Gönnen wir – zur Abwechslung mal nicht

Das kennen wir doch alle: Der Tag wirkt wie das elendige Ende einer bereits von Anfang an zum Scheitern verurteilten Woche. Wir ackern uns ab – Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Schon seit geraumer Zeit haben wir das Gefühl, überhaupt nicht mehr richtig runterzukommen. Da ist es doch das Mindeste, dass wir uns etwas gönnen, um uns etwas Gutes zu tun! Sei es als Alternative zu Erholung, als Belohnung oder nur, um uns selbst zum Durchhalten zu motivieren. Wird dieses selbstvergönnte Verhalten nachhaltig wirken oder unsere Probleme bei der Wurzel packen? Ich glaube nicht. Im Gegenteil: Es macht alles nur noch schlimmer.

Insbesondere an diesen Tagen des Jahres werden wir mit verlockenden Angeboten ohne Ende bombardiert: Black Friday, Cyber Monday, Black Week, Black Month, Weihnachtssonderangebote, … Wer ist da nicht verleitet, das eine oder andere Schnäppchen zu ergattern? Zugegebenermaßen warte auch ich mit benötigten Neuanschaffungen gern auf die augenscheinlich günstigste Zeit des Jahres – auch wenn heuer Shopping nicht so recht zu meinem Jahresmotto passt. Und ohnehin gibt es mittlerweile scheinbar das ganze Jahr über irgendwelche Sonderangebote: End-of-the-season-Sale, Mid-season-Sale – oder sämtliche Anbieter konkurrieren schlichtweg prinzipiell um den günstigsten Preis. Das Internet macht es möglich. Und apropos:

Wir gönnen uns ständig etwas

Ob es sich dabei um Süßkram zur Stresskompensation, das neue Smartphone zur Belohnung oder ein süßes Katzenvideo zum sanften Anstoß unserer trägen Arbeitsmotivation handelt, spielt dabei weniger eine Rolle, als die Frequenz unseres großzügigen Auftretens gegenüber uns selbst.

Wann wir uns zuletzt etwas gegönnt haben, gerät dabei allzu leicht in Vergessenheit, denn kaum konsumiert ist die Gönnung auch schon wieder aus den Augen und somit aus dem Sinn. Außerdem nutzt sich der Effekt dabei stark ab. Ehe wir uns versehen, spüren wir nichts mehr von der Endorphinflut beim beherzten Biss ins Marzipanbrot, weil sich unser Körper längst an stetig wachsende Dosen in höherer Frequenz gewöhnt. Das gilt für neue Generationen von Geräten gleichermaßen. So verkommt das Besondere zum Trivialen, bis es schier unmöglich wird, uns im Alltag kleine Höhepunkte zu setzen.

Was dementgegen helfen kann? Womöglich: Permanenz abstellen. Wenn wir uns wirklich nur zu besonderen Anlässen belohnen, statt bei jeder noch so kleinen Errungenschaft wie dem Abhaken einer Aufgabe, etwa dem Herausbringen des Hausmülls, durchbrechen wir die Regelmäßigkeit und geben Besonderheiten auch real einen besonderen Stellenwert.

Wir verbrauchen ohnehin zu viel

Der Mensch hat sich die Erde unterworfen – so glaubt er: Sämtliche Rohstoffe machen wir für uns verwertbar, egal aus welch entlegen Ecken der Erde wir sie hervorholen und um die Welt schiffen müssen. Die natürliche Auslese, einen der Motoren für die Evolution, haben wir schon längst ausgehebelt. Die Wildnis stresst uns ebenso wenig wie die Jahreszeiten, denn wir haben unser Leben derart mit Annehmlichkeiten versüßt, dass wir nicht mehr mit den natürlichen Zyklen gehen müssen und trotzdem ein Leben im Paradies auf Erden führen können.

Zumindest gilt das für uns privilegierte Minderheit, die es sich leisten kann. Wie stark andere Menschen auf anderen Kontinenten aufgrund unseres Überkonsums ums Überleben kämpfen, ist uns quasi gleichgültig. Warum sollte es uns auch kümmern, schließlich haben wir unsere eigenen Sorgen und so direkt betrifft es uns nicht. Dass das nur die halbe Wahrheit ist, führen uns die zunehmend extremeren und häufigeren Wettereignisse vor Augen – auch in unseren Breitengraden. Ein Blick auf das Datum des zunehmend früher einsetzende Datum des Earth-Overshoot-Days offenbart uns, dass wir als Spezies seit Jahrzehnten weit über unseren Verhältnissen leben. Unserem Planeten dürfte das reichlich egal sein, denn er überlebt uns höchstwahrscheinlich. Die Frage ist, wie lang er für uns noch lebenswert bleibt.

