Shuk Day Everyday!

Zu Beginn meiner Zeit in Jerusalem bin ich fast jeden Tag auf den Shuk (also den Markt) Mahane Yehuda meine Lebensmittel einkaufen gegangen, weil ich dort alles, was ich brauchte, unverpackt und billiger als im Supermarkt bekommen konnte. Doch der Shuk bietet mehr als das – er ist sozialer Treffpunkt, Schauplatz für Kultur und bietet noch jede Menge Potential für mehr. Und ja, ich liebe die Marktkultur und würde sie mir wirklich wieder verstärkter in Europa wünschen. Lies hier, wieso.

Jeden Freitag, den ich vor Schabbat auf dem Shuk verbringe, entdecke ich etwas Neues. Warum gerade an diesem Tag?

Einerseits ist Freitag bereits Teil des Wochenendes in Israel. Außerdem beginnt an Freitag Schabbat. Entsprechend decken sich alle Haushalte noch mal mit Lebensmitteln ein. Alle Haushalte? Nunja, nicht ganz. Die Araber können die Sache etwas entspannter angehen, denn sie feiern Schabbat ja nicht.

Abgesehen davon passieren an Freitagen aber noch ganz andere Dinge, auf die ich hier eingehen möchte.

Religion und Wirtschaft treffen aufeinander

Obwohl der Shuk ursprünglich als Handelszentrum gedacht war, lassen sich Ultra-Orthodoxe die Chance natürlich nicht nehmen, ihre Präsenz zu zeigen. Das wirkt sich auf verschiedene Art und Weisen aus.

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Auf alle Ecken verteilt stehen Stände. Das gilt übrigens nicht nur für den Shuk, sondern das gesamte Stadtzentrum. An diesen sieht man immer wieder Männer, die sich scheinbar einer SM-Prozedur unterziehen. Tatsächlich steht dahinter eine religiöse Praxis. Das Ganze nennt sich Tefillin und dient als Erinnerung, Gottes Gebote einzuhalten. An den Lederriemen sind kleine schwarzen Kästchen angebracht, die mit Gebetstexten versehene Pergamentrollen enthalten. Es wird ausschließlich an Werktagen während der Gebete getragen.

Mittlerweile habe ich auch herausgefunden, wofür die Kissen sind, die ich orthodoxe Juden immer wieder habe mit sich rumtragen sehen: Es ist lediglich die Verpackung für die Tefillin – inklusive Torah.

Wenn man sich genauer umsieht, wird man auf dem Shuk schnell all die religiösen und orthodoxen Ladenbesitzer bemerken. Entsprechend hoch ist die Nachfrage.

Auch ich werde regelmäßig gefragt, ob ich möchte. Dabei trage ich nicht mal Kippa. Ich lehne dann immer dankend ab, womit sich die Angelegenheit auch erledigt hat. Wesentlich persistenter sind die Orthodoxen da mit Einhaltung des Schabbats. Bereits Stunden vorher wandern sie immer wieder von einem Stand zum nächsten und erkundigen sich danach, wann der Laden denn endlich geschlossen wird. Das artet häufiger auch in lautstarken Diskussionen aus. Bringt ja auch nichts, ständig nachzufragen. Schneller geht es damit nicht und ich bin mir recht sicher, dass sich die Ladenbesitzer ebenso auf Feierabend freuen.

Party, Party!

IMGP3449Neben den ganzen Läden haben sich in den Jahren auch schon ein paar Restaurants und Bars im Shuk etabliert. Abgesehen davon, dass diese an Abenden länger als die Läden offen haben und gelegentlich Bands spielen und DJs auflegen, wird sich hier vor allem freitags getroffen, um sich bei einem gemeinsamen Bier auszutauschen.

Vor allem im offenen Teil des Shuks treffen sich Musiker jeglichen Alters und musizieren und tanzen zusammen. Mit dabei ist auch jede Woche ein Puppenspieler, den ich täglich an einem Ort in Jerusalem antreffe. Ich frage mich immer wieder, wie er es schafft, nicht durchzudrehen, wenn er das jeden Tag gleiche Lied mehrere Stunden lang hört. Ein sehr fetziges zugegeben, doch in Dauerschleife?

