst und Gemüse (besonders die regional angebauten und davon gibt es jede Menge!), Nüsse und Superfoods, sowie Handytarife.

Und es gibt zwei (mehr oder minder bekannte) Geheimnisse, die ich hier verraten möchte:

  1. Wenn man aus Deutschland kommt, sind auf den ersten Blick viele Länder teurer.
  2. Nicht alles, was im Ausland teurer ist, betrifft mich.

Freilich gibt es Dinge, um die ich nicht umhin komme. Toilettenpapier zum Beispiel. Gleichzeitig lehrt mich das im sparsameren Umgang mit Ressourcen. Darüber hinaus, gibt es Dinge, die ich im Ausland nicht bezahlen muss.

In 99% der Fälle, dürfte es sich vermeiden lassen, in Israel technische Gerätschaften zu kaufen. Rechner, Fotoapparat und Handy bringe ich schon mit. Warum sollte ich mir also etwas vor Ort kaufen, insofern ich nicht äußert dringend Ersatz benötige?

Studiengebühren lassen sich umgehen, wenn man bereits an einer anderen Hochschule studiert. Dann lässt sich ohne weitere Probleme ein Vertrag zwischen den Hochschulen aushandeln, sodass Austauschstudenten den Studiengebühren erlassen werden.

Was Lebensmittel angelangt, versuche ich, mich an regionale Besonderheiten anzupassen. Ich esse ohnehin kein Fleisch. Wenn ich in Israel bin, auch kaum Milchprodukte. Dafür umso mehr Gemüse (was ja sogar im Sinne meiner Gesundheit ist). Lebensmittel kaufe ich dort nur auf dem Markt. Das kommt wiederum meiner Geldbörse zu Gute, weil es dort günstiger als im Supermarkt ist.

Nicht zu letzt möchten viele universitäre Einrichtungen ihre Studenten ermutigen, sich ins Ausland zu wagen. Entsprechend viele Förderprogramme und Stipendien gibt vom Deutschen Akademischen Auslandsdienst, im Rahmen des Deutschlandstipendiums, von Stiftungen und auch hochschulintern. Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, als müsse man Spitzennoten haben, um gefördert zu werden, kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass Engagement und Motivation sehr viel wichtiger sind.

Foto Ja, da hinten im Dunst liegt auch schon Jordanien.

Ja, da hinten im Dunst liegt auch schon Jordanien.

Sprachbarrieren

Natürlich sprechen die meisten Austauschstudenten die Sprache (oder im Falle Israels die Sprachen) des Landes noch nicht mal annähernd fließend (insofern überhaupt). Dessen sind sich Hochschulen natürlich auch bewusst und bieten deshalb sowohl Sprachkurse, als auch reguläre Unikurse für Austauschstudenten an.

Wer, wie ich, die volle Erfahrung mitnehmen möchte, riskiert eben, Dinge nicht zu verstehen. Es gibt durchaus Dozenten, die sich vehement dagegen verwehren, auf Englisch zu unterrichten. Das macht aber nichts, denn Kurskameraden können aushelfen. Außerdem wird man im Laufe der Zeit besser.

In Israel gibt es trotz Internationalität und vier Amtssprachen (Hebräisch, Arabisch, Englisch, Russisch) auch Menschen, die überhaupt kein Englisch sprechen. In jedem Fall hilft es also, Hebräisch und/oder Arabisch zu lernen. (Besonders wenn man auf dem Markt nicht über den Tisch gezogen werden möchte.)

Andernfalls gibt es aber auch noch zwischenmenschliche Kommunikation, die keiner Worte bedarf: Mit Händen und Füßen. Funktioniert auch.

Ein paar Worte zur Sicherheit

Meine Meinung dazu ist recht klar. Und darüber habe ich bereits sehr viele Worte verloren, und zwar hier.

Foto Werkstatt in Bezalel

Werkstatt in Bezalel

Wie viel Zeit sollte ich einplanen?

Planen funktioniert aller Erfahrung nach eher schlecht. Das Leben passiert gerade dann, wenn wir eben damit beschäftigt sind. Ich hatte ursprünglich nur ein Semester geplant, bin dann doch ein weiteres geblieben und immer noch zieht es mich wieder zurück nach Israel. Und gesehen habe ich bei Weitem noch nicht alles. Aber das werde ich wohl auch nie und das ist auch gut so.

