Die Arbeit, die hinkt

Es scheint, als würden wir alle von Arbeit erschlagen. Dabei sollte doch eigentlich das Gegenteil der Fall sein, oder?

Seit einer gefühlten Ewigkeit entwickeln wir Menschen Werkzeuge und Maschinen, um uns Arbeit zu vereinfachen oder gar abzunehmen. Stattdessen taucht aber zunehmend das Schreckenswort Burnout auf und man wird gewarnt, bloß nicht zu viel zu arbeiten. Woran scheitert es also?

„Der Mensch braucht Arbeit“

Das ist wohl das am häufigsten verwendete Argument, wenn es darum geht, wie wir die Zukunft unserer Arbeitswelt verändern könnten. Und ich möchte es nicht mal abstreiten. Mich stört nur, wie wir von Arbeit denken.

Wie viele Menschen identifizieren sich großteils über ihren Arbeitsplatz? Kaum ein Kennenlernen vergeht, ohne das gefragt wird, was man denn eigentlich tue, denn Arbeit spiegelt auch unseren sozialen Status wieder. Reinigungskraft beispielsweise, klingt sehr unattraktiv, ist mit einem niedrigen sozialen Rang versehen.

Ich finde die Bezeichnung ehrlich gesagt auch überhaupt nicht ausreichend für das, was diese Menschen leisten: Sie sorgen täglich dafür, dass wir uns auf öffentlichen Toiletten wohler fühlen. Und manche perfektionieren das hin zu angebotenen Baumwollhandtüchern und Parfums. Das sollten wir wertschätzen.

Die Arbeit, die wir verrichten, signalisiert eine Menge über uns – ob wir wollen oder nicht. Was passiert jedoch, wenn unser Job wegbricht, wo wir uns doch derart stark über unseren Job identifizieren?

Andererseits kann, wenn von Arbeit die Rede ist, eine negative Assoziation direkt um die Ecke kommen. Der Grund dafür steht in direktem Zusammenhang damit, wie wir Arbeit definieren: Als Erwerbstätigkeit zum Lebensunterhalt.

Das bringt mit sich, dass sie als notwendiges Übel wahrgenommen wird, Menschen sich jeden Tag erneut dazu aufraffen, obwohl sie doch eigentlich viel lieber anderen Beschäftigungen nachgehen würden. Da zwängt sich doch förmlich die Frage auf, wieso Menschen überhaupt noch gezwungen werden müssen, 40 Stunden pro Woche einer Tätigkeit nachzugehen, die ihnen überhaupt nicht liegt, wo wir doch so viele tolle Erfindungen haben, die unsere Arbeit schneller und effizienter machen sollen.

Ineffiziente Arbeitsverteilung

Natürlich ist der politische Traum von Vollbeschäftigung großartig – all die Arbeit in unserer Gesellschaft würde gerecht verteilt. Doch wer sagt, dass es 40 Stunden in der Woche sein müssen? Wenn man bestimmten Quellen Glauben schenken darf, haben Menschen in der Steinzeit durchschnittlich nur 20 wöchentliche Arbeitsstunden gehabt, um ihr Leben auf die Reihe zu bekommen.

Nun genießen wir eine Menge Annehmlichkeiten, die Menschen in der Steinzeit nicht zur Verfügung standen. Doch sollten uns nicht gerade diese Annehmlichkeiten auch befreien anstatt uns weiter zu knechten?

Stell dir mal vor, alle würden tun, was sie möchten – welche Möglichkeiten das schaffen würde! Plötzlich könnten alle, die sonst ihren Hintern plattsitzen und „schlechte Arbeit leisten“ (unmotiviert sind befriedigende Ergebnisse wahrlich schwierig zu erzielen!), ihre Talente entfalten und mit diesen tatsächlich einen Beitrag für eine bessere Gesellschaft leisten.

Wenn wir etwas mit Begeisterung tun, werden die Ergebnisse besser sein, als wenn keine Lust auf eine Aufgabe haben. Ist es da nicht naheliegend, dass man Menschen sich selbst bei ihrer Arbeitswahl überlässt?

Stattdessen verkaufen wir unsere Lebenszeit, um etwas Geld zu erhalten. Wenn mal etwas länger dauert, machen wir eben Überstunden. Haben wir Aufgaben hingegen schneller erledigt, sollen wir brav sitzenbleiben und abwarten, bis die achte Stunde geschlagen hat. Welch eine Verschwendung von Lebenszeit und Ressourcen! Wirtschaftlichkeit sieht in meinen Augen anders aus.

