Wie schafft man eine Welt ohne Krieg?

Ohnmacht ist wohl das Wort, das meinen Gefühlszustand diese Woche am besten beschreibt. Für gewöhnlich sage oder schreibe ich solche Sätze nicht, doch diese Woche finde ich keine anderen Worte: Sie war mit Abstand die schlimmste meines Lebens – sowohl auf beruflicher, als auch auf privater und nicht zuletzt politischer Ebene. Am Morgen des 22.02.2022 scherzte ich noch, dass sich wohl besonders viele Menschen an diesem Tage trauen lassen würden, weil er sich derart einfach merken lasse. Dass daraus ein historisch relevantes Datum würde, hätte ich jedoch nicht erwartet.

Persönlich glaube ich nicht an die Wirkung besonderer Zahlenkombinationen in Hinblick auf das, was an einem bestimmten Tag passiert. Natürlich brennt es sich so nachhaltig in das Gedächtnis ein. Wesentlich wichtiger als ein willkürlich gewähltes Datum halte ich an dieser Stelle aber die Willkür einzelner Menschen, der Entscheidungen, die sie treffen, und der Folgen, die diese für andere Menschen haben.

Verantwortung

Diese Woche wurden wir Zeug*innen dessen, was passiert, wenn sich ein Mensch über andere hinwegsetzt und einfach nimmt, was er möchte, ganz gleich, welches Leid dies bei anderen verursacht. Zugleich wurden uns jedoch auch die Konsequenzen unserer eigenen Bequemlichkeit vor Augen geführt. Dass Menschenrechte in Russland mit den Füßen getreten werden, wussten wir doch schon lange. Das hielt uns jedoch nicht davon ab, weiter geschäftliche Beziehungen aufrechtzuerhalten. Im Gegenteil: Stattdessen haben wir uns in eine gefährliche Abhängigkeit begeben, die uns nun auf die Füße fällt. Über Nachhaltigkeit spricht im Moment natürlich niemand (Spoiler: Ein Krieg ist überhaupt nicht nachhaltig.), aber: Hätten wir frühzeitiger und großflächiger in regenerative Energien investiert, bestünde zumindest dieses Problem nun nicht. So verwundert es mich jedenfalls nicht, dass wir nicht nur moralisch in eine Schockstarre geraten sind.

In mehrerlei Hinsicht bin ich in einer äußerst privilegierten Generation aufgewachsen: Einerseits, weil ich Krieg bis jetzt nie am eigenen Leib erfahren musste. Ja, es gab während meines Lebens Kriege an anderen Orten auf der Welt und Deutschland war hier und dort auch indirekt beteiligt. Doch der Krieg war nie dort, wo ich mich aufhielt. Andererseits aber auch, weil ich in Wohlstand aufgewachsen bin. Zwar nicht, weil meine Familie superreich ist, aber sehr wohl, weil es mir finanziell und materiell nie an etwas gefehlt hat. Beide Umstände könnten sich nun ändern – für uns alle.

Oft schreibe ich auf meinem Blog über alternative Lebensmodelle, Verkürzung der Arbeits- und Ausweitung von Freizeit, Reiseerfahrungen, Minimalismus oder umweltpolitischen Themen. Doch im Angesicht des Krieges verlieren diese Themen plötzlich an Bedeutung. Denn während ich mich darüber beklage, dass mein Wochenende zu kurz sei, kennt ein Krieg weder Wochenende, noch Feierabend oder Nachtruhe.

Si vis pacem, para bellum

Obwohl ich Krieg ablehne, habe ich Wehdienst geleistet, schlichtweg um im Fall der Fälle vorbereitet zu sein. Diese lateinische Phrase habe ich dabei häufiger zu hören bekommen. Sie bedeutet: Wenn du Frieden willst, bereite dich auf Krieg vor.

Natürlich wissen wir nicht, wie dieser Krieg ausgehen wird. Auch bin ich kein Experte, was Wissen um die Geschichte aller beteiligten Länder oder gar Kriegsführung und Diplomatie betrifft. Allerdings kann ich mir jegliches Wissen aneignen, verfüge über eine rege Fantasie und kann kombinieren. Mögliche Szenarien gibt es viele. Für ausgeschlossen halte ich, dass die Weltordnung einfach wieder zum Status quo zurückkehrt. Leider fällt mir kein Szenario ein, dass ohne kämpferische Auseinandersetzungen verläuft und keine Menschenleben kostet – dafür ist dieser Krieg ohnehin schon zu weit fortgeschritten. Ich erwarte, dass es ungemütlich werden wird. Bedenken habe ich allem voran ob der Geschwindigkeit, in welcher die Situation derart eskaliert ist, und, wie viel weiter sie noch eskalieren kann.