Generell empfinde ich vier Monate als gute Zeit, um einen Ort kennenzulernen. Wenn man länger bleibt, wird die Erfahrung natürlich umso tiefer, dafür in Summe weniger intensiv. Denn eines Tages ist es eben nicht mehr so fremd und wird zum zu Hause. Deshalb fühle ich mich in Israel so heimisch.

Was die Vorbereitung angeht, empfiehlt sich, zumindest in Hinsicht auf ein Auslandssemester, so zeitig wie möglich anzufangen.  Andernfalls bin ich für Spontaneität. Bei einem Austausch sind aber organisatorische Instanzen zu bedenken, ohne die man letztlich nicht studiert. Und Post über Landesgrenzen hinweg kann seine Zeit in Anspruch nehmen…

In meinem Fall war die Zeit natürlich knapp. Als ich aus Israel zurückkam hatte ich plötzlich noch genau eine Woche, weil die Bewerbungsfristen im Vergleich zum Vorjahr um einen Monat vorverlegt wurden. Daraufhin habe ich meine Unterlagen einfach ohne Unterschrift des zuständigen Dozenten eingereicht – in der Annahme, dass die langsamen Mühlen der Bürokratie zunächst in Bewegung gesetzt werden möchten. Nach dem Motto: Hauptsache, die wissen erstmal, dass ich existiere.

Besagter Dozent war davon überhaupt nicht erfreut, hat mich am Ende aber trotzdem zugelassen. Und schließlich ging alles seinen Gang. Glück gehabt!

Auch für mein Motivationsschreiben für das Deutschlandstipendium hatte ich nicht genügend Zeit. Die braucht es aber, denn es ist das A und O jeder Bewerbung. Entsprechend bekam ich das Stipendium auch nicht, mir wurde aber von anderer Seite, hochschulintern, Förderung zugesprochen. Deshalb rate ich, frühzeitig mehrgleisig zu fahren und sich entsprechend zu informieren.

Foto In Szene gesetzt.

In Szene gesetzt.

Studieren in Israel – Wie ist das denn nun so?

Kommen wir zum eigentlichen Teil – dem Auslandsstudium selbst.

Natürlich gibt es kulturell bedingte Unterschiede im Vergleich zu Deutschland. Die jüdische Geschichte spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle.

Die Woche beginnt in Israel am Sonntag, entsprechend auch die Uni. An Sonntagen finden, zumindest an meiner Gasthochschule, die Theoriekurse statt, während der Rest der Woche praktischer Natur ist. Diese endet quasi mit Donnerstag. Freitag ist frei von der Uni, bevor mit Sonnenuntergang Shabbat beginnt. Damit liegt in Israel das öffentliche Leben, inklusive Personennahverkehr, für 25 Stunden ziemlich brach – zumindest von jüdisch-israelischer Seite. Die Unis sind an diesen Tagen auch komplett geschlossen.

Selbiges gilt für Feiertage, die in Israel eine sehr große Rolle spielen. Der Beginn des Wintersemesters richtet sich nach den jüdischen Feiertagen, welche im gregorianischen (dem unsrigen) Kalender wandern. Aus diesem Grund sind im Sommersemester, welches bereits Mitte Februar beginnt, zwischendurch drei Wochen Ferien. Dafür haben Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt und Co überhaupt keine Bedeutung.

Israelische Studenten zahlen Studiengebühren – bei weitem nicht so viel wie in den Vereinigten Staaten oder im Vereinigten Königreich, aber mit Beträgen zwischen 2500€ und 3000€ immer noch recht ordentlich. Hinzu kommen Sicherheitsgebühren (für die Security am Eingang zum Campus) und studienspezifische Beiträge.

In einem Land, in dem die Lebenshaltungskosten bei relativ niedrigen Durchschnittsverdiensten hoch liegen, führt es dazu, dass die meisten Studenten sich mit Nebenjobs über Wasser halten, aber im Gegensatz zu der Mehrheit der deutschen Studenten auch darauf angewiesen sind. BAFöG und dergleichen gibt es in Israel nicht, wohl aber Bildungskredite und Stipendien.

Auch von universitärer Seite ist die Auslastung recht hoch, weshalb israelische Studenten meiner Einschätzung nach weniger Freizeit als deutsche genießen. (Ja, auch nach Bologna-Reform.) Deshalb feiern sie aber nicht weniger. Israelis lieben Partys und nehmen entsprechend jeden noch so kleinen Anlass wahr. Und das tun sie sehr intensiv!

