Wird es eine Rückkehr zur Normalität geben?

Hätte ich diese Frage Anfang letzten Jahres gestellt, wäre ich wahrscheinlich von vielen fragenden Gesichtern angeschaut worden. Schließlich war doch alles normal, wie immer. 12 Monate später hat sich ein neuer Alltag breit gemacht und ich grüble darüber, ob es überhaupt möglich sein wird, zu einem Leben, wie wir es vor COVID-19 kannten, zurückzukehren.

Was ist normal?

Den Begriff der Normalität zu definieren, fällt mir seit jeher schwer. Was ist schon normal und wer legt das fest? Der Durchschnitt? Etwas, das von einem Institut als Industriestandard vorgegeben wird? Das, was die Mehrheit der Bevölkerung tut, denkt und glaubt?

Bis zum Jahr 2019 jagten mir asiatische Reisende, die in der Öffentlichkeit stets Maske trugen, einen leichten Schauer über den Rücken. Schützen sie damit andere oder sich selbst? Falls Ersteres: Warum laufen sie überhaupt draußen rum? Falls Letzteres: Wovor haben sie Angst, von dem ich nicht weiß, dass es überhaupt existiert? 2020 war das (zumindest für mich) überhaupt kein Thema mehr und empfinde ebendiese asiatischen Reisenden als verantwortungsbewusste Vorbilder und -denkende. Unser aller Alltag hat sich gewaltig verändert. Für meine Generation handelt es sich um das erste gravierende Ereignis mit gesellschaftlich relevanten Folgen.

Sehnsucht nach Vergangenheit?

Rückblickend gewinne ich den Eindruck, dass wir all die Jahrzehnte so fahrlässig gehandelt haben. Niemand sorgte sich um Hygienestandards. Scheinbar wuschen sich auch viele Menschen nicht regelmäßig die Hände. Ob der aktuellen Umstände bin ich umso erschrockener darüber, wie unbedacht auch heute noch viele Menschen handeln – sei es bei Diskussionen um Masken oder hygienischen Grundlagen. Bei jeder Freizeitaktivität frage ich mich, ob ich nicht gerade selbst zu gedankenlos, zu egoistisch, zu unvorsichtig handle.

Mir fehlt die Freizügigkeit beim Reisen von präcoronalen Zeiten. Ich vermisse die schier unbegrenzten Möglichkeiten. Doch andererseits bin ich froh über die neue Achtsamkeit und das aktuelle Bewusstsein innerhalb der Gesellschaft. Nicht zuletzt bin ich dankbar, denn, ja ich habe Einschnitte erfahren müssen, aber mir geht es gut. Ich leide nicht an existenziellen Ängsten und darin liegt bereits ein hohes Gut, das mich privilegiert.

Aus heutiger Sicht finde es schwer vorstellbar, dass wir jemals wieder ohne Masken einkaufen oder ohne gesundheitliches Attest reisen können werden. Das, was wir als Normalität betrachteten, war die goldene Ära der letzten zwei Jahrzehnte. Doch wie in allen anderen “glorreichen” Zeitaltern zuvor haben wir es übertrieben und bekommen jetzt erstmals wieder Grenzen aufgezeigt. Dieses Drops mag nicht leicht zu schlucken sein, doch wie jede andere Generation vor uns, ist es jetzt für uns an der Zeit, unsere eigenen Hürden zu überwinden.

Ein Blick in die Zukunft

Diese Pandemie wird uns sicherlich noch eine Weile begleiten. Auch wenn ein Großteil der Menschen auf der Welt geimpft würde, wird deshalb COVID-19 nicht verschwinden. Vielleicht wird es stattdessen eine weitere Krankheit wie die Grippe: Sie kann tödlich sein, für die Mehrheit der Bevölkerung wird sie das aufgrund der Immunisierung aber nicht mehr sein. Jedes Jahr wird es dann im Herbst ein Update der Impfung geben, um auch auf neue Mutationen des Virus zu reagieren: Wie wir in den letzten Wochen lernen durften, ist es recht mutationsfreudig.

Außerdem sehe ich diese Pandemie als nur eine Herausforderung von vielen, die uns aber umso deutlicher zeigt, wo unsere Schwachstellen liegen. Gerechte Verteilung, Klimaungerechtigkeit und -wandel sind nur einige davon und werden uns meines Erachtens noch viel mehr abverlangen, als auf Partys zu verzichten und unser Gesicht zu bedecken. Die Frage ist, welchen wir uns als nächstes annehmen und unsere Aufmerksamkeit schenken. Es mag erschreckend sein, doch all die Einschnitte durch Corona, haben nicht ausgereicht, die Klima- und Ressourcenbilanz der Menschheit auf +/- 0 zu bringen. Der Earth Overshoot Day wanderte zwar im Vergleich zu 2019 (das erste Mal seit 1970!) um mehrere Wochen gen Ende des Jahres, allerdings verbrauchen wir damit immer noch zu viele Rohstoffe. Wir leben weiterhin weit über unseren Verhältnissen.

Vorwärts immer, rückwärts nimmer

Eine Rückkehr zur Normalität wird es also meines Erachtens nicht geben. Stattdessen wird sich eine neue Realität entwickeln, welche zu Beginn ein wenig Eingewöhnung benötigen, schließlich aber in Fleisch und Blut übergehen wird.