Und wo wir schon beim Thema sind: Warum produzieren wir eigentlich mehr, als nachgefragt wird? Weil wir Gewinnmaximierung anstreben. Und das führt uns direkt zur nächsten korrupten Größe in diesem System.

Die Notwendigkeit von Geld

„Aber wenn wir weniger arbeiten, bekommen wir auch weniger Geld.“, höre ich dann oft und frage mich, was in dieser Welt eigentlich verkehrt gelaufen ist.

Wenn wir unsere Gesellschaft einmal abseits jeglicher persönlicher Interessen betrachten, dürften folgende Ziele, so erscheint es zumindest mir, ganz klar im Vordergrund stehen:

  • eine gesicherte, nachhaltige Grundversorgung für alle
  • ein freies Gesundheits- und Bildungssystem für alle
  • maximale Freiheit für alle
  • Gleichbehandlung für alle
  • Streben nach einer Weiterentwicklung als Gesellschaft

Schauen wir uns das einmal am Beispiel Deutschland an:

In Deutschland kann man viele Lebensmittel und andere Produkte günstig erwerben, was für eine Grundversorgung spricht. Allerdings werden die preislich günstigen Produkte unter ausbeuterischen Bedingungen und nicht umweltbewusst hergestellt, sind deshalb also nicht nachhaltig, was auch bedeutet, dass sie auf Dauer nicht realisierbar und damit auch nicht gesichert ist.

In Deutschland gibt es gesetzliche Krankenversicherungen und Schulpflicht. Unter dem Aspekt, dass solche Leistungen einst wohlhabenden Privilegierten vorbehalten waren, ist das eine feine Sache. Nur wirklich frei sind beide nicht. Für die Krankenversicherung gibt es sowohl Pflichtbeiträge, als auch Eigenbeteiligungen, welche steigen können. Leistungen sind an Bedingungen geknüpft. Die sechzehn Schulsysteme in Deutschland werden zwar beständig reformiert, aber wirklich verbessert werden sie nicht, denn der Kern bleibt derselbe: Schüler werden nicht auf das Leben vorbereitet, sondern auf die aktuelle, berufliche Situation. Nun bleibt es fraglich, wie viel das für die Zukunft nützt. Darüber hinaus frage ich mich aber auch, wieso die für das Leben relevanten Dinge nicht gelehrt werden. Das könnten beispielsweise gesunde Ernährung, Nachhaltigkeit, Interkulturalität, konstruktive Kritik am Status Quo und Zukunftsforschung sein – oder praxisnahe Anwendungen wie das Ausfüllen einer Steuererklärung.

Seit der Industrialisierung werden Kinder an die Schulbank geknechtet, konformiert und konditioniert. Wie für Arbeit gilt auch auch im Bildungsbereich: Freiheit heißt Wahl- und Zwangsfreiheit. Wenn der Bildungsplan jedoch nicht selbstbestimmt zusammengestellt werden kann und bei der Arbeitswahl mit Entzug der Lebensgrundlage gedroht wird, ist weder das eine, noch das andere der Fall.

Von Gleichbehandlung kann ebenfalls keine Rede sein. Je älter wir werden, desto stärker werden wir an den Rand der Gesellschaft gedrängt, dabei sollten wir doch eigentlich stärker integriert werden, je mehr Erfahrung wir haben. Minderjährige hingegen werden, und da können sie noch so gute, innovative Ideen haben, nicht in gesellschaftliche Prozesse eingebunden. Generell sind junge Menschen stark unterrepräsentiert. Wenn Entscheidungen getroffen werden, sollten jedoch Angehörige jeder Altersklasse eingebunden werden. Eltern leisten einen unglaublich großen Beitrag zu unserer Gesellschaft – Kinder großzuziehen ist viel Arbeit. Entsprechend gewürdigt wird dies allerdings ebenso wenig wie Jobs in den Bereichen Soziales, Kunst und Ehrenamt.

Wenn wir uns als Gesellschaft weiterentwickeln wollen, ist es unerlässlich, den Status Quo fortlaufend anzuzweifeln und auch bereit zu sein, ihn zu ändern. Geld ist dabei ein nicht unwesentliches Hindernis. Während es einst als universelles Tauschmittel konzipiert war, ist es heute vor allem eins: Indikator von Machtverhältnissen und infolge dessen Missbrauchsopfer von Individuen, die persönliche Vorteile anstreben.

Gesellschaftsdenken

Möchten wir also wirklich als Gesellschaft vorankommen, sollten wir Geld einmal links liegen lassen. Das funktioniert im inernationalen Wettbewerb freilich nicht. Als Weltgemeinschaft sind wir jedoch eins und sitzen alle im selben Boot.

