Seltsame Bräuche in seltsamen Zeiten

Während wir aufwachsen, bekommen wir peu á peu diverse Brauchtümer in die Wiege gelegt. Wie seltsam die sein können, zeigt sich oft erst, wenn wir entweder genauer hinschauen oder die Perspektive von außen einnehmen. Ostern stellt dafür nur ein Paradebeispiel dar, das sich in bester Gesellschaft mit anderen religiösen Feiertagen befindet.

Ursprung Pessach

Beginnen wir bei dem Grund, weshalb Ostern jedes Jahr an einem anderen Datum stattfindet: Pessach. Dass die beiden Feste mit einander zu tun haben, lässt sich nicht nur am hebräischen Namen Osterns erkennen (“Pass-cha” hat dieselbe Wurzel wie Pess-ach). Beide Feste bauen auf Geschichten über Hoffnung auf; die Befreiung des israelischen Volkes auf der einen und die Auferstehung eines verhießenen Messias auf der anderen Seite.

Laut 19. Kapitel des Johannes im Neuen Testament spielt sich die Kreuzigung am Vorabend des jüdischen Festes ab. Entsprechend fallen die Zeremonien der Feste auf den gleichen bzw. zumindest ähnlichen Zeitraum, denn beim Konzil von Nicäa im Jahre 325 wurde entschieden, das Fest auf den ersten Vollmond nach Frühlingsbeginn (21. März) zu setzen, da das frühe Christentum damals bereits den solaren julianischen, statt des luni-solaren jüdischen Kalenders verwendet hatte.

Über die eigentümlichen Bräuche des Pessach-Festes habe ich unter anderem im oben verlinkten Beitrag bereits geschrieben. Zusammenfassend betrachtet, fallen mir die rabbinischen Gesetze zu koscherer Nahrung sehr willkürlich vor. Hierzulande erscheint es befremdlich, warum man kein gewöhnliches Brot, sondern nur das sehr trockene und geschmackslose Matza-Brot verwenden soll, wo doch letztlich beides Mehlspeisen sind. Man könnte ja Weizenprodukte auch einfach mal für eine Woche außen vor lassen. Israelis machen sich einen Spaß daraus und versuchen, das schnöde Knäckebrot mit diversen Rezepten aufzuwerten.

Alles dreht sich ums Ei

Ostern an sich bringt aber ebenso befremdliche Bräuche mit sich: Warum verspeisen wir so viele Eier? Warum färben wir sie bunt? Wieso wird dies dem Osterhasen zugeschrieben und warum werfen wir (Menschen aus dem Vogtland) sie aus?

Beginnen wir von vorn, denn vor der Osterzeit steht im Christentum die Fastenzeit. Ursprünglich war während dieser Zeit der Verzehr von Speisen wie Fleisch, Fisch aber auch Eiern untersagt. Da Hühner nichtsdestotrotz fleißig Eier legten und sie vor dem Verderb bewahrt werden sollten, wurden sie kurzerhand hart gekocht. Zur Kennzeichnung, welche Eier als erste gekocht und damit bereits am längsten lagerten, wurden verschiedene Farben verwendet, sodass zu Ostern Eier in den verschiedensten Farben auf dem Tisch landeten. Passender Weise passt das auch noch zum Frühling mit all seinen bunten Blüten.

Der Osterhase wird (zumindest in seiner ursprünglichen Funktion) im Grunde wie das Schicksal, göttliche Figuren und der Weihnachtsmann missbraucht: Alle halten als Sündenböcke dafür her, wenn Kinder erzogen und bestraft werden sollen. Entsprechend gab es früher nur Osterei, wenn die Kinder “gespurt” haben. Ja, das Wort drückt sehr treffend seine eigene Bedeutung aus: Sich nur innerhalb der Vorstellungen anderer Menschen verhalten.

Bespaßung für Kinder (und alle anderen, die sich ihre kindliche Seite bewahrt haben)

Damit Kinder mehr Spaß damit haben, werden die Eier versteckt – natürlich vom Osterhasen. Damit verbunden gibt es einige Spiele: Wer hat die meisten Eier gefunden? Wer kann die meisten Eier mit einer Münze zerbrechen? Wer kann die Eier am weitesten werfen – womit wir womöglich bei der eigentümlichsten Tradition wären: Dem Auswerfen der Eier.