Dass es die alte Normalität so nicht mehr geben kann, sieht man auch in anderen Bereichen, beispielsweise Technik: Einst war es völlig normal, mit Federkiel und Tinte auf Papier zu schreiben und Briefe zu verschicken. Später entwickelten sich andere Schreibgeräte, etwa Füllfederhalter und Schreibmaschinen , doch Briefe wurden weiterhin auf Papier verschickt. Die Institution der Post war nötig, um jede noch so kleine schriftliche Botschaft zu übermitteln. Sogar heute erhalte ich insbesondere von Firmen noch viele Nachrichten gedruckt auf Papier statt komplett digital, obwohl es möglich wäre. Für den Versand brauchen wir nicht mehr in die Postfiliale gehen, das lässt sich von überall auf der Welt mit einem Gerät in unserer Hand erledigen. Auch wenn es nach wie vor Menschen gibt, die postalische Angebote nutzen, wird es keine Rückkehr mehr zum ursprünglichen Volumen der Post geben. wer benutzt heutzutage schon noch eine Schreibmaschine? Eine verschwindend geringe Minderheit.

Im Falle von Infektionskrankheiten und im Umgang mit diesem wird sich unsere wahrscheinlich ebenfalls in der Mitte einpendeln: Manche Maßnahmen werden als wirkungslos oder irrelevant bewertet und schließlich abgeschafft werden. Andere werden uns für viele weitere Generationen begleiten. Wie jedoch unsere Normalität in Zukunft konkret aussehen wird, vermag uns nur ebendiese zu zeigen.

In welchen Aspekten wünschst du dir die alte Normalität zurück? Welche der neuen hast du bereits akzeptiert oder möchtest sogar, dass sie erhalten bleiben? Schreib deine Meinung gern in die Kommentare. Ich freue mich auf eine angeregte Diskussion!

Alles Liebe
Philipp

3 Comments

Antworten

  1. Hallo Philipp,

    und gleich noch ein tiefgründiger Beitrag hinterher.
    Was ist schon Normalität? Ich glaube, wir sind bereits in einer “neuen Normalität” und auch diese wird sich wieder weiter entwickeln und verändern. Der Wechsel war dieses Mal bedingt durch die Pandemie einfach viel presenter und gravierender als sonst, eben nicht so schleppend.
    Ich habe mich inzwischen mit den neuen Vorgaben / Regeln / Gepflogenheit ganz gut arrangiert. Die Maske stört mich tatsächlich und auf die würde ich liebend gern wieder verzichten, auch wenn ich sie gewissenhaft trage… Ansonsten wäre ich glücklich, wenn es wieder eine gewisse Kontinuität gäbe, was z.B. Einreisebestimmungen angeht. Und nicht die Ungewissheit, ob sich ggf. auch noch während der Reise für mich etwas ändert, wenn ich wiedr nach Hause komme. Es wäre ok für mich, wenn ich bei Rückkehr in Quarantäne muss, einen Test machen muss, was auch immer. Nur diese Ungewissheit finde ich schwierig.
    Ebenso was die Kontakte angeht, etc. Man kann einfach absolut gar nichts mehr planen, sei es ein Familienfest, eine einfache Verabredung mit einem liebgewonnen Menschen, eine Theatervorstellung, oder anderes. Eine Gewissheit hat man aktuell leider nur für den Folgetag….
    Aber ich möchte mich hier keinesfalls beschweren. Das ist meckern auf hohen Niveau. Ich denke trotz allem, dass es uns in Deutschland insgesamt noch gut geht. Ja, es gibt Einschränkungen, aber wir dürfen uns noch relativ frei bewegen. Wir können noch Freunde treffen. Andere Länder sind da viel strikter…
    Lieben Gruß
    Nicole

    • Hallo Nicole,

      ich stimme dir zu: Im Grunde ändert sich unsere Normalität fortlaufend, wir bemerken es dieses Mal nur recht deutlich und schlagartig, wohingegen für schleichende Veränderungen wie beispielsweise durch den Einzug des Internets in Haushalte, Jahre bis Jahrzehnte vergehen. Entsprechend denken wir darüber eher mit größerem zeitlich Abstand im Rückblick nach.

      Neulich sah ich ein Video, bei dem ein wegen Mordes Verurteilter befragt wurde. Die meiner Meinung nach interessanteste Frage war die nach den größten Veränderungen beim Wiedereinfinden in die öffentliche Zivilgesellschaft. Die interviewte Person gab an, dass das soziale Leben im Gefängnis wesentlich engmaschiger war. Zurück in der Freiheit nach über 15 Jahren Haft verpasste sie die Entwicklung von Smartphones völlig und war schockiert, wie isoliert Menschen inzwischen im Alltag sogar im öffentlichen Raum agieren, weil sie permanent nur noch auf den Bildschirm schauen. Im Vergleich zu dieser “kalten” Beschreibung wurde das Zusammenleben im Gefängnis regelrecht als herzlich beschrieben.

      Lieber Gruß
      Philipp

    • PS: Den Begriff Kontinuität finde ich in diesem Zusammenhang äußerst geschickt und treffend gewählt!

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