The Shabbat Experience II

Jeden Freitag ist es so weit: Schabbat in Israel. Und damit verbunden Stillstand für einen Tag. Das ist aber bei weitem nicht alles, denn ein wesentlicher Bestandteil ist das Schabbat Dinner. Ein äußerst mächtiges, das seiner Zeit bedarf.

Die Vorbereitungen

Da  im Judentum an Schabbat selbst kein Feuer entzündet werden darf, muss alles Essen vorher zubereitet werden. Das gilt auch für Elektroöfen, denn die Analogie wurde einfach übertragen. Vorher steht natürlich noch der obligatorische Lebensmitteleinkauf auf dem Shuk an.

Oftmals wurde ich schon gefragt, warum denn eigentlich jede Woche das gleiche Spektakel abläuft: Tausende Orthodoxe, die vorm heiligen Ruhetag noch letzte Erledigungen zu tätigen haben. Hunderte Genießer, die im Getummel ihr bereits zu früher Stunde ihre Samstagsbiere verzehren. Dutzende Partywütige, die bei allerlei Spirituosen und anderen Stimuli zu Goa durchdrehen. Und all die Lebensmittelretter, die bereits lange vor Ladenschluss in den Startlöchern stehen.

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Freilich könnte man bereits am Donnerstag alle Lebensmittel besorgen, insofern man nicht anderweitig beschäftigt ist. Gleichermaßen frage ich, warum eigentlich in Deutschland stets alle durchdrehen und ihre Lebensmittelvorräte durch Hamsterkäufe aufstocken, als gäbe es kein Morgen mehr, sobald sich ein Feiertag ankündigt. Wir Menschen sind eben doch ähnlicher, als wir oft denken.

Gemeinsam kochen

Eigentlich soll ja alles Essen vor Schabbatbeginn fertig sein. Aber wer kann das schon immer einhalten? In jedem Fall ist es im Judentum untersagt, nach Beginn Feuer zu entfachen. Da viele Öfen in Israel noch mit Gas betrieben werden und die schon gelegentlich mal ausgehen, empfiehlt es sich also in, einen Goy zu haben. Jedermann kann zum Goy werden, Hauptsache nicht jüdisch. Allerdings erfolgt die Ernennung nur durch Juden. Wie? Indem man von ihnen indirekt gefragt wird, den Herd anzuzünden, den Fernseher einzuschalten (insofern dies nicht über eine Zeitschaltuhr geregelt ist) oder das Programm zu wechseln. So lustig das Gedankenspiel auch ist, fühle ich mich dann immer ein wenig missbraucht. (Naja, so oft kommt es auch nicht vor…)

Im Hostel haben wir uns natürlich nicht an die offiziellen Schabbatzeiten gehalten. Der Beginn verschiebt sich mit dem Sonnenuntergang und das ist für Gäste äußerst schwierig einzuhalten. Die wenigsten schaffen es ja überhaupt zum gemeinsamen Kochen und ich kann das verstehen: Wenn man nur wenige Tage in Jerusalem verbringt, möchte man natürlich möglichst viel sehen und keine zwei Stunden am Herd verbringen.

Wir als Freiwillige haben da weniger Entscheidungsfreiheit. Woche für Woche am Freitag bereiten wir gemeinsam mit den Gästen, die die ganze Schabbaterfahrung machen wollen, ein Buffet zu. Und das kann sich sehen lassen. Und jedes Mal bin ich überrascht, wie es eigentlich zustande kommt. Während Atef, unser Küchenchef, jedem Anweisungen gibt und alle Helfer dirigiert, ist mir nicht klar, wie da am Ende eine ganze Tafel voll mit Essen entstehen soll.

Also habe ich Atef, die Antwort bereits selbst im Kopf zurechtlegend, gefragt: Was genau passt wie zusammen? Welche Zutaten machen das Schabbat Dinner aus?

Die Antwort: Es ist wie mit einem Salat. Du kannst im Grunde alles miteinander kombinieren.

Die Zutaten an sich sind häufig die selben und finden sich oft in der israelischen Küche wieder: Süßkartoffeln, Aubergine, Tomaten, Gurken, Oliven, Zuccini, , Karotten, Zwiebel, Knoblauch, Petersilie, Pastinaken, Lauch, Kichererbsen, Tahini, Kohl, Reis, Zimt, Koriander, Sumac, Za’atar, Safran, Rosinen, Apfel, Joghurt, … Die meisten Speisen sind vegetarisch bis vegan, nur ein fleischhaltige Platte gibt es: Fleischbällchen.

Am Ende kommt alles gemischt auf einen Teller und – nun ja – im Magen ja ohnehin zusammen. ;)

Siddur

Bevor es aber so weit ist, wird der Schabbat noch willkommen geheißen. Diese Zeremonie gehört traditionell dazu und wird in einem Buch namens Siddur genau erläutert. Ebenda sind sowohl für den Alltag , als auch für Schabbat Gebete und Rituale im Judentum festgehalten. Da für die meisten Hostelgäste Schabbat eine neue Erfahrung ist, erklärt jede Woche Mitarbeiter des Hostels durchwechseln, welche persönliche Bedeutung Schabbat für sie hat.

Beim klassischen Siddur werden zuerst zwei Kerzen angezündet. (Dass das eigentlich vor Schabbat geschehen sollte, und zwar spätestens 18min vor Sonnenuntergang, brauche ich wohl nicht zu sagen …) Die zwei Kerzen repräsentieren die Tradition, Schabbat sowohl zu gedenken, als auch einzuhalten.