Apropos durchdrehen: Vor einem Laden der alkoholische Getränke ausschenkt findet im wahrsten Sinne des Wortes eine Remmidemmi statt. Große Lautsprecher lassen elektronische Tanzmusik über den Shuk dröhnen, die Masse tanzt ausgelassen und holt sich zum Verschnaufen neue Shots. Das beginnt meist am frühen Nachmittag und dauert dann je nach Sonnenuntergang bis zum Schabbat an. Auch hier gibt es Stammgäste – zumindest sehe ich manche Gesichter jede Woche dort.

Foto Party auf dem Shuk

Verborgenes

Mit Sonnenuntergang schließlich wird eine Sirene und ein Shabbatlied in der umliegenden Nachbarschaft abgespielt, damit wirklich jeder weiß, dass Schabbat begonnen hat. Im letzten Jahr hatte ich noch einen alten, kauzigen Mann mit einem Horn den Schabbat anblasen sehen. Doch das ist wohl leider vorbei, denn ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen.

Foto Shuk an Schabbat

Der Markt leert sich jedenfalls ratzefatz. Dafür kommen Dinge zum Vorschein, die man sonst nicht zu sehen bekommt. Beispielsweise die Graffiti an den Toren der Ladenbesitzer. Das sind bereits eine ganze Menge und jedes einzelne lädt zum Verweilen ein. Ich habe eher zufällig einen Freund des einen Künstlers getroffen, der für alle Bilder verantwortlich ist. Womit auch erklärt war, warum sie alle den gleichen Stil haben. Er meint: Viele Tore sind noch frei. Doch die sollen auch noch drankommen.

Foto Streetart auf dem Shuk

Außerdem ist mir vor Kurzem das erste Mal bewusst geworden, dass es auch Menschen gibt, die auf dem Shuk wohnen. Nein, keine Obdachtlosen. Neulich war ich mit einem Kommilitonen auf dem Markt drehen. Nach sechs Stunden war der Markt endlich leer – unsere Akkus aber auch. Also begaben wir uns auf die Suche nach einer Steckdose. Gar nicht so leicht, öffentlich eine zu finden. Nach und nach stießen wir auf Treppenaufgänge und folgten diesen. O, hier gibt es ja sogar richtig viele Wohnungen! Nur von Steckdosen keine Spur.

Plötzlich werde ich von einem Hausbewohner angesprochen: Alon lädt mich in seine Wohnung ein und wir plaudern, während er das Schabbat Dinner vorbereitet. Er erwartet Gäste, so wie jede Woche. Die Wohnung ist ganz anders, als das Gebäude auf den ersten Blick vermuten lässt: Nicht etwa heruntergekommen und pflegebedürftig, sondern frisch renoviert und charmant eingerichtet. Ich könnte mich hier wohl fühlen. Im Hintergrund schreit sein wenige Monate alter Sohn. Alon hat erst vor Kurzem geheiratet. Er selbst ist gar nicht religiös, hält aber Schabbat seiner Frau zu Liebe. Dem Austausch sei Dank, habe ich echt interessante Einblicke erhalten.

Als ich die Wohnung verlasse, begegne ich am Treppenansatz meinem wartenden Kommilitonen. Er ist im Gespräch mit Hannah, die uns spontan zum Dinner einlädt. Wir müssen aufgrund Übermüdung leider beide ablehnen, aber der nächste Termin steht schon!

Foodsharing in Israel

Und dann ist mir noch etwas vor Schabbat passiert: Meine Freunde, die zu Besuch waren, hatten schon ihre Bedenken geäußert, was eigentlich mit all dem übrigen Essen geschehe, dass sich nicht über das Wochenende hält. Und dann ist da natürlich noch die Müllproblematik. Ich versuche, dem zu entgehen, indem ich alles verpackungsfrei kaufe. Das funktioniert auf dem Markt prima, wenn man bereit ist dem Verkäufer mit Nachdruck darauf hinzuweisen. Ab und zu endet es auch in einer Diskussion. Manchmal überzeuge ich, manchmal kaufe ich dann eben einfach nicht.

