Eine Ode an die Handschrift

Alle paar Jahre ändere ich meine Handschrift ein wenig, denn auch wenn der Großteil dessen, was wir heutzutage schreiben, nur noch getippt wird, hat Handschriftliches einige Vorzüge, die ich nicht missen möchte. Da ich ja für mein Leben gern optimiere, hier also die fünf Gründe, weshalb ich nach wie vor viel mit der Hand schreibe.

Insbesondere als minimalistisch und nomadisch lebender Mensch profitiere ich natürlich von den Vorzügen von digitaler Dateien und Dokumenten gegenüber Papier. Man stelle sich einmal all die Nachrichten, die wir täglich empfangen und verschickten auf Papier gedruckt vor: Das wäre Wahnsinn! (Und tatsächlich stellt sich mir hier die Frage, ob es das nicht auch digital ist und es womöglich vorteilhaft für uns alle wäre, unsere Kommunikation stärker auf das Wesentliche zu begrenzen.) Allen digitalen Annehmlichkeiten zum Trotz besitze ich einen analogen Journal und arbeite in bestimmten Bereich nach wie vor bewusst auf Papier, weil es neben Ballast vor allem auch erhebliche Vorteile mit sich bringt.

Zu Beginn möchte ich noch anmerken, dass ich öfter als “Schmierfink”, meine Handschrift als “unleserlich”, gelegentlich auch als “Sauklaue” oder (womöglich anerkennend) als Doktorschrift bezeichnet werden. Ich erwidere daraufhin gern, dass das Geschriebene nur für mich sei und deshalb überhaupt nicht von anderen gelesen können werden soll. Allerdings kann ich meine eigene Schrift zugegebenermaßen in wenigen Ausnahmefällen selbst nicht mehr dekodieren.

Allerdings ist eine Handschrift weder angeboren, noch in Stein gemeißelt (zumindest nicht mehr ;)). Insbesonders schauspielerisch arbeitende Menschen können ein Lied davon singen, dass sich durchaus mehrere Handschriften erlernen lassen. Mein Partner lernt gerade neu schreiben, da Hebräisch ein eigenes Alphabet verwendet und er auch in Englisch bis dato kaum handschriftlich tätig war. Und siehe da: Seine deutsche Handschrift ist eine der schönsten, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Also dachte ich mir, dass es mal wieder an der Zeit wäre, meine eigene zu überarbeiten. Auch wenn sie nun etwas weniger minimalistisch wurde, bin ich doch recht verzückt davon. Denn eine gute Handschrift sieht nicht nur hübsch aus.

Handschrift hilft dem Gedächtnis

Das kennt man womöglich noch aus der Schule: Was man selbst handschriftlich zu Papier bringt, prägt sich besser ein. Schreiben mit Tastatur oder einem Touchscreen mag zwar schneller gehen, hat aber nicht denselben Lerneffekt, wenn es darum geht, Zusammenhänge zu verstehen. Dieses Video veranschaulicht recht gut, woran das liegt.

Im Prinzip handelt es sich beim Schreiben mit Hand um solch einen komplexen Prozess, dass mehr Gehirnregionen aktiviert werden als beim bloßen Tippen. Außerdem setzen uns beim Schreiben bereits im Kopf mit dem Inhalt auseinander, bereiten die Informationen so auf, dass wir sie kompakter und effizienter niederbringen können. In der Folge entstehen im Gehirn mehr Verknüpfungen. Je häufiger eine Information im Gehirn verknüpft ist, desto leichter können wir sie abrufen. Deshalb braucht es beispielsweise Einkaufslisten und Spickzettel nach der handschriftlichen Erstellung gar nicht mehr, denn die Information wurde bereits verfestigt.

Handschrift regt die Kreativität an

Hast du mal wieder eine Schreib- oder anderweitige kreative Blockade? Dann schreib einfach mal runter, was dir in den Kopf kommt, ohne dabei auf Grammatik, Rechtschreibung oder gar Sinnhaftigkeit zu achten. Wichtig dabei: Schreib mit der Hand!

Die Bewegungsabläufe bei Handschrift sind im Vergleich zum Tippen auf einer Tastatur oder einem Bildschirm viel komplexer und lösen deshalb mehr Verknüpfungen im Gehirn aus. Dabei werden auch Dinge in Zusammenhang gebracht, die ursprünglich nichts miteinander zu tun haben und schwuppdiwupp: Schon ist eine neue Idee geboren.