Kann man dagegen etwas tun? Gegen den systematischen Überverbrauch unserer Gesellschaft leider nicht. Aber zumindest auf persönlicher Ebene können wir uns sagen: Nein, da spiele ich nicht mit! Wie sooft gilt, dass niemand perfekt ist. Aber in meinen Augen nützt jeder kleine Schritt ein wenig. Holen wir uns nur alle fünf statt zwei Jahre ein neues Handy brauchen wir im Leben pro Person statt 35 lediglich 14.* (Was sich immer noch ziemlich viel anhört, oder?)

* bei durchschnittlich achzig Jahren Lebenserwartung mit erstem Handy ab 10 Jahren

Wir benötigen tatsächlich etwas anderes

Die Bedeutung vom Gönnen hat sich schon einige Male gedreht: Als Kind habe ich es ursprünglich so kennengelernt, dass man anderen Menschen etwas gönnt. Heute wird es in meiner Wahrnehmung hauptsächlich verwendet, um deutlich zu machen, dass man sich selbst etwas zugesteht. Und auch die Dinge, die wir uns zugestehen, haben sich gewandelt.

Plot-Twist: In meinem Aufruf geht es gar nicht darum, dass ich anderen Menschen nicht gönne, dass sie sich etwas gönnen. Allerdings halte ich die Beweggründe oft für die falschen. Etwas Selbstreflexion hat bekanntermaßen noch nie geschadet. Deshalb dürfen wir uns ruhig mal fragen:

Was steht wirklich hinter dem Bedürfnis, das wir gerade befriedigen? Fühlen wir uns in unserer Arbeit nicht ausreichend wertgeschätzt oder bereitet sie uns keine Freude? Bezweifeln wir mangels positiver Auswirkungen die Sinnhaftigkeit unseres Tuns? Fehlt uns in Folge dessen die Motivation weiterzumachen? Stopfen wir all das uns selbst vergönnte womöglich nur in uns hinein, um andere Defizite, beispielsweise einen Mangel an bedeutsamen zwischenmenschlichen Beziehungen, zu kompensieren?

Horchen wir in einem Moment der Stille in uns hinein, vermögen wir die Gründe dafür und allem voran unsere wahren Bedürfnisse zu erkennen. Denn unbedingt sollen und dürfen wir uns Dinge gönnen. Schließlich soll das Leben nicht nur ein einziger Kampf mit sich selbst, sondern in erster Instanz ein Genuss sein. Doch ebendiesen erreichen wir nicht notwendigerweise durch Konsum.

Warum gönnen wir uns also nicht mehr gute und gesunde Lebensmittel, damit wir unser Leben möglichst lang genießen können? Weshalb gönnen wir uns nicht mehr von den Aktivitäten, die uns tatsächlich erfüllen? Wieso gönnen wir uns also nicht mehr freie Zeit statt mehr Arbeit, um mehr Geld zu verdienen, um uns mehr Dinge zu kaufen, wenn uns letztere drei nicht glücklich machen?

Gönnen wir uns doch zur Abwechslung mal nichts, von dem wir glauben, dass es unser Leben verbessern wird, sondern mehr, von dem wir wissen, dass es das tut.

Jetzt bist du dran: Was hast du dir zuletzt bewusst gegönnt und was gönnst du dir als nächstes? Ich freue mich, von dir zu lesen.

Alles Liebe
Philipp

3 Kommentare

Antworten

  1. Wahre Worte. Als letztes habe ich mir einen Spaziergang im Wald mit meiner Hündin gemacht und dabei ihr und mir mehr Spaß gegönnt, als erlaubt ist. Als nächstes gönne ich mir einen schöne Portion Ofen-Möhren mit Pasta für mein kulinarisches Ich.

    Hab ein Wochenende mit schönen Momenten!

  2. Viel Stoff zum Nachdenken!
    Ich habe mir vorhin einen Spaziergang über einen kleinen Weihnachtsmarkt gegönnt, bewusst ohne etwas kaufen zu wollen. Einfach nur die Atmosphäre genießen und den weihnachtlichen Duft.
    Viele Grüße und eine schöne Adventszeit
    Heike

  3. Weise Worte, dieses “gönn dir” wird mittlerweile so inflationär verwendet, das wir völlig verlernen, diese Sachen wertzuschätzen. Und wir selbst lassen uns gehen, weil der Alltag ja ach so fordernd und gemein ist – das eigene Päckchen ist immer das schwerste.
    Was ich mir gerade gönne? Einen wöchentlichen Besuch im Schwimmbad, weil ich merke, wie gut meinem Körper die Bewegung tut. Das wird auf Dauer kein günstiges Unterfangen. Wenn man sich aber mal anschaut, was man für “böse” Lebensmittel (die man sich gönnt…) so ausgibt, relativiert sich der Betrag ganz schnell.
    Liebe Grüße!

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