Außerdem sind die Lebensmittelpreise auf dem Markt wesentlich günstiger als in Supermärkten. Genug Gründe für mich, auf dem Markt einzukaufen. All dem Grauplastik entgehe ich damit natürlich nicht, aber zumindest meinen Teil kann ich dazu beitragen.

Außerdem ist recht auffällig, dass die Preise gen Schabbat immer weiter sinken. Je später man also einkaufen geht, desto günstiger kommt man weg. Allerdings läuft man auch Gefahr, nicht mehr alles zu bekommen.

Mein Kommilitone und ich brauchten an besagtem Tag zum Beispiel noch Brot. Er kehrte stolz mit zwei Tüten voll Brot für sage und schreibe zwei Schekel zurück. Da gehe ich doch auch hin, dachte ich. Dort angekommen begegne ich nur einem Müllmann, der bereits den Boden fegt. „Nimm! Nimm, so viel du brauchst!“, begrüßt er mich. „Es ist kostenlos.“ Mittlerweile waren wir auch gar nicht mehr allein, sondern zunehmend mehr Leute scharten sich um das Brot. Mir fielen noch mehr Stände auf, die bereits geschlossen waren, aber noch Unmengen an Lebensmitteln vor sich lagerten. Also packten mein Kommilitone und ich ordentlich ein. Denn, es wegzuwerfen, wäre ja zu schade. Ich frage unterwegs eine junge Frau, wo sie die Minze gefunden hat.

„O, das war die letzte. Aber ich teile gern.“

In den Folgewochen bin ich dann jeden Freitag kurz vor Schabbat auf den Markt gegangen, um zu sehen, was noch zu retten ist. Eine ganze Menge:

Foto Ausbeute #1

Ausbeute #1

Foto Ausbeute #2

Ausbeute #2

Foto Ausbeute #3

Ausbeute #3

Dabei kam ich auch mit dem einen oder anderen Müllmann ins Gespräch und konnte so noch viel mehr erfahren. Die Müllmänner sammeln nämlich selbst fleißig Lebensmittel zusammen. Kurzerhand kam ich nicht umhin, zu fragen, was eigentlich mit all den übrigen Lebensmitteln passiert. Immerhin ist es doch unvollstellbar, dass all die Lebensmittel von einem Moment auf den nächsten ihren Wert verlieren. „Brot, Obst und Gemüse werden an die Ziegen verfüttert.“

Generell steht hinter dem Shuk ein geregeltes System, das für Ordnung sorgt. Abgesehen davon, dass die Ladenbetreiber ihren Bereich mehr oder weniger sauber halten, spülen die Müllmänner den kompletten Markt sauber und sammeln allen Müll zusammen. Die Kartons werden noch vor Ort zusammengepresst und anschließend für das Recycling abtransportiert. So manches Mal habe ich auch schon einen Streit zwischen Müllmann und Lebensmittelsammler beobachtet – wegen eines leeren Kartons. Deshalb gehe ich davon aus, dass man für die Kartons Geld bekommt. Mir wurde nämlich schon von einer Recycling-Mafia berichtet, die in Jerusalem ihr (Un-)Wesen treibt.

Müllvermeidung

Beim Lebensmittel retten nehme ich sogar die in Plastik verpackten Sachen mit. Denn an dem Punkt ist es einmal zu spät – der Müll wurde produziert und auch wenn ich es mitnehme, erhöhe ich dadurch nicht die Nachfrage an Plastikprodukten. So kann ich zumindest die Lebensmittel retten.

Abseits davon versuche ich natürlich weiterhin, Müll zu vermeiden, wo auch immer es geht. Tatsächlich frage ich mich schon länger, wie viel Müll ich tatsächlich noch produziere, wo ich schon darauf achte. Es bedarf also einer Dokumentation.

Umso erfreuter bin ich über die Initiative Open Space Zero Waste, von der ich heute durch Maria erfahren habe. Die kommt mir gerade recht. Teilnehmen kann jeder, auch wenn man nicht in Graz wohnt. Deshalb nehme ich teil!

Am Ende der Wettbewerbswoche wird auch ermittelt, wer gewonnen hat. Da ich aber meines Erachtens bereits auf einen recht großen Erfahrungsschatz zur Müllvermeidung zurückgreifen kann und ein Ziel des Wettbewerbs ja auch ist, Neulinge zum Müllvermeiden anzuregen, möchte ich außer Konkurrenz teilnehmen.