Lasst uns deshalb groß denken, den Status Quo verwerfen und unsere Welt-Gesellschaft von Grund auf neu entwerfen!

Alles Liebe,

Philipp

5 Kommentare

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  1. Der „Traum“ der Vollbeschäftigung wird für eine 40-Stunden Woche sicher nicht zu haben sein. 20, 30 Stunden wären da wahrscheinlich schon eher drin. Ob das zu einem vollen Lohnausgleich möglich ist, wie es die Gewerkschaften gerne sehen würden, wage ich allerdings zu bezweifeln. Da passt unser derzeitiges Wirtschaftssystem einfach nicht dazu.

    Generell ungleich ist ja anscheinend auch die Verteilung der Arbeit: während die einen zu viel arbeiten und vor Überstunden schnaufen, können andere gar nichts machen, weil sie an keine Jobs rankommen und sind deshalb zur „Untätigkeit“ verdammt.

    Den Artikel mit den Steinzeitmenschen fand ich großartig. Da hat man doch tatsächlich einmal mehr den Wunsch diesem ganzen Wild-West-Wahnsinn zu entfliehen…

    Liebe Grüße, Daniela

    • Hallo Daniela,

      das hast du sehr gut erkannt! Nur eine Kürzung der Wochenstunden tut es nicht, wir brauchen vielmehr eine komplette Umstrukturierung unserer Gesellschaft. Das vergessen viele, wenn beispielsweise vom Bedingungslosen Grundeinkommen die Rede ist. Dabei beinhaltet das Konzept viel mehr Umbrüche als nur die Idee, „jedem Menschen monatlich Geld zu schenken“. Das geht allerdings auch die Problematik des vollen Lohnausgleiches an, wie du es formulierst.

      Und bei näherer Betrachtung benötigen wir diese Reformation gar nicht mal nur in Deutschland, sondern weltweit. Sonst legt man dem Handel, der beispielsweise ja auch über Waren- und Dienstleistungs- anstelle von Geldtransfer stattfinden könnte (à la tausche 1t Bananen gegen ein Laptop), nur unnötig Steine in den Weg.

      Lieber Gruß,
      Philipp

      • Hallo Philipp!
        Da könnten sich ein paar schlaue Köpfe in der Wirtschaft ja mal zusammensetzen und ein paar Berechnungen anstellen, wie das funktionieren könnte.
        Dass es dazu auch eine weltweite Reform braucht, denke ich auch. Wenn das allerdings so lange dauert, wie die Verhandlungen bei den Klimagipfeln, kommt vorher wahrscheinlich der vielbeschworene Crash.
        Ich hoffe einfach mal, dass Tauschbörsen, Second Hand Plattformen und alternative Währungen oder Zahlungsmöglichkeiten (z.B.: wie du schreibst 1 t Bananen gegen einen Laptop), weiter an Gewicht und Einfluss gewinnen und irgendwann vielleicht so weit entwickelt sind, dass sie ein realistisches Alternativmodell für die breite Masse darstellen.

        LG, Daniela

  2. Ein super Beitrag ist das!
    Bringt alles auf dem Punkt.

    Ich halte es für völlig überflüssig, in eine 40 Stunden Woche zu arbeiten und bereite gerade selbst eine Reduzierung vor (erstmal werde ich 34 ausprobieren, dann mal sehen). Wenn wir weniger Arbeitszeit hätten, also z.B. nur eine 30 Stunden Woche oder sogar nur 20, muss man entsprechend prioritisieren. Das könnte bedeuten: Die Arbeit wird effizienter.
    Könnte auch bedeuten: Die Arbeit ist von einem nicht zu schaffen, also gewinnt ein zweiter Mensch einen Arbeitsplatz.

    Alles machbar. Alles auch schon erforscht. Muss anscheinend nur wieder „von unten“ angegangen werden, also von uns.

    • Hallo Cloudy,

      vielen Dank für dein Lob! :)

      Ich versuche momentan auch eine 20h Woche zu realisieren und richte meinen Fokus lieber wenige Stunden punktuell auf eine Aufgabe, anstatt ihn über viele Stunden verstreut breit zu fächern. Das zeigt auch schon erste Wirkung. :) Ich finde es super, dass ich damit nicht allein bin!

      Ich mag solche neuen Konzepte mal in einem Symposium in kleinem Kreis ausprobieren und anschließend diskutieren, auswerten und verbessern. Beim Reden allein kann es schließlich nicht bleiben. Bleibt bloß die Frage, wer da mitmacht…

      Lieber Gruß,
      Philipp

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