Ohnmacht sehe ich hier außerdem nicht nur bei mir selbst, sondern auch bei einem Großteil der Staatengemeinschaft:

  • Eindringliche Gespräche haben leider nicht gefruchtet.
  • Non-militärische Maßnahmen (alias Sanktionen) werden unterlassen, weil sie zu großen Schaden in den eigenen Reihen anrichten würden. Ehrlich gesagt frage ich mich auch, ob diese jemanden, der nichts zu verlieren hat, überhaupt beeindrucken würden.
  • Selbst, wenn nun wieder Verhandlungen stattfinden würden, stellt sich die Frage, auf welcher Grundlage diese geschehen sollen. Vertrauen gibt es nicht mehr. Wie auch, wenn der kompletten Staatengemeinschaft zuvor wiederholt ins Gesicht gelogen wurde?
  • Bei einem militärischen Eingreifen könnte die Situation noch weiter eskalieren und einen dritten Weltkrieg auslösen.
  • Als ultimative Drohgebärde stehen immer wieder nukleare Waffen zur Debatte. Würden die eingesetzt werden, lösen sich meine beruflichen und privaten Sorgen wahrscheinlich wortwörtlich in Luft auf.

Eine wirkliche Lösung, wie man eine Welt ohne Krieg schafft, habe ich nicht parat. Sobald jemand aus der Reihe tanzt und nicht mehr friedlich gesinnt ist, steht man wieder vor dem selben Dilemma: Wie schützt man sich vor dem Einsatz von Waffen, ohne selbst welche zu besitzen, geschweige denn zu gebrauchen? Stellt man sich einer Armee ohne in den Weg, wird man platt gemacht. Stellt man sich ihr nicht in den Weg, auch und bekräftigt damit den Angreifer in der Annahme, er könne sich einfach nehmen, was er möchte.

Gleichberechtigte Bündnisse haben sich indes als äußerst effektiv erwiesen, um Kriege zu verhindern. Warum ich extra gleichberechtigt betone? Weil wir gerade sehen, was passiert, wenn in einem Bündnis einige wenige Sonderrechte wie ein Veto-Recht genießen, das die Bestrebungen aller anderen zunichte macht. Und tatsächlich wage ich, die Frage in den Raum zu stellen, ob wir uns nun in der gleichen Situation befänden, wenn die Ukraine bereits Mitglied in der EU oder NATO wäre.

Umgang mit der Ohnmacht

Nun möchte ich keine Panik verbreiten. Vor ein paar Jahren schrieb ich bereits darüber, wie ich mit Situationen umgehe, deren Ausgang ich nicht beeinflussen kann. Das fällt mir gerade in dieser Woche besonders schwer. Aber am Ausgang ändert es zunächst nichts. Zu ein paar Dingen möchte ich deshalb gern anregen:

  • Informiert euch. Und zwar bei mehreren von einander unabhängigen Quellen. Von Bekannten mit Familie in Russland höre ich zur Zeit unglaubliche Dinge, die mir vor Augen führen, wie leicht man eine Parallelrealität erschaffen kann.
  • Tauscht euch aus. Gerade jetzt, wo man mit Hiobsbotschaften überhäuft wird, halte ich es wichtig, über das zu sprechen, was einen beschäftigt, damit sich emotionaler Ballast nicht so weit anstaut, dass er für Individuen zu schwer wird. Außerdem gibt es immer noch viele Zeitzeugen aus der Zeit des Kalten Krieges, von denen wir mit Sicherheit einiges lernen können.
  • Bewahrt euch eure Freundlichkeit, Menschlichkeit und Offenheit. Gerade angesichts kriegerischer Konflikte neigen wir dazu, uns abzusondern, statt mit anderen Menschen zu verbinden. In der Folge keimt Nationalismus wieder auf. Doch gerade jetzt sehen wir die Stärke von grenzübergreifender Zusammenarbeit.

Und schließlich gibt es auch noch Hoffnung:

  1. Die ukrainische Bevölkerung verteidigt sich und gibt nicht einfach auf.
  2. Sogar in Russland werden mittlerweile Stimmen laut – aller Staatspropaganda zum Trotz.
  3. Auch Despoten leben nicht ewig.

Frieden hat einen Preis

[…] handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.

Immanuel Kant

Wenn alle stets nur ihre eigenen Interessen durchsetzen, wird es nie Frieden geben. Dafür bedarf es Kompromissfähigkeit. Rein militärisch wird dieser Konflikt meines Erachtens nicht zu lösen sein, ohne dass alle beteiligten Seiten große Verluste erfahren.

Im Sinne unserer eigenen Zukunft und unserer Nachwelt, frage ich deshalb:

Welchen Preis zu zahlen, sind wir bereit, um unsere Freiheit und Frieden zu erhalten?

2 Comments

Antworten

  1. „Not to war, yes to peace“ – ein Zitat aus einem Video, welches mich sehr beeindruckt hat: https://youtu.be/Wn8Era6kt0Q

    • Hallo Gabi,

      auch bei mir hinterlässtdas Video einen bleibenden Eindruck. Vielen Dank fürs Teilen!

      Grausam ist, dass die Mehrheit der Menschen gar keine Wahl erhält!

      Lieber Gruß
      Philipp

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