Mach doch auch mit! Es wird garantiert niemandem schaden. ;)

Außerdem interessiert mich, wo du so einkaufen gehst. Mit wie viel Müll wirst du dort konfrontiert und welche Wege siehst du zur Vermeidung dessen?

Alles Liebe,

Philipp

9 Kommentare

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  1. Hallo Philipp!

    Meine Güte bist Du schnell beim Schreiben! Ich freue mich sehr über Deinen tollen Beitrag, der endlich auch eine ergänzende Erklärung für eines Deiner Kommentar über „foodsharing in Israel“ bringt.

    Für die zerowaste-challenge habe ich eine Inlinkz-Linkparty gestartet. Du kannst künftige Beiträge auch selber direkt verlinken.

    Die Verlinkung von diesem Beitrag übernehme ich sehr gerne.

    lg + bis bald einmal!

    Maria

    • Hallo Maria,

      ich hatte doch ein paar Stunden Zeit. ;) Eigentlich wollte ich den Beitrag erst später schreiben. Und dann hat sich plötzlich alles so wunderbar ergeben. Da konnte ich nicht widerstehen!

      Ich kenne Inlinkz gar nicht. Muss ich mich da anmelden? Dankeschön für die Verlinkung schon mal.

      Ui ja, das wäre schön! :)

      Lieber Gruß,
      Philipp

      • Hallo Philipp!

        Du brauchst nur auf den blauen Button mit dem Frosch klicken, da steht ein kurzer Text und danach sind 3 Eingabefelder.

        In das erste kommt die URL von Deinem Beitrag. Im 2. Feld wird der Titel von Deinem Beitrag bereits vorgeschlagen, Du kannst ihn anpassen, wen es Dir so nicht gefällt.

        In das 3. Feld kommt eine Mailadresse.

        Echt keine Hexerei und alles beschriftet.

        Danach hast Du noch die Möglichkeit eines Deiner Bilder von Deinem Beitrag auszuwählen. Eines wird vorgeschlagen, wenn Du das nicht haben willst, dann klickst Du einfach auf ein anderes.

        Optional kann man noch den Ausschnitt vom Bild wählen. Aber das ist nicht notwendig.

        Es ist noch einfacher als ich es mit Worten beschreiben kann…

        lg
        Maria

        • Danke für die Anleitung!

          Anmelden muss man sich wohl trotzdem, um die Funktionen nutzen zu können. Dabei versuche ich doch, Registrierungen zu reduzieren. :P

          Lieber Gruß,
          Philipp

          • Hallo Philipp!

            Nein, muss man nicht. Ich habe lange Zeit keinen Zugang gehabt und trotzdem bei den Linkpartys mitgemacht.

            Nur das Formular ausfüllen, keine Registrierung!

            lg
            Maria

            • Ich bin zunehmend verwirrt. Momentan denke ich, dass du auf einer anderen Seite bist, als ich. Auf der inlinkz Seite klicke ich auf den blauen Frosch und lande auf der Startseite, auf der ich ja ohnehin schon war. Klicke ich auf TRY IT FOR FREE, gelange ich zur Registration. Weder bei gruenezwerge, noch bei dir sehe ich einen blauen Frosch. Hilfe! :D

              Kannst du mir vielleicht den Link schicken? Ich glaube, dann verirre ich mich bestimmt nicht mehr. :)

              • Hallo Philipp!

                Ja Du hast recht, Du BIST auf einer anderen Seite!

                Bitte auf den Button in meinen Beitrag klicken, dann kommst Du direkt zur Linkparty!

                Hier sind nur 3 Zeilen mit URL, Text und Mailadresse auszufüllen.

                Ich hoffe, jetzt klappt es!

                lg
                Maria

                • So, jetzt hat es endlich funktioniert! Dann habe ich festgestellt, dass du den ja bereits verlinkt hast (wie von dir angekündigt… :)), weshalb ich ihn wieder gelöscht habe. Aber für die Zukunft bin ich gewappnet! Danke! :)

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