Über Sand und Stein

Was genau stellst du dir unter einer Jeep Tour in der Wüste vor? Bei sengender Sonne durch die Dünen heizen? Aufgewirbelte Staubwolken, die der Jeep nach sich zieht? Sprünge von einer Düne zur nächsten, so wie es uns Hollywood gern zeigt?

Ich bin jüngst auf einer gewesen – durch die judäische Wüste. Offroad hieß es. Lies hier, wie es wirklich war.

Diese Tour klingt nach Abenteuer! Zugegeben, ich bin auch ein kleiner Adrenalin Junkie. Davon zeugen solche Aktionen wie damals mit einem Rad die Serpentinen Österreichs herunterzudüsen. Wie sich das auf mein Empfinden der Tour ausgewirkt hat, erkläre ich am Ende des Artikels.

Mit dem Morgengrauen

Alles beginnt morgens (nicht gar zu früh), als unser Tourguide Shahar (hebräisch Morgengrauen) mit seinem Jeep abholt. Der ist doch geräumiger als erwartet und bietet immerhin neun Personen Platz. Krawall macht er auch ordentlich. Ich kann zumindest von den hinteren Reihen nichts hören. Noch nicht…

Die jüdäische Wüste ist ziemlich nah an Jerusalem dran. Genaugenommen beginnt sie direkt nach den Stadtgrenzen. Oder mit anderen Worten: Es dauert keine 30 Sekunden, um den Übergang von Großstadt zur Wüste zu bewältigen. Ein Tunnel macht es möglich.

Shahar stellt uns vor die Wahl. Wir können entweder versuchen, möglichst viele Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Oder wir geben uns einer tiefer gehenden Wüstenerfahrung hin. Worauf die Wahl wohl fällt? Ich bin froh, dass sich die Gruppe einig ist.

Foto Jerusalem von Judäa aus

Bei Beduinen zu Hause

Als erstes schauen wir uns eine Beduinenfamilie näher an. Das ist für mich von besonderem Interesse, schließlich sind Beduinen doch die Nomaden schlechthin. Oder?

Sie waren es zumindest früher einmal. Mittlerweile sind alle Beduinen im Nahen Osten sesshaft geworden. Daran haben die Regierungen Schuld, die sich mehr Kontrolle über ihre Bevölkerung wünschen. So komme ich mir in Deutschland auch manchmal vor.

Zur normalen Bevölkerung gehören sie aber trotzdem noch nicht so recht. Nach wie vor leben sie abgeschieden, außerhalb der Städte. In Jerusalem trifft man dennoch ab und an welche. Sie werden morgens in der Stadt abgesetzt, um hauptsächlich Kräuter zu verkaufen. Das tun sie auch den ganzen Tag, bevor sie abends wieder eingelesen werden.

In vielen Bereichen gelten unter Beduinen für uns ungewohnte Regeln. Bei Fragen an die Frau, verweist ebendiese stillschweigend auf ihren Mann. Dieser dürfte nach Gesetz bis zu vier Ehefrauen haben. „Aber wer soll sich das leisten können?“, fragt er uns.

Geld ist ein generelles Problem. Sein einziger Sohn hat eine Gehbehinderung, aber er schlägt sich durch, so gut er kann. Shahar bringt ihm regelmäßig Medikamente mit.

Die Familie lebt von Ziegen. Aus der Milch stellen sie Joghurt her. Dafür haben sie auf ihrem Grundstück ein solarbetriebene Maschine. Sie könnten natürlich auch Käse herstellen, aber das wirft zu wenig Gewinn ab.

Die Häuser der Beduinen erinnern noch recht stark an Zelte – zumindest vom Aufbau her. Es gibt drei Typen: Die traditionellen Zelte verschwinden mehr und mehr. Stattdessen werden nun bei Typ 2 stabilere und leichtere Materialen eingesetzt – solch moderne Materialien gab es vor Jahrhunderten schlichtweg noch nicht. Typ 3 ist wie eine fixe Bebauung und verwendet unter anderem auch Wellblech.