Natürlich wird gesungen und gebetet, wobei die Liturgie etwas sehr Mechanisches hat, quasi wie das wöchentliche Vater Unser in der Kirche. Ebenso auswendig gelernt und aufgesagt.

Zunächst wird Schabbat empfangen, bevor die Segnung von Wein und Brot folgen. (Ja, genau daher hat das Christentum den Brauch des Abendmahls entlehnt.)  Schön finde ich, dass sich nach dem Segnen des Weines zugeprostet wird, bevor man ihn trinkt. Lehaim! – Auf das Leben! Nach dem Entleeren des Bechers wird in orthodoxen Kreisen nicht gesprochen. Man wäscht sich dann die Hände und erst mit dem Segnen des Brotes darf wieder geredet werden.

Für Schabbat gibt es ein besonders Brot. Nun ja, besonders, weil es es den Rest der Woche nicht gibt, nicht etwa aufgrund der Zutaten. Im Grunde ist es recht simpel: Ein geflochtener Zopf aus Weißmehl mit Sesamsamen auf der Kruste. Es schmeckt leicht süßlich und isst sich entsprechend schnell weg. :)

Wie eine Familie

Nach dem Verspeisen unglaublich großer Mengen Essen wird für Religiöse mit der Familie gewöhnlich in der Torah gelesen. Wir sind damit natürlich etwas liberaler.

Obwohl nicht durchweg religiös hat Yaron, der Manager des Hostels in Jerusalem, eine ähnliche Vision: Er möchte, dass sich die Leute, Gäste wie Mitarbeiter, als Familie fühlen. Und dass das Hostel ein Platz ist, an dem man zusammenkommt. Ich finde diesen Aspekt schön, auch wenn mir bewusst ist, dass viele Menschen Arbeits- und Privatleben lieber von einander trennen.

Auch wir Freiwilligen finden nach dem Schabbatdinner noch einmal zusammen. Und zwar auf dem Dach mit Ausblick über die Stadt.

Atef möchte seine Dankbarkeit ausdrücken und bereitet deshalb gern noch Tee und eine süße Nascherei für die Freiwilligen vor. Dabei haben wir uns ja gerade erst zum Dinner die Mägen vollgeschlagen. :P Ich empfinde es als schöne Geste, auch wenn ich nicht mehr nasche.

Der eigentlich spannende Teil des Abendabschlusses sind aber die Gespräche. Jeden Freitag tauschen wir uns hier aus, erzählen einander unsere Geschichten stets unter einem anderen Motto.

“Erzähl uns von einem ersten Mal!”

“Einem ersten Mal? Welchem?”

“Es kann alles sein.”

“Also gut. Das erste Mal, als ich die Küche meiner Eltern zerstörte.”, fange ich meine Erzählung an.

Unter Freunden

Natürlich sind viele Israelis an Schabbat nicht bei ihrer Familie. Umso mehr laden allerdings ihre Freunde zum Dinner ein. Auch hier wird gemeinsam gekocht, sich ausgetauscht. Wirkliche Regeln gibt es nicht. “Aber Schabbat ist immer ein guter Grund, um Freunde endlich mal wieder [Anmerkung meinerseits: Endlich nach einer Woche? :)] zum Essen einzuladen.”

Zumeist bekomme ich das natürlich nicht mit, schließlich bin ich durch das Dinner im Hostel bereits eingebunden. Ein paar Mal habe ich aber frei bekommen und es entsprechend genutzt. Und genossen.

Denn einerseits ist es im wahrsten Sinne des Wortes reizend, auch einmal andere Gewürze zu schmecken, etwas Abwechslung zu bekommen, wo doch jeder Mensch bestimmte Gewürze in seinem Standardrepartoire hat, die wieder und wieder Verwendung finden. Und ich finde es schön, aus dem Hostelalltag herauszukommen. Woche für Woche den exakt gleichen Ablauf mit exakt einzuhaltenden Terminen zu haben, liegt mir nicht sonderlich. Ich brauche etwas Abwechslung.

Und was habe ich die genossen! Es macht einen Unterschied, ob man etwas tut, weil man soll, oder weil man möchte. Immerhin habe ich mit meinen Freunden auch gekocht. Aber aus freien Stücken, nicht weil es sich wie eine Verpflichtung anfühlt.

Und dann beginnt für mich normalerweise auch meine Offline-Zeit. Aber auch diese halte ich leger. Wenn es sich nicht ergibt oder ich mal eine Woche keine Lust darauf habe, geht die Welt nicht für mich unter.

Hast du selbst schon einmal Schabbat gefeiert? Wie hälst du es es regelmäßigen Veranstaltungen, wenn du keine Lust darauf hast? Augen zu und durch oder wie dir beliebt? Teil es mit uns.

Alles Liebe,

Philipp

PS: Ausgerechnet heute ist übrigens kein Schabbat Dinner, weil Pessach beginnt. Entsprechend wird heute in Israel Seder abgehalten. Meine Erfahrungen dazu aus dem letzten Jahr liest du hier.

2 Kommentare

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  1. Hallo Philipp!

    Ganz was anderes – Du bist laut Karte in der Seitenleiste noch in D ;-)

    lg
    Maria

    • Hallo Maria,

      alles gut, ich bin tatsächlich wieder in Deutschland. Die Zeit fliegt, wenn man sie genießt. ;)

      Ich habe aber noch ein paar Beiträge in der Lade, die ich noch nicht veröffentlichen konnte. :)

      Lieber Gruß,
      Philipp

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