Der Sockenkomplott

Welchen passenderen Tag als den sogenannten Heilig Abend könnte es geben, um eine Verschwörungs-Geschichte über Socken zum Besten zu geben, wo sie doch heute mit allerlei Gaben gefüllt werden, um die Gemüter zu erheitern? Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte, die tatsächlich so passiert ist. Wirklich, wirklich!

Es war einmal ein Nomade namens Philipp. Philipp liebte Socken! Zumindest frisch duftende. Allerdings war er, was Socken anbelangt, sehr wählerisch. Als Vielreisender hatte er in seinen sieben Sachen keinen Platz für 20 Paar Socken. Deshalb begab er sich auf die Suche nach der sagenumwobenen Zaubersocke. Eine Aufgabe, die ihn sein Leben lang beschäftigen sollte.

Nach einer jahrelangen, ausgiebigen, aber erfolglosen Reihe von Expeditionen, wollte er die Hoffnung schon aufgeben, als er schließlich  auf einen Stumpfwarenimperium stieß, das sich die wundersamen Fasern des Merinowollschafs zu Nutzen machen wusste. Eine Faser, so die Legende, die nicht stinken konnte, schnell trocknet, im Winter wärmt, im Sommer kühlt und dabei nicht einmal kratzt. Von einer Händlerin erhielt er ein Angebot, gleich drei Paare dieser mächtigen Fußbekleidung zum stolzen Preis von je 16 Talern zu erwerben. Pure Merino Wool prangte in silbernen Prägelettern auf den schwarzen Schildern. Eine fremde Sprache, die Philipp aber als reine Merinowolle zu übersetzen wusste. So rein, dass nicht ein Funken dreckigen Plastiks in ihnen sein sollte. Misstrauisch inspizierte er die Socken und das Schild von allen Seiten mit seinen Adleraugen und konnte keinen Hinweis auf Plastik entdecken.

Da konnte Philipp nicht widerstehen und willigte in das Geschäft ein. Sofort schlug sein Herz höher, als er die wohlig weichen Socken anlegte. Endlich war Schluss mit nach Harzer Käse riechenden Füßen, die selbst den stärksten Bergtroll außer Gefecht setzen konnten. Nie wieder sollte er vom Schweiß durchweichte Haut oder gar Blasen an den Füßen tragen.

Leider hielt sein Glück nicht lang an. Schon nach kurzer Zeit bemerkte er, wie schwarz seine Füße bei jedem Ausziehen von den Unmengen schwarzer Flusen waren, die er im Anschluss im Raum verteilte. Nach einem Monat rissen die Socken plötzlich an seinen Fersen auf, sodass er sie nicht mehr reparieren konnte. Daraufhin stellte er die Händlerin zur Rede, doch diese wies nur darauf hin, dass reine Merinowolle eben pfleglich zu behandeln sein. Philipp lenkte ein, schließlich wollte er Socken so rein wie sein Gewissen. Und noch hatte er ja zwei Paare. Doch Philipp lief viel, wenn der Tag lang war. Einen Monat später riss das zweite Paar Socken auf.

Mit nur noch einem Paar verbleibend, suchte er also erneut die Händlerin auf, um neue reine Merinowollsocken zu erwerben. Die Händlerin war willig, ihm ebensolche zu geben. Wieder prangte Pure Merino Wool in silbernen Presslettern auf schwarzem Grund. Auf der Rückseite war dieses Mal jedoch in kleinen Buchstaben das Wort Kunstfaseranteil gedruckt.

Wie war das möglich? Sollte er sich beim ersten Kauf geirrt haben? Wohl kaum! Er war doch so erpicht auf reine, sprich 100%, Merionwolle.  Das machte ihn gleichermaßen irritiert, verzweifelt und wütend. Panisch suchte er alle Waren nach ihren Inhaltsstoffen ab. Er fand kein einziges Modell ohne Polyester, Nylon oder Elasthan.

Hexenwerk!, schoss es dem Nomaden durch Kopf. Weshalb sollte jemand das einzige erlesene Modell, das so rein sein soll, durch billiges Plastik derart verschandeln? Warum gibt es keine Alternative? Und wie können sie es sich erlauben, noch immer “rein” daraufzuschreiben? Auf all diese Fragen hatte auch die Strumpfwarenhändlerin keine Antwort. Rasend vor Wut fragte er also den Fußbekleidungsfabrikateur selbst. Neusten telekommunikativen Werkzeugen sei Dank ging das flott und er erhielt binnen kürzester Zeit Nachricht, ohne erst zur Fabrik reisen zu müssen. Die Botschaft besagte:

Sehr geehrter Reisender,

vielen Dank für Ihre Nachricht und Ihr Interesse an unseren Produkten.

Da wir heute bereits telefoniert haben hier die schriftliche Stellungnahme zur Ihrer Frage bezüglich der Pure Merino Wool* Strümpfe.