Das Grundstück wird von einem Hund bewacht, damit weder wilde Tiere noch andere Familien unbemerkt eindringen können. „Viele Hunde haben einen Nachteil, was die Bewachung angeht: Wenn sie müde werden, klappen sie sprichwörtlich die Ohren zu. Deshalb werden den meisten Hunden die Ohrenspitzen abgeschnitten. So sind sie allzeit wachsam.“

Foto Wachhund

Wasser in der Wüste

Nach dieser traurigen Erklärung seitens unseres Tourguides und einer Tasse Tee von der Familie fahren wir weiter. Die Wüste ist doch recht unerwartet grün, denn ein paar Tage zuvor hat es geregnet. Regenzeit hat hier eine völlig andere Bedeutung, als man sich wahrscheinlich vorstellt. Denn es regnet eben trotzdem nicht täglich, sondern nur häufiger. Und aufgrund des trockenen Bodens wird aus dem Segen schnell eine Gefahr. Wenn das Wasser nicht abfließen kann, gibt es Fluten.

Wir halten schließlich bei einer Zisterne. Die sind in der Gegend überall verteilt, um flächendeckend eine Wasserversorgung zu gewährleisten. Wobei flächendeckend relativ zu sehen ist. Als Mitteleuropäer bin ich es immerhin nicht gewohnt, eine halbe Stunde oder mehr zurücklegen zu müssen, bevor ich an Wasser gelange. Das System selbst ist jedoch äußert klug konstruiert. So ist es eben nicht nur ein Wasserauffangbehälter, der durch Rinnen entlang der ganzen Region gespeist wird. Für die Weidetiere gibt es sogar einen zusätzlichen, verschließbaren Auslass. Das bewirkt zum einen, dass sie nicht direkt zur Zisterne rennen, da so verhindert wird, dass sie Wasser riechen. Und wenn sie dann getränkt werden sollen, kontaminieren sie nicht das kostbare Wasser der Beduinen. Nichtsdestotrotz ist Kontamination natürlich ein Problem. Denn durch die Rinnen können Tierkot & Co KG in das Sammelbecken gelangen. Deshalb muss das Wasser zumindest abgekocht werden, bevor man es trinkt.

Von Sundenböcken und Vergebung

Schon lang frage ich mich, wie im Judentum eigentlich Sünde vergeben wird. Während mir das im Christentum immer recht klar erscheint (Jesus und so), habe ich im Judentum den Eindruck gewonnen, dass jemandem, einmal eine Sünde begangen, der Zugang zum Paradies für immer verwehrt sei. Hartes Leben, schließlich ist doch kein Mensch perfekt.

Endlich erfahre ich die Antwort darauf: Wir fahren zum Berg Azazel. Dieser ist nicht nur der höchste Berg in der jüdäischen Wüste und bietet somit nicht nur eine wunderbare 360° Aussicht. Früher wurde hier an Yom Kippur Jahr für Jahr ein bedeutsames, jüdisches Ritual abgehalten. Yom Kippur ist der wichtigste religiöse Feiertage im Judentum und heißt grob übersetzt Tag der Versöhnung.

An besagtem Tag wurden einst zwei Tiere geopfert: Eins zur Reinigung des Jerusalemer Tempels, ein anderes zur Vergebung der Sünden des israelischen Volkes. Das Los entschied, welches Tier wofür dran glauben musste. Das Tier für Azazel wurde vor Ort über die Klippe gejagt, sodass es in Tod stürzte, nachdem ihm die gesammelten Sünden aufgebunden wurden. Ja, Religion kann grausam sein.

Daher stammt übrigens auch der Begriff Sündenbock. Als Opfertiere wurden nämlich Ziegenböcke in den Tod geschickt. Die Analogie dürfte klar sein, denn in beiden Fällen macht man jemand anderen für das eigene Fehlverhalten verantwortlich. Ein wenig ironisch finde ich es in diesem Sinne schon, dass ausgerechnet die Nazis sich jüdischen Brauchtums bedienten, um jüdische Staatsbürger in Deutschland zu diffamieren. Aber was soll man von Nazis auch schon erwarten…

Foto Mar Saba

Mar Saba

Ab und an gibt es in Wüsten Oasen, so auch hier. Der Fluss Kidron fließt aus Jerusalem kommend hier entlang und versorgt Flora und Fauna mit dem Elixier des Lebens. Entsprechend grün ist es an den Flußufern. In den Felswänden sind hier und dort Höhlen zu sehen. Vögel segeln zwischen den Klippen umher und dann, wie für die Ewigkeit in Stein gehauen, thront das Kloster Mar Saba.

