Das falsche Pfandland

Da mein Herzblatt gerade Deutschland kennenlernt, werde auch ich aufs Neue mit seinen Eigenheiten konfrontiert und stelle fest, dass vieles mehr Schein als Sein ist. So auch beim Thema Pfand.

Seit Jahren versuche ich, alle meine Lebensmittel ausschließlich verpackungsfrei oder in Glas oder Papier verpackt zu kaufen. Seit mehreren Monaten kaufe ich wöchentlich eine Flasche Beerensaft, genieße ihn und bringe anschließend die leere Flasche wieder zurück, wofür ich eine Gutschrift erhalte. Ich bin mit Pfand aufgewachsen und mag mir gar keine Welt ohne vorstellen.

Letzte Woche folgte ich meiner Einkaufsroutine wie gewohnt, allerdings verweigerte der Automat die Flasche. Ich versuchte es noch ein paar Mal, bevor ich das Etikett las und feststellte, dass dieselbe Flasche, die noch eine Woche vorher Pfand enthielt, plötzlich als pfandfrei ausgewiesen war.

Wohltuend pfandfrei?

Pfandfreiheit wird allzuoft als komfortabel beworben. Doch für wen außer uns Menschen soll es eigentlich eine Wohltat sein, keinen Pfand zu zahlen? Wir können es uns nicht leisten, wertvolle Rohstoffe zum Einschmelzen von Glas zu verwenden, wenn wir das Gefäß ebenso gut erstmal ausspülen und wiederverwenden könnten. Doch wir tun es trotzdem.

Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass es vollkommen unsinnig ist, dass für Joghurtgläser, Dosen, Milch- und Bierflaschen Pfand erhoben wird, doch für Wein- und Aufstrichgläser nicht. Allein diese Inkonsequenz führt das gesamte gesamte Pfandsystem ad absurdum und erschwert die unnötiger Weise die Debatte, ob nun Kunstoff- oder Glasbehälter nachhaltiger seien.

Immigranten erleichtert es das Verständnis auch nicht. Wie soll auch jemand, der mit Pfand bisher nichts am Hut hatte, plötzlich verstehen, warum wir dieselben Wertstoffe unterschiedlich bei der Wiederverwertung behandeln, wenn es Menschen, die hierzulande aufgewachsen sind, selbst nicht einmal gelingt?

Konzepte zu Ende denken

Gehen wir noch einen Schritt weiter und denken Pfand zu Ende. Welche Möglichkeiten böten sich plötzlich, wenn er nicht nur auf Glasbehälter und Getränkedosen, sondern auf sämtliches Verpackungsmaterial erhoben würde?

Zunächst einmal könnten Wertstoffe auch als solche wertgeschätzt werden. Für viele Menschen spiegelt sich dieser Wert in der Summe Geld wieder, die sie für etwas erhalten. Für Papier, Plastik, Aluminium und gemischte Verpackungen erhalten Konsument.innen kein Geld, sondern sollen sogar für die Entsorgung zahlen, obwohl nicht sie, sondern die Produktion der Artikel dafür verantwortlich ist. Daher scheint es auch wenig verwunderlich, dass Müll allzuoft einfach dort entsorgt wird, wo er zu Last fällt, auch wenn dort kein entsprechender Müllbehälter steht. Über das, was mit dem Müll passiert, macht sich dabei aber niemand Gedanken.

Anders sähe das aus, wenn wir plötzlich auch für die Chipstüte aus Kunststoff Pfand zahlen müssten und diesen zurückerhielten, wenn wir ihn in das Geschäft zurückbringen. Damit geben wir die fachgerechte Trennung und Wiederverwertung des Mülls an organisierte Unternehmen ab, die nicht nur leichter zur Rechenschaft gezogen werden können, sondern auch effizienter arbeiten. Womöglich wären Supermärkte ob der geringen Lagerkapazitäten überfordert und es gäbe ein Umdenken: Vielleicht würden Verpackungen künftig endlich so stabil hergestellt, dass sie für mehr als Einweg verwendet werden können, bevor sie unter Ressourceneinsatz receyclet werden.

Doch damit nicht genug, denn man denke nur an all die Menschen, die Flaschen sammeln und damit ihren Lebensunterhalt aufbessern. Wenn nun nicht nur Flaschen, sondern auch aller anderer Müll eingesammelt würde, weil es sich nun nicht nur moralisch, sondern auch finanziell lohnt, wie sauber sähen dann unsere Landschaften wieder aus? Und wie viel besser aufgestellt wären plötzlich Start-Ups, die sich auf das Abfischen von Müll aus den Meeren spezialisiert haben?

Raum nach oben darf genutzt werden. In puncto Pfand hat Deutschland, wenngleich als Vorreiter, immer noch jede Menge davon. Warum nutzen ihn wir also nicht?

Alles Liebe

Philipp

2 Kommentare

Antworten →

  1. Diese Gedanken hab ich auch oft, es wäre toll würde sich da was in die Richtung bewegen.
    Manchmal kann es so einfach sein und wird trotzdem vom Gesetzgeber übersehen.
    Lg Aurelia

    • Hallo Aurelia,

      schön, von dir zu lesen!

      Ich frage mich tatsächlich, ob das wirklich übersehen wird, oder, ob da in Wirklichkeit mächtige Lobbys dahinterstecken. Aber ich mag ja niemandem etwas unterstellen. ;)

      Lieber Gruß aus Berlin
      Philipp

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