So lebt man wirklich ohne Müll

Seit Jahren beschäftige ich mich bereits damit, wie ich möglichst müllfrei leben kann. 100%-ig gelingt mir das bis heute nicht. So könnte es gehen.

Wie sehr mir Plastik mittlerweile gegen den Strich geht, dürfte kein Geheimnis mehr sein. Meine Frustration damit womöglich schon. Es nach und nach aus meinem Alltag auszuschließen war ein langer Prozess. Und trotzdem bin ich noch nicht zufrieden damit, wo ich mich gerade befinde, habe manchmal sogar das Gefühl, schon mal weiter gewesen zu sein. Das ist so ein Auf und Ab; mal läuft es besser als andere Male.

Oft gewinne ich den Eindruck, dass ich außerhalb Deutschlands mehr Müll produziere. Doch sogar während meiner Zeit in Deutschland, stelle ich immer wieder fest, dass mein Leben wesentlich mehr Müll enthält, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Ein paar Alltagssituationen:

  • In Supermärkten kann man freilich viele Dinge auch ohne Plastik bekommen. Das heißt aber nicht, dass nicht trotzdem Plastik entsteht. Dafür sorgen unter anderem Transport, die Obstverpackungen, aus denen man sich die Früchte einzeln herausnimmt und diese wirklich unnötigen Aufkleber auf Obst und Gemüse. Selbst die meisten augenscheinlich in Pappe verpackten Produkte sind innen noch einmal in Folie eingeschweißt. Dabei haben wir noch nicht einmal von der ganzen Plastikfolie gesprochen, die um Paletten gewickelt wird.
  • In zunehmend mehr Großstädten gibt es Unverpackt-Läden, die sich darauf spezialisieren, all ihre Produkte müllfrei anzubieten – bisher leider als Nische und nur an wenigen auserwählten Orten. Besonders in ländlichen Regionen sieht es da eher mau aus. Weite Strecken für Einkäufe zu fahren, nur um Verpackungsmüll zu sparen, ist zweifelhaft nachhaltiger. Abhilfe soll dafür bald ein mobiler Unverpackt-Laden  inklusive Lieferservice schaffen. Inwiefern dass dann auch ohne Abfall funktioniert, bleibt noch abzuwarten. Und auch hier ändert es nichts daran, dass der Großteil der Einkäufe in Deutschland nach wie vor über Konzerne stattfindet. Aber es ist trotzdem ein lobenswerter Versuch!
  • In Cafés trinke ich meist Wasser oder Tee. Wenn es dann doch mal Smoothie oder Eistee ist, werden diese oft mit Strohhalm serviert. Grauenhaft! Strohhalme aus Glas sind keine Option für Reisende und Nomaden, da zerbrechlich. Edelstahl umgeht das, erfordert aber ebenfalls noch eine Bürste. Und überhaupt sind Strohhalme schon eine eher unsinnige Erfindung, wenn es um Getränke geht. Entsprechend sage ich also dazu, dass ich keinen Strohhalm möchte. Nützt es was? Selten. Tatsächlich sind es viele Baristas so gewöhnt, Strohhalme in Getränke zu stecken, dass das völlig unterbewusst geschieht, auch wenn die Ansage eine andere war. Neulich habe ich sogar erlebt, dass die Bedienung das Getränk entgegengenommen und den Strohhalm mit dem Kommentar „Das ist ohne Strohhalm.“ weggeworfen hat. Auch nicht im Sinne des Erfinders.
  • Manchen mag nun in den Sinn kommen, dass es doch in Deutschland Mülltrennung gibt. Das ist an sich auch richtig, nur finde ich große kommunale Unterschiede vor. Oft gibt es gar keine komplette Trennung, weil Biomüll fehlt, welcher dann schlichtweg mit dem Restmüll entsorgt wird. Das berechnet Fehlerquoten und Trägheit bei der Trennung noch nicht einmal mit ein. So erlebt in leider schon viel zu vielen WGs quer durch die Republik. Und dann weiß ich oft nicht wohin mit meinem Müll, wenn ich gerade unterwegs bin. Sei es in öffentlichen Bereichen von Städten oder in Verkehrmitteln – nirgends ist hier Mülltrennung vorgesehen. Dann ist es plötzlich egal, was ich entsorge, denn materialgerecht ist es auf keinen Fall.
  • Kaum habe ich etwas entsorgt, mache ich mir oft gar keine Gedanken mehr darum, was danach eigentlich mit dem Müll passiert – ich gebe es in fremde Hände ab. Doch wer kontrolliert die? Oder wer überprüft, dass ich richtig getrennt habe? Woher soll ich wissen, dass mein Müll am Ende tatsächlich recycelt und nicht einfach nur verbrannt wird? Berichte wie dieser machen mir deutlich: Ich kann es nicht.

Das Gros dieser Beispiele hat eins gemein: Ich gebe meine Verantwortung an jemand anderes ab. Anstatt Lebensmittel selbst zu produzieren, tun es andere für mich. Anstatt meine Gerichte selbst zuzubereiten, bezahle ich andere dafür, es an meiner statt zu tun. Anstatt mich selbst um meinen Müll zu kümmern, beauftrage ich wen anderes damit.

Wenn ich diese Lücken der Selbstverantwortung also umgehen möchte, gibt es nur eine Lösung und sie heißt nicht, dass Politik und Wirtschaft etwas tun sollten, sondern: Ich schließe sie.