Lediglich 12 orthodoxe Mönche leben hier. Frauen sind nicht zugelassen, können aber einen Turm besichtigen. Doch ganz ehrlich: Was kann schon besser sein, als die Aussicht, die wir hier genießen?

„In die Höhlen haben sich Eremiten für Monate zurückgezogen, um näher an Gott zu gelangen.“, erklärt uns Shahar. „Stundenlang haben sie jeden Tag meditiert. Und das kann eine großartig Erfahrung sein.“

Und das tun wir schließlich auch. Suchen uns ein Fleckchen abseits der anderen und horchen tief ins uns. So abgeschieden von allem, ohne Empfang und Reizüberflutung  kann Erstaunliches zu Tage kommen.

Jeder braucht ein Grab

Das wird mir besonders im Nahen Osten immer wieder deutlich. Unglaublich, was Menschen hierzulande bezahlen, um an eine geeignete Stätte für nach dem Ableben zu gelangen. Ebenso skurill finde ich, welche Bedeutung Orten beigemessen wird, an denen Person XYZ einmal gestorben sein soll. So auch an unserem letztem Halt: Nabi Musa.

Hier soll, Muslimen zu Folge, Moses begraben liegen. Andere Quellen berichten da natürlich etwas anderes. Mir ist das ehrlich gesagt ziemlich schnuppe. Weshalb ich lieber die Aussicht genieße.

Plötzlich kommt ein alter, uriger Bus an. Wir staunen bloß, ohne zu wissen, was es damit auf sich hat. Das erfahre ich schließlich ein paar Wochen später. Doch dazu ein anderes Mal mehr.

Foto Judäische Wüste

Was bedeutet Off Road?

Bereits zu Beginn deutete ich an, dass ich, was Adrenalin anbelangt, womöglich etwas extremer bin. Und ja, das mag manchmal auch dazu führen, dass ich Gefahrensituation anders einschätze, als das ein Großteil der Menschheit tun würde.

Deshalb empfand ich die Tour nicht wirklich als Off-Road. Denn wir waren nach wie vor auf Wegen unterwegs. Zwar nicht auf geteerten Straßen, aber Wegen.

Das ist aber wohl auch Abenteuer genug. Zumindest den Schreien der restlichen Besatzung unseres Jeeps nach zu urteilen. :P

Abgesehen davon liegt für mich der Schwerpunkt der Tour auch gar nicht auf Abenteuer (gleichwohl sich das bestimmt gut verkauft), sondern auf den Erlebnissen, die in der Wüste sonst nur schwer zugänglich sind. Mar Saba ist beispielsweise nur mit Allradantrieb zu erreichen, wenn man nicht gerade mit dem Rad unterwegs ist oder in der Wüste übernachtet – oder sich von palästinensischer Seite annähert und mehrere Grenzkontrollen durchquert.

Und das bringt mich noch zu einem ganz anderen Gedanken: Die judäische Wüste könnte das Fahrrad- und Wanderparadies schlechthin werden. Momentan ist das allerdings noch geführten Touren vorbehalten. Denn kaum jemand sonst kennt sich vor Ort so gut aus. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. :)

Und jetzt du: Welche Eindrücke oder Vorstellungen hast du von der Wüste? Warst sogar selbst schon mal in einer? Lass uns daran teilhaben!

Alles Liebe,

Philipp

5 Kommentare

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  1. Hallo Philipp!

    Wow – soooo spannend! Danke für die tolle Erzählung von Deiner Tour durch die Wüste. Sehr inspirierend!

    Ich habe gerade voll Fernweh, brauche dringend Urlaub!

    lg
    Maria

    PS Achja, in der Wüste war ich noch nie.

    • Hallo Maria,

      es freut mich, dass sie dir so gut gefällt!

      Eine Reise in die Wüste kann ich wärmstens empfehlen! Und ohne Auto und nach Reduzierung der Arbeitszeit, finden sich ja hoffentlich auch Zeit und Geld (vom Verkauf). ;)

      Lieber Gruß,
      Philipp

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