Dass digital nicht für alles die beste Lösung ist, haben mittlerweile auch Unternehmen für Laptops und Tablets erkannt, weshalb sie hochtechnische Stifte verkaufen, um Stift und Papier möglichst naturgetreu nachzuempfinden. Denn wer bei der Ideenfindung schon einmal versucht hat, eine Mindmap am Rechner zu erstellen, dürfte festgestellt haben, wie umständlich und wenig effektiv das im Vergleich ist.

Handschrift verleiht eine persönliche Note

Ob groß oder klein, fett oder fein, zackig oder abgerundet, minimalistisch oder verspielt – jeder Mensch hat seine eigene Handschrift mit eigenen Variationen. Obwohl die Buchstaben in ihrer Grundstruktur gleich sind, weisen alle Handschriften solch individuellen Abweichungen auf, dass wir sie oft sofort eindeutig zuordnen können.

Es gibt einen guten Grund, weshalb Glückwunschkarten nicht einfach mit fertigen Wünschen und Namen gedruckt, sondern von den Wünschen selbst beschrieben werden, oder weshalb ein handgeschriebener Brief gegenüber der Flut an E-Mails und Textnachrichten, die wir täglich erhalten, hervorragt: Wenn wir mit der Hand schreiben, tun wir dies mit Bedacht, wählen Worte weise und achten darauf, keine Schreibfehler zu hinterlassen. Denn im Gegensatz zum digitalen Schreiben, lassen sich solche nicht einfach rückgängig machen. Etwas mit der Hand Verfassten wohnt entsprechend ein Kriterium inne, das seinen emotionalen Wert unermesslich steigert: Jemand hat sich die Zeit genommen und Mühe gemacht, diesen Brief oder diese Karte an uns zu schreiben.

Handschrift hilft beim Entschleunigen

Täglich verbringe ich sowohl morgens als auch abends etwas Zeit mit meinem Journal. Morgens möchte ich nicht direkt in die Hektik des Tages geworfen werden, sondern zunächst in Ruhe entscheiden, in welche Richtung ich mich bewegen möchte. Damit setze ich direkt mein Gehirn in Gang und verbringe in Summe einen produktiveren Tag. Abends hingegen benötige ich stets etwas Zeit für mich, um herunterzukommen, die Geschwindigkeit des Tages ausklingen zu lassen, und den Zirkus in meinem Kopf zur Ruhe kommen zu lassen. Daher reflektiere ich aktiv den Tag, evaluiere, was gut funktioniert hat, was weniger und woran das lag. So behalte ich im Blick, in wie weit ich meinen Zielen näher komme. Nebenbei schlafe ich dann auch schneller und entspannter ein.

Dass Handschrift uns beim Entschleunigen hilft, liegt in der Natur der Sache: Wenn wir bewusst schreiben, anstatt auf die Tastatur zu hämmern, und dann auch noch anstreben, dass alles fein leserlich bleibt, lassen wir uns von Grund auf mehr Zeit. Sprich: Wir fahren einen Gang runter, damit es gut wird.

Handschrift macht Spaß

Zu guter Letzt der wahrscheinlich wichtigste Aspekt von Handschrift: Sie bereitet Freude.

Es gibt Buchstaben, auf die ich mich jedes Mal bereits im Voraus freue, wenn ich sie schreiben darf, insbesondere das kleine Z. Zwar habe ich noch nicht ganz durchschaut, was genau mich daran so erregt, aber mittlerweile bin ich dazu übergegangen, mehr Buchstaben so zu gestalten, dass sie genau dieses Gefühl in mir auslösen.

Dennoch ist Handschrift natürlich nie perfekt. Umso mehr Freude bereitet es mir, wenn ich feststelle, dass ich einen perfekten Buchstaben geschrieben habe. Nenn mich ruhig verrückt, aber es verzückt mich wirklich! Daher empfehle ich allen, es selbst mal wieder mit der Handschrift zu probieren und sich von ihren positiven Effekten überraschen zu lassen.

Was hast du zuletzt mit der Hand geschrieben? Schreib es gern in die Kommentare!