Die deutsche Gesetzgebung hat sich der europäischen Textilkennzeichnungs-Verordnung (TKVO) angeschlossen. Betroffen von der Anpassung sind die sog. partiellen Verstärkungszonen (z.B. an der Ferse oder Spitze), welche nun in der TKZ ausgewiesen werden müssen.

Sie dienen der besseren Haltbarkeit von besonders beanspruchten Belastungszonen am Fuß und sind und sind in der MARKE DES VERTRAUENS-Gruppe* seit jeher ein Qualitätsmerkmal unserer Legwear-Produkte.

Bei den betroffenen Artikeln hat dies Auswirkungen auf die Textilkennzeichnung, die Produkte und ihre Trageeigenschaften bleiben jedoch unverändert.

Gerne stehen wir Ihnen bei weiteren Fragen zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr MARKE DES VERTRAUENS* Online-Team
i.A. Susi Strumpf*

*Name geändert

Da blieb ihm die Spucke weg. Besagte Marke des Vertrauens hat also nicht etwa stillschweigend die Rezeptur ihrer Strumpfwaren verändert, sondern jahrzehntelang ihrer Kundschaft ins Gesicht gelogen. Erst hoheitliche Verordnungen und eine Nachfrage seinerseits waren von Nöten, um als angebliche Tugend verpackt zuzugestehen, was für ein Schindluder mit den wahren Financiers ihres Geschäfts, nämlich denjenigen, die die Produkte falsch informiert kaufen und bezahlen, getrieben wird.

Philipps Vertrauen in Socken war gebrochen. Er fühlte sich an seine Kindheit zurückerinnert, an damals, als er erfuhr, dass es den Weihnachtsmann gar nicht geben sollte, obwohl zuvor jahrelang beteuert wurde, es gäbe diesen Mythos “wirklich, wirklich”! Der Nomade stürzte in eine tiefe Krise. Wie sollte er denn je wieder an irgendetwas Gutes in der Welt glauben können?

Ehrlichkeit, dachte er, das wäre ein wirkliches Qualitätsmerkmal. Außerdem war es fürchterlich kalt und er brachte es nicht über das Herz, barfüßig durch die verschneiten deutschen Landen zu wandern. Also riss er sich und klaubte sein letztes Fünkchen Hoffnung zusammen und begab sich auf erneut auf die Reise, um seine Botschaft in die Welt zu tragen und womöglich doch noch eines Tages die wahre Zaubersocke, dann tatsächlich rein von allem Plastik, zu finden. Und wenn er noch nicht gestorben ist, so wandert er noch heute.

Ende.

Ich wünsche euch und euren Liebsten frohe Feiertage, welches Fest auch immer ihr zusammen feiert und freue mich, im neuen Jahr wieder gemeinsam mit euch auf die Reise zu gehen, sei es auf der Suche nach neuen Ideen, Perspektiven, Rezepten oder Socken.

Alles Liebe,
Philipp

6 Kommentare

Antworten →

  1. Wunderbar geschrieben! Das Thema ist natürlich trotzdem ärgerlich
    :+1:

    • Hallo Gabi,

      vielen Dank für das Lob! Es ist ärgerlich, aber ich ziehe daraus meine Lehre: Es gilt, alles zu hinterfragen.

      Lieber Gruß,
      Philipp

  2. Hallo Philipp!

    Dein Beitrag ist wieder einmal grandios! Und natürlich konnte ich nicht umhin noch einmal zu schauen, ob es nicht doch Socken aus 100% Wolle gibt.

    In Österreich gibt es die Wollwerkstatt mit einem Onlineshop. Da gibt es z.B. für die hohe Belastung auch Socken aus gewalkter Wolle. Die wird verkauft als Wandersocke, sollte also auch nomadentauglich sein denke ich?

    Allerdings müssen Socken wie diese ausschließlich mit der Hand gewaschen werden. Pflegehinweise werden auch auf der Seite gegeben.

    Vielleicht sind die was für Dich?

    lg
    Maria

    • Hallo Maria,

      vielen Dank für den Tipp! Ich liebe gewalkte Wolle besonders, weil sie noch mal robuster als Strickwaren sind.

      Gerade probiere ich einen anderen Hersteller aus, habe sie aber noch nicht kontaktiert, um nachzufragen. Ich verwende Wollsocken nämlich nicht nur beim Wandern, sondern auch im Alltag und da sind auch dünnere Exemplare nicht verkehrt. :)

      Lieber Gruß,
      Philipp

      • Hallo Philipp!

        Das stimmt natürlich, aber ich dachte nur, weil sie so schnell an der Ferse kaputt gingen, dass gewalkte dann besser halten :-)

        lg
        Maria

        • Das tun sie tatsächlich! Ich nutze meine etwas stärkeren Wollsocken nicht nur in Wanderschuhen, sondern auch im Winter. Die haben an besonders beanspruchten Stellen auch gewalkte Wolle. Wir sollten uns öfter an die alten Gewerke erinnern und sie erhalten. Da stecken schon so viele Erfahrungen und Wissen drin!

          Lieber Gruß,
          Philipp

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