Doch wer von uns möchte das schon? Wer von uns ist bereit, als Selbstversorger tätig zu sein, und den Job, den wir so lieben, aufzugeben? Wer von uns genießt es nicht, einfach mal nur alle Viere von sich zu strecken und sich bedienen zu lassen? Wer von uns ist wirklich dazu bereit, den eigenen Müll selbstständig weiterzuverarbeiten?

Ist ein Leben ganz ohne Müll wirklich unmöglich, oder sind wir einfach nur zu bequem für die Folgen, die ein solches mit sich bringt? Oder sind wir gar zu ignorant, die richtigen Schlüsse zu ziehen?

Diese Erkenntnis birgt eine gewisse Traurigkeit. Doch das macht sie nicht weniger wahr. Umso tragischer ist es, dass ich dennoch nicht für diesen Schritt bereit bin.

Bist du es? Oder was hält dich davon ab? Schreib es mir!

Alles Liebe,

Philipp

4 Kommentare

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  1. Hallo Philipp!

    Das Leben ist sicher anstrengender als üblich, wenn man Müll reduzieren möchte. Ich rede lieber von Müll reduzieren als von zero waste oder ohne Müll zu leben. Weil um tatsächlich ohne Müll zu leben, müssten wir mehr aufgeben, als wir wirklich bereit wären.

    Auch Bea Johnson lebt nicht ohne Müll, auch wenn sie das immer sagt. Alleine wenn wir uns in der Zivilisation bewegen verursachen wir Müll. In dem Moment, wo wir Auto fahren z.B. irgendwann wird die Autobahn kaputt und muss erneuert werden. Was zurück bleibt ist jede Menge Müll. Sowohl vom alten Asphalt als auch von der Herstellung des Neuen.

    Und das lässt sich endlos fortsetzen. Selbst ein Glas Leitungswasser in einem Restaurant verursacht Müll. Spätestens dann, wenn es in der Spülmaschine landet.

    Wie ich auch immer, das sind jetzt Gedankenspielereien, die mir gerade zu später Stunde eingefallen sind.

    Selbst lebe ich noch immer in größtmöglichem Ausmaß müllreduziert. Es gelingt mir überraschend gut. Über einen meiner nächsten Schritte werde ich demnächst berichten (bin wieder zurück von der Blogpause), denn ich möchte einen deutlichen Schritt in Richtung Selbstversorgung mit Gemüse gehen.

    lg
    Maria

    • Hallo Maria,

      schön, dass du zurück und wohlauf bist! Für wirkliche Nachhaltigkeit, sehe ich Selbstversorgung tatsächlich auch als notwendigen Schritt. Aber dafür ist definitiv nicht jeder bereit, geschweige denn, dass es alle selbst von heute auf morgen umsetzen können. Aber kleine Schritte in Richtung Autarkie sind definitiv ein wichtiger Baustein!

      Die graue Plastik bzw. grauer Müll im Allgemeinen, über die wir schon öfter geredet haben, sind wirklich nicht zu unterschätzen. Und selbst wenn man eine Straße nur als Fahrradfahrer oder Fußgänger benutzt, hat man ja einen Anteil an der Straße.

      Vielen Dank für deine Gedanken! Solchem Um-die-Ecke-Denken sollten wir uns öfter widmen.

      Lieber Gruß,
      Philipp

  2. Danke, Philipp. Ich habe mich auch schon gefragt, wie du die Punkte handhabst. Das sind auch meine Gedanken diese Woche gewesen. Ich war schon mal viel weiter. Aber jetzt wo ich alleine wohne in der Stadt lohnen sich viele Sachen nicht mehr wie Sprossen ziehen oder Balkongemüse. Bin da einfach auch zu faul. Bea Johnsons Vielfliegerei ärgert mich ehrlich gesagt. Als Zero Waste Ikone. Und alles offen zu kaufen fördert ja gerade die Müllentstehung von Lebensmitteln. Ihrer Familie drückt sie den Lebensstil auf. So kam es zumindest in einem Video rüber. Du kannst Biomüll auch an die Vögel verfüttern. Die freuen sich. Ich werfe es einfach vom Balkon auf die Wiese. Es ist schnell weg. Man könnte noch viel mehr tun oder lassen.

    Liebe Grüße,
    Tanja

    • Hallo Tanja,

      schön mal wieder von dir zu lesen. :)

      Bei meinen Eltern gibt es einen Kompost, auf dem einfach sämtliche organischen Abfälle gesammelt und zersetzt werden. Ganz nebenbei wirft das noch frische Erde ab, die dann nicht in Plastiksäcken gekauft werden muss. Und die ein oder anderen Tiere erlaben sich daran sicher!

      An sich finde ich die Idee, Biomüll an Vögel zu verfüttern auch prima! Danke für die Anregung! Ich finde es hier noch wichtig, zwischen verschiedenen Bestandteilen im Biomüll zu unterscheiden. Eierschalen werden beispielsweise nicht gefuttert, so weit ich weiß. Wie es bei Bananenschalen etc. aussieht, weiß ich auch nicht genau. Wirfst du dann den kompletten Eimer gebündelt auf die Wiese oder sammelst du es gar nicht erst und gibst es frei, wie es es anfällt?

      Lieber Gruß,
      Philipp

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