Was ich an deutschen Hochschulen und Universitäten sehr vermisse, ist Einzelbetreuung. Die wird, zumindest an der Bezalel Academy, welche ich besuchte, groß geschrieben. Und das ist unglaublich wertvoll für das eigene Schaffen.

Zwei weitere immense Unterschiede habe ich noch festgestellt, aber die hängen meines Erachtens eher mit den Schulformen zusammen.

Foto Kunst ...

Kunst …

Foto ... auf Schritt und Tritt ...

… auf Schritt und Tritt …

Foto ... und ja, auch hier.

… und ja, auch hier.

Zum einen empfand ich, dass die Studenten in Bezalel als Einzelkünstler ausgebildet werden, während bei uns in Deutschland von Anfang Wert auf Gruppenarbeit gelegt wurde. Wobei ich mir vorstellen kann, dass das ein häufiges Phänomen an Kunsthochschulen ist. (Vielleicht können die Leser dazu ja mehr berichten? ;) )

Zum anderen war der Schwerpunkt wesentlich künstlerischer. Während bei uns im ersten Jahr äußerst viel Wert auf technisches Handwerk gelegt wurde, habe ich das bei meinen Kommilitonen in Israel teilweise vermisst. Und das, obwohl sie entsprechende Kurse dafür hatten. Dafür fand ich die kreative Atmosphäre überall an der Akademie sehr angenehm.

Gleichermaßen schwebten sie von artistischer Seite in ganz anderen Sphären als ich und betrachteten Arbeiten deshalb auch komplett anders. Daran musste ich mich erst gewöhnen.

Meine Erfahrungen aus Deutschland ergänzen sich aber wunderbar dazu und bringen mich gemeinsam wesentlich weiter, als wenn ich nur eine der beiden Schulen genossen hätte.

Letztlich kann ich nicht sagen, dass eine von beiden Schulen die bessere Ausbildung bietet. Beide haben ihre Vor- und Nachteile. Und ich habe nun das Glück, dass ich mir aus beidem das beste herauspicken konnte. :)

Hingegen denke ich – ganz gleich wie, wann und wo man Ausbildung genießt – dass es nur ein einziges Kriterium gibt, wenn ich sie abschließend bewerten möchte:

Habe ich das Beste daraus gemacht?

Foto Bye-ush! (hebräischer Slang, sinngemäß 'Tschüßi!')

Bye-ush! (hebräischer Slang, sinngemäß ‚Tschüßi!‘)

So viel zu meinen Einsichten in das Auslandsstudium. Fehlt dir etwas? Hast du noch Fragen? Oder sogar bereits selbst im Ausland studiert? In jedem Fall freue ich mich über einen Austausch in den Kommentaren!

Alles Liebe,

Philipp

7 Kommentare

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  1. Hallo Philipp!

    Sehr spannender Beitrag, auch wenn ich natürlich weit weg von Studieren bin ;-)

    Aber meine Tochter, die interessiert sich brennend dafür. Daher werde ich mir Deinen Beitrag gut merken und ihr empfehlen, wenn es soweit ist

    lg
    Maria

    • Hallo Maria,

      vielen, lieben Dank!

      Dann hoffe ich mal, dass mein Beitrag dann noch relevant sein wird – oder es schon aktuellere zum Thema gibt. ;)

      Lieber Gruß,
      Philipp

      • Hallo Philipp!

        Wird nicht mehr so lange dauern, in einem Jahr ist sie mit der Ausbildung fertig und möchte dann ins Ausland.

        lg
        Maria

        PS: Irgendwas ist anders bei Deinem Blog, ich kann aus meinem Kommentarfeed nicht mehr bei Dir kommentieren. Nur noch direkt auf Deinem Blog…

        • Das ist ungewöhnlich … Ich bin mir nicht bewusst, etwas geändert zu haben.

          • Hallo Philipp!

            Das kann auch mit einem Update von WP zusammen hängen?

            lg
            Maria

            PS: war auch jetzt so …

            • Hey Maria,

              die Updates führe ich tatsächlich meist durch. Es ist mir nur schleierhaft, weil ich nach wie vor bei anderen Blogs über den Kommentarfeed kommentieren kann.

              Mal schauen, wie sich das in der Zukunft entwickelt, würde ich sagen. Und ich hoffe, es schränkt dich nicht zu sehr ein. :)

              Lieber Gruß,
              Philipp

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