Alles Liebe
Philipp

7 Kommentare

Antworten →

  1. Ich gehöre zu den Gerne-Tipperinnen, aber manchmal ist Handschrift auch praktischer und schneller: Die Termine im Kalender sind mir digital viel zu umständlich. Das geht im Papierkalender viel schneller. Ebenso die kurzen Notizen beim Telefonieren. Außerdem: Wenn ich gerade mit dem Smartphone telefoniere, wie will ich dann dort gleichzeitig Termine in den Digitalkalender eintragen und gleichzeitig Notizen machen? Alles viel zu umständlich, handschriftliches ist da viel praktischer.

    • Hallo Gabi,

      für Termine verwende ich tatsächlich analoge wie digitale Techniken: Einerseits stehen sie in meinem Journal, aber für die konkrete Zeitplanung an einem Tag nutze ich einen digitalen Kalender. Falls sich etwas ändert kann man das auch ändern, ohne dass es schnell unübersichtlich aussieht. Außerdem trage ich hier auch feste Termine mit mir selbst ein.

      Darüber hinaus halte ich sehr langfristige Termine in den digitalen Kalender fest, da ich in meinem Journal maximal sechs Monate im Voraus Termine notiere. Das ist aber eher die Ausnahme, da sich innerhalb von sechs Monaten doch recht viel ändern kann. Und für Geburtstage verwende ich auch den digitalen Kalender lieber. So trage ich Geburtstage nur einmal ein und spare mir die Arbeit, sie jährlich in den neuen Kalender zu übertragen.

      Beim Telefonieren geht es mir ganz wie dir! Die Notizen übertrage ich dann bei Bedarf direkt im Anschlus von Papier in die verwendeten Plattformen. Je nach Projekt unterscheidet sich das ja auch.

      Lieber Gruß
      Philipp

  2. Hi,
    ich schreibe in der Tat noch recht viel mit der Hand. Ich liebe es einfach analoge Post zu versenden (und zu bekommen) und ganz ehrlich… wer schreibt schon einen Brief am PC, druckt diesen aus und versendet diesen? Ich zumindest nicht.
    Das ist tatsächlich auch eines der positiven Aspekte der momentanen Zeit – zumindest für mich. Ich bekomme erstaunlich viel Post :-)
    Liebe Grüße,
    Nicole

    • Hallo Nicole,

      das geht mir ganz ähnlich, allerdings schreibe ich dafür erstaunlich selten Briefe, wenn man von speziellen Aktionen wie einem meiner Adventskalender absieht. Tatsächlich ist mein Briefkasten auch recht leer – auch in dieser Zeit.

      Bei deinem Kommentar habe ich sofort an dieses Meme gedacht.

      Lieber Gruß aus Berlin
      Philipp

      • Oh ja. wie passend. Wobei ich zugeben muss, dass mein privater Mailaccount auch sehr leer ist. Könnte gerade nicht mal sagen, was leerer ist – digitaler oder analoger Briefkasten. Ich würde fast behaupten, dass es sich die Waage hält.

  3. Ich pflege genau aus diesen Gründen zwei Brieffreundschaften mit zwei Freunden die in Deutschland leben – natürlich schicken wir uns auch Fotos über whats app und telefonieren miteinander (und treffen uns auch persönlich), aber ein großteil der Kommunikation läuft mit ihnen handschriftlich ab. Und es ist wunderbar :) Ich freue mich immer riesig auf einen neuen Brief und auch auf das Hinsetzen und sich die Zeit zum schreibe nehmen!
    Aber ich schreibe auch sonst gerne mit der Hand – Tagebuch, Karten von Urlaubsorten, Einkaufslisten, Notizen in der Arbeit, etc. Ich mach das gern, das ist viel entschleunigender als das Tippen auf dem Laptop/Handy und man überlegt sich mehr was und wie man es schreibt, da man es nicht einfach löschen kann bzw. es einfach sichtbar ist wenn man etwas durchstreicht. LG Anna

    • Hallo Anna,

      ich finde stark, dass du noch zwei Brieffreundschaften pflegst! Ich hatte als Kind auch eine, allerdings ist die wiederkehrend eingeschlafen, weil wir beide immer recht lang zum Antworten benötigt hatten. Da ich mich tatsächlich gerade frage, was wohl aus ihm geworden ist, habe ich mich kurzerhand mal auf die Suche im Internet begeben und ihn kontaktiert. Mal schauen, ob er das auch tatsächlich ist und ob er antwortet. :D

      Lieber Gruß
      Philipp

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