Lange Zeit war mir bewusst, dass es sich um regional stark begrenztes Brauchtum handelt, denn bei allen Menschen, die ich kennen, habe ich bisher nur aus dem Vogtland vernommen, dass wir Eier werfen. Dass sich dahinter ein seltsamer Brauch verbirgt, ist mir erst so richtig bewusst geworden, als mehrere meiner ausländischen Freunde wiederkehrend missverstanden haben, wie es funktioniert.

Viele denken beispielsweise, wir nähmen rohe Eier, und verstehen überhaupt nicht, weshalb wir sie vorher gestalten, wenn sie doch so schnell kaputt gehen und direkt Matsch sind. Die Zusatzinfo, dass wir es vorher in ein Wollnetz packen, damit es weicher landet, hilft nur bedingt, denn die Vorstellung von Eidotter in Wolle macht die Sache kaum appetitlicher – insofern das beim Verzehr von rohen Eiern überhaupt möglich ist. Was verbirgt sich also dahinter? Und warum zum Henker machen wir das?

Kurz gesagt: Weil es Spaß macht. Und es funktioniert wie folgt.

Natürlich verwenden wir hart gekochte Eier. Diese kommen in ein aus Wolle gehäkeltes Säckchen mit Schlaufe, die das Säckchen zuzurrt. Im Anschluss wird das Säckchen bei der Schlaufe gepackt und ein paar Mal im Kreis geschwungen, bevor man es los lässt und so versucht, das Ei so weit und so hoch wie möglich zu schleudern – im besten Fall auf einer Wiese. Ist die Eierschale zerbrochen, isst man das Ei. Andernfalls wirft man noch mal.

Es gibt auch Variationen, bei denen man sich die Eier zuwirft und wer ein Ei zerstört, verliert. Aber in unserer Familie geht es eigentlich nur um den Spaß. Und da ich eine leidliche Historie von an Bäumen verlorenen Netzen aufzuweisen habe, prüfen wir gern jedes Jahr wieder, welche davon auch heute noch zu finden sind. Außer dieses Jahr, denn zum ersten Mal in Jahrzehnten, verbringt unsere Familie das Osterfest strikt getrennt von einander – so wie wahrscheinlich viele Familien auf der Welt, insofern sie denn Ostern (oder Pessach) feiern.

Dennoch ein paar schöne, freie Tage euch allen!

Liebe Grüße aus Berlin

Philipp

2 Kommentare

Antworten

  1. Hallo Philipp,
    vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag, der mich zurück in meine Kindheit versetzt hat. Ich wusste gar nicht, dass das “Eier werfen” (so heißt es bei meinen Großeltern) eine wirkliche Tradition ist und dachte bisher – bis zum Lesen deines Beitrags – das es eine kuriose Idee meines Opas ist, um uns Kinder zu bespaßen. Wir haben jedes Jahr einen richtigen “Wettbewerb” daraus gemacht, wer das beste Ei hat, haben verschieden Farben zum Färben probiert, unterschiedliche Kochmethoden um das “perfekte Ei” für das alljährliche Eier-Werfen herzustellen. Eine herrliche Tradition, die wir lange beibehalten haben, bis irgendwann beschlossen wurde, dass meine Schwester und ich zu alt dafür seien. Ich frage mich gerade warum…..
    Jedenfalls hat es mich sehr gefreut zu lesen, dass dieser Brauch anscheinend auch an anderen Stellen in Deutschland gepflegt wird :-)
    In diesem Sinne wünsche ich dir ein wunderschönes Osterfest!
    Liebe Grüße,
    Nicole

    • Hallo Nicole,

      das freut mich in doppelter Hinsicht: Einerseits, dass es so positive Gefühle in dir auslöst und andererseits, dass dieser Brauch auch anderorts existiert. Es steht euch nichts im Weg, diesen wieder einzuführen. ;)

      Wir machen es heute – Kinder wie Erwachsene allem voran wegen des Spaßes an der Sache. Gestern waren wir kurz im Tiergarten um Eier zu suchen und anschließend auszuwerfen. Dabei haben wir zwar einige Bäume (zum Glück nur diese und keine Menschen :D) getroffen, aber hängen geblieben ist heuer keins der Netze.

      Dir auch schöne Feiertage!

      Lieber Gruß